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Zeichen der Abgetrenntheit

Wie bereits in einem vorausgegangenen Artikel zur Homosexualität bei Foucault angemerkt, ist sie bei ihm nicht als transhistorisch normatives Modell zu verstehen – also kein auf ewig zu etablierendes Konzept -, sondern als eine historisch spezifische Möglichkeit der Irritation. Sie bricht mit ihrer in der Mehrheitsgesellschaft verstörenden Kraft die scheinbare Natürlichkeit menschlicher Existenz und ihrer einhergehenden lebenspraktischen Ordnungsmuster. Im Gegensatz zur Freundschaft, die weitaus transhistorischer gedacht ist, da sie die menschliche Produktion (was die produktive Artikulation, den Austausch und die Aneignung der Bedürfnis- und Gefühlswelt zugleich impliziert) in einem intersubjektiven Verhältnis versteht, ist Homosexualität ein zeitdiagnostisches Phänomen, um auf romantisch-expressivistische Lebenspraktiken in der „Postmoderne“ zu verweisen. Diese „romantische Liebe“, die „nach einer persönlichen Liebeserfahrung“[1] sucht, welche durch ein Begierdeobjekt die im eigenen Kern angelegten Bedürfnisse und Fähigkeiten aktiviert und bei dem das Scheitern der Liebesbeziehung mit einem tiefen existenziellen Rückschlag einhergeht, da man „als Mensch gescheitert“ ist, dient mir als Zeichen der Abgetrenntheit. Dies ist den Ausführungen Foucaults ähnlich, der die Homosexualität als überwiegend körperliche und fast noch animalische Begierde beschreibt, die dadurch gesellschaftlich akzeptiert ist, dass sie somit als Anderes und damit als Anormales gelten kann (Vgl. „Homosexualität als Lebensform“). Auffallend ist nun der subsummierende Charakter der Homosexualität unter die gegebenen Verhältnisse, der damit zugleich das Bild der Körperzentrierung noch untermauert. Der Besuch in einer ohnehin sehr tickethaften und auf äußerliche Ordnung bedachten Stadt, die gemeinhin das Prädikat „schick“ trägt, bestätigte diese Annahme dadurch, dass sich hier auf einer „Schwulen-Party“ Phänomene zeigten, die mir ansonsten nur aus phallozentrischen Szenen der Metal- und seit einiger Zeit der Hardcore-Subkultur bekannt waren, wie bspw. die Entblößung des durchtrainierten Oberkörpers zur Selbstinszenierung, die dortige etiketthafte Musterung oder die bis zur Übertriebenheit gesteigerte Artikulation der sexuellen Begierde. Die Hoffnung Foucaults erscheint hier als gescheitert, da sich die Motivlage der Akteure affirmiert. Entgegen Erich Fromms Vorstellungen zur reifen Form der Liebe als „eine Vereinigung, bei der die eigene Integrität und Individualität bewahrt bleibt“ und die „eine aktive Kraft im Menschen“ ist, „welche die Wände niederreißt, die den Menschen von seinem Mitmenschen“[2] trennt, steigert sich hier nur jener Selbstbezug, der bis zum Narzissmus prolongiert. Die reife erotische Liebe wird „mit dem explosiven Erlebnis, >sich zu verlieben< verwechselt, mit dem plötzlichen Fallen der Schranken, die bis zu diesem Augenblick zwischen zwei Fremden bestanden.“[3] Die Liebe wird zum Objekt und verkennt ihren prozesshaften Tätigkeitscharakter der permanenten Aneignung – der im unabgeschlossenen Begriff der Vertrautheit oder Ähnlichkeit angelegt ist. Dabei wird das Bild der Homosexuellen, welches ihnen nach Foucaults Diagnose von der Mehrheitsgesellschaft zugeschrieben wird und als einziges toleriertes gilt, von eben jenen Homosexuellen selbst adaptiert, was zugleich die Abgetrenntheit von den Liebespartner_innen als auch von „der“ Welt im Allgemeinen offenbart: „für die meisten ist die eigene Person genau wie die des anderen schnell ergründet und ausgeschöpft. Sie erreichen Intimität vor allem durch sexuelle Vereinigung. Da sie das Getrenntsein von anderen in erster Linie als körperliches Getrenntsein erfahren, bedeutet die körperliche Vereinigung für sie die Überwindung des Getrenntseins.“[4] Die auffallend starke Fokussierung und (Über-)Betonung auf den körperlichen Akt im öffentlichen Raum verweist zwar auf jenen Missstand der Ausgrenzung gleichgeschlechtlicher Liebesbeziehungen, zugleich jedoch ebenfalls auf den affirmierten individualisierten Charakter dieser Beziehungen. Die einstige Irritation tendiert zur einseitigen Aufhebung im Sinne des „negare“ – die Einschreibung wird hegemonial überschrieben und verweist damit nur auf die isolierte und sich immunisierende gesellschaftliche Totalität.


