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Standort- und Staatsfetischismus

Gruppentherapie

In Nordhausen zeichnet sich im Vorfeld der Landes- und Europaparlamentswahlen ein Schlagabtausch zwischen Sozialdemokrat_innen und Parteilinken ab; in ihrer Argumentation scheint überall der Lokalpatriotismus durch die roten Vorhänge des Nordhäuser Rolands hindurch. Ein Kommentar zu drei Beiträgen in der NNZ am 21.04.2014.

Während der SPD-Landtagskandidat Wieninger protestiert, dass die LINKE Landesfraktion eine Studie in Auftrag gab, die den Standort der Fachhochschule Nordhausen vermeintlich in Frage stellt, da er von seiner Verwaltungsstruktur her optimiert werden müsse und daher länderübergreifend z.B. mit der Hochschule Harz in Werningerode oder mit der Verwaltungsfachhochschule Kooperationen eingehen sollte, verteidigen sich die lokalen Politiker_innen deutlich reflexhaft. So rekurriert Mohr ebenfalls auf den von Wieninger vermissten Lokalpatriotismus in Form der Standortlogik: „Natürlich stehen wir ohne Wenn und Aber zum Hochschulstandort Nordhausen. Schließlich ist die FH ein wichtiger Standortfaktor und eine echte Erfolgsgeschichte.“ Die LINKE wird von den Kommentator_innen in fast schon ersehnender Weise als nicht wählbar denunziert, wohingegen gleiches für die Sozialdemokrat_innen gilt, da diese die Biogasanlage nicht abzuwenden vermögen. Auffallend dabei ist die Spaltung im Bewusstsein der Leser_innen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als den Souverän, der die ökonomischen Interessen nicht nur vermittelt, sondern sie unvermittelt dirigiert: „dann sind es ja schon 2 Parteien die nicht wählbar sind. […] Man macht es dem Wähler diesmal richtig leicht“, so der/die User_in „Pe_rle“ resümmierend. Was dies bedeuten mag, bleibt verborgen; ein Rückgriff auf die neokonservativen Naturromantiker_innen der Grünen ist mit der Biogasanlagen-Aversion gewiss nicht die Alternative. Und „Reptumoc“, dessen Name bereits auf die Inkarnation technischen Denkens und instrumenteller Vernunft verweist, beweist Intellektuellenphobie, indem er die Nordhäuser FH für seine „Begriffe allerdings wirklich überdimensioniert“ sieht. In welchen „Begriffen“ er denkt, bleibt unklar. Auffällig ist jedoch, dass er die interessengebundene Repräsentation parlamentarischer Politik satt hat, wenn er schreibt, „das [sic!] es den Parteivertretern ( fast ) aller Parteien nur noch darum geht, den ersten Stein zu werfen und Fehler beim anderen zu suchen.“ Als sei Politik in ihrer gegenwärtigen Form nicht per definitionem das Ausloten von Privatinteressen, die dem ideellen Gesamtkapitalisten, dem staatlichen Souverän, seine Vermittlungsfunktion einräumt. Mit dem eingeklammerten „fast“ signalisiert er in subtiler Weise, was er nicht auszusprechen vermag, dass er nämlich sein Kreuz bei einer Partei zu setzen hat, die auf Unmittelbarkeit zum Volk setzt und damit darauf angelegt ist, eins mit dem Souverän zu werden.

Anstelle einer Kritik, die die Notwendigkeit der Drittmittelakquise angreift und damit die (Hochschul-)Bildung nicht nur vermittelt von der kapitalistischen Vergesellschaftung in Form des Staates abhängig macht, sondern unmittelbar von den Marktinteresssen einzelner privater Akteur_innen (in Auftrag gebende Unternehmen), wird an anderer Stelle die noch zutiefst neoliberale Idiologie produziert, indem das Ende der Ideologen als expliziter Wunsch proklamiert wird: „was diese abschlüsse letztlich wert sind in Zeiten wo sich z.b. die energiewende auf deren ideologischen Fundament diese studiengänge basieren nach und nach verabschiedet wird die zeit zeigen. hier sollte weniger Energie auf die ideologische Bildung und glorifzierung des studienganges verschwendet werden sondern geschaut werden, was der markt wirklich benötigt und das sind gut und breit ausgebildete Ingenieure und keine Ideologen.“ (Jörg Thümmel) So wenig hier Wert auf die größtmögliche Abstraktion der Sprache gelegt wird, so stark entäußert sich die Aufkündigung jenes Glücksversprechens, das die bürgerliche Gesellschaft in ihrer Entstehungsphase noch antrieb. Die Ausführungen des Marxisten Bloch zum utopische Denken in der bürgerlichen Philosophie, wie er sie in „Das Prinzip Hoffnung“ beschreibt, welches die Potenz des Besseren im Bestehenden zumindest noch bereitzuhalten vermag, scheint, an solchen Aussagen gemessen, restlos im Gegenwärtigen getilgt. Die Hoffnung auf das prospektiv Bessere, ja überhaupt auf die Möglichkeit einer Zukunft, ist aufgelöst in der Versöhnung mit dem schlechten Bestehenden; sie ist Anpassung – sonst nichts.

