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Gegen die Verwirrungen des Infoblatts – Eine Replik auf die Wirren des alten ‚Genossen‘

Stadtreinigung_Mannheim

Stadtreinigung Mannheim

Von Achard Rieus

Zum Hintergrund: Die Redaktion der Kommunal-Info Mannhein publizierte im Februar einen Bericht (Reinhard Gebhardt – Persönliche Nachbetrachtung zum Kongress gegen den neuen Rechtsruck). Auf diesen schrieb ich einen Kommentar unter dem Titel „Gegen die Verwirrungen des Infoblatts – Eine Replik auf die Wirren des alten ‚Genossen‘“, da ich der Meinung war (und bin), dass die ‚Redaktion‘ aus mehreren Gründen nicht hätte publizieren dürfen. Die ‚Redaktion‘  verweigerte meine Replik unter dem Vorwand, dass „das Kommunal-Info nicht zur Verfügung steht […] [für] Meinungen, die sehr stark oder gar überwiegend auf die Person von Diskutanten eingehen. Aus solchen Meinungsbeiträgen entwickelt sich nach aller Erfahrung kein sachlicher Diskurs, sondern es kommt zu zunehmend ins Persönliche gehenden Chats. Dafür ist fb das geeignete Medium, wenn man denn schon diese Form der Auseinandersetzung pflegen möchte“, so der ‚Redakteur‘. Ich schilderte ihm daraufhin, dass es in der Replik nicht um eine Diffamierung oder Diskreditierung von Herrn G.gehe, sondern vielmehr um die Form, wie hier unter verdecktem Vorwand politische Propaganda betrieben wird, indem die Positionen von Herrn G. widerspruchslos stehen bleiben und ihnen innerhalb des Mediums „Kommunal-Info Mannheim“ ein Bild objektiver Wahrheit verliehen wird. Diese „Wahrheit“ hat jedoch, das wird in der Replik deutlich, mit einer emazipatorischen und die Geschichte nicht verklärenden Linken leider recht wenig zu tun. Der ‚Redakteur‘ schrieb des Weiteren: „Zunächst einmal wollen wir feststellen, dass wir uns des grenzwertigen Inhalts von Reinhard Gebhards [Klarname] Kommentar bewusst waren und sind. Wir haben ihn trotzdem als Meinung veröffentlicht. Der Name ‚Kommunal-Info Mannheim‘ soll nicht darauf hindeuten, dass hier nur Informationen mitgeteilt werden; oft sind es auch Meinungen, am besten dann, wenn es um diskursiv abzuhandelnde Themen geht.“ Die“[p]ersönliche Nachbetrachtung zum Kongress gegen den neuen Rechtsruck“ von Herrn G. hat jedoch in keiner Silbe etwas mit dem Kongress selbst zu tun, so dass das „diskursiv abzuhandelnde Thema“ durch seinen Beitrag vom Kongress entkoppelt wurde und sich auf seine neu gesetzten Themen verschob. Mir wurde seitens der ‚Redaktion‘ die Möglichkeit eröffnet, etwas zu „Meinungen, Interpretationsversuchen, Strategievorschlägen zum AfD-Syndrom“ zu schreiben. Wäre dies ihr Anliegen gewesen, dann hätte sie allerdings den Beitrag von Herrn G. nicht veröffentlichen dürfen. Dazu schreibt er nämlich rein gar nichts. Mir dann dieses Thema vorzugeben, nicht aber zur regressiven Kapitalismuskritik von Herrn G. Stellung beziehen zu dürfen, gleicht einem Maulkorb. Wenn sich die „Redaktion“ also dazu „entscheidet“, den „grenzwertigen Inhalt“ von Herrn G. zu publizieren, ist ihr von vornherein bewusst, dass ein solcher Beitrag Gegenreaktionen hervorrufen kann. Diese dann zu verweigern bedeutet, dass sie mit den orthodoxen, leninistischen Positionen d’accord geht, während ihr unliebsame Positionen, die eben keine Sowjetnostalgie und einen platten Antiamerikanismus lobpreisen, nicht in den Kram und in ihr Verständis einer linken Bewegung passen. So viel zu Streitkultur, Kritik und dialektischem Denken.

Hier nun meine besagte Replik auf Reinhard Gebhards Kommentar:

 

In seiner „persönlichen Nachbetrachtung zum Kongress gegen den neuen Rechtsruck“ macht sich Reinhard G. leider nicht einmal die Mühe, auch nur ansatzweise auf jenen Gegenstand einzugehen, den er zu betrachten vorgibt, nämlich die Inhalte des besagten Kongresses. Ein solches Vorgehen scheint bei ihm Programm zu sein, denn ebenso wenig machte er sich während des Kongresses selbst die Mühe, sachlich die angesprochenen Themen zu diskutieren. Stets nutzte er seine Wortmeldungen, um Ko-Referate zu halten und sich ungefragt Raum für seine propagandistischen Phrasen zu nehmen.