[1] Fromm, E. (1980): Die Kunst des Liebens. Frankfurt/Main, Berlin, Wien: Ullstein Verlag. S. 12.

[2] Ebd. 31

[3] Ebd. 64

[4] Ebd. 65

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„Homosexualität“ als Lebensform

Zum im letzten Beitrag angesprochenen foucaultschen Verständnis von Homosexualität: Ein wesentlicher Aspekt Foucaults liegt in den Ausführungen, die er aus seiner Beschäftigung mit den Problematisierungen sexueller Beziehungen resümiert. Anknüpfend an das Problem der Eingeschlechtlichkeit, sich als „identitätsloses Subjekt“ (was er am Beispiel einer_s Hermaphroditen im 19. Jahrhunderts aufzeigt) in einer heteronormativ kategorisierten und verbalisierten Welt zu befinden, ergibt sich die Schwierigkeit, die eigenen diffizilen Leidenschaften und un- oder zwischengeschlechtlichen Begehrungen semantisch erfassen zu können. Welche Formen der Beziehung werden also unter der bipolar differenzierten Sexualität begrenzt und sanktioniert? Er besetzt den Begriff der Homosexualität nicht mit der Beschäftigung der Fragen: „Wer bin ich? Und worin liegt das Geheimnis meines Begehrens?“, sondern „Welche Beziehungen lassen sich über die Homosexualität herstellen, erfinden, vermehren, gestalten?“[1] Damit kritisiert er nicht nur, dass die Heteronormativität dem Begriff gegenwärtig immanent ist, er sagt zugleich etwas über den Status der Sexualität als Ganzes aus.[2] Dass die Art der Sexualität noch immer als Indikator für die Beschränkung der sozialen Beziehungen dient, visualisiert er daran, dass zeitdiagnostisch das „saubere Bild der Homosexualität“ dadurch geprägt ist, nur als unmittelbare Lust aufzutreten, bei der es einzig um den Geschlechtsakt zu gehen scheint: „(Z)wei Jungen, die einander auf der Straße begegnen, sich gegenseitig mit Blicken verführen, einander die Hand auf den Hintern legen und eine Viertelstunde später zur Sache kommen“, ist das beruhigende Bild der Homosexualität, die den „Irrtum“, es könnte sich um authentische, zärtliche und freundschaftliche Beziehungen handeln, noch manifestieren. Insofern sie sich als derartige Form etabliert, ist an ihr in der modernen, liberalen Gesellschaft nichts Beunruhigendes, da sie sich weiterhin als irrtümlich erweist. Bedrohlich wird sie erst, wenn sich als Lebensform eine Regelhaftigkeit durchsetzt, welche die Gewissheit über das „wahre Geschlecht“ erschüttert. Wie am Beispiel der Eheschließung ersichtlich, wird die Entstehung jener Beziehungen befürchtet, die die Ordnung der konventionellen Lebensform negieren, was den verdeckten Biologismus dieses modern-liberalen, „romantisch-expressiven Selbst“ erst offenbart.[3] Den Begriff der Homosexualität verwendet Foucault angesichts dessen nur historisch. Er zeigt auf, dass er als Phänomen nur dort irritiert, wo Wahlverwandtschaften oder Freundschaften sich am Geschlecht ausrichten. Es ist für ihn derzeit ein möglicher Indikator, als verstörendes Element gegenüber diesem romantisch-expressiven und „die eigene Wahrheit im Geschlecht suchenden“ Selbst aufzutreten, um die als wahrhaft beglaubigten Regelmäßigkeiten in institutionalisierten Beziehungsformen zu durchbrechen. „Schwul sein heißt in meinen Augen nicht, sich mit den psychologischen Merkmalen und sichtbaren Masken des Homosexuellen zu identifizieren, sondern den Versuch zu machen, eine Lebensform zu definieren und zu entwickeln.“[4] Anhand dessen wird die oben ausgearbeitete Subjektposition in ihrem situativen Charakter deutlich. Es geht ihm weniger darum, das Subjekt auf eine identitäre Deutung zu fixieren, als vielmehr die historisch gewachsene soziokulturelle Kontingenz der scheinbar „ursprünglichen“ Existenz offenzulegen. „Homosexualität ist eine historische Gelegenheit, Beziehungs- und Gefühlsmöglichkeiten neuerlich zu eröffnen, […] weil die Diagonalen, die jemand, der »quer« zum sozialen Geflecht steht, darin ziehen kann, solche Möglichkeiten sichtbar zu machen vermögen. […] Wenn man zulasse, dass die Beziehung sich in ihren eigenen Worten und Gesten entfaltet, kämen andere, sehr wichtige Dinge zum Vorschein: dichte, wunderschöne, sonnige oder auch traurige, schwarze Liebes- und Gefühlsbeziehungen.“[5] Diese Sichtweise auf den Begriff der Homosexualität ist demnach aufs Engste mit seiner Vorstellung von Freundschaft als frei wählbare und von natürlichen Bestimmungen (des Biologismus) unabhängige Beziehung verbunden.


