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Angst und Entbehrlichkeit

„Die Degradierung der Einzelnen zu bloßen Reaktionszentren, die auf alles ansprechen, bereitet zugleich ihre Emanzipation vom zentralen Kommando vor. Auch die perfekten Waffen, die der Bürokratie zur Verfügung stehen, vermöchten die Veränderung nicht dauernd abzuwehren, hätten sie nicht eine andere als bloß unmittelbare Kraft. Ihre Angst hat sich im Individuum historisch konstituiert. Es gibt eine Verstärkung der Angst über die Todesangst hinaus, vor der es sich wieder auflöst. Die Vollendung der Zentralisation in Gesellschaft und Staat treibt das Subjekt zu seiner Dezentralisation. Sie setzt die Lähmung fort, in die der Mensch durch seine steigende Entbehrlichkeit, durch seine Trennung von der produktiven Arbeit, durch das dauernde Zittern um die erbärmliche Notstandshilfe im Zeitalter der großen Industrie bereits geraten war.“

(Horkheimer, M. (1942): Autoritärer Staat. In: Schmid Noerr, G. (Hg.): Gesammelte Schriften. Bd. 5. Frankfurt/Main: Fischer. S. 316.)

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Zum Zusammenhang von Autoritarismus, Staatskapitalismus und Corporate Identity

„Die Arbeit als Beruf: als Plackerei, wie die Vergangenheit sie einzig kennt, wurde kaum mehr in Frage gestell. Sie wurde aus des bürgers  Zierde zur Sehnsucht der Erwerbslosen.Die großen Organisationen förderten eine Idee der Vergesellschaftung, die von der Verstaatlichung, Nationalisierung, Sozialisierung im Staatskapitalismus kaum verschieden war. Das revolutionäre Bild der Entfesselung lebte nur noch in den Verleumdungen der Konterrevolutionäre fort. Wenn überhaupt die Phantasie sich vom Boen der Tatsachen entfernte, setzte sie an die Stelle der vorhandenen staatlichen Apparatur die Bürokratien von Partei und Gewerkschaft, an Stelle des Profitprinzips die Jahrespläne der Funktionäre. Noch die Utopie war von Maßregeln ausgefüllt. Die Menschen wurden als Objekte vorgestellt, gegebenfalls als ihre eigenen.“

(Horkheimer, M. (1942): Autoritärer Staat. In: Schmid Noerr, G. (Hg.): Gesammelte Schriften. Bd. 5. Frankfurt/Main: Fischer. S. 295.)


Material zur Kritik des Himmels (von Simon Rubaschow)

Vertreibe Gott aus der Wolke

Vertreibe Gott aus der Wolke

(http://lirabelle.blogsport.eu/2015/03/17/material-zur-kritik-des-himmels/)

„Notwendig falsches Bewusstsein ist also über Ideologie formiert und gedeutet, Ideologien können wiederum das Material für die Form gesellschaftlichen Wahns bieten. Ideologie schlägt in Wahn um, wenn sie sich zu ihrem Bezug zur Wirklichkeit abschottet. Ein – in diesem Sinne: nur – ideologischer Nationalismus ließe sich aufklären, etwa durch die Einsicht, dass auch Deutsche miteinander konkurrieren, die Arbeitslosenquote der Deutschen nicht der Quote erwerbstätiger Ausländer_innen entspricht und durch eine Kapitalismuskritik, die den Konkurrenzzwang als inneres Funktionsprinzips eines Kapitalismus aufklärt, der blind gegenüber der Nationalität seiner Arbeitskräfte ist. Der wahnhafte Nationalismus findet – im Regelfall in der jüdischen Weltverschwörung oder einem Chiffre für sie irgendwo zwischen Bilderbergern und Finanzkapital – eine Begründung, diese Realitäten als gesteuerte abzuwehren und sich das Bild aufrechtzuerhalten, dass ein etwa deutscher Kapitalismus, der frei vom Einfluss der jüdischen Weltverschwörung, der Bilderberger oder des Finanzkapitals wäre, auch konkurrenzfrei wäre. Ideologie ist also – auch wenn es ein mühsamer Kampf gegen die Windmühlen der alltäglichen Praxis ist – aufklärbar. Wahn dagegen ist nicht mehr durch Kritik erschütterbar,5 weil Kritik innere Widersprüche der Ideologie und die Prüfung an der Realität zur Wirkung benötigt; den Wahn aber seine Widersprüchlichkeit wie seine Irrealität nicht berühren.

Eine Religionskritik, die zu leisten wäre, muss also als Ideologiekritik die konkrete Religion, etwa den Islam (und damit auch, aber nicht nur den Koran) daraufhin prüfen, welche Bedürfnisse sie anspricht und selbst mitformiert, welche Formen sie für falsches und notwendig falsches Bewusstsein bereitstellt und wie breit die Grundlagen sind, die diese für gesellschaftlichen Wahn im obigen Sinne bietet. Sie muss weiter das praktische Umschlagen von Ideologie und Wahn und die Reaktion der – in diesem Sinne: nur – ideologischen Anhänger_innen der Religion auf dieses Umschlagen in den Blick nehmen und kritisieren und sich selbst die Aufgabe stellen, präventiv auf dieses Umschlagen verhindernd einwirken zu können. Gleichzeitig muss diese Kritik das Glücksversprechen der Religion bergen und über die in ihm enthaltende Hoffnung aufklären, also auch den Charakter einer rettenden Kritik annehmen. Schließlich muss sie in Wahn umgeschlagene Ideologie als solche benennen und sich Grenzen der Kritik und damit den Beginn notwendiger Repression eingestehen.“


Gebetsmühlenartige Wiederholungen – Zum Verhältnis von Erinnerungskultur und Kommunalpolitik am Beispiel der Stadt Nordhausen

(Quelle: http://nordhausen.thueringer-allgemeine.de/web/nordhausen/startseite/detail/-/specific/Leserpost-Zum-Verhaeltnis-von-Erinnerungskultur-und-Kommunalpolitik-568324994)

Wer seit Jahren die Geschehnisse, die man gemeinhin als Erinnerungs- oder Gedenkkultur der Stadt Nordhausen zum Nationalsozialismus bezeichnet, verfolgt, der oder dem könnte die Spaltung der historischen Erfahrung ins Auge springen, welche das kulturindustrielle Prinzip der „Immergleichheit“ (Theodor W. Adorno & Max Horkheimer) bedient. Insbesondere das Geschehen rund um das Gedenken an die Reichspogromnacht im Jahr 1938, die Bombardierung der Stadt am 3. und 4. April 1945 und die nur eine Woche darauf erfolgte Befreiung des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora sollen hier in Augenschein genommen werden, um an ihrem Beispiel jene aktuellen Verflechtungen aufzuzeigen, die lokal kaum Beachtung finden und die meines Erachtens nach eine realpolitische Wirkmacht entfalten. Problematisiert werden vor allem einige der Ausführungen von Oberbürgermeister Zeh, die sich teils in ritueller Weise wiederholen, die eine gedankliche Statik aufzeigen und sich damit umso mehr im Gedächtnis festsetzen. Qua seiner staatstragenden Funktion als Oberbürgermeister der Stadt Nordhausen nimmt er damit Einfluss auf die Erinnerung bezüglich des Stadtgeschehens, die so überhaupt erst von einer individuellen zur kollektiven werden kann.