Im klinischen Kontext sind Therapeut_innen aufgrund ihres respektablen Berufsethos häufig versucht, selbst bei Psychotiker_innen einen rationalen Kern in der Sinngebung zu unterstellen und diesen ernsthaft zu entschlüsseln. Freud begab sich bspw. auf jenes Glatteis, als er die Kindheitsphantasien seiner Patient_innen allzu ernst nahm und auf deren phantasmagorischen Entstellungen ausrutschte. Dies führte bei ihm zu einem kategorischen Wandel in seinem Denken. Mit den Wirren des alten G. verhält es sich ein wenig ähnlich wie bei den oben genannten Patient_innen. Hier soll daher gar nicht erst versucht werden, das dahinterliegende ‚System‘ zu entschlüsseln – es liefe letztlich auf einen simplen und widerspruchslosen Manichäismus hinaus, bei dem immer schon klar ist, wer die Guten sind. Es sollen daher vielmehr nur jene wohl offensichtlichsten Momente der Derealisation des ‚Genossen‘ kurz dargelegt werden:

G. bezeichnet in seinem Kommentar die AfD unterschiedslos als „völkisch“, was für einen Teil der Partei (den „Höcke-Flügel“) gewiss zutrifft, aber terminologisch den Kern der Partei deutlich verfehlt: Die jüngste (wiederholte) Auseinandersetzung um den Parteiausschluss von Höcke muss man schon aktiv missachten, wenn man solch pauschalisierende Aussagen trifft. Letztlich gibt es für G. nur Faschismus und das sozialistische Heilsversprechen. Ein Teil seiner Eingangsfragen, bei denen G. ebenfalls völlig ausufernd und unterschiedslos alles Mögliche in einen Topf wirft, möchte wissen, inwiefern „AfD und Co schon im Staatsapparat, Justiz“ etc. integriert seien. Mit „Co“ sind wohl andere „völkische“ Strömungen gemeint, worunter gewiss auch die NPD zu fassen ist. Auch hier scheint er, der Derealisation jüngster Ereignisse erneut anheimfallend, die Debatte um das Verbotsverfahren (hier verstanden als Signal der Justiz gegen die Rhetorik und den gesellschaftliche Relevanzzuwachs der AfD) wohl ebenso wenig verfolgt zu haben, wie das sozialdemokratische Distinktionsgeschwätz zur Dresdner Höcke-Rede und ihren ‚Erinnerungsstolz‘ (welchen übrigens auch der Mannheimer OB Peter Kurz zur Gedenkfeierlichkeit am 27. Januar zum Besten gab). Völlig unreflektiert ist G. noch immer im 68-er-Sprech vom „Trikont“ und dem Rollback zum autoritären „Polizeistaat“ verhaftet, ganz so, als habe er niemals auch nur Joachim Hirschs Ausführungen zum „Sicherheitsstaat“ zur Kenntnis genommen (geschweige denn verstanden): An G. geht gänzlich die sicherheitspolitische Aufrüstung restriktiver Sozialpolitik als zentraler Steuerungsmodus in Deutschland vorbei; hinter jeder Ecke lauern, leider ganz ähnlich Paranoiker_innen, Polizist_innen und Soldat_innen zur handfesten Unterdrückung der Proleten. Gewiss ist auch die Aufrüstung der Polizei (Teaser, GPS-Überwachung und Schnellfeuerwaffen in jedem Polizeiauto, so die Pläne de Maizieres) derzeit politisch nicht zu vernachlässigen, aber zwischen Loic Wacquants Analyse der amerikanischen Verhältnisse in „Bestrafen der Armen“ und der viel subtileren sozialstaatlichen Punitivität Deutschlands liegen dennoch deutliche analytische Unterschiede. Und selbst G. sollte sich die Frage stellen können, warum eben nicht um jede Ecke eine schwerbewaffnete Polizeistreife benötigt, damit die revolutionären Proleten in Zaum gehalten werden können, und der Kapitalismus dennoch weitestgehend reibungslos funktioniert. Warum es also für Sublimierung und Entsagung eben nicht die Waffe an der Stirn des Proleten und die Fußfesseln fürs Marx‘sche Lumpenproletariat braucht.