[1] Foucault, M. (1981a): Freundschaft als Lebensform. In: Defert, D. & Ewald, F. (Hrsg.; 2005): Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Band IV. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 200.

[2] „Es geht nicht darum, in sich selbst die Wahrheit des eigenen Geschlechts zu entdecken, sondern die eigene Sexualität zu nutzen, um vielfältige Beziehungen herzustellen. Und das ist ohne Zweifel der eigentliche Grund, weshalb die Homosexualität keine Form des Begehrens, sondern etwas Begehrenswertes ist.“ (Foucault, 1981a: 201f.)

[3] Kennzeichen des Liberalismus sei es, dass seine „Subjekte in der Neuzeit dazu tendieren, sich in ihrem Privatleben (Familie, Freundschaft etc.) nach den romantisch-expressivistischen Strukturen der moralischen Landkarte der Gegenwart zu verstehen, während die Institutionen des öffentlichen Lebens der Logik der »naturalistischen« Sprache folgen […].“ (Rosa, H. [1998]: Identität und kulturelle Praxis. Frankfurt: Campus. S. 202.). Anhand dieser Zweiteilung wird die hegemoniale Bedeutung des öffentlichen, scheinbar „stark-männlichen“ und emotionsneutralen Selbst sehr deutlich, was die als „weiblich“ sozialisierten, fürsorglichen Leistungen für die Öffentlichkeit diskreditiert und ins „Private“ verlagert und damit die „männliche“ Vormachtstellung reproduziert sowie „legitimiert“.

[4] Foucault, 1981a: 203f.

[5] Ebd.: 204f.