 

Verbale Ausfälle der Vergangenheit

Zehs zahlreiche Fauxpas haben eine lange Tradition. Bereits im letzten Jahr wurde dem Kreisverband der NPD ein Gesprächsangebot im Rahmen einer Diskussionsrunde zur Erinnerungskultur der Stadt Nordhausen unterbreitet, was Zeh und seine Verwaltungsangestellten durch die Aufnahme der NPD in einen entsprechenden Mailverteiler erst ermöglichten. Allein durch die massive Kritik vom örtlichen „Bündnis gegen Rechts“ (BgR), von Prof. Dr. Knigge und Dr. Wagner der „Stiftung der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora“ und diversen Einzelpersonen könnte ein „Umdenken“ Zehs erwirkt werden, nachdem auch er erkennen musste, dass sich aktive und militante Neonazis, die anstelle des Stadtrats zur Diskussionsrunde erschienen, auf ihrer Website damit brüsteten, „dass sie es geschafft haben, als politische Gesprächspartner in Nordhausen ernst genommen zu werden.“ Zeh nahm sich bei dieser Diskussionsrunde ausgerechnet die Stadt Dresden und die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung zu Hilfe, um sich „Anregungen für die Gedenkveranstaltung“ einzuholen, und das, obwohl ausgerechnet diese Stadt zur größten Revanchist_innenhochburg, wie sich über Jahre anlässlich des Bombardierungsgedenkens zeigt, und zum größten Aktivierungsbecken des deutschnationalen PEGIDA-Mobs avancieren konnte. Durch diese Verbindungen mit Sachsen manifestierte sich auch personell, was Zeh ideologisch herumtreibt und was er stets, zuletzt bei der bürgerlichen Gegenkundgebung zum „ehrenhaften Gedenken“ der Neonazis am 4. April anlässlich der Bombardierung der Stadt, zum Besten gibt: die verkürzte totalitarismustheoretische Phrase, jedem Extremismus entschieden entgegentreten zu wollen. Wie sich diese Entschiedenheit äußert, wird auch am Beispiel seines damaligen Kollegen, dem Bürgermeister Jendricke, aus dem Jahr 2012 deutlich, der sich nun zum Landrat aufstellen lässt. Ihm reichte damals das Lippenbekenntnis eines organisierten Neonazis aus, der nach Bekanntwerden seiner politischen Aktivität trotzdem in der Stadtverwaltung seine Ausbildung fortsetzen durfte. Akzeptierende Sozialarbeit, deren Folgen spätestens seit dem „Auffliegen“ des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) und seinen Entstehungsbedingungen bekannt sein dürften, hat noch immer Konjunktur in Nordhausen. Unter diesem Vorzeichen ist es kaum verwunderlich, dass Jendricke trotz des teils rasanten Anstiegs rechtsextremer Gewalttaten in seiner Legislaturperiode immer wieder die Scheuklappenaussage tätigen konnte, wonach Nordhausen kein Naziproblem habe, bis er schließlich unter tragisch-komischen Umständen selbst zum Opfer ebendieser Gewalt wurde. Dass diese Entschiedenheit stets ein reines Lippenbekenntnis bleibt, erwies sich erneut vom 17. bis 19. April, als sich im Ferienhotel Hufhaus-Harzhöhe zum wiederholten Mal zu Meinolf Schönborns „Recht und Wahrheit-Lesertreffen“ Reichsbürger_innen, Holocaustleugner_innen, Antisemit_innen und andere Völkisch-Nationale im Kreis Nordhausen versammelten, um sich das „schlafende deutsche Volk“ selbst wachküssen zu lassen. Eine öffentliche Aufmerksamkeit suchte man vergebens. Auch in Jendrickes Rede vom 27.01.2012, dem Gedenktag an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz und dem daraus hervorgegangenen „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ schaffte er es im gleichen Atemzug, auch der deutschen Wehrmachtssoldaten zu gedenken, was an Geschmacks- und Sensibilitätslosigkeit kaum zu übertreffen ist.

 

Geteiltes Leid ist halbes Leid

Ähnlich wenig Feingefühl, als bei der Akzeptanz organisierter Neonazis und der Bezugnahme auf deutsches Leid im Nationalsozialismus, zeigt Zeh, entgegen seinem eigenen Selbstverständnis, wenn es um die Opfer des Nationalsozialismus und ihren Nachkommen geht. Bereits während des Gedenkens zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht übernahm er recht unbedacht, in Anwesenheit des damaligen Rabbiners der Jüdischen Landesgemeinde, Hr. Konstatin Pal, den euphemistischen Begriff „Reichskristallnacht“. Er wird bei Ansprachen zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zudem nicht müde, im gleichen Atemzug das geteilte Leid der Nordhäuser Stadtbevölkerung während der Bombardierung und das der ehemaligen Häftlinge und Zwangsarbeiter_innen zu erwähnen: Zuletzt während der sonst durchaus gelungenen Bürgerversammlung mit den ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora im Ratssaal der Kulturbibliothek am letzten Wochenende, was an Pietätlosigkeit kaum zu übertreffen ist, wenn man die unterschiedlichen Perspektiven der betroffenen Gruppen reflektiert. Noah Klieger, in Straßburg geborener und jetzt in Israel lebender ehemaliger Häftling des Vernichtungslagers Auschwitz, der im Rahmen seiner Räumungstransporte auch das KZ Mittelbau durchquerte, erinnert sich etwas anders an die Bombardierung der Stadt Nordhausen, als es gemeinhin dort geschieht: „Wir kamen aus dem Stollen: eines der schönsten Schauspiele, die wir je gesehen hatten. Nordhausen stand in Flammen! Wir haben alle gejubelt.“
Eigentlich kann man jedoch im dreifachen Sinne nicht wirklich von einer Befreiung sprechen, die sich in der ersten Aprilhälfte des Jahres 1945 in Nordhausen ereignete: Erstens weil von den wenigsten Deutschen die Beendigung des Krieges nicht unmittelbar als Befreiung, sondern viel eher als Besatzung erlebt wurde, was dem übersteigerten Nationalgefühl eine narzisstische Kränkung verpasste. Erst spät setzte ein Bewusstsein dafür ein, dass es im Rahmen der Geschichts- und Erinnerungspolitik gut „für Deutschland“ sei, dem Revisionismus und Revanchismus Einhalt zu gebieten, wenn man wieder mehr Anerkennung und Verantwortung in Europa und der Welt tragen wolle, wie man es bis heute überall verlauten lässt. Am prägendsten kam dies wohl auf der Sicherheitskonferenz in München im letzten Jahr zum Ausdruck: „Alle drei sind entschlossen, Deutschland eine aktivere Rolle in der Weltpolitik zuzuweisen – in der Diplomatie, bei der Entwicklungshilfe, bei der Überwindung von Finanzkrisen, letztlich aber auch bei Militäreinsätzen. Sie haben keine Furcht mehr, wenn von Deutschland Führung verlangt wird. […] ‚Gleichgültigkeit ist keine Option für Deutschland‘, sagt Ursula von der Leyen. Und Frank-Walter Steinmeier wiederholt in seinem Beitrag wörtlich einen Hauptsatz aus der Münchner Rede von Joachim Gauck: ‚Deutschland muss bereit sein, sich außen- und sicherheitspolitisch früher, entschiedener und substanzieller einzubringen.‘“ (Jochen Bittner und Matthias Nass, in: Die Zeit) Das im gleichen Artikel erwähnte Ende der Gleichgültigkeit (Ursula von der Leyen) kristallisiert sich wohl am offensichtlichsten am sog. „fact sheet“, dem in der vorletzten Woche beschlossenen Rahmenabkommen zur Beilegung des Atomkonflikts mit der Islamischen Republik Iran, das erneut keinerlei Verpflichtungen für die atomare Rückrüstung dieses Landes bedeutet, obwohl es für alle anderen Länder in der Region eine enorme Bedrohung bedeutet. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) in Erfurt wittert dabei bereits ihre „Chancen im Iran“, den sie prompt wieder als „Handelspartner“ bezeichnet. Nach ihrem Hauptgeschäftsführer Gerald Grusser wird die „Lockerung des Handelsembargos“ dazu führen, dass „die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Thüringen und der islamischen Republik in der zweiten Jahreshälfte 2015 deutlichen Schwung aufnehmen“. Dies bedeutet allein für Israel, dem Land der Shoah-Überlebenden, eine unmittelbare Existenzbedrohung, was vor dem Hintergrund des Standortfaktors Thüringen schnell „vergessen“ ist. Der zweite Grund, warum die Situation im April 1945 nicht unbedingt als Befreiung bezeichnet werden kann, ist, weil für die meisten der ehemaligen Häftlinge am 11. April 1945 durch die sog. Todesmärsche das Grauen noch längst kein Ende fand und auch danach noch viele an den physischen Folgen ihrer Haft starben. Schließlich auch, weil für die Häftlinge die psychische Belastung, ihre Traumatisierungen, die ihnen durch die Erlebnisse in den deutschen Vernichtungs- und Konzentrationslagern zugefügt wurden und die es ihnen häufig erst sehr spät ermöglichten, überhaupt noch über ihre damaligen Erfahrungen zu sprechen, keine Befreiung im Sinne einer Erlösung von der Qual bedeuteten. David Salz, ehemaliger jüdischer Häftling, der nun in Israel lebt, sprach in der besagten Bürgerbegegnung absichtlich nicht von Befreiung, sondern von Rettung, „den[n] befreit bin ich bis zum heutigen Tag nicht. Es wurzelt in mir und ich kann nicht vergessen. Und man darf nicht vergessen. Vergessen ist frevelhaft“. Vergessen ist in Nordhausen nicht nur wegen der erwähnten Handelsbeziehungen zum Iran ein großes Thema. Zeh begrüßte zwar in der Eröffnungsansprache en Detail alle Lokalpotitiker_innen, er wollte jedoch zunächst nicht die dreizehn anwesenden Überlebenden namentlich nennen, da dies „zu viel“ gewesen sei. Erst auf Anraten einer Kollegin aus der Stadtverwaltung schob er deren Namen am Ende seiner Ansprache noch hinterher. Ehre wem Ehre gebührt.