Am offensichtlichsten wird allerdings sein völlig verkürzter M-L-Manichäismus, wenn er den deutschen „Ausbau der Unterstützung völkischer, diktatorischer […] und faschistoider […] Regime“ anklagt und hierbei die Türkei und Ungarn unterschiedslos in einer Reihe mit der Ukraine nennt, was auf allen Ebenen eine Fehleinschätzung und ein falsches Verständnis bürgerlich-demokratischer Errungenschaften ist (Presse- und Meinungsfreiheit, Minderheitenrechte, Rechtsstaatlichkeit etc.), die in den besagten Ländern deutliche qualitative Unetrschiede aufweisen. Die ‚Sahnehaube‘ setzt G. auf, wenn er hier zudem zwar das durch und durch diktatorische Regime in Saudi-Arabien erwähnt, aber kein Wort über den Iran verliert. Deutsche Regierung und Wirtschaft buhlen geradezu um die Gunst dieser Klerikalfaschisten, deren Hegemonieanspruch nicht nur auf die Region des Mittleren Osten beschränkt bleibt. Ein ganz tagesaktuelles Beispiel war die Münchener Sicherheitskonferenz, an deren Rande bspw. der „Verein der Bayerischen Wirtschaft“ sofort ein Treffen mit dem Iranischen Außenminister Zarif und dem Botschafter Majedi vereinbarte. Der derzeitige deutsche Außenminister und damalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) konnte überdies vor gut einem Jahr kaum eine Woche verstreichen lassen, um nach Abschluss des Nuklearabkommens mit dem Iran, das löcheriger ist als jeder Schweizer Käse und daher weiterhin nur einen Zeitaufschub der Iranischen Vernichtungsdrohung gegen den jüdischen Staat darstellt, mit einer ganzen Wirtschaftsdelegation ins Land zu fliegen und zahlreiche neue Verträge in Sack und Tüten zu bringen, aus deren Geldern der Iran sein Kriegstreiben besser denn je fortsetzen kann. Während bei TTIP und CETA in jedem deutschen Kuhkaff lautstark protestiert wird, ist hierzu nirgends ein Murren zu vernehmen. Der Iran geht innenpolitisch mit voller Härte gegen jede Opposition vor – die Todesstrafen haben sich unter dem als „gemäßigt“ geltenden Präsidenten Rohani vervielfacht, Folter steht auf der Tagesordnung, Frauen, die ihre Kopftücher aus Protest enthüllen, werden verfolgt und misshandelt, Homosexuelle ermordet. Zudem rüstet der Iran die gesamte Region von den Hizbollah-Milizen im Libanon bis hin zu den Houthi-Rebellen im Jemen auf und ist mit seinen Revolutionsgarden, die längst die führende Rolle im Syrienkrieg übernommen haben (von Giftgaseinsagt bis Flächenbombardements und gezielte Angriffe auf zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser und Versorgungstrupps), selbst im Geschehen unmittelbar beteiligt. Leider passt dies alles jedoch nicht in das festgefahrene und verworrene Weltbild des alten G., der sich wohl noch immer eine starke Sowjetunion zurückersehnt und dabei beflissentlich auch die russische Oligarchie unter Putins Federführung, ohne deren militärische Interventionen Assad selbst wohl kaum noch an der Macht wäre, idealisiert. Zumindest ist vom Iran und von Russland bei G. keine Rede, wenn er von diktatorischen und faschistoiden Regimes schwadroniert. Überhaupt scheint es bei ihm, wie oben angedeutet, nur Faschismus, der immer schon verkürzten Dimitroff’schen Formel folgend, wonach dieser die „offen terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ sei, und das Heilsversprechen des Sozialismus zu geben. Eine terminologische Differenzierung zwischen Faschismus und Nationalsozialismus (samt seines zentralen ideologischen Elements des eliminatorischen Antisemitismus) lässt G. ebenso unberücksichtigt, wie die gesamte Diskussion der sog. „Neuen Marx-Lektüre“, für die „Wert“ nicht gleichgesetzt ist mit „Tauschwert“ und „Kapital“ nicht mit „Finanzkapital“ (o.a. „Zirkulationssphäre“) – erst recht nicht mit „Kapitalist“.

Wenn den Wirren des alten G. über eine halbe Seite dafür einräumt wird, dass er Phrasen dreschen kann, die schon vor mehr als 40 Jahren falsch waren, weil sie lediglich Plattitüden des realexistierenden Marxismus reproduzieren, aber kein Wort von der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie selbst verstehen, ist es um die Aufklärung offensichtlich recht schlecht bestellt. Hier hat „Info“ weitaus mehr mit Propaganda, die bekanntlich selbst stets fratzenhaft ist, zu tun als mit „Meinung“, welche zumindest noch im Rahmen postmoderner Beliebigkeit auch andere zuzulassen bereit ist. An G.‘s Diskussionsverhalten wird deutlich, dass bei ihm selbst die Meinungsfreiheit kein allzu hohes Gut zu sein scheint. Mit „Nachricht“, wofür „Information“ im journalistischen Sinne stehen sollte, haben diese Art von Beiträgen jedoch rein gar nichts mehr zu tun: Die Abkürzung „Info“ wird so zum gleichermaßen verkürzten Instrument der Gegenaufklärung.