Kein Platz auf der Insel

Will man einen ausgelassenen und von bösen Überraschungen freien Partyabend erleben, wählt man sich dafür meist Lokalitäten, in denen davon ausgegangen werden kann, dass Publikum, Ansichten und „Lifestyle“ der eigenen Lebenseinstellung oder zumindest jenen Erwartungen von Anerkennung und Akzeptanz entsprechen. Hin und wieder wird man dabei jedoch in den eigenen Sicherheiten irritiert, wenn das „Falsche“ in vermeintlichen „Freiräumen“ widererwartend und urplötzlich hereinbricht. An Orten, die bekannt sind für Voküs, Soli-Parties, Mobi-Aktionen oder einfach nur für „No-Name-Konzis“ und Tanzveranstaltungen mit Überlänge, sollte besonders auf Vorfälle hingewiesen werden, die kritikwürdig und demnach nur schwer zu vernachlässigen sind. Daher der folgende Beitrag.

Nebeneinander auf einer Couch sitzend – betrunken und ausgelaugt vom geschwungenen Tanzbein; mit einem netten Menschen, der seinen Kopf an meiner Schulter anlehnte – ertönte eine Stimme: „Könnt ihr Schwuchteln nicht mal die Füsze runternehmen!?“ Offenbar war der versperrte Weg, der mit zwei Schritten mehr auf der anderen Seite um den Tisch herum umlaufen gewesen wäre, das geringere Problem. Gerade eine derart schroffe Wortwahl ohne irgendeine Vorankündigung und ohne weiteren ersichtlichen Grund lässt dieses bereits ahnen. Kommentarlos machten wir Platz. „Schwuchtel“ scheint ja für einige Leute zum verbalen Standardrepertoir zu gehören und auf unnötige Stressfaktoren, insbesondere nicht in diesem Zustand und noch viel weniger mit spätpubertären, ihre Provokationsfähigkeit austarieren wollenden Typen hat man an einem ausklingenden Partyabend am weingsten Lust. Als sodann aber, nachdem die Protagonisten dieses Bühnenstücks noch nicht genug hatten und unmittelbar nebenan platzahmen, um offenkundig in unsere Richtung ihre Hasstiraden „Widerlichkeit“, „schwule Sau“ sowie „Geht wenigstens nach Hause, da stört ihr Keinen“ fortsetzten, waren jedwede Missverständlichkeiten ausgeräumt und zugleicht alle politische Frustrationstoleranz schlagartig ausgeschöpft. Gerade dass die vorgefundene Situation – zwei Menschen lediglich nah nebeneinander sitzend – unter heterosexuellem Blick gewiss keinerlei Aufruhr erregt hätte, wären es nicht zwei männlich eingelesene Personen gewesen, die zu stören scheinen, zeigt erst die penibel genaue Fokussierung  darauf auf, „falsche“ Sexualität von vermeintlich richtiger unterscheiden zu müssen. Es bezeugt, welche politische Wirkmacht Weltbilder in Bezug auf die Identitätsbildung entfalten und mit welch starkem Aggressionspotential diese besetzt und als Unumstöszliches durchgesetzt werden. Als jene pöbelnden Personen, insbesondere der Hauptdarsteller, auf ihre offen homophobe Diskriminierungsweise angesprochen wurden, stellte sich nicht etwa jenes ein, was man einen Diskurs bezeichnen und was man in linken Kontexten erwarten könnte. Nein, vielmehr trat etwas zutage, was als