Nun erhebt unter den Kommentator_innen niemand überhaupt nur den Anspruch, irgendwie „links“, „progressiv“ oder „revolutionär“ zu sein. Es zeigt sich jedoch an ihrem Beispiel der gelebte Staatsfetischismus der idealtypischen Nordhäuser_innen. Dass die „Emanzipation“ der Einzelwissenschaften als Anzeichen der Auflösung des bürgerlichen Bildungsideals ganze Arbeit geleistet hat, also gereinigt von von allem Ideologischen kein Ziel mehr hinter der Erscheinung, keine Freizeit hinter der Arbeit, keine Mehrung des Reichtums für alle hinter dem Fortschritt der Technik – ja nicht einmal mehr eine bessere Zukunft für die Nachgeborenen – zur Disposition steht, offenbart erneut den in der Kritischen Theorie viel beschworenen Erfahrungsverlust in der Moderne. Vor uns haben wir den erwachsenen „nackten Zeitgenossen […], der schreiend wie ein Neugeborenes in den schmutzigen Windeln dieser Epoche liegt.“ (Benjamin, W. (1989): Metaphysisch-geschichtsphilosophische Studien. In: Tiedemann, R. & Schweppenhäuser, H. (Hrsg.): Walter Benjamin. Gesammelte Schriften II. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 216) Doch „was ist das ganze Bildungsgut wert, wenn uns nicht eben Erfahrung mit ihm verbindet? […] Diese Erfahrungsarmut ist Armut nicht nur an privaten sondern an Menschheitserfahrung überhaupt. Und damit eine Art von neuem Barbarentum.“ (Ebd.: 215.)

Was am oben aufgeführten Zitat von Thümmel zudem deutlich hervortritt ist, dass die letzten Abenteuer geschlagen und die letzten Spezialist_innen überflüssig werden. Noch vor wenigen Jahren waren die von Thümmel genannten Studiengänge, „regenerative energietechnik (sic!)“ und „Wirtschaftingenieurwesen für nachhaltige Technologien“, die er als „Modefachrichtungen“ bezeichnet, noch fast avantgardistisch das Aushängeschild der FHN schlechthin. Nun sind die Umschlagszeiten des Kapitals so kurz, dass die damit erforderten Fachkräfte weniger Spezialist_innen als „gut und breit ausgebildete Ingenieure“ sein müssen, was wiederum bedeutet, dass nun selbst in den höherqualifizierten Schichten und ebenfalls im ausführungs- und anwendungsbezogenen Wissenschaftsbetrieb endgültig die Illusion abhanden geht, aus der Masse herausstechen zu können. Selbst die Zeit des Hochspezialist_innentums ist vorbei!

So wie die Mode mit ihrem Aktualitätsparadigma ein Schein, oder besser eine „Reflexion an der Oberfläche der Gesellschaft“, also der Versuch der optischen Verkehrung der realen ökonomischen Verhältnisse, ist, so steckt auch etwas Wahres in Thümmels Bezeichnung der „Modefachrichtung“, nämlich dass sie auf die Überflüssigkeit und Austauschbarkeit ihrer Subjekte – in diesem Fall inzwischen selbst jener der unmittelbar ökonomischen Rationalität am nächsten stehenden Studierenden – verweist. War einst, wie Stein und Zwarg (http://phase-zwei.org/hefte/artikel/staatsfeinde-ohne-lehrstuhl-431/) ausführen, die Protektion des Staates nur in jenen Bereichen erforderlich, die dieser unmittelbaren Rationalität nicht zwingend Folge leistet, also der Geisteswissenschaften, so wird unter lokalpatriotischem Geschwätz in den parteipolitisch sich selbst links der Mitte gerierenden Kreisen (mit böser Zunge könnte man sagen, dieses hat dort Tradition) jener Ruf laut, der den Staatsfetisch auch im eigentlich eher neoliberalen Wissenschaftsbereich der „hard facts“ zu implementieren trachtet; ein Bereich, der diesen Ruf sonst gar nicht nötig hatte und dort zumeist auf taube Ohren stieß.

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Mode als Aktualitätsparadigma und Ende des Fortschritts

„Kerstin Stakemeier: (…) Die bürgerliche Annahme eines Fortschritts in der Hochkultur, die der Gesellschaft als ganzer überlegen sei, nivellierte sich mit der objektiv konservativen gesellschaftlichen Stellung der Moderne nach 1945, und in deren zweifelhafter Überwindung in der Gegenwartskunst als reeller Subsumption des Produktionssegments wurde die bloße Aktualität selbst – im Guten wie im Schlechten – zum vorrangigen Qualitätsmerkmal.

Roger Behrens: Hier scheint sich abermals für die Gegenwartskunst spezifisch zu wiederholen, was auch in der allgemeinen Kultur seinen Ausdruck findet: Geschichte – und mit ihr die Ideologie des Fortschritts – wird in Mode aufgehoben. Indes wird Mode auch zum Prinzip der Gegenwartskunst: Ihre Ästhetik ist eben keine des Fortschritts mehr, sondern eine des bloßen Up-to-date-Seins. Die Geschichte als Mode ist gewissermaßen die internationale Version des Gegenwartsbewusstseins, auch in der Kunst. Die nationale hingegen, insbesondere die deutsche, ist Gegenwart als Mythologie.“

(Stakemeier, K. & Behrens, R. (2012): Zur Gegenwartskunst als Industrie. In: Phase2. Zeitschrift gegen die Realität. #43. S. 60.)


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