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Das Tröglitzer Best-Of zum 1. Mai

Tröglitz und die das Volksfest
„Um Europa keine Mauer, um Tröglitz wär sie schlauer“

„Euer Stammbaum ist ein Kreis“

„Erster Mai, Straße frei – Tröglitz zu Kartoffelbrei“

„Wir sind hier aus purer Feindschaft – gegen eure Dorfgemeinschaft“

Zunächst ein treffender Kommentar einer Tröglitzerin: „Das ist das entsprechende Ergebnis davon, dass schon zehn mal die NPD durch den Ort gelaufen ist. Irgendwann kommen dann auch mal die Linken.“ Für einen anderen Tröglitzer schien die gestörte „Ruhe“ im Vordergrund gestanden zu haben, ihn stören schlicht die mediale Öffentlichkeit (also lieber keine Pressefreiheit…) und das urbane Treiben (…und doch ne Mauer und Inzest?), wenn mal mehr als 200 Menschen auf der Straße unterwegs sind. Wieder ein anderer projiziert dann gleich noch sein pyromanisches Verlangen auf die Demo-Teilnehmer_innen: „Wejen de Linke allet abjeblase hier, die janze Randoale, Autos anbrenn un so“, und das obwohl MDR-Info bemerkt: „Randale gab es während der Demonstration nicht“. Feuer erst recht nicht.

Ihr Maifest, das für die Demo geopfert werden musste, weshalb „alle Bürger traurig sind“, und das dazu beitragen sollte, die Dorfbewohner_innen „wieder zu einander“ finden zu lassen, musste wegen dem Trubel leider abgesagt werden. Schön, dass der Störfaktor die politische Irritation der Ruhe und Ordnung in Tröglitz ist, die durch ihren manifesten Wunsch nach einem Volksfest nur als faden- und vorscheinlich bewertet werden können, und nicht die in einem Brandanschlag gegipfelten neonazistischen Hasstiraden, welche von weiten Teilen der Bürger_innen durch Akzeptanz und Unterstützung der Anti-Heim-Kampagne mitgetragen wurden.

„Tröglitz ist kein Einzelfall – die Zone ist ein Schweinestall“

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Auf die Spitze getriebene Komplexitätsreduktion materialistsicher Staatstheorie

„Seine eigenen Arbeiten und die Auseinandersetzungen mit anderen Theorien ließen Poulantzas zu seiner zentralen staatstheoretischen Einsicht kommen, dass der Staat ein gesellschaftliches Verhältnis ist.“

(Demirovic, A.; Hirsch, J. & Jessop, B. (2002): Einleitung zu ‚Nicos Poulantzas. Staatstheorie.‘ In: Dies. (Hrsg.): Nicos Poulantzas. Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideologie, Autoritärer Etatismus. Hamburg: VSA-Verlag. S. 14.)


Total neutral

phasing fuck off

„Gerechtigkeit ist dabei ein Deckname für jene Neutralität, die entsteht, wenn alle Widersprüche zwangsversöhnt und alle Differenzen in Grund und Boden dekonstruiert sind. Das Gesamtneutrum, zu dem die Sprache im Namen dieser vermeintlichen Gleichstellungspolitik gemacht werden soll, opfert alle historischen Valenzen, stilistischen Nuancen und individuellen Idiosynkrasien der totalen Anpassung an die schlechte Egalität einer Welt, in der jeder jede Rolle spielen darf, solange niemand zu sich selbst kommt, und in der Frauen, Männer und andere Geschlechter nicht einander ebenbürtig, sondern miteinander austauschbar sind. Das Ideal der Egalität soll eingelöst werden, indem man alle Menschen egal macht: Mit diesem politischen Projekt kann sich auch Deutschlands oberste Herdprämiererin anfreunden.“

Magnus Klaue: Kristina Schröder und die Sprache


Resignation und Verzweiflung

Die zeitgenössische Krise des Subjekts

Die „Ironie“, die für die Postmoderne prägend ist, will zeigen, dass es keine Ordnungen und Konventionen gibt, die nicht allzu leicht als solche Konventionen zu entlarven sind. Das Problem hierbei ist die Praxis. Die unvermittelte und „unkonventionelle“ Ironie stößt sich permanent an ihr. Nur ist sie leider selbst zur Konvention geworden und dadurch die Unmittelbarkeit totaler Vermittlung. Eine Welt, die durch die stets zu steigernde Umschlagszeit des Kapitals systemisch dazu gezwungen ist, die Produktivkräfte auf dem Rücken ihrer Agenten so lange wachsen zu lassen, bis dieser irgendwann bricht, ist zugleich durch einen massiven Erfahrungsverlust gekennzeichnet, der mit dieser Beschleunigungsspirale einhergeht. Die Ironie überlagert den schmerzenden Rücken nur mit immer dickerem Fell. Dabei hilft sie, den Blick für die Bedürfnisse des_der Anderen auszusparen. Ironisch ist etwas nur, wenn der_die Andere die Pointe versteht. Bereits in der Moderne ist die Pointe obsolet, so dass es sich nicht lohnt, über eine Postmoderne nachzudenken – geschweige denn deren Aktualität unlängst zu prophezeien -, die den eigenen Kategorien mit den eigenen „witzigen“ Mitteln begegnet. Ihre Kennzeichnung war die real nicht vorhandene Konvention, ihre Negation ist die reale Verletzlichkeit – die Existenz von Bedeutung für das Individuum. Das „Auf-die-Schippe-Nehmen“ findet seine Grenze genau dort. Das Individuum stumpft in jenem zunehmenden Maße ab, wie sich der Schmerz und damit dessen Frustrationstoleranz erhöht. Es ist wie beim Tätowieren: der Schmerz eines einmaligen Nadelstichs zieht sich häufig bis ins Mark, die millionenfach einprasselnden, parallel einstechenden und sich dadurch großflächiger verteilelenden Tätowiernadeln verlieren recht schnell ihren ersten Schmerzimpuls und dadurch auch langfristig ihr Grauen. Nicht ohne Grund besteht beim Tätowieren ein enormes Suchtpotential, was nicht der injizierten Substanz und auch nicht einzig dem bunten Ergebnis geschuldet ist, sondern dem Akt selbst. Erst nach mehrstündiger Behandlung wird das kulminierende Leiden unter den vielfachen Stichen unerträglich. Hier findet sich das erschöpfte und geplagte Selbst. Das Positive an der „Postmoderne“ war dennoch das Signal, einen Bruch mit der Tradition zu vollziehen, indem diese ihre Ernsthaftigkeit und ihren Wahrheitsgehalt verlor. Das Negative ist, dass die multiplen Brüche den Bedeutungs- und Erfahrungsverlust befördern und damit die Gefahr erhöhen, das Alte (und damit alte Bedeutungshorizonte) erneut heraufzubeschwören.


Anzeich(n)en versteinerter Ironie

„Tatsächlich ist das Lachen, in dem Bergson zufolge Leben gegenüber seiner konventionellen Verhärtung sich wiederherstellen soll, längst zur Waffe der Konvention gegen das unerfaßte Leben, gegen die Spuren eines nicht ganz domestizierten Natürlichen geworden.“ (Adorno, T. W. (2003): Negative Dialektik. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 327f.)


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