Naturrechtsparadigma zu verstehen ist: die sofortige Bereitschaft, die eigene Wahrheit gewaltsam verteidigen zu müssen, als hinge das gesamte organische Leben an ihr. Anstelle einer inhaltlichen Auseinandersetzung zu seinem offenkundigen Problem evozierte sich sogleich die nackte Rohheit: von verbalen Entgleisungen bis hin zur Aufforderung, dies wie „Männer“ mit Fäusten auszutragen. Beängstigend war jedoch nicht nur, auch wenn dieses unlängst reichte, dass diese Einstellungen in einem solchen Rahmen überhaupt das Tageslicht erblicken können, sondern vor allem jener scheinbare ideologische Konsens der sich nach und nach einmischenden Menschen sowie die schiere Gleichgültigkeit derer, die beobachtend drumherum saszen ohne es für nötig zu halten, Postion zu beziehen und sich zu involvieren. Grund zur Besorgnis bereitete der Versuch einiger Menschen (der Konsensualist_innen), das homophobe Verhalten unter Verweis auf den Alkoholkonsum zu rechtfertigen, wobei jeder weisz, dass dieser gerade ein Indikator für das Sinken von Hemmschwellen und damit der Entäuszerung von Worten ist, deren Mut sonst fehlt. Zumal das Alkoholargument spätestens in jenem Moment obsolet wurde, in welchem das „Alkoholopfer“, das durch seine klare und bestimmte Artikulationsweise alles andere als betrunken wirkte, kurz bevor es sich der Situation entzog (da es merkte, dass zumindest die gewaltsame Auseinandersetzung trotz seines „Bodyguards“ zunehmend weniger erfolgsversprechend wurde), offen kundtat, „Schwuchteln zu hassen“. Aber auch damit rissen Rechtfertigungs- und Legitimationsversuche trotz der Abwesenheit der Protagonisten nicht ab: von Aussagen, die darauf abzielten, ihn verteidigen zu müssen, weil er ein Freund sei, auch unabhängig von seinen Äuszerungen (In einer Freundschaft darf man den/die Befreundete_n also nicht kritisieren?); über solche, die seine politische Arbeit gegen Rassismus lobten (Also balancieren sich diese Querschläge durch ein Gegengewicht wieder aus?); bis hin zur Aufforderung, „nicht alles ernst nehmen zu sollen“. Als ob das Ausüben von Kritik als Betroffener, wenn man schon keine Unterstützung von auszen erfährt, nicht berechtigt sei und man lieber Täter- und Opferschaft verkehrt, damit keine eigene Position bezogen werden muss. Völliges Unverständnis trat zudem ein, als sich am Ende der Diskussion herausstellte, dass die zu „Tätern“ gewordenen nicht einmal generalisierbar als „homosexuell“ im geläufigen Jargon etikettierbar sind. Das foucaultsche Verständnis von Homosexualität als Lebensform, in der weder Sexualität noch Geschlecht eine Rolle für die Form der Beziehung zu spielen haben, sei hier vernachlässigt. Die Unstimmingkeit schien in der Frage der Solidarität zu liegen. Wie kann man sich mit diskriminierten Personen und Gruppen solidarisieren, wenn man nicht einmal direkt betroffen ist – also „nur“ die Diskriminierung selbst zu kritisieren, weil sie für irrational gehalten wird?

