Die ekelhafte Borniertheit Thüringens – Das Völkische und die Provinz

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A worth Alternative to Germany

 

Seit geraumer Zeit existiert nun auch in der BRD eine Partei, die sich rechts von den Konservativen etabliert hat, ohne dabei in der öffentlichen Wahrnehmung der deutschen Bevölkerung als ‚neonazistisch‘ oder ‚rechtsradikal‘ stigmatisiert zu werden. Verschiedene Meinungsforschungsinstitute attestieren ihr Rekordgewinne, was sie als mindestens potentielle Koalitionspartnerin für CDU/CSU und FDP gewiss nicht minder attraktiv werden lässt. Dies alles geschieht trotz der Tatsache, dass die AfD in den vergangenen Monaten eine rasante Radikalisierung nach Rechtsaußen vollzogen hat. Formell bürgerlich auftretend vereint sie dabei Neonazis wie ganz normale Deutsche hinter ihren Bannern auf Großdemonstrationen. Zur ‚Herbstoffensive‘ Ende letzten Jahres, wie sie ihre mehrwöchige Kampagne nannte, brachte sie in der Thüringer Landeshauptstadt kontinuierlich mehrere tausend ‚besorgte Bürger_innen‘ auf die Straße. Auch letzte Woche versammelten sich dort erneut, bei einem Gegenprotest von ca. 500 Menschen, zwischen 2.400 (Polizeiangabe) und bis zu 3.000 Wutbürger_innen verschiedener Couleur auf dem Domplatz. Morgen versucht sie in Jena, das durch seinen studentischen Charakter innerhalb Thüringens eher als ‚links‘ und ‚alternativ‘ gilt, an den Erfolgen in der Landeshauptstadt anzuknüpfen.

An der Spitze der Europäischen Union residiert Deutschland zwar als angeschlagener, aber dennoch unangefochtener Hegemon. Während sich die Kapitalakkumulation im Weltmaßstab in der Krise befindet, verzeichnet die BRD aufgrund ihrer Austeritätspolitik nach innen wie außen stets noch Gewinne. Und dennoch gewinnt auch hier die AfD massiv an Zuspruch und avanciert zu einer der Avantgarden nationaler Borniertheit innerhalb Europas. Auch inhaltlich mausert sie sich damit zu einer der Speerspitzen europäischer Parteien, die die Forderungen nach Renationalisierung, Separatismus und Protektionismus mit zunehmend völkischer Färbung innerhalb der EU vorantreiben. Der polnischen Partei PiS, Orbáns Fidesz in Ungarn oder dem FN in Frankreich steht sie dabei in Nichts nach. Während das expansive ‚globalisierte‘ Kapital nach supranationalen Gebilden und grenzüberschreitenden Verträgen trachtet, klebt dabei in vielen Ländern zusehends das gesellschaftliche und politische Bewusstsein an der Nation. Dennoch offenbart sich der Nationalismus der AfD und seiner Gefolgschaft in seiner irrationalsten Form. Denn während die Rückbesinnung auf das vermeintlich ‚Natürliche‘ und ‚Nächste‘ in den anderen Ländern Europas zumindest als eine Reaktion auf reale soziale und wirtschaftliche Verschlechterung gewertet werden kann, ist die Geisterstunde der AfD kaum mit der Relation zur ökonomischen Entwicklung Deutschlands zu erklären, das sich am Weltmarkt in vorderster Reihe befindet. Aus Perspektive des deutschen Kapitals kann der Zustrom an neuen Arbeitskräften gegenwärtig eigentlich gar nicht groß genug sein und die ‚Integration‘ von Geflüchteten, natürlich nach utilitaristischem Nützlichkeitsprinzip, gar nicht schnell genug vonstattengehen. Am wohl nachdrücklichsten wird dies durch die Forderung des ‚Bundesverbandes der Arbeitgeberverbände‘ (BDA) vertreten, die in ihnen „einen Segen“ und die „dringend benötigten Arbeitskräfte“ entdecken, wie ihr Präsident Kramer im Handelsblatt kommentierte und dabei ein Bleiberecht insbesondere für junge Geflüchtete und Sprachkurse vom ersten Tag an verlangt. Ganz entgegen dieser kalkulativ-instrumentellen Vernunft im Sinne eines rein ökonomischen Interesses erstarkt der Irrationalismus in Form völkischen Denkens und wird gerade im Osten der BRD zur Massenbewegung.