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Über die Sehnsucht postindustrieller Anschmiegung freizeitlicher Lebensgestaltung an den Produktionsprozess

Dresscode

„Der wirkliche Mensch, der nicht zur Figur des mechanisierten Betriebes abgedankt hat, widerstrebt der Auflösung in Raum und Zeit.“ [1]

 
Hat einst die Elektrisierung und Technisierung der Musik auch in linken und mit einiger Verzögerung ebenfalls in linksintellektuellen Zirkeln dazu geführt, dass die vom Arbeitsfetisch affizierten, also die zutiefst orthodox-marxistischen Auffassungen gefolgte Heroisierung und Vergötterung handwerklicher Tätigkeiten – man denke nur an den DIY-Hype der 90er Jahre und seine innerlinke Punk-, Hardcore- oder Straight-Edge-Subkultur-Apologeten – entweder ganz ihr Ende fanden oder zumindest eine enorme Abmilderung erfuhren, so schlägt die Geschichte seit geraumer Zeit vollends in ihr Gegenteil um. Die Selbstoptimierung durch rigorose Drogenabstinenz in der Straight-Edge-Szene ist heute dem Bio- oder besser Neuro-Enhancement durch verschiedenste chemische Substanzen gewichen, während nur noch die „anständigen und die hässlichen Popdeutschen“ [2] hierin einen Angriff gegen das Arbeitskollektiv erkennen. Gleiches gilt für die musikalischen Vorlieben ihrer Konsument_innen, die sich – wie jüngst im Leipziger IFZ prototypisch deutlich wird – in die imitierten Fassaden von Industrieanlagen zwängen, um dort den scheinbar aus Versatzstücken des maschinellen Produktionsprozesses zusammengesetzten Geräuschen und Tönen ekstatisch dem höchsten Tempo der Musik unter wiederum düsterstem Ambiente zu folgen. Der dazu nahezu neuroleptische Tanz, welcher den Übergang von der Melodie zum puren Rhythmus vollständig vollzogen hat, ist der entsprechende Ausdruck und notwendige Folge einer „Skandierung der Zeit“. [3]

 
„Der moderne Gesellschaftstanz, dem Gefüge der in den Zwischenschichten geltenden Bindungen entfremdet, neigt zur Darstellung des Rhythmus schlechthin; statt daß er bestimmte Gehalte in der Zeit zum Ausdruck brächte, ist diese selber sein eigentlicher Gehalt. War in Epochen des Beginns der Tanz eine Handlung des Kultus, so ist er heute ein Kult der Bewegung, war früher der Rhythmus eine erotisch-seelische Bekundung, so möchte heute der sich selbst genügende Rhythmus die Bedeutungen aus sich erst lassen. Tempo, das nichts will als sich allein […]. Sie drängen danach, die Melodie zum Verlöschen zu bringen und immer länger die Karenzen auszuspinnen, die den Untergang des Sinnes bezeichnen, weil in ihnen die in der Melodie bereits angelegte Mechanisierung sich enthüllt und vollendet.[…] Seine [der Rhythmus; P3] sportliche Ausübung heute zeugt davon, daß er über die disziplinierende Bewegung hinaus nichts wesentliches Sinnhaftes meint. […] Das Abenteuer der Bewegung als solcher begeistert, das Hinübergleiten aus den normalen Räumen und Zeiten in die noch nicht durchmessenen erregt die Leidenschaft, die Vagabondage durch die Dimensionen gilt als Ideal. Dieses raumzeitliche Doppelleben könnte aber kaum mit solcher Intensität begehrt werden, wenn es nicht die Verzerrung des wirklichen wäre.“ [4]

