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„Dem blutigen Zweck der Herrschaft ist die Kreatur nur Material.“

In den Schriften Adornos und Horkheimers finden sich verschiedene Passagen, welche die Beziehung des Menschen zur animistischen Natur aufgreifen. Sie stellen die Möglichkeit dar, diese Beziehung zu hinterfragen und über zukünftige Formen der Koexistenz kritisch zu diskutieren. Es wird somit ein Weg geebnet, der eine entbarbarisierte, von Herrschaft und Unmündigkeit entzweite Gesellschaft zumindest theoretisch ermöglicht. Dabei gilt es, gemäß Adorno und Horkheimer, eingereiht in die Achse Hegel/Marx/Freud, das Verständnis von Aufklärung fortzuentwickeln. Aufklärung ist nicht mehr nur der Versuch, sich seiner eigenen Unmündigkeit zu entledigen und sich seines Verstandes ohne Leitung eines Anderen zu bedienen, indem dieser von „Vernunft“ geleitet wird. Sie übersteigt diesen Zustand und fasst den scheinbar gültigen Vernunftbegriff, „deren Bestimmungen, in eine zusammengefasst, […] die optimale Anpassung der Mittel an den Zweck, das Denken als arbeitssparende Funktion“ (Horkheimer, Vernunft und Selbsterhaltung: 274) sind, quasi instrumentelle oder rationalisierte Vernunft, in einen weiteren, moralischen Sinnzusammenhang. Gemäß der geltenden Logik werden „die unvernünftigen Geschöpfe stets Vernunft erfahren“ (Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung: 262), solange Vernunft in der Tradition, deren Selbsterhaltung alles unter ihren Willen zwingt, was sich nicht wehren kann.“ (Horkheimer, Vernunft und Selbsterhaltung: 291). In der Negation dessen wird deutlich, dass wahre moralische Vernunft nur dort entstehen kann, wo sich Herrschaftsverhältnisse zurücknehmen und sich dem perpetuierenden Moment der Selbsterhaltung entledigen. Mitleid stellt das wahrhaftige Fundament der Vernunft dar, sie ist die  „ganz unmittelbare Teilnahme […] am Leiden eines anderen, [wobei]  das Leiden eines anderen unmittelbar mein Motiv“ (Schopenhauer, Über die Grundlage der Moral: 740) wird. „Denn Leiden ist Objektivität, die auf dem Subjekt lastet“ (Adorno, Negative Dialektik: 29). Solange das Herrschaftssubjekt denkt, dass das Objekt seiner Unterdrückung – die Materie seiner Maschinerie; die Produktivkraft des kapitalistischen Systems – leidet, solange muss das beherrschte Objekt merken, dass die Moral der instrumentellen Vernunft unterliegt. All dieses „angesichts des schreienden Unrechts, das um reiner Eigentumsinteressen willen, also im Sinne `natürlichen Gesetzes´ […] sich vollzieht. (Horkheimer, Materialismus und Moral: 143). „So bannt Mangel an Vernunft das Tier auf ewig in seine Gestalt, es sei denn, daß der Mensch, der durch Vergangenes mit ihm eins ist, den erlösenden Spruch findet und durch ihn das steinerne Herz der Unendlichkeit am Ende der Zeiten erweicht.“ (Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung: 264). „Die Philosophie ist eigentlich dazu da, das einzulösen, was im Blick eines Tieres liegt“ (Adorno).

So definiert Adorno als historisches Ziel der Politik in der Gesellschaft die „ Abschaffung des Leidens, oder dessen Milderung hin bis zu einem Grad, der theoretisch nicht vorwegzunehmen, dem keine Grenze anzubefehlen ist“ (Adorno, Negative Dialektik: 203). Da jedoch „die reale Geschichte aus dem realen Leiden gewoben ist, das keineswegs proportional mit dem Anwachsen der Mittel zu seiner Abschaffung geringer wird“ (Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung: 46f.), verlangt „der Zweck, der allein Gesellschaft zu Gesellschaft macht, daß sie so eingerichtet werde, wie die Produktionsverhältnisse […] unerbittlich es verhindern, und es den Produktivkräften nach hier und heute unmittelbar möglich wäre.“ (Adorno, Negative Dialektik: 203f.). Der Fetischcharakter der Ware `Tier´ kommt v.a. darin zum Ausdruck, dass die Tierausbeutung im hochtechnologischen Zeitalter zwar immer weniger notwendig wird, in dem Sinne, dass immer weniger Menschen ökonomisch von ihr abhängig sind, die Ware als solche jedoch in quantitativer Hinsicht zunehmend zu steigen scheint. Die Überproduktion der Leichenteile verschleiert die Grausame Realität und indiziert zugleich dessen Normalität und vermeintliche Notwendigkeit. Erst zum Zeitpunkt des Tauschaktes offenbart sich dessen Wert. Somit erfüllt sich der Zweck der Warenproduktion auf dem Markt und lässt die Ware geschichtslos erscheinen. Die konkreten Produktionsbedingungen der Ware werden soweit abstrahiert sowie durch Werbepsychologie („Marketing“) und Entfremdung des Endprodukts derart verhüllt, dass dem Konsument das Verschließen der Augen leicht fällt, indem alles zur Nacht wird. Im Tauschakt „werden nichtidentische Einzelwesen und Leistungen kommensurabel, identisch.“ (Adorno, Negative Dialektik: 149): Zu beliebig austauschbaren Zahnrädern einer blutigen Maschinerie. Lebende Individuen werden zu Produktivkräften bzw. zum bloßen Produktionsmittel, welches als karges Bindeglied zum Erschaffen eines Mehrwerts, zur Akkumulation von Kapital fungiert. Tiere, als Naturdinge, werden somit lediglich wie Werkzeuge zur Arbeit verwendet bzw. selbst verarbeitet. Sie selbst leisten weder einen Mehrwert, das heißt ihre Arbeit wird als solche auch gar nicht anerkannt, geschweige denn als Ausbeutung, noch haben sie selbst, als Individuen, um ihrer selbst willen einen Wert. „Unbearbeitet“, das heißt in ihrer „Rohform“, sind sie für die Menschen wertlos. Das Verhältnis des Menschen zu den Tieren ist demnach immer und unweigerlich ein auf Herrschaft gegründetes Eigentumsverhältnis und sie verbleiben dem blutigen Zweck der Herrschaft stets nur als Material. „Aber die vollends aufgeklärte Erde erstrahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“ (Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung: 9).

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