 

Die Zeh’sche Wiederholung

Die rituelle und gebetsmühlenartige Wiederholung der Phrase in nahezu jeder Ansprache des Oberbürgermeisters, wonach „der Krieg, der von Deutschland in Gang getreten wurde, nach Deutschland zurückkehrte“, ist nur noch die Spitze eines „zehen“ Eisbergs. Mit dieser Phrase kommt recht deutlich eine Erzählweise aus der Täter_innenperspektive zum Tragen, da „der Krieg“ für die Opfer nicht erst mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann, sondern bereits mit dem „Vorkrieg“ (Christa Wolf). Stigmatisierung, Arisierung, Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung sind nichts, was sich auf „das“ Kriegsgeschehen reduzieren lässt, auch wenn es für „die Deutschen“ das prägendste Narrativ darstellt, weil nur in diesem Rahmen überhaupt die Relativierung von Nationalsozialismus und Holocaust erst möglich wird. Unbewusst wird damit jene Trennung geschichtspolitisch fortgesetzt, die die Ausgrenzung jener „Nicht-Deutschen“ ermöglichte.

Warum das Gedenken an die Opfer der Bombardierung, wenn überhaupt, nur im privaten Raum erfolgen dürfte, wurde von verschiedenen Seiten schon dargelegt und auch in einem anderen Artikel bereits ausgeführt. Die realpolitischen Auswirkungen der „Zeh-Metaphern“ können nahezu täglich erlebt werden, wenn Neonazis nach ihrer Trauerkundgebung in paramilitärischer Selbstsicherheit die Gegenkundgebung durchlaufen und dabei noch in Anwesenheit der Polizei linken Aktivist_innen Verfolgungs- und Gewaltandrohungen aussprechen können. Als der Verein „Jugend für Dora“ das Projekt „Fahnen der Erinnerung“, das sich mit der Sichtbarmachung der ehemaligen Außenlagerstandorte des Lagerkomplexes des KZ Mittelbau-Dora anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung befasste, konnte bei vielen Projekt-Bekanntmachungen eine reflexhafte Abwehr wahrgenommen werden. Stets wurde dem Projekt Einseitigkeit vorgeworfen, da es die Bombardierungsopfer nicht berücksichtige. Die historische Spezifik der Region, die spätestens mit der Errichtung des Lagerkomplexes Mittelbau-Dora zum Ballungszentrum der Rüstungsindustrie ausgebaut wurde, wird dabei gänzlich außer Acht gelassen: „Im Rahmen ihres ‚Programms zur Brechung des Luftterrors‘ ordneten sie [Albert Speer und Hans Kammler] Ende Januar 1945 an, unter der Bezeichnung ‚Entwicklungsgemeinschaft Mittelbau‘ die gesamte deutsche Raketenentwicklung im Raum Nordhausen zu konzentrieren.“ Vergessen wird dabei ebenfalls, dass die Stadt Nordhausen nicht, wie einige wenige andere Städte, vorzeitig kapitulierte, sondern sich im Rahmen des wahnhaften „Totalen Krieges“ und der einhergehenden Aufrüstung der Heimatfront zur „Festung“ ausrief. Der Verlust der historischen Erfahrung wirft damit die Verantwortungslosigkeit im Umgang mit der Geschichte auf’s Tableau, die neben dem zwanghaften Vergessen zugleich immer wieder die innere Widersprüchlichkeit durch Sublimierung und Aggressionsentladung hervortreten lässt.


Die Unmittelbarkeit der Arbeit als Ursache einer entstellten Ordnung

Abgelaufene Zeit_Blog

Der Fetischcharakter der Ware und seine historisch-politischen Folgen für den Arbeitsbegriff

In der vorliegenden Abhandlung soll dem Begriff der Arbeit (und dafür zentral, dem der Produktion) nachgegangen werden. Die begleitende Frage ist dabei, wieso u.a für Postone, einem zentralen Theoretiker der „Neuen Marx-Lektüre“, die Kritik am Kapitalismus eine „Kritik der Arbeit“ sein muss und keine „Kritik vom Standpunkt der Arbeit“ sein kann. In Anlehnung an seine Marx-Interpretation wird der von Marx analysierte „Fetischcharakter der Ware“ dargestellt und dessen Bedeutung für die sog. „Bewusstseinsproduktion“ behandelt, was den Fokus der vorliegenden Hausarbeit ausmachen wird. Die sich daraus ergebenden faktisch-historischen Folgen, die aus einer positiven Bezugnahme auf Arbeit resultieren und bei denen abstrakte Herrschaft in konkrete „Verdrängung“ bis hin zu „Vernichtung“ umschlägt, werden abschließend kurz mit der Darlegung des nationalsozialistischen Arbeitsbegriffs aufgegriffen.

PDF: Zur Unmittelbarkeit der Arbeit

 


Silvesterknall

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Wie weit der Verblendungszusammenhang „allgegenwärtiger Freiheit“ fortgeschritten ist, zeigt sich vielleicht ganz besonders bei namenlosen zeitgenössischen Philosophen. So ist der französische promovierte Philosoph Yves Mayzaud, über den es sich nicht lohnte zu schreiben, wenn er nicht ganz oben in der marktführenden Suchmaschine unter dem Suchbegriffen „Silvester“ und „Philosophie“ erscheinen würde „tief beeindruckt“ von der deutschen Tradition, dass das „Feuerwerk […] von jedem selbst abgefeuert“[1] wird. Die Gesellschaft des Spektakels, die ebenfalls aus einer französischen Feder, namentlich der Guy Debords floss, wäre um einiges besser geeignet als Mayzauds Motiv der „Explosion“, welche lediglich samtig ummantelt Legitimationsversuche der Wut bietet, die objektiv ihren Ausdruck findet. Es sind jene unterdrückten Triebregungen der erstarrten und erkalteten Bürgerlichkeit, zurückführbar auf das uneingelöste Glücksversprechen nach individuellen Erfahrungen in der gegenwärtigen Gesellschaft als Vergesellschaftung, die auf ihre Abfuhr drängen. Da man allerdings das, „was alle wissen, sich selbst ausreden muß, ehe man es den anderen ausreden kann“, muss man jedem Stuss noch das Positivste abgewinnen und jegliche Exkremente noch Schicht um Schicht mit einer neuen Goldlegierung überziehen, obwohl bereits unlängst „die vollends aufgeklärte Erde […] im Zeichen triumphalen Unheils“ erstrahlt. Hauptsache es  leuchtet, funkelt, schimmert und macht Krach. So auch zu Silvester, dessen „Explosionen“ für Mayzaud „die Zerstörung des alten Jahres dar[stellen], um den Platz für das Neue frei zu machen. Es ist schlechthin das Symbol des neuen Anfangs und der Hoffnung. Es handelt sich nicht um Etwas [sic!] Böses, sondern um die Freude mit etwas Schönem das Jahr […] anzufangen.“