 
„Die Mächte, die zur Mechanisierung führen, deuten über Raum und Zeit nicht hinaus. Insofern er meint, die Welt sei auf Grund mechanistischer Voraussetzungen zu erfassen, befreit er sich aus den Beziehungen zu dem Jenseitigen und bringt die Wirklichkeit zum Verblassen, die der über das Raumzeitliche hingespannte Mensch erfüllt. Dieser abgelöste Intellekt zeugt die Technik und erstrebt eine Rationalisierung des Lebens, die es der Technik zugeordnet sein läßt. Da er aber eine solche radikale Einebnung des Lebendigen nur unter Preisgabe der geistigen Bestimmung des Menschen erreichen kann, da er die seelischen Zwischenschichten verdrängen muß, um den Menschen so glatt wie ein Auto zu machen, ist mit dem von ihm geprägten maschinell-figürlichen Getriebe ein wirklicher Sinn ohne weiteres nicht zu verbinden. Das Technische wird sich darum Selbstzweck, und eine Welt entsteht, die, vulgär gesprochen, nichts anderes begehrt als die größtmögliche Technisierung alles Geschehens. Warum? Sie weiß es nicht. Sie weiß allein, daß kraft des Intellekts Raum und Zeit zu besiege seien, und gefällt sich in ihrer mechanischen Beherrschung […]. Sein Dasein (des Menschen; Anm. P3) zerfällt in eine Reihe organisatorisch geforderter Tätigkeiten, und nichts entspräche mehr der Mechanisierung, als daß er gleichsam zum Punkt sich zusammenzöge, zum nutzbaren Glied der intellektuellen Apparatur. Der Zwang, sich in dieser Richtung zu entarten, lastet auf den Menschen schlimm genug. Sie finden sich in einen Alltag hineingepreßt, der sie zu Handlangern der technischen Exzesse macht, und trotz oder vielleicht wegen der humanen Begründung des Taylorismus werden sie nicht zu Herren der Maschine, sondern maschinenhaft.“ [5]

 
Nun muss natürlich konstatiert werden, dass der Taylorismus, dem die Phänomene zu Kracauers Zeit ebenso entspringen, wie sie sich ihm wiederum im interdependenten Verhältnis anschmiegen, inzwischen aus der Zeit gefallen sind. Selbst im gegenwärtigen spätindustriellen Produktionsprozess ist ein „ganzheitlicher“, von pseudo-individuellen Tätigkeiten und Teamwork geprägter Ablauf dem punktgenauen Handgriff am Fließband gewichen, da diese Tätigkeiten vom Optimierungszwang im Rahmen des technischen Fortschritts verschlungen wurden – selbstverständlich ohne dass es dem Großteil der Menschen zu Gute gekommen wäre. Zu fragen wäre jedoch, woher das Bedürfnis rührt, das das Wiederaufleben durch die Anschmiegung an einen eigentlich überwunden geglaubten Produktionsprozess vorantreibt. In Zeiten einer „Individualisierung, wenn man so will, aber eine[r] solche[n], die auf das Individuelle gar nicht zielt“ [6], scheint ein Wunsch zu erwachen, der der falschen Individualisierung mit nostalgischer Kollektivierung antwortet, ohne dabei den durchaus bedenklichen Hang zur formellen Situativität, dem „ Abenteuer der Bewegung als solcher“, widerstehen zu können. Es scheint, als seien die „normalen Räume[n]“ vollends „durchmessen“, so dass „die Vagabondage durch die Dimensionen […] als Ideal“ weder in der räumlichen noch in der zeitlichen Achse zu überwinden sei. Die Systemimmanenz vermeintlich emanzipativer Räume verweist auch hier auf die schier endgültige Wiederkehr des Immergleichen – die Sehnsucht nach Homogenität und Authentizität. Die Eintrittskarte an der Kasse gleicht der Stechuhr, die den subjektiven Gehalt des Individuums in der Kollektivtrance versinken lässt. Es ist spätkapitalistische Ticketmentalität, keine postindustrielle diversity.

 

[1] Siegfried Kracauer (2014): Das Ornament der Masse. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 43.
[2] Frank Apunkt Schneider (2014): Ärger im Identitätsparadies. Die anständigen und die hässlichen Popdeutschen. Phase2. Ausg. Frühjahr 2014 #48. S. 57ff.
[3] Siegfried Kracauer, a.a.O. S. 41ff..
[4] Ebd.
[5] Ebd.: 45
[6] Ebd.: 42


Total neutral

phasing fuck off

„Gerechtigkeit ist dabei ein Deckname für jene Neutralität, die entsteht, wenn alle Widersprüche zwangsversöhnt und alle Differenzen in Grund und Boden dekonstruiert sind. Das Gesamtneutrum, zu dem die Sprache im Namen dieser vermeintlichen Gleichstellungspolitik gemacht werden soll, opfert alle historischen Valenzen, stilistischen Nuancen und individuellen Idiosynkrasien der totalen Anpassung an die schlechte Egalität einer Welt, in der jeder jede Rolle spielen darf, solange niemand zu sich selbst kommt, und in der Frauen, Männer und andere Geschlechter nicht einander ebenbürtig, sondern miteinander austauschbar sind. Das Ideal der Egalität soll eingelöst werden, indem man alle Menschen egal macht: Mit diesem politischen Projekt kann sich auch Deutschlands oberste Herdprämiererin anfreunden.“