In den meisten Kontexten, in denen man Irrationalismus und soziale Rohheit zumindest potentiell erwartet und man demnach nicht überrascht ist, wenn sich derartiges ereignet, verbleibt der eigene pädagogische bzw. politische Anspruch nicht selten für jene Situationen in Reservehaltung, in denen sich Aufwand und Diskussion lohnen. Es wäre schade, wenn auch auf dieser Insel das Gefühl entstünde, mit der Kritik an Exklusionsformen alleine da zu stehen und fehl am Platz zu sein, nur weil es nicht das unmittelbare Problem der Anwesenden zu sein scheint, sich ihnen anzunehmen.


Friedrich Wilhelm Nietzsche: Vom Freunde

»Einer ist immer zu viel um mich« – also denkt der Einsiedler. »Immer Einmal Eins – das giebt auf die Dauer Zwei!«

Ich und Mich sind immer zu eifrig im Gespräche: wie wäre es auszuhalten, wenn es nicht einen Freund gäbe?

Immer ist für den Einsiedler der Freund der Dritte: der Dritte ist der Kork, der verhindert, dass das Gespräch der Zweie in die Tiefe sinkt.

Ach, es giebt zu viele Tiefen für alle Einsiedler. Darum sehnen sie sich so nach einem Freunde und nach seiner Höhe.

Unser Glaube an Andre verräth, worin wir gerne an uns selber glauben möchten. Unsre Sehnsucht nach einem Freunde ist unser Verräther.

Und oft will man mit der Liebe nur den Neid überspringen. Und oft greift man an und macht sich einen Feind, um zu verbergen, dass man angreifbar ist.

»Sei wenigstens mein Feind!« – so spricht die wahre Ehrfurcht, die nicht um Freundschaft zu bitten wagt.

Will man einen Freund haben, so muss man auch für ihn Krieg führen wollen: und um Krieg zu führen, muss man Feind sein können.

Man soll in seinem Freunde noch den Feind ehren. Kannst du an deinen Freund dicht herantreten, ohne zu ihm überzutreten?

In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben. Du sollst ihm am nächsten mit dem Herzen sein, wenn du ihm widerstrebst.

Du willst vor deinem Freunde kein Kleid tragen? Es soll deines Freundes Ehre sein, dass du dich ihm giebst, wie du bist? Aber wünscht dich darum zum Teufel!

Wer aus sich kein Hehl macht, empört: so sehr habt ihr Grund, die Nacktheit zu fürchten! Ja, wenn ihr Götter wäret, da dürftet ihr euch eurer Kleider schämen!

Du kannst dich für deinen Freund nicht schön genug putzen: denn du sollst ihm ein Pfeil und eine Sehnsucht nach dem Übermenschen sein.

Sahst du deinen Freund schon schlafen, – damit du erfahrest, wie er aussieht? Was ist doch sonst das Gesicht deines Freundes? Es ist dein eignes Gesicht, auf einem rauhen und unvollkommnen Spiegel.

Sahst du deinen Freund schon schlafen? Erschrakst du nicht, dass dein Freund so aussieht? Oh, mein Freund, der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss.

Im Errathen und Stillschweigen soll der Freund Meister sein: nicht Alles musst du sehn wollen. Dein Traum soll dir verrathen, was dein Freund im Wachen thut.

Ein Errathen sei dein Mitleiden: dass du erst wissest, ob dein Freund Mitleiden wolle. Vielleicht liebt er an dir das ungebrochne Auge und den Blick der Ewigkeit.

Das Mitleiden mit dem Freunde berge sich unter einer harten Schale, an ihm sollst du dir einen Zahn ausbeissen. So wird es seine Feinheit und Süsse haben.

Bist du reine Luft und Einsamkeit und Brod und Arznei deinem Freunde? Mancher kann seine eignen Ketten nicht lösen und doch ist er dem Freunde ein Erlöser.

Bist du ein Sclave? So kannst du nicht Freund sein. Bist du ein Tyrann? So kannst du nicht Freunde haben.

Allzulange war im Weibe ein Sclave und ein Tyrann versteckt. Desshalb ist das Weib noch nicht der Freundschaft fähig: es kennt nur die Liebe.

In der Liebe des Weibes ist Ungerechtigkeit und Blindheit gegen Alles, was es nicht liebt. Und auch in der wissenden Liebe des Weibes ist immer noch Überfall und Blitz und Nacht neben dem Lichte.

Nodl ist das Weib nicht der Freundschaft fähig: Katzen sind immer noch die Weiber, und Vögel. Oder, besten Falles, Kühe.

Noch ist das Weib nicht der Freundschaft fähig. Aber sagt mir, ihr Männer, wer von euch ist denn fähig der Freundschaft?

Oh über eure Armuth, ihr Männer, und euren Geiz der Seele! Wie viel ihr dem Freunde gebt, das will ich noch meinem Feinde geben, und will auch nicht ärmer damit geworden sein.

Es giebt Kameradschaft: möge es Freundschaft geben!

Also sprach Zarathustra.


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