Und doch hat er auf seine Art recht. Das Alte soll zerstört, die Erinnerung an den Vorjahresschmerz vernichtet werden, auf dass die tausend Stiche prompt getilgt werden, denen man täglich ausgesetzt ist, wenn man mit dem letzten Funken Vernunft Mitleid denen gegenüber empfindet, die bei minus 15 Grad Celsius auf der Straße Wegschilder für Restaurants halten, deren Preise für eine Mahlzeit den Wochenlohn der Schildhalter_innen weit übersteigen. Aber erfahrungsgemäß gewöhnt man sich an ihren Anblick ebenso schnell wie ans Getöse der Feuerwerkskörper, die uns an diesem Datum erschlagend umgeben. Der Schreck wird zum Erschrecken und schließlich vom neualten Schrein der Arbeitsgesellschaft abgelöst, der bekanntlich auch das Lagertor Buchenwalds „dekoriert“. Wenn man dann doch irritiert vom eigenen Gedanken, sich 10 vor 24 Uhr plötzlich in der Lage der/s Verkäufer_in vom Späti wiederzufinden, der/die gar nicht anders kann als mit aufgesetztem Lächeln ein frohes neues Jahr zu wünschen, und das Gefühl des Glücks, dieses Jahr aus dieser Schlinge den Kopf nochmal herausbekommen zu haben, mitleidet und dadurch mimetische Nähe erzeugt zu sein scheint, so lässt die verwaltete Welt auch hier nicht lange auf sich warten, um die Erinnerung ad hoc zu eliminieren. Wurde man mit dieser Situation plötzlich aus der Alltagstrance gerissen ist, so wird man umgehend mit Öffnen der Ladentür wieder von ihr erfasst – sei´s vom Krawall der Massen, den ohrenbetäubten Knallkörpern, den wie Sirenen heulenden Raketen oder der allumfassenden Knopfdruckfreude über den Beginn des so viel besseren neuen Jahres, für dessen Realisierung einzig die Hoffnung erhalten bleibt. Aber Silvester ist dennoch kein zeichenloses oder leeres „Symbol des neuen Anfangs und der Hoffnung“, die Zeichen deuten eine Hoffnung an, deren Verwirklichung auf einen noch wesentlich schlechteren Zustand als den bestehenden verweisen.

Zum „besinnlichen“ Weihnachten, wenn sich fromme Katholik_innen ihrer angesammelten Sünden des zurückliegenden Jahres haben vergeben, Protestant_innen sich in ihrem einzigen Kirchenbesuch des Jahres bestätigen lassen, dass sie durch ihre pausenlose „schöpferische“ Arbeitsamkeit auf dem besten Weg sind, den göttlichen Logos auf der Erde zu verwirklichen und die „Gottesebenbildlichkeit“ wie ihr Messias Jesus Christus zu erreichen, finden Familientragödien ihre Kulmination. Vielleicht sind sie insbesondere bei Atheist_innen vorprogrammiert, deren wichtigster und scheinbar einziger Bezugspunkt nach der politischen Emanzipation des Staats von der Kirche, eben dieser Brutkasten mit dem Label „bürgerliche Kleinfamilie“ ist. Zwar ist die Weihnachtszeit gewiss alles andere als „besinnlich“, so trägt sie dennoch die Beruhigung des öffentlichen Raumes in sich: Die Straßen sind leer, die Tanzlokale wissen von Jahr zu Jahr aufs Neue nicht, ob es sich denn lohnt, die Pforten zu öffnen, und der Großteil der Deutschen spielt daheim „Gesellschaftsspiele“.  Bei den Wenigsten dürfte der Fall sein, was sich dennoch alle Welt vormacht – sich vollkommen von den diversen Über-Ich-Instanzen emanzipiert zu haben, auf die man gerade zu Weihnachten doch immer wieder gestoßen wird. Das ins Kindliche zurückfallende Verhalten am familiären Weihnachtstisch, in der Vorfreude, auch als Erwachsene_r noch beschenkt zu werden und sich nicht alles verdienen zu müssen (auch wenn man sich die Sachen zuvor bereits aussuchte; auf dass der Zufall sogar im Geschenk entlassen ist), wird zum freien Willen oder wahlweise zur Anstandssache erhoben. Keine Arbeit, einzig Gehorsam und die gute Miene zu bösem Spiel sind Pflichtattitüden, um dem Glücksversprechen, dem Geschenk, ein Stück näher zu kommen: der Großmutter nicht ins Wort reden, auch wenn sie den größten Humbug von sich gibt, sich bei der Cousine über den schulischen Erfolg informieren, auch wenn einem_r selbst zu Schulzeiten alles andere wichtiger war als Unterricht und Schulnoten, oder vor den Verwandten den Tisch abzuräumen, um das Bild der sittlichen Familie zu wahren. Die sublimierten Triebe, die zu Weihnachten nur ihren extrapoliertesten Ausdruck finden, da hier unverblümt vorgeführt wird, dass die Frei- oder Urlaubszeit keine Zeit der Erholung, sondern einzig die Verlängerung des Leides eines geknickten und gescholtenen Individuums ist, dass sich doch immer bereits frei zu seiner Unfreiheit entscheidet, evozieren einen Selbsthass. Das Problem der kognitiven Dissonanz führt das Individuum meist dazu, den einfacheren Weg einzuschlagen und nach außen projizieren was ins Innere drängt. Wenn daher das wirkliche gesellschaftliche Spiel – die familiäre Hackordnung –  nicht bereits umgehend im Heimischen kollabiert und sich Ruhe und Besinnlichkeit nicht Knall auf Fall in Schall und Rauch auflösen, dann ist ihrer Triebabfuhr bereits mit dem Silvesterritual Vorschub geleistet.

So erfüllt auch Silvester seine gesamtgesellschaftliche Funktion. Hat das Individuum genauso gelernt, alles in seiner Macht stehende zu unternehmen, um seine Arbeitskraft zu erhalten – von Fitnessclub, über Saunawochenenden bis hin zu NLP-Therapien -, wie es gelernt hat, in seinem Nahkreis den Herrschaftsanspruch zugunsten der Kollektivharmonie zu bändigen, so muss es Macht dort ausüben, wo sie legitimiert oder zumindest toleriert ist. Silvester, als der zeitlich begrenzte Ausnahmezustand, fungiert bestens als psychologischer Kitt, da es den Gedanken an Herrschaft wach hält während doch jede_r der Beherrschung scheinbar entledigt sei. Die ungebändigte Wut findet mit gesetzlich legitimierten Pseudo-Waffen seine Triebabfuhr. Die Bilderproduktion, die jede_r individuell Knallende dabei erzeugt, entwirft hingegen ein Gesamtportrait, welches alles andere als harmonisch wirkt und zum Spektakel verkommt. Nach der Weihnachtsruhe wird krämpferisch die öffentliche Sphäre zurückerobert und die neutrale, blasse Welt wiederbelebt (oder besser -bebombt). Es wird Krieg gespielt, wo scheinbar keiner ist und die gesellschaftliche Verrohung wird mit der Nachahmung von Gewalt nur allzu deutlich. So wie nach Mayzaud die explosive Zerstörung des alten Jahres bereits auf die neue Ordnung verweisen soll, wird der Hass aufs Tauschprinzip zum ideologischen Umsturz hin zur racketlike community. Da aus der Perspektive der Industrie kaum noch ein humanes Fundament vorhanden ist, auf das diese zugreifen und ausschlachten kann, keine Schnulzen, keine Wunderkerzen und auch kein leichter Alkohol mehr zum Jahreswechsel, werden stattdessen die besten „fails“ des Jahres als Belustigung über fremde Unsäglichkeiten, ganze Raketenbatterien und der Hang zum Vollrausch aktiviert. Das leitende Motiv des Kulturindustriekapitels der Dialektik der Aufklärung, die Schadenfreude über den gelungenen Triebverzicht, wird nur allzu deutlich. Dort, wo keine Glückserfahrungen über Anschmiegung entstehen können, werden sie so von jenen der totalen Abgetrenntheit ausgeglichen. Da keine mimetische Bewegung mehr möglich ist, finden wir eine Mimesis der Mimesis vor. Gewalt, ohnehin jenes Moment, das Jede_r bestens kennt, wird zum Symbol des neuen Geschäfts. Hier versöhnen sich bildlich bereits „Kultur“ und „Industrie“ im Anzeichen des absoluten Wahns, der nur noch in Vernichtung umzuschlagen braucht. Die Ausgeschlossenen – Obdachlose, die in der Nacht zum Jahreswechsel nicht anzutreffen; Verkäufer_innen, die auf den Feiertagszuschlag angewiesen; oder jene Angestellte der Straßenreinigungen, die am nächsten Morgen bereits auf der Straße sind, ehe noch die ersten Hedonist_innen ans Ende ihrer Party denken, um den Anschein von Normalität zu wahren – sind nur die augenscheinlichen Anhängsel jener Maschinerie, die im Krawallexzess keine Stimme haben und bereits vorab verstummen. Die anderen messen sich mit der schwersten Munition, die sie im Supermarkt auftreiben konnten und üben sich im Straßenkampf, der keine direkten Gegner_innen hat. So wird alles und nichts zu dessen Objekt, zum leeren Signifikanten, der nur allzu schnell affektiv gefüllt werden kann. Das Hervortreten von der Vermassung wird zu Silvester mit dem verlängerten Arm des Konsums erkauft und dadurch, was sowohl jene ausgeschließt, die es sich nicht leisten können am Spiel zu partizipieren, als auch solche, die als Gefahr eingestuft werden, dem letzten verbleibenden Spaß noch den Hahn abdrehen zu können, da sie über die Macht des großen Donners verfügen.