Magnus Klaue: Kristina Schröder und die Sprache


Silvesterknall

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Wie weit der Verblendungszusammenhang „allgegenwärtiger Freiheit“ fortgeschritten ist, zeigt sich vielleicht ganz besonders bei namenlosen zeitgenössischen Philosophen. So ist der französische promovierte Philosoph Yves Mayzaud, über den es sich nicht lohnte zu schreiben, wenn er nicht ganz oben in der marktführenden Suchmaschine unter dem Suchbegriffen „Silvester“ und „Philosophie“ erscheinen würde „tief beeindruckt“ von der deutschen Tradition, dass das „Feuerwerk […] von jedem selbst abgefeuert“[1] wird. Die Gesellschaft des Spektakels, die ebenfalls aus einer französischen Feder, namentlich der Guy Debords floss, wäre um einiges besser geeignet als Mayzauds Motiv der „Explosion“, welche lediglich samtig ummantelt Legitimationsversuche der Wut bietet, die objektiv ihren Ausdruck findet. Es sind jene unterdrückten Triebregungen der erstarrten und erkalteten Bürgerlichkeit, zurückführbar auf das uneingelöste Glücksversprechen nach individuellen Erfahrungen in der gegenwärtigen Gesellschaft als Vergesellschaftung, die auf ihre Abfuhr drängen. Da man allerdings das, „was alle wissen, sich selbst ausreden muß, ehe man es den anderen ausreden kann“, muss man jedem Stuss noch das Positivste abgewinnen und jegliche Exkremente noch Schicht um Schicht mit einer neuen Goldlegierung überziehen, obwohl bereits unlängst „die vollends aufgeklärte Erde […] im Zeichen triumphalen Unheils“ erstrahlt. Hauptsache es  leuchtet, funkelt, schimmert und macht Krach. So auch zu Silvester, dessen „Explosionen“ für Mayzaud „die Zerstörung des alten Jahres dar[stellen], um den Platz für das Neue frei zu machen. Es ist schlechthin das Symbol des neuen Anfangs und der Hoffnung. Es handelt sich nicht um Etwas [sic!] Böses, sondern um die Freude mit etwas Schönem das Jahr […] anzufangen.“

Und doch hat er auf seine Art recht. Das Alte soll zerstört, die Erinnerung an den Vorjahresschmerz vernichtet werden, auf dass die tausend Stiche prompt getilgt werden, denen man täglich ausgesetzt ist, wenn man mit dem letzten Funken Vernunft Mitleid denen gegenüber empfindet, die bei minus 15 Grad Celsius auf der Straße Wegschilder für Restaurants halten, deren Preise für eine Mahlzeit den Wochenlohn der Schildhalter_innen weit übersteigen. Aber erfahrungsgemäß gewöhnt man sich an ihren Anblick ebenso schnell wie ans Getöse der Feuerwerkskörper, die uns an diesem Datum erschlagend umgeben. Der Schreck wird zum Erschrecken und schließlich vom neualten Schrein der Arbeitsgesellschaft abgelöst, der bekanntlich auch das Lagertor Buchenwalds „dekoriert“. Wenn man dann doch irritiert vom eigenen Gedanken, sich 10 vor 24 Uhr plötzlich in der Lage der/s Verkäufer_in vom Späti wiederzufinden, der/die gar nicht anders kann als mit aufgesetztem Lächeln ein frohes neues Jahr zu wünschen, und das Gefühl des Glücks, dieses Jahr aus dieser Schlinge den Kopf nochmal herausbekommen zu haben, mitleidet und dadurch mimetische Nähe erzeugt zu sein scheint, so lässt die verwaltete Welt auch hier nicht lange auf sich warten, um die Erinnerung ad hoc zu eliminieren. Wurde man mit dieser Situation plötzlich aus der Alltagstrance gerissen ist, so wird man umgehend mit Öffnen der Ladentür wieder von ihr erfasst – sei´s vom Krawall der Massen, den ohrenbetäubten Knallkörpern, den wie Sirenen heulenden Raketen oder der allumfassenden Knopfdruckfreude über den Beginn des so viel besseren neuen Jahres, für dessen Realisierung einzig die Hoffnung erhalten bleibt. Aber Silvester ist dennoch kein zeichenloses oder leeres „Symbol des neuen Anfangs und der Hoffnung“, die Zeichen deuten eine Hoffnung an, deren Verwirklichung auf einen noch wesentlich schlechteren Zustand als den bestehenden verweisen.