Auch in einer sozialstrukturellen Betrachtungsweise zeigt sich dieser Irrationalismus. Die Klassenfraktionen, aus denen sich die Anhänger_innenschaft der AfD rekrutiert, sind kaum die sozial Abgehängten und Ausgeschlossenen. Ihre Wut bringen durch das Banner der AfD vielmehr jene auf die Straße, die in Lohn und Brot stehen und von diesem nichts abgeben wollen. „Nach Peter Matuschek, Forsa-Bereichsleiter für Politik- und Sozialforschung, sei der ‚typische AfD-Wähler ‚selbstständig, männlich, mit eher überdurchschnittlichem sozialen Status und Einkommen ausgestattet, ein ‚Vertreter der gehobenen Mittelschicht‘, der sich zwischen unten und oben zerrieben fühlt‘. Eine andere Einschätzung nimmt Richard Hilmer vor, Geschäftsführer von Infratest dimap, dem zufolge die AfD-Wähler ‚aus allen Richtungen‘ kämen; die stärkste Zustimmung erhalte die ‚Professorenpartei‘ tatsächlich unter Arbeiterinnen und Arbeitern“ , was nicht gleichbedeutend mit dem Prekariat ist. Bemerkt Marx schon in der „Deutschen Ideologie“ im Jahr 1846, dass „[w]enn die nationale Borniertheit überall widerlich ist, so ist sie namentlich in Deutschland ekelhaft, weil sie hier mit der Illusion, über die Nationalität und über alle wirklichen Interessen erhaben zu sein, denjenigen Nationalitäten entgegengehalten wird, die ihre nationale Borniertheit und ihr Beruhen auf wirklichen Interessen offen eingestehen“, so erhält sich hier eine historische Kontinuität.

Dabei ist es in Thüringen keine Neuheit, dass sich sogar innerhalb jener Nation, die für zwei Weltkriege, die Vernichtung des europäischen Judentums und vieler weiterer Massaker verantwortlich ist, diese ekelhafteste Form der Borniertheit in kristalliner Form bahnbricht. Schon den Nationalsozialisten galt Thüringen als Experimentierfeld: Hier bildete sich in den 1920er-Jahren eine der frühen Hochburgen der Partei, hier fand 1926 der erste Reichsparteitag nach dem Hitler-Putsch statt, auf dem die Hitler-Jugend gegründet wurde. Es bestand zudem die Überlegung, Weimar zur neuen Hauptstadt der nationalsozialistischen Bewegung zu machen, nachdem für sie in München für kurze Zeit die Luft zu dick wurde. Dies war eine realistische Einschätzung, denn in Thüringen gelangten bereits 1930 erstmals Nationalsozialisten auf Ministersessel, nachdem sie bereits 1924 als einflussreiche Fraktion in den Landtag einrückten und die Entlassung des jüdischen Direktors der Jenaer Universität durchzusetzen vermochten. Hier erfolgte 1932 die sog. ‚vorgezogene Machtergreifung‘ mit der Regierung Sauckel. Die NSDAP Thüringens ging auch nach 1933 „bei der politischen und rassistischen Gewaltherrschaft wiederholt voran, bündelte erfolgreich regionale Machtkompetenzen, setzte in der Wirtschaftspolitik Akzente und nutzte die Ausstrahlung des Kulturlandes um Hitlers ‚Lieblingsstadt‘ Weimar, die zu einer ‚Muster-Gauhauptstadt‘ ausgebaut wurde. In der Schlussphase des Krieges sollte Thüringen mit unterirdischen Rüstungsprojekten, geheimnisumwitterten Auslagerungen und einem mutmaßlichen Führerhauptquartier im Jonastal zur letzten ‚Festung‘ des Dritten Reiches werden, wobei Tausende Häftlinge und Zwangsarbeiter ums Leben kamen. Sogar die Technik für den Massenmord in den Konzentrationslagern stammte aus Thüringen.“ Björn Höcke, der Vorsitzende der Thüringer AfD, der immer wieder in rühmlicher Weise auf die „tausendjährige deutsche Geschichte“ eingeht und dabei den „deutschen Geist“ beschwört, kann beurlaubter Oberstudienrat für Sport und Geschichte im nordhessischen Bad Sooden-Allendorf nicht behaupten, von dieser Epoche keine Kenntnis zu haben – insbesondere in einem Bundesland, für das er sich so passioniert einsetzt.