Die Ubiquität der Herrschaft des Kapitals zeigt sich am nächtlichen Silvesterhimmel, welche sich in einem undifferenzierten Blitzchaos und alle Straßen durchschallenden Donnerschlägen widerspiegelt. In dieser Nacht beantworten die Individuen die subjektlose Dominanz mit Angst und Wut gleichermaßen. Anstatt wie einst gemeinschaftlich an einem Feuerwerk zu partizipieren, wird jede_r zur einen „One-Man-Army“, zum/r neuen heiligen Krieger_in, der/die Himmel und Erde seinem/ihrem Bilde gleichschaltet und nur darauf wartet, um die nächste Ecke seinen/ihren Endgegner zu finden. Das Heulen und Knallen der Feuerwerkskörper weckt die Rachegelüste gegenüber dem „Vater“, der, wie gerade zu Weihnachten erst schmerzlich erlebt, noch immer die Hose anhat und der viel zu lange die Lust versagte, indem er der einzige Richter über Triebbefriedigung und -versagung war. Heute, wo Gott und Vater ihre einzigartige Rolle der Öffentlichkeit längst verloren haben, und durch jede beliebige Figur ersetzt werden können, steht die Aufklärung, wie wir erst kurz vor Jahresende in Gaza wieder sahen, unmittelbar vor ihrer absoluten Grenze. Die These von Brauns zum beweglichen Vorurteil des Signifikants „Jude“[2] lässt deutlich werden, was geschieht, wenn auch hier der Vatermord erneut repersonalisiert oder vom Festtisch zu Weihnachten im eigenen Haus auf das „Haus des Anderen“ projiziert wird. Das christliche Vorurteil des Jesusmordes brauchte bekanntlich nicht lange, um zum nationalsozialistischen Ressentiment der Revolte mit Vernichtungswut gegen alles zuvor Dagewesene zu werden, dessen Inbegriff der Jude war und blieb. Wer prädestiniert ist, den Hausfrieden zu stören, ist damit hinlängst bekannt. Daher hängt auch heute, wie eh und je, die „Umwendung […] davon ab, ob die Beherrschten im Angesicht des absoluten Wahnsinns ihrer selbst mächtig werden und ihm Einhalt gebieten. In der Befreiung des Gedankens von der Herrschaft, in der Abschaffung der Gewalt, könnte sich erst die Idee verwirklichen, die bislang unwahr blieb, daß der Jude ein Mensch sei.”[3] Silvester deutet Gegenteiliges dieser zu verwirklichenden Idee an und vielleicht sollte man sich im Moment damit zufrieden geben, dass das einstige Glücksversprechen längst von der Hoffnung auf den Status Quo abgelöst wurde, der Hoffnung dass im neuen Jahr nichts sich zum Schlechteren wendet.


[2] Von Braun, Christina & Ziege, Eva-Maria (Hrsg.): Das ‚bewegliche‘ Vorurteil: Aspekte des internationalen Antisemitismus. Königshausen & Neumann.

[3]  Horkheimer, M. & Adorno, Theodor W. (1969): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt/Main. S. 179.


Volksmob und Verwaltung – Ein Essay zum provinziellen Spuk Nordhausens

Wie anhand der jüngsten Pressemeldungen auf Zeit-Online zu erkennen ist, fällt es den Nordhäuser_innen wie gewohnt recht schwer, sich selbst das einzugestehen, was nun über linke Medienstrukturen hinaus auch im bundesweiten Diskurs die Runde macht: Die Provinz im Allgemeinen und eines ihrer extrapolierten Spezifika unter dem Namen Nordhausen im Besonderen sind „braun“- sie mutieren zur „Nazi-Hochburg“.[1] Damit sind im vorliegenden Essay nicht nur die unter diversen Namen in der Stadt kursierenden rechtsradikalen Gruppierungen der letzten Jahre („NDH-City“, „Wackerfront“, „Die Unsterblichen“ oder jüngst „Aktionsgruppe Nordhausen“) und der Kreisverband der NPD als ihr parteiparlamentarisches Bindeglied gemeint, sondern ein faschistischer „Geist“, der weit über die Psyche dieser „Randgruppen“ hinaus Einzug ins Stadtgeschehen der letzten Jahre gehalten hat – womöglich war er ohnehin nie ausgetrieben.