Zum „besinnlichen“ Weihnachten, wenn sich fromme Katholik_innen ihrer angesammelten Sünden des zurückliegenden Jahres haben vergeben, Protestant_innen sich in ihrem einzigen Kirchenbesuch des Jahres bestätigen lassen, dass sie durch ihre pausenlose „schöpferische“ Arbeitsamkeit auf dem besten Weg sind, den göttlichen Logos auf der Erde zu verwirklichen und die „Gottesebenbildlichkeit“ wie ihr Messias Jesus Christus zu erreichen, finden Familientragödien ihre Kulmination. Vielleicht sind sie insbesondere bei Atheist_innen vorprogrammiert, deren wichtigster und scheinbar einziger Bezugspunkt nach der politischen Emanzipation des Staats von der Kirche, eben dieser Brutkasten mit dem Label „bürgerliche Kleinfamilie“ ist. Zwar ist die Weihnachtszeit gewiss alles andere als „besinnlich“, so trägt sie dennoch die Beruhigung des öffentlichen Raumes in sich: Die Straßen sind leer, die Tanzlokale wissen von Jahr zu Jahr aufs Neue nicht, ob es sich denn lohnt, die Pforten zu öffnen, und der Großteil der Deutschen spielt daheim „Gesellschaftsspiele“.  Bei den Wenigsten dürfte der Fall sein, was sich dennoch alle Welt vormacht – sich vollkommen von den diversen Über-Ich-Instanzen emanzipiert zu haben, auf die man gerade zu Weihnachten doch immer wieder gestoßen wird. Das ins Kindliche zurückfallende Verhalten am familiären Weihnachtstisch, in der Vorfreude, auch als Erwachsene_r noch beschenkt zu werden und sich nicht alles verdienen zu müssen (auch wenn man sich die Sachen zuvor bereits aussuchte; auf dass der Zufall sogar im Geschenk entlassen ist), wird zum freien Willen oder wahlweise zur Anstandssache erhoben. Keine Arbeit, einzig Gehorsam und die gute Miene zu bösem Spiel sind Pflichtattitüden, um dem Glücksversprechen, dem Geschenk, ein Stück näher zu kommen: der Großmutter nicht ins Wort reden, auch wenn sie den größten Humbug von sich gibt, sich bei der Cousine über den schulischen Erfolg informieren, auch wenn einem_r selbst zu Schulzeiten alles andere wichtiger war als Unterricht und Schulnoten, oder vor den Verwandten den Tisch abzuräumen, um das Bild der sittlichen Familie zu wahren. Die sublimierten Triebe, die zu Weihnachten nur ihren extrapoliertesten Ausdruck finden, da hier unverblümt vorgeführt wird, dass die Frei- oder Urlaubszeit keine Zeit der Erholung, sondern einzig die Verlängerung des Leides eines geknickten und gescholtenen Individuums ist, dass sich doch immer bereits frei zu seiner Unfreiheit entscheidet, evozieren einen Selbsthass. Das Problem der kognitiven Dissonanz führt das Individuum meist dazu, den einfacheren Weg einzuschlagen und nach außen projizieren was ins Innere drängt. Wenn daher das wirkliche gesellschaftliche Spiel – die familiäre Hackordnung –  nicht bereits umgehend im Heimischen kollabiert und sich Ruhe und Besinnlichkeit nicht Knall auf Fall in Schall und Rauch auflösen, dann ist ihrer Triebabfuhr bereits mit dem Silvesterritual Vorschub geleistet.