Die Politik von Höcke und seiner Thüringer Kammerad_innent ist der vorläufige Höhepunkt einer innerparteilichen wie gesamtgesellschaftlichen Radikalisierungstendenz. Nachdem nun auch die Merkel‘sche „Wir schaffen das“-Rhetorik, jenes zentrale Bindeglied zum Koalitionspartner der SPD auf Bundesebene, zusehends zerfällt, wird sich in Deutschland auf allen Ebenen den Sorgen der gemeinen besorgten Bürger_innen auf der Straße hingegeben. Damit nähert man sich zusehends jenem Populismus an, der noch bis vor einem halben Jahr der AfD zu Eigen war, während diese bis zum heutigen Zeitpunkt eine fortschreitende Radikalisierung vollzieht. Petry als Parteivorsitzende, die als nationalkonservative Rechtspopulistin inzwischen zum gemäßigten Flügel gegenüber dem radikalisierten, offen rassistisch-völkischen Flügel um Höcke und seinen Parteifreunden der sog. „Erfurter Resolution“ zählt, nachdem sich die Partei mit der Spaltung der Wirtschaftsliberalen um Lucke entledigt hat, vertritt hierbei nicht minder protektionistische Positionen. Bei ihr sind sie jedoch wesentlich bürgerlicher verpackt. Laut Petry sei es dabei u.a. vom Bundesvorstand gedeckt, die deutschen Grenzen bewaffnet gegen Asylsuchende zu verteidigen.

Solche Positionen reichen allerdings der Höcke-Fraktion innerhalb der AfD längst nicht mehr aus. Der offene Rassismus und Antisemitismus Höckes, welcher kürzlich ganz im klassisch völkischen Jargon von einem afrikanischen und einen europäischen „Ausbreitungstyp“ schwadronierte und zwischen dem ihm so wichtigem Christentum und dem Judentum einen grundsätzlichen Antagonismus ausmachte – theoretische Voraussetzung für ihre Verfolgung und Vernichtung – scheint weite Teile der Thüringer_innen nicht zu stören, wie die Resonanz der AfD letzte Woche auf dem Erfurter Domplatz erneut zeigte. Ebenso wenig Aufsehen erregen Höckes persönliche Freundschaften zu Chefideologen der „Neuen Rechten“, wie dem Organisator des Instituts für Staatspolitik (IfS), bei dem Höcke offen seinen völkischen Rassismus und Antisemitismus offenlegte. Kubitschek ist zugleich Redakteur der von diesem neurechten Institut herausgegeben Zeitschrift ‚Sezession‘, für die er ebenso schreibt, wie unter dem Pseudonym Landolf Ladig für das Naziblatt ‚Volk in Bewegung‘. Auch zu Thüringer Neonazi-Größen wie Thorsten Heise, der die NPD im thüringischen Eichsfeld führt und früher in militanten Kameradschaften und der verbotenen Neonazi-Partei FAP aktiv war, besteht eine enge Beziehung.

All das ist bekannt, ohne dass es die Zustimmung unter den Thüringer_innen schmälert, was deutlich die Grenze der Aufklärung im braunen Herz Deutschlands aufzeigt. Lieber jubeln sie frenetisch und empfangen Höcke zu Tausenden in messianischer Weise mit Sprechchören, wenn er die Bühne der Kundgebung in Erfurt betritt. Dies geschieht zumeist noch bevor er die erogenen Zonen des Volkskörpers berührt, indem er an Deutsche, Thüringer und Erfurter appellierend den Kampf „für unsere Kinder“ des deutschen Volkes einläutet. Völlig von selbst beginnt die Masse damit „Wir sind das Volk!“ zu schreien und mit dem Ausruf „Volksverräter“ einzusteigen, sobald Höcke in seiner Rede auf Merkel zusprechen kommt. So wie das Völkische stets auf Unmittelbarkeit und Gefolgschaft drängt und dabei zur Triebentladung eines Objektes bedarf, auf das es pathisch projizieren kann und sich in diesem Zuge der angestauten Aggressionen als Folge ihrer Selbstvergessenheit entledigt, werden Migration und Staatsidentität zur Wasserscheide ihres Kielwassers. Die Verwobenheit von Protektionismus und pathischer Projektion zeigt sich demnach am deutlichsten in der Haltung der AfD zur sogenannten „Flüchtlingskrise“, die in Wahrheit eine Krise des Humanismus ist. Höcke und seine AfD schwadronieren von Ängsten naturgemäß blonder deutscher Frauen, die zum Lustobjekt und Vergewaltigungsopfer der Geflüchteten werden; oder von Schwarzen, die in enthemmter Weise sofort zum Messer greifen, sobald ihnen etwas missfällt. Dass Triebentladung und Enthemmung vor allem von Deutschen ausgehen, die allein in diesem Jahr weit über tausend Flüchtlingsunterkünfte angriffen, wovon ein beträchtlicher Anteil auf Thüringen entfällt, und die am Rande von AfD-Veranstaltungen regelmäßig politische Gegner attackieren, wie auch letzte Woche mit mehreren Verletzten in Erfurt, verweist nur auf die Verbindung von Projektion und Paranoia. Dem Chefideologen der AfD, dem Philosoph Jongen zufolge, leide die Bundesrepublik an einer „thymotischen Unterversorgung“, also an einer Armut an Zorn und es ermangele ihr an Wehrhaftigkeit, während andere Kulturen und Ideologien eine „hochgepushte thymotische Bewegung“ seien. Die AfD lege laut Jongen als einzige Partei „Wert darauf, die Thymos-Spannung in unserer Gesellschaft wieder zu heben“, was sie durch „Erziehung zur Männlichkeit“, die Rückerlangung klarer Geschlechterrollen und eine „neodarwinistische Kulturtheorie“ zu bewerkstelligen versucht. Akzeptanz und Zustimmung seitens der Bevölkerung dazu wie zur offenen Artikulation von Zorn, Wut und Empörung scheint ihr sicher. Sie vollziehen sich ganz analog der Radikalisierung innerhalb der AfD; eine Radikalität, mit der der Aggression gegenüber vermeintlich Fremdem Raum gegeben wird.

Nah am „Volk“ zu sein und die „Bewegung“ auf der Straße zu involvieren, gelingt gerade der Thüringer AfD besonders gut. Sie ist damit im klassisch parlamentarischen Sinne nicht nur eine Partei, also eine Institution zu politischen Interessenvertretung, sondern nach Höcke eine „Widerstandsbewegung gegen die weitere Aushöhlung der Souveränität und der Identität Deutschlands“. Höcke selbst tritt dabei in zugleich apokalyptischer wie messianischer Manier Überbringer von Heilsbotschaften auf, indem er in der AfD die „letzte evolutionäre Chance für dieses Volk“ diagnostiziert und wie in Erfurt letzte Woche verkündet: „2016 wird unser Jahr, wir werden ein Erdbeben von historischem Ausmaß erleben.“ Die AfD fungiert dabei als parlamentarischer Arm für wutbürgerliche Straßenproteste. Die Sorge sämtlicher Politikwissenschaftler_innen, die seit langem die Politikverdrossenheit unter den Bürger_innen beklagen, scheint sie hierbei einzufangen. Sie bewerkstelligt eine Re-Politisierung der Gesellschaft – mit einem Zusatz: der Volksgemeinschaft. Laut der letzten Sonntagsumfrage der Thüringischen Landeszeitung liegt die AfD bei 12% und wäre damit als viertstärkste Kraft im Landtag vertreten; mit doppelt so vielen Stimmen wie die Grünen und nur 3% weniger als die SPD. Nur in Sachsen und Sachsen-Anhalt wird dieser Wert noch um etwas mehr als 1% übertroffen. Dass die Ergebnisse der AfD in der Zone nicht noch höher liegen, hat sie nur dem Stimmanteil der NPD zu verdanken, der in diesen Bundesländern im Gegensatz zu den anderen laut aktuellen Umfragen mit zwischen 4 und 6% überproportional hoch liegt.

Wäre die deutsche Gesellschaft im Allgemeinen und die Thüringer_innen im Besonderen aufgeklärt und unanfällig für solch völkische Ideologie, sie könnte über die das Fratzenhafte Höckes und die vermeintliche Fundamentalopposition von rechts der AfD nur schmunzeln. Die reale Bewegung zeigt jedoch, wie fest völkische Elemente im Alltagsbewusstsein hiesiger Populationen verankert sind, was das Lachen aus emanzipatorischer Perspektive eher versteinern lässt.

 


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„Sich endlich mal gehenzulassen, einen draufzumachen und so richtig die Sau rauszulassen sind Verfallsprodukte des ehrwürdigen Bedürfnisses nach Zerstreuung. Als die großstädtischen Verkehrsformen, das Bewußtsein für Distanzen und für die befreiende Kraft urbanerAnonymität, noch lebendiger Bestandteil individueller Erfahrung waren, zielte jenes Bedürfnis, gerade in seinen naiven Formen, immer auch auf die unteilbare Freiheit und das ganze Glück: sich ohne die Bürde kulturellen Ernstes vergnügen, ohne Angst und Scham in den Tag und die Nacht hinein leben zu dürfen. Seit aber Kulturindustrie nicht mehr glücklichen Unsinn, sondern dreisten Schwachsinn produziert und die von den Zwängen des Erwerbslebens übriggelassene Freizeit durch sportliche, sexuelle und intellektuelle Selbstknechtungen ausgefüllt wird, welche jene der Erwerbssphäre an Stumpfheit und Idiotie überbieten, findet solch selige Sehnsucht keine Nische mehr. Seither gelten nicht Fest und Ekstase, sondern Karaoke und Filmriß als zeitgemäße Formen der Anästhesie. Deshalb wird, was früher verdächtig genug ‚der letzte Schrei‘ hieß, heute ‚heiße Scheiße‘ genannt: Keine Lust scheint mehr denkbar zu sein, in der nicht die halb masochistisch, halb sadistisch genossenen Spuren der Erniedrigung erkennbar wären, die jeder Einzelne sich antun muß, um überhaupt zu irgendetwas im Leben Ja sagen zu können.“

(Klaue, M. (2015): Der peinlichste Berliner. Rolf Eden und die Dialektik des Großmutes. In: ders. (Hrsg.): Verschenkte Gelegenheiten. Polemiken Glossen Essays. Freiburg/Breisgau: Ca Ira. S. 96f.)

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Lernen aus der Geschichte… der (Heim)Erziehung – Oder: Revanchismus im pädagogischen Gewand

Sogar bei der Lektüre von erziehungswissenschaftlichen Texten kommt man um das deutsche Vergangenheitsrecycling nicht herum. Im Buch „Einführung in Theorie und Praxis der Heimerziehung“ von H. Kupffer und K.-R. Martin (2000) findet sich ein erleuchtender Text zum „Ende der ‚pädagogischen‘ Gesellschaft“ (Ebd.: 27f.). Kupffer entwickelt in diesem Abschnitt eine aufschlussreiche Sichtweise darauf, warum aus den Erfahrungen des NS und denen der gespaltenen deutschen Gesellschaft (von West und Ost) nun vorbehaltslos herausgetreten werden soll. Nun braucht man sich als Deutsche_r nicht mehr, so mutet es an, genieren, endlich wieder selbstbestimmt und hegemonial aufzutreten. Er will schlicht, was alle „heute erwarte[n], daß die Deutschen erwachsen werden“ (Ebd.: 27), um „[a]uf der politischen Bühne“ wieder „als gleichberechtigte Partner […] mitzuwirken. Das fällt ihnen schwer, denn sie befinden sich nach ihrem Bewußtsein noch immer im Status der Abhängigkeit und Unselbständigkeit; also im Grunde in einem ‚pädagogischen‘ Status, der es ihnen zu gebieten scheint, daß man bei jeder Gelegenheit fragt, was man ‚darf‘, und der eigenen Entscheidungsmöglichkeit zutiefst mißtraut.“ Nun aber „ist es an der Zeit“, diesen autoritären Charakter, seinen Opportunitätsgeist und „den pädagogisch motivierten gesellschaftlichen Status im ganzen zu überwinden“, eben so, wie man eben auch eine Jacke ablegt. In diesem Zusammenhang betrifft seine Aussage nicht nur die Besatzung der Alliierten, also das aufgezwungene Korsett, sondern jegliche historische Altlast kann und sollte von nun an im Mülleimer der Geschichte verschwinden, um „sich in der geöffneten Welt zurecht[zu]finden.“ (Ebd.) Zwar erschallt überall „der Ruf nach Rekonstruktion von Identität und Zugehörigkeit, nach Schaffung eines erneuerten moralischen Grundkonsens‘, der sich auch in einer gesellschaftlichen Integration ausdrücken soll“ (Ebd.: 23) und in Deutschland spiegele der wieder neu aufflammende öffentliche „Ruf, man brauche wieder Werte und Ziele, die Sehnsucht nach der verlorenen Gesamtordnung“ (Ebd.: 27), jedoch sei dies nur Ausdruck vom „Gefühl der Hilflosigkeit“, die durch „[d]ie Vielfalt der pluralistischen Welt […] zur Verunsicherung und Orientierungslosigkeit geführt hat“ und  (Ebd.: 23) sich „durch die praktischen alltäglichen Erfahrungen mit der immer unverhüllter geäußerten Gewaltbereitschaft“ noch verstärkt. Sie droht die „Gesellschaft im ganzen zu erfassen“ (Ebd.).

Der Wunsch nach diesen Gesamtordnungen, die er zumindest in ihren bisherigen historischen Formationen zurückweist, verweist nach Kupffer auf den pädagogischen Zustand. Es scheint ihn zu wundern, dass dieser Ruf so lautstark vorgetragen wird und kaum Distanzierung erfährt, „obwohl doch das System der DDR […] gerade erst eliminiert worden ist.“ (Ebd.: 27) Noch mehr scheint ihr dies jedoch für Westdeutschland zu faszinieren: „für die Westdeutschen läßt sich dieser Wandel schwerer erfassen, denn da sie ja schon immer in einer offenen Gesellschaft lebten, wird das allenthalben noch wirksame Denken in den Kategorien des geschlossenen Systems vielfach nicht mehr oder noch nicht wahrgenommen.“ (Ebd.: 28; Hervorh. P3) Dass die Deutschen prinzipiell schon immer in einer offenen Gesellschaft lebten, macht die Amnesie nur allzu deutlich. Das Fortbestehen autoritärer und geschlossener Kategorien in den Köpfen der Deutschen, die ja eigentlich schon immer open minded waren, zeigt den idealistischen Wahn der Kulturnation auf, die sich von den barbarischen Nazis ihr Sytsem haben aufoktroyieren lassen.

Kupffer merkt zwar an, dass diese deutsche Sehnsucht wohl noch immer die „durchschnittliche Volksmeinung“ (Ebd.: 28) sei, die „sicherlich nach Reglementierung und zentraler Zielsetzung“ ruft. Ganz entgegen der sozialpädagogischen Grundmaxime, das Klientel nicht zu bevormunden, sieht der ehemalige Professor für Sozialpädagogik jedoch mal beflissentlich über über diese Grundeinstellungen der Deutschen hinweg, wenn er trotzdessen blindlings seine Forderung voranstellt. Auch in der Pädagogik, so könnte man schlussfolgern, wird versucht, sich von der Vergangenheit zu lösen, die das Bewusstsein stets von neuem verprellt und daran erinnert, dass es den Störfaktor „Auschwitz“ gab. Auschwitz kam jedoch nicht zustande, führt man die Gedanken Kupffers fort, weil die Deutschen Größenwahn, Allmachtsfantasien und grenzenlose Hegemonebestrebungen an den Tag legten, sondern weil sie sich gegen die ihnen auferlegte Herrschaft durch „die Nazis“ nicht zur Wehr setzten, was nicht erneut geschehen darf. So haben wir auch hier den Fall, dass nicht trotz, sondern wegen den Erfahrungen von Auschwitz die Deutschen nun wieder selbstbewusster auftreten sollten. Eine Antwort auf die Frage, warum die Pädagogik, also die Erziehung und Bildung, in diesem Punkt „[d]as Ende der ‚pädagogischen‘ Gesellschaft“ fordert, obwohl sie doch erkennt, dass die Bedingungen, die nach Auschwitz führten, weiter fortwesen, bleibt uns der Autor schuldig. Es liegt die Vermutung nahe, dass die Pädagogik sich hier als zwar zur irgendwie abstrakt imaginierten Gesellschaft bzw. zum Sozialen zugehörig versteht, nicht aber im funktionalen, polit-ökonomischen Sinne. Ihr blinder Humanismus, der den Menschen soweit abstrahiert, bis nix mehr von seiner realen Gestalt übrig bleibt, transferiert diese Perspektive auch auf das positiv konnotierte Soziale schlechthin. Im Verborgenen erinnert die Deutschen dabei das unsägliche Gefühl, vom Führer und seiner „Gesamtordnung“ betrogen worden zu sein, stets wie ein Stachel im Fleich an ihre eigene Unmündigkeit. Die sozialpädagogische Forderung nach dem „Ende der ‚pädagogischen‘ Gesellschaft“ verweist auf einen blinden Idealismus, gekoppelt mit einem neurotischen Handlungszwang: Es scheint fast so, als wollte Kupffer einem höchst aggressiven Kind, das in einem Heim steckt, damt helfen, ihn wie einen Erwachsenen zu begegnen und einfach vor die Tür in die „offene Welt“ zu setzen. Diesen „Freilauf“ hätte Kupffer zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung bereits im Pogrom von Rostock-Lichtenhagen beobachten können. Dass sich hier ein Wiederholungszwang bahn bricht, sehen wir heute in Heidenau.


Karl Marx, der erste Antideutsche

"...steht das Kapital"

„…steht das Kapital“

 

Karl Marx (MEW 3: 177) beschreibt die Entwicklung Deutschlands im 18. und 19. Jahrhundert als „Ohnmacht, Gedrücktheit und Misère der deutschen Bürger, deren kleinliche Interessen nie fähig waren, sich zu gemeinschaftlichen, nationalen Interessen einer Klasse zu entwickeln, und die deshalb fortwährend von den Bourgeois aller andern Nationen exploitiert wurden. Diesen kleinlichen Lokalinteressen entsprach einerseits die wirkliche lokale und provinzielle Borniertheit, andrerseits die kosmopolitische Aufgeblähtheit der deutschen Bürger.“ Politisch untermauert Marx diese Aussage u.a. mit der deutschen Kleinstaatlichkeit, in der sich nach den Bauernkriegen „reichsunmittelbare Duodezfürsten […] allmählich eine ziemliche Unabhängigkeit verschafften und die absolute Monarchie im kleinsten und kleinstädtischsten Maßstabe nachahmten.“ Ökonomisch verweist Marx auf den ebenfalls derart zersplitterten Ackerbau. „Der Zersplitterung der Interessen entsprach die Zersplitterung der politischen Organisation, die kleinen Fürstentümer und die freien Reichsstädte. Wo sollte die politische Konzentration in einem Land herkommen, dem alle ökonomischen Bedingungen derselben fehlten? Die Ohnmacht jeder einzelnen Lebenssphäre (man kann weder von Ständen noch von Klassen sprechen, sondern höchstens von gewesenen Ständen und ungebornen Klassen) erlaubte keiner einzigen, die ausschließliche Herrschaft zu erobern. Die notwendige Folge davon war, daß während der Epoche der absoluten Monarchie, die hier in ihrer allerverkrüppeltsten, halb patriarchalischen Form vorkam, die besondre Sphäre, welcher durch die Teilung der Arbeit die Verwaltung der öffentlichen Interessen zufiel, eine abnorme Unabhängigkeit erhielt, die in der modernen Bürokratie noch weiter getrieben wurde. Der Staat konstituierte sich so zu einer scheinbar selbständigen Macht und hat diese in andern Ländern nur vorübergehende Stellung – Übergangsstufe – in Deutschland bis heute behalten. Aus dieser Stellung erklärt sich sowohl das anderwärts nie vorkommende redliche Beamtenbewußtsein wie die sämtlichen in Deutschland kursierenden Illusionen über den Staat“ (MEW 3: 178).


Angst und Entbehrlichkeit

„Die Degradierung der Einzelnen zu bloßen Reaktionszentren, die auf alles ansprechen, bereitet zugleich ihre Emanzipation vom zentralen Kommando vor. Auch die perfekten Waffen, die der Bürokratie zur Verfügung stehen, vermöchten die Veränderung nicht dauernd abzuwehren, hätten sie nicht eine andere als bloß unmittelbare Kraft. Ihre Angst hat sich im Individuum historisch konstituiert. Es gibt eine Verstärkung der Angst über die Todesangst hinaus, vor der es sich wieder auflöst. Die Vollendung der Zentralisation in Gesellschaft und Staat treibt das Subjekt zu seiner Dezentralisation. Sie setzt die Lähmung fort, in die der Mensch durch seine steigende Entbehrlichkeit, durch seine Trennung von der produktiven Arbeit, durch das dauernde Zittern um die erbärmliche Notstandshilfe im Zeitalter der großen Industrie bereits geraten war.“

(Horkheimer, M. (1942): Autoritärer Staat. In: Schmid Noerr, G. (Hg.): Gesammelte Schriften. Bd. 5. Frankfurt/Main: Fischer. S. 316.)


Zum Zusammenhang von Autoritarismus, Staatskapitalismus und Corporate Identity

„Die Arbeit als Beruf: als Plackerei, wie die Vergangenheit sie einzig kennt, wurde kaum mehr in Frage gestell. Sie wurde aus des bürgers  Zierde zur Sehnsucht der Erwerbslosen.Die großen Organisationen förderten eine Idee der Vergesellschaftung, die von der Verstaatlichung, Nationalisierung, Sozialisierung im Staatskapitalismus kaum verschieden war. Das revolutionäre Bild der Entfesselung lebte nur noch in den Verleumdungen der Konterrevolutionäre fort. Wenn überhaupt die Phantasie sich vom Boen der Tatsachen entfernte, setzte sie an die Stelle der vorhandenen staatlichen Apparatur die Bürokratien von Partei und Gewerkschaft, an Stelle des Profitprinzips die Jahrespläne der Funktionäre. Noch die Utopie war von Maßregeln ausgefüllt. Die Menschen wurden als Objekte vorgestellt, gegebenfalls als ihre eigenen.“

(Horkheimer, M. (1942): Autoritärer Staat. In: Schmid Noerr, G. (Hg.): Gesammelte Schriften. Bd. 5. Frankfurt/Main: Fischer. S. 295.)


Wertkritischer „Labeling Approach“

„Ideologie kann die objektive Dynamik des „automatischen Subjekts“ nicht stoppen oder in eine andere Richtung lenken. Als eigenständiges Moment kann sie aber die tatsächlichen Verlaufsformen mitbestimmen und manchmal sogar entscheidend prägen. So bildete sich die nationalsozialistische „deutsche Volksgemeinschaft“, in deren Zentrum Auschwitz stand, zwar vor dem Hintergrund der großen Krise in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dennoch waren der Nationalsozialismus und seine Verbrechen kein objektives Resultat der Krise, sondern ein Produkt subjektiven ideologischen Willens der Deutschen. Dieser Wille manifestierte sich gleichzeitig keineswegs jenseits der Logik des Werts. Im Gegenteil: Das auf dem Weltmarkt reüssierende Nachkriegsdeutschland konnte von der fordistischen Modernisierung des Nationalsozialismus profitieren. So drückte die NS-Ideologie der realen Geschichte von Krise und Modernisierung in Deutschland ihren unverwechselbaren Stempel auf und legte eine in dieser Entwicklung enthaltene „äußerste Möglichkeit“ offen. Kritische Theorie ist deshalb heute nur noch als kritische Theorie nach Auschwitz formulierbar.“

http://www.exit-online.org/text.php?tabelle=selbstdarstellung


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