Der Druck steigt

So wie es in Nordhausen die lokalen Medien konsequent schaffen, die gesellschaftlichen Tendenzen, welche sich in ihrer Stadt offenbaren, zu ignorieren – sei´s aus bewusst lokalpatriotischer, sei´s aus unbewusst psychischer Verfangenheit, um lieber über Tiermessen und das neuste Mitglied im Heimat- oder Schützenverein zu berichten, so wichtig ist es, dass überregionale bzw. bundesweite Medien sich der Sache annehmen. Als es dann, durch den Druck dieser medialen Öffentlichkeit, kaum mehr zu leugnen war, dass es hier scheinbar blinde Flecke in der Berichterstattung gibt, kam einmal mehr zum Vorschein, was in der Stadt höchste Priorität besitzt: Das Ansehen des eigenen Kollektivs. In Reaktion auf den Störungsmelder-Artikel von Zeit-Online[2], der die aus Blindheit resultierende Verworrenheit von Nazistrukturen und der Nordhäuser Verwaltung aufgreift, schien die größte Besorgnis darin zu liegen, dass das positive Licht der traditionsträchtigen Stadt – ihr Standortfaktor – und ihrer „toleranten“ Bevölkerung nicht erlischt. So kommentierte Christian Darr, Bürgermeisterkandidat der GRÜNEN der letzten Wahl, als er auf seiner Facebook-Seite den benannten Artikel verlinkte, dass „die Außenwirkung für diese Stadt kaum noch (schlimmer) werden“ kann. Als sich die NNZ (Neue Nordhäuser Zeitung) dann doch erbarmte, auf die „Störungsmelder“ (die für sie eher Störenfriede zu sein scheinen) zu reagieren, da das Übel durch den Druck der größeren Pressewirksamkeit von Zeit-Online nicht einfach wie gewohnt unter den Tisch zu kehren war, wurde sofort versucht, die aufgebrachten Wogen harmonistisch zu glätten – natürlich für „Nordhausen“. So ist kein Wort zu finden von der inhaltlichen Kritik an der rechtsoffenen Tendenz in Nordhausen, die nun personell Einzug ins Rathaus hielt.[3] Matthias Jendricke (ehemals amtierender und seit Anfang Juli stellvertretender Bürgermeister der Stadt), seit jeher bekannt durch die Verharmlosung faschistischer Strukturen in Nordhausen („die Stadt hat kein Nazi-Problem“), deren Folgen er – man könnte es Ironie des Schicksals nennen – am eigenen Leib erfahren musste[4], bezog auch jetzt wieder eine konsequent apolitische Position. Tim Peter, ein Neonazi, der seine Ausbildung bei der Stadtverwaltung macht, der auf seiner Facebook-Seite ikonenhaft von Nazigrößen wie Rudolf Heß schwärmt und dessen Kontakte zu großen Teilen der lokalen Neonaziszene und NPD-Funktionären spätestens jetzt bekannt sind, wird von Jendricke für seine Machenschaften sozusagen „in die Schranken gewiesen“. Dabei wurde „ihm eine rote Linie aufgezeigt, die er nicht überschreiten solle“. Im Klartext: er solle aufpassen, dass er sich nicht wieder erwischen lässt. Mit diesem inhalts- wie folgenlosen Lippenbekenntnis wurde ihm dann „eine letzte Chance gegeben“. Das Problem ist nur, dass in den letzten Jahren der Nordhäuser Naziszene (phylogenetisch) permanent dieser Passierschein gewährt wurde, der jetzt (ontogenetisch) auch Tim Peter ausgestellt wird. Zu erinnern ist an die letzte Demonstration der Rechten, als sie gegen (jüdische) „Kriegstreiberei“ und (amerikanischen) „Imperialismus“ unter dem Banner „Keine Panzer für Nah-Ost“ auf die Straße zogen, bei der es bis auf eine vereinzelte Antifa-Gruppe von ca. 10 Leuten praktisch keine gesellschaftliche und politische Gegenwehr gab – weder parteipolitischer Art seitens des Stadtrates noch von hiesigen Bürgerinitiativen. Politische Willensbereitschaft und Nachdrücklichkeit sieht anders aus. So wird das Nordhäuser Rathaus in diesem Fall einmal mehr zu einer Art politischem Jugendamt und Jendricke selbst zum akzeptierenden Sozialarbeiter, der ganz klar signalisiert: „Wir tolerieren alles, wirklich alles“, was wiederum nichts anderes als eine apolitische Haltung offenbart. Da jedoch Jede_r, der/die gesellschaftstheoretisch etwas auf der Höhe ist, weiß, dass es so etwas, wie eine apolitische Haltung nicht gibt, sondern diese nur vorscheinlich der verlängerte Arm der bestehenden (politischen) Verhältnisse ist, die beispielsweise Marx mit dem „Fetisch“ und Freud mit dem „Unbewussten“ zu fassen vermochte, sollten wir versuchen, uns diesem „Nordhäuser Geist“ etwas zu nähern, der hier sein Unwesen treibt.

Der Kitt, der nicht mehr klebt

Um das Image der Stadt ist es aus aktuellem Anlass derzeit nicht gut bestellt und das trotz der permanenten Selbstlobpreisungen der regionalen Medien, die wie verwachsen mit den politischen Strukturen der Stadt zu sein scheinen, egal welches gehisste Fähnchen gerade am Rathaus zu sehen ist. Die zusammenschweißenden Imagekampagnen und Selbstbemitleidigungen, wie sie symbolisch alljährlich mit den Gedenkveranstaltungen am 3.4. zur Bombardierung und Zerstörung durch die Alliierten vollzogen werden[5], haben inzwischen, so scheint es, ihre Kitt-Funktion verloren. Das Fundament fängt an zu bröckeln. Soziale Spannungen, die zuvor mit Stadtfesten, Jahrmärkten und einer halbwegs funktionierenden Freizeitindustrie sublimiert oder zumindest temporär entschärft werden konnten, sind zunehmend selbst zum Konfliktfeld geworden. Konnte man einst noch ein Erscheinungsbild wahren, welches die Stadt in einem weltoffenen, frischen und toleranten Licht erscheinen ließ, so schickt die sogenannte Mittelschicht ihre Kinder längst nicht mehr, zumindest gewiss nicht allein und ohne Bauchschmerzen, auf den „Rummel“. Alternative Jugendliche vermeiden diesen Raum bereits seit den beginnenden 2000´ern, mit Ausnahme für Recherchezwecke gegenüber der Naziszene. Hierfür ist dieser geradezu prädestiniert. Erinnert sei auch an den gewaltsamen Übergriff „der Unsterblichen“ auf Jendricke zum letzten Nordhäuser Rolandsfest. Jedoch sind diese zunehmend missglückenden sozialen Homogenisierungsversuche, bei der das Bewusstsein dafür geschaffen werden soll, wieder stolz auf die eigene Stadt zu sein und sich mit dem Label „Nordhausen“ zu identifizieren, zum Scheitern verurteilt. Wer nicht ganz dem Taumel verfällt, bemerkt, dass mit Blick auf die geschichtliche Tendenz der kulturellen Angebote diese längst im Verfallsmodus sind, wie es sich allein schon an den zahlreichen Schließungen von Jugendzentren ablesen lässt, auf die keine Neuöffnungen folgten. Das zeitweise pulsierende „Rockhaus“, welches rund dreißig Bands unter einem Dach zusammenbrachte, damit diese dort proben, sich austauschen und organisieren können, ist aus personalfinanziellen Gründen und damit letztlich am Unwillen der Stadt gescheitert. So wie die Neonazis mit Recht behaupten können, dass sich die „einst so hochgejubelte `antifaschistische Hochburg´ in Nordhausen“ in Luft aufgelöst hat, so trauern die meisten Alt-Alternativen noch immer der Schließung des sog. „Big Dipper“ nach, dem einstigen Dreh-und-Angel-Punkt der lokalen Antifa-Szene, die inzwischen bereits mehr als 10 Jahre zurückliegt. Um andere kulturelle Angebote ist nicht besser bestellt. Das örtliche Theater kann sich nur noch durch einen eigens gegründeten Verein und den Zusammenschluss mit dem Sondershäuser Loh-Orchester finanzieren. Auch die Kneipenkultur klagt seit geraumer Zeit über sinkende Umsätze und verkommt zur homogenen Freizeitbeschallungsmaschinerie. Die Freizeitindustrie mit der Großraumdiskothek SAX, mit Casino und Kino, die bisher immer noch eine gewisse Frustkompensation und eine Art „Beschäftigungstherapie“ für umherirrende Nordhäuser_innen darboten, welche in ihrer Freizeit keine Selbstwirksamkeitserfahrungen mehr erlebten, scheinen diese sozialen Spannungen nun auch nicht mehr sublimieren zu können. Das erhoffte und auf den Zufall getrimmte Glücksversprechen bleibt aus.

Die Phänomenologie der Arbeiter_innen-Stadt

Diese ausbleibende, normativ positive Resonanzerfahrung wird zunehmend von der Freizeit auf die Arbeitswelt projiziert. So ist Nordhausen eine Stadt der Arbeit geworden, sie wirkt wie eine der letzten Bastionen der industriellen Produktion, die mit innovativen Neuerungen beflügelt durch die Fachhochschule auf der Höhe der Zeit zu sein scheint. Doch dieser Schein trügt genauso, wie beispielsweise die vermeintliche Fortschrittlichkeit der Deutschen in der Weimarer Republik. Hinter der Maske, deren anmutend freundlichen Gesichtszüge bereits von mechanischer Steuerung zeugen, blinzelt überall die protofaschistische Fratze hindurch: sei´s der Fangesang im Stadion des lokalen Fußballvereins, die Nazi-Shirts der Türsteher im SAX oder im zunehmend von Neonazi-Aufklebern und –Graffitis durchsetzten Stadtbild. Die „Antifaschistische Stadtreinigung Nordhausen“[6] scheint machtlos.

Anhand der sozioökonomischen Stadtentwicklung wird dieser Verdrängungsmechanismus nur allzu deutlich. Folgten der chaotischen Nachwendezeit noch die Übernahmen der Tabak-, Schnapps-, Gipsabbauindustrie etc. in private Hand, so gerieten diese etwa 10 Jahre danach mit der Zunahme des nationalen wie internationalen Konkurrenzdrucks und der sinkenden Lukrativität durch Abwanderung, mangelnde Infrastruktur sowie die ausbleibenden nachrückenden Fachkräfte mächtig ins Schleudern. Dem konnte lokalpolitisch sodann nur mit Selbstaktivierungs- und Mobilisierungskampagnen à la Ich-AGs und Kleinunternehmertum, strukturfördernden Subventionierungen und dem Ausbau der (fachbasierten) Bildungslandschaft begegnet werden. Nicht ohne Grund finden sich an der örtlichen Fachhochschule Studiengänge, wie „regenerative Energietechnik“, die einst einen eher exotischen Ruf hatten. Insbesondere das Glück, dass diese Kapitalvorschüsse auch ihre Realisation am Markt fanden, führte dazu, dass sich in Nordhausen eine wiedererstarkende Wirtschaft zugange ist. Der Ausbau der Industrie nahm in den letzten Jahren rasant zu – um nur die „Schwergewichte“ zu benennen: Schachbau, Maximator, Feuer-Powertrain, Eaton. Einmal ganz davon abgesehen, dass in all diesen Unternehmen auch regional bekannte Neonazis eine Arbeitsstelle gefunden haben, bleibt zu fragen, warum genau in der Blütezeit der letzten Jahre eine Zunahme rechter Gewalttaten vonstattenging. Wirtschaftlicher Aufschwung, so müsste man in Deutschland wissen, geht nicht zwingend mit einem geistigen Höhenflug einher. Seit dem infrastrukturellen Ausbau der Autobahn A38 scheint sich niemand mehr, der/die nicht unbedingt wie zuvor wegen des Verlaufs der Fernverkehrsstraßen durch den Harz oder jener der Achse Leipzig/Halle-Göttingen dazu gezwungen ist, in die Stadt zu verirren. Jeglicher kultureller Austausch, der zumindest durch Pendler_innen, die gezwungenermaßen die Traditionsstadt passieren mussten, fällt weg. Es scheint, als koche man nur noch sein eigenes Süppchen, suhlt sich lediglich in der eigenen Sud und beklagt sich permanent über die psychischen und körperlichen Folgen des Arbeitswahns, während man im gleichen Atemzug nicht versäumt zu erwähnen, wie gerne man aber eigentlich arbeitet. Je knapper die Arbeitsplätze, desto lautstärker die Beteuerung dieses Lippenbekenntnisses.

Technisches Denken und pathische Projektion

Dem instrumentellen Charakter jenes vorherrschenden Pseudo-Intellektualismus, auf den bereits das Orteingangsschild mit dem Verweis „Fachhochschulstadt“ hinweist, wird Vorschub geleistet durch die Auszeichnung mit technischen Innovationspreisen. Mindestens ebenso technokratisch ist die an der FH vollzogene Lehre. So gibt es lediglich zwei Lehrbereiche: 1. Ingenieurswissenschaften und 2. das Konglomerat aus Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Insbesondere die Sozialwissenschaften sind durch Studiengänge wie „Public Management“, „Sozialmanagement“ und „Gesundheits- und Sozialwesen“ repräsentiert, wobei gerade in letzterem die biopolitische Zurichtung getarnt unter pädagogischem Deckmantel nahezu ins Auge springt. In Nordhausen ist prototypisch für spätkapitalistische Verhältnisse alles auf die „Befähigung“ für den Arbeitsmarkt ausgerichtet und das, obwohl die „konkrete gebrauchswertschaffende Arbeit“, die „Verausgabung von menschlichem Hirn, Nerv, Muskel, Sinnesorgan usw.“ (Marx) zur gesellschaftlichen Reproduktion im Schwinden ist. Da sich dieses aber niemand, der/die der fetischisierten Arbeitsmoral verfallen ist und keinen anderen Ausweg, als das Arbeitspensum kontinuierlich zu erhöhen, sieht, tritt zu Tage, was Adorno unter der „pathischen Projektion“ begriff. Anstelle einer (mimetischen) Anschmiegung an die Anderen, um das Objekt in seiner Besonderheit erfassen zu können, ohne es als besonderes aufzulösen, wird auf die Anderen das projiziert, was dem Selbst verwehrt ist: die Freiheit vom kollektivierenden Arbeitszwang, der die besonderen Tätigkeiten auf eine einzige Formel reduziert – die Arbeitszeit. Damit geht jenes Pathische einher, das dem Objekt aus Frust und Wut Attribute wie Faulheit, Schmarotzertum und Nutznießerschaft zuschreibt, jenes Unbeschwerte und Glücklichere, das dem Selbst vorenthalten scheint. Der sich stets verstärkende Druck des Kapitalverhältnisses führt nicht etwa zur versuchten Versöhnung und Solidarisierung mit den in Wirklichkeit mindestens ebenso Leidenden und sozial Ausgegrenzten, die sich vom Harzt-4-Empfänger, über den Leiharbeiter mit (Arbeits-)Migrationshintergrund bis hin zum vom Arbeitswahn psychisch Erkrankten erstrecken, sondern zu zusätzlichen sozialen Sanktionierungen. Sanktionen, die die ohnehin bestehenden Restriktionen des „aktivierenden Sozialstaats“ auf das individuelle Leben noch prolongieren. Ein bezeichnendes Beispiel ist hier, dass im Gegensatz zu anderen, weniger provinziellen Städten, das sogenannte „Flaschensammeln“ fast ausschließlich nachts passiert, wenn sich die Arbeitswütigen im Schlaf ihrer Regeneration bemühen. Neben dem Ausbau der Industrie fällt zudem in der sich vollziehenden Umgestaltung des Stadtbildes auf, dass Sozialaktivierungs- und Rehabilitationseinrichtungen, wie das „Jugendsozialwerk“, als erfolgreichster und überregional agierender (privater) Träger von Sozialarbeit im umfassenden Sinn, und das „Südharzkrankenhaus“, stetig expandieren. Bei letzterem wurde erst 2007, um neue Kapazitäten zu schaffen, der Westflügel ausgebaut: die Psychiatrie.

Das Problem heißt Kapitalismus, aber nicht in eurer Lesart!

Einerseits gelingt es dem Kapital in zunehmendem Maße auf die Ware Arbeitskraft zuzugreifen, indem das Büro mit Stechuhr vom „Homeoffice“ mit zeitlichen Deadlines für die diversen Projekte abgelöst wird, was die Grenzen von Arbeitswelt und Freizeit immer undurchsichtiger werden lässt. Wer weiß schon noch, ob die regelmäßigen Solariumbesuche, das letzte Zahn-Bleeching oder das neueste Kleid nicht insgeheim dazu angelegt sind, beim nächsten Geschäftsessen die Chancen auf einen neuen Projektvertrag zu steigern. Hardt und Negri bezeichnen diese Form, bei der sich das Wertprinzip bis in die letzten Poren und Regungen verselbstständigt hat, als affektive Arbeit. Die Internalisierung von Arbeit um der Arbeit willen ist bereits Ausdruck der für den Kapitalismus typischen Bewegung G-W-G´ (Die Umwandlung von Geld in den [Re-]Produktionsprozess einer Ware, um aus dieser mehr Geld zu gewinnen). Der Selbstverwertung des Werts ist damit die Selbstvernichtung der Arbeiter_innen durch eine positive Bezugnahme auf diese Arbeit immanent.

 Andererseits setzt der Kapitalismus immer größere Zahnräder in Kraft, die die gesamte Maschinerie immer schneller und auf stets erweiterter Stufenleiter laufen lässt. Wenn Rosa schreibt, dass die Menschen immer schneller laufen müssen, um auf den „slippery slopes“ überhaupt an Ort und Stelle bleiben zu können, so ist dem hinzuzufügen, dass sich dieses Rennen und die Hektik auf den Rücken der Akteur_innen abspielt und zu Erschöpfungserscheinungen führt, für die wiederum neue „innere Landnahmen“, die Eröffnung neuer Marktsegmente geschaffen werden. In Nordhausen ist das besonders deutlich am Südharzkrankenhaus, der räumlichen wie leistungsmäßigen Expansion von JugendSozialwerk und der Nordthüringer Lebenshilfe sowie der Zunahme an Wellness-, Fitness- und Gesundheitsangeboten erkennbar. Expansionen, die parallel zu denen der Industrie vonstattengehen. Es sind die notwendigen Kompensationseinrichtungen, die die schmerzhaften Leibeserfahrungen der Nordhäuser_innen verdecken oder zur Rehabilitation einzig des alten Zweckes wegen beitragen. Vom kirchlich versprochenen Seelenheil ganz zu schweigen. All diese „Angebote“ verhelfen dem Kapital in fortschreitend umfassender Weise auf den Körper als Ware Arbeitskraft zuzugreifen und dessen Belastbarkeit und Verletzlichkeit bis ins Unermessliche auszudehnen. Jedoch findet auch seine Zurichtung ihre Grenzen, was aber geschieht dann?

Der faschistische Geist

In Nordhausen zeigt sich, was passiert, wenn die Kompensations- und Sublimierungsmechanismen der provinziellen Tristesse nicht mehr funktionieren, die die erzeugte Arbeitswut in geregelte, dem Rechtsstaat konforme Bahnen kanalisiert. Dass Imagekampagnen, Freizeitindustrie sowie die Sozialaktivierungs- und Rehabilitationsmaschinerie ihre Wirkung verloren haben, verrät die gestiegene Konjunktur rechten Gedankenguts und seiner politischen Ausdrucksformen: Demonstrationen mit zunehmend sinkender Gegenwehr, Schändungen des Bölcke-Mahnmals mit antijüdischen Hasstiraden, die Akzeptanz sich offen bekennender Neonazis im Stadtgeschehen („Tim Peter“, Neo-Nazis bspw. als Ordnungshüter in „SAX“ und „Jugendklubhaus“ sowie als Angestellte in verschiedenen Unternehmen) und die ihnen gewährten Passierscheine. Der Stadt scheinen diese Personengruppen noch um einiges willkommener zu sein als der Bruch mit der Heimat: Diese arbeiten wenigstens für´s Kollektiv, sie verstehen nur nichts von politischer PR. Da die Arbeit als Selbstwirksamkeitserfahrung die letzte Instanz zu sein scheint, wo diese überhaupt noch möglich ist, wird ihr Selbstzweckcharakter vollends verstellt. Sie wird zum Damoklesschwert. „Die deutschen Neuheiden und Verwalter der Kriegsstimmung wollen die Lust wieder freigeben. Da sie aber im Arbeitsdruck der Jahrtausende sich hassen gelernt hatte, bleibt sie in der totalitären Emanzipation durch Selbstverachtung gemein und verstümmelt.“ (Adorno/Horkheimer) Die Libido wird gemäß der pathischen Projektion gleichermaßen zu Wut und Angst und somit zum faschistischen Stadtgeist.

Der projizierte Selbsthass und die libidinöse Wut richten sich unvermittelt aufs Nichterfassbare: Gegen „fremde Investoren“, die nur kurzfristige Gewinne erzielen wollen und nicht willens sind, die Lebensumstände der Bevölkerung langfristig und nachhaltig zu verbessern. So wurde damals bspw. bei den Schließungen von Reemtsma und WICO argumentiert, die ihre Betriebe „hier“ schlossen, um ihre anderen Standorte „drüben im Westen“ zu erhalten. Auf die bundesweiten Medien, die Nordhausen ins falsche Licht rücken oder, wie jüngst nun auch die Nordhäuser Neonaziszene den wirklichen Feind lokalisiert, gegen Israel und Amerika. Die ausbleibende „bürgerliche“ Gegenwehr spricht für sich. Die zunehmenden Abstraktionen des Kapitals, die mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und unter dem Namen Globalisierung jegliche Grenzen verschwimmen lassen, bringen den eigenen Standort wieder zurück zum eigentlichen Identifikationssymbol. Ist man auch noch so frustriert, der Werksarbeiter neben mir an der Maschine teilt immerhin das gleiche Leid, welches „die Anderen“ hinterm Stadthorizont verursachen. So wird das Nächste, die eigene Clique, der eigene Fußballverein, die eigene Stadt zum einzig Wahren, auf das die Lobgesänge gerichtet sind. Sie werden zum Ticket, das im Handgriff gezogen wird. Den Nordhäuser_innen ist das Kapitalverhältnis bzw. die warenförmige Gesellschaft schlicht zu abstrakt, das Konkrete ist das Arbeitskollektiv, welches gegen den personifizierten Markt in Anschlag gebracht wird.

Ansteckungsgefahr

Das Gefährliche ist, dass die im Kapitalismus notwendig entfremdete Arbeit jegliche emotionalen Regungen verkümmern lässt. Wer sich ein Bild von diesen blutleeren Zombies machen möchte, sollte sich bei der nächsten Fahrt auf der A38 die Zeit nehmen, um einen kurzen Abstecher in die Stadt Nordhausen zu machen. Bitte verweilen Sie jedoch aus Sicherheits- und Selbstschutzgründen nicht zu lange, die Infektionsgefahr ist recht hoch. Diejenigen, die es frühzeitig meist gleich nach der Schule heraus getrieben hat, um Ausbildung oder Studium aufzunehmen, bekommen meist noch nach Jahren das altbekannte Sprichwort zu hören: „Man bekommt den Bauer zwar aus dem Dorf, aber das Dorf nicht aus dem Bauern heraus.“ Dann können Sie sich in etwa vorstellen, wie es um das Epizentrum der Epidemie geistiger Tiefflieger bestellt ist, denen alles „zu hoch“ ist, was die Stadtgrenze übersteigt.

Die Errungenschaften des bürgerlichen Rechtsstaates, die der Nordhäuser Volksmob als zu abstrakt erlebt und sich deswegen lieber dem Jargon der Schicksalsgemeinschaft unterwirft, als viel eher solidarisch zumindest ein gleiches Recht für alle zu proklamieren, sind zunehmend dem Verfall ausgesetzt. Presse, Pseudo-Intellektuelle und die ehrlichen Nordhäuser Arbeiter_innen sitzen hier im selben Boot, wenn die einen rassistische, antisemitische und homophobe Sprüche am Spielfeldrand des „FSV Wacker“ schreien, während die anderen mit Scheuklappen daneben sitzen und sich denken „Ich will doch nur das Spiel sehen“. Mit polemischer Zunge könnte behauptet werden, dass mit dem neuesten Skandal um den Fall Tim Peter im Nordhäuser Rathaus nun symbolisch vollzogen wurde, was mit der gescheiterten Entnazifizierung durch den allzu starken Zusammenhalt der deutschen „Volksgemeinschaft“ im Postnazismus auf sich warten ließ, die aus Schamgründen doch nicht zu sich selbst kommen durfte. Was bisher schwelte, der Verdrängung statt der Aufarbeitung der Vergangenheit wegen, bricht nun hervor: die Verjährungsfristen sind abgelaufen und das vorgespielte schlechte Gewissen nach dem Motto „Wir müssen, aber wollen nicht“[7] kann ad acta gelegt werden. Der vermeintliche „Bruch mit der Geschichte“ ist nun auch in Nordhausen „geglückt“, die positive Bezugnahme auf die eigene Heimat ist wieder „vorurteilsfrei“ möglich. Was dem/der Deutschen sein/ihr „Sommermärchen“ ist, ist dem/der Nordhäuser_in sein/ihr antifaschistisch ummantelter (neurotisch-reflexhafter) „Rinke-Hype“.[8] Endlich ist geeint, was ohnehin insbesondere in der rückständigen Provinz seit jeher zusammengehörte: Volksmob und Verwaltung.



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