So erfüllt auch Silvester seine gesamtgesellschaftliche Funktion. Hat das Individuum genauso gelernt, alles in seiner Macht stehende zu unternehmen, um seine Arbeitskraft zu erhalten – von Fitnessclub, über Saunawochenenden bis hin zu NLP-Therapien -, wie es gelernt hat, in seinem Nahkreis den Herrschaftsanspruch zugunsten der Kollektivharmonie zu bändigen, so muss es Macht dort ausüben, wo sie legitimiert oder zumindest toleriert ist. Silvester, als der zeitlich begrenzte Ausnahmezustand, fungiert bestens als psychologischer Kitt, da es den Gedanken an Herrschaft wach hält während doch jede_r der Beherrschung scheinbar entledigt sei. Die ungebändigte Wut findet mit gesetzlich legitimierten Pseudo-Waffen seine Triebabfuhr. Die Bilderproduktion, die jede_r individuell Knallende dabei erzeugt, entwirft hingegen ein Gesamtportrait, welches alles andere als harmonisch wirkt und zum Spektakel verkommt. Nach der Weihnachtsruhe wird krämpferisch die öffentliche Sphäre zurückerobert und die neutrale, blasse Welt wiederbelebt (oder besser -bebombt). Es wird Krieg gespielt, wo scheinbar keiner ist und die gesellschaftliche Verrohung wird mit der Nachahmung von Gewalt nur allzu deutlich. So wie nach Mayzaud die explosive Zerstörung des alten Jahres bereits auf die neue Ordnung verweisen soll, wird der Hass aufs Tauschprinzip zum ideologischen Umsturz hin zur racketlike community. Da aus der Perspektive der Industrie kaum noch ein humanes Fundament vorhanden ist, auf das diese zugreifen und ausschlachten kann, keine Schnulzen, keine Wunderkerzen und auch kein leichter Alkohol mehr zum Jahreswechsel, werden stattdessen die besten „fails“ des Jahres als Belustigung über fremde Unsäglichkeiten, ganze Raketenbatterien und der Hang zum Vollrausch aktiviert. Das leitende Motiv des Kulturindustriekapitels der Dialektik der Aufklärung, die Schadenfreude über den gelungenen Triebverzicht, wird nur allzu deutlich. Dort, wo keine Glückserfahrungen über Anschmiegung entstehen können, werden sie so von jenen der totalen Abgetrenntheit ausgeglichen. Da keine mimetische Bewegung mehr möglich ist, finden wir eine Mimesis der Mimesis vor. Gewalt, ohnehin jenes Moment, das Jede_r bestens kennt, wird zum Symbol des neuen Geschäfts. Hier versöhnen sich bildlich bereits „Kultur“ und „Industrie“ im Anzeichen des absoluten Wahns, der nur noch in Vernichtung umzuschlagen braucht. Die Ausgeschlossenen – Obdachlose, die in der Nacht zum Jahreswechsel nicht anzutreffen; Verkäufer_innen, die auf den Feiertagszuschlag angewiesen; oder jene Angestellte der Straßenreinigungen, die am nächsten Morgen bereits auf der Straße sind, ehe noch die ersten Hedonist_innen ans Ende ihrer Party denken, um den Anschein von Normalität zu wahren – sind nur die augenscheinlichen Anhängsel jener Maschinerie, die im Krawallexzess keine Stimme haben und bereits vorab verstummen. Die anderen messen sich mit der schwersten Munition, die sie im Supermarkt auftreiben konnten und üben sich im Straßenkampf, der keine direkten Gegner_innen hat. So wird alles und nichts zu dessen Objekt, zum leeren Signifikanten, der nur allzu schnell affektiv gefüllt werden kann. Das Hervortreten von der Vermassung wird zu Silvester mit dem verlängerten Arm des Konsums erkauft und dadurch, was sowohl jene ausgeschließt, die es sich nicht leisten können am Spiel zu partizipieren, als auch solche, die als Gefahr eingestuft werden, dem letzten verbleibenden Spaß noch den Hahn abdrehen zu können, da sie über die Macht des großen Donners verfügen.

Die Ubiquität der Herrschaft des Kapitals zeigt sich am nächtlichen Silvesterhimmel, welche sich in einem undifferenzierten Blitzchaos und alle Straßen durchschallenden Donnerschlägen widerspiegelt. In dieser Nacht beantworten die Individuen die subjektlose Dominanz mit Angst und Wut gleichermaßen. Anstatt wie einst gemeinschaftlich an einem Feuerwerk zu partizipieren, wird jede_r zur einen „One-Man-Army“, zum/r neuen heiligen Krieger_in, der/die Himmel und Erde seinem/ihrem Bilde gleichschaltet und nur darauf wartet, um die nächste Ecke seinen/ihren Endgegner zu finden. Das Heulen und Knallen der Feuerwerkskörper weckt die Rachegelüste gegenüber dem „Vater“, der, wie gerade zu Weihnachten erst schmerzlich erlebt, noch immer die Hose anhat und der viel zu lange die Lust versagte, indem er der einzige Richter über Triebbefriedigung und -versagung war. Heute, wo Gott und Vater ihre einzigartige Rolle der Öffentlichkeit längst verloren haben, und durch jede beliebige Figur ersetzt werden können, steht die Aufklärung, wie wir erst kurz vor Jahresende in Gaza wieder sahen, unmittelbar vor ihrer absoluten Grenze. Die These von Brauns zum beweglichen Vorurteil des Signifikants „Jude“[2] lässt deutlich werden, was geschieht, wenn auch hier der Vatermord erneut repersonalisiert oder vom Festtisch zu Weihnachten im eigenen Haus auf das „Haus des Anderen“ projiziert wird. Das christliche Vorurteil des Jesusmordes brauchte bekanntlich nicht lange, um zum nationalsozialistischen Ressentiment der Revolte mit Vernichtungswut gegen alles zuvor Dagewesene zu werden, dessen Inbegriff der Jude war und blieb. Wer prädestiniert ist, den Hausfrieden zu stören, ist damit hinlängst bekannt. Daher hängt auch heute, wie eh und je, die „Umwendung […] davon ab, ob die Beherrschten im Angesicht des absoluten Wahnsinns ihrer selbst mächtig werden und ihm Einhalt gebieten. In der Befreiung des Gedankens von der Herrschaft, in der Abschaffung der Gewalt, könnte sich erst die Idee verwirklichen, die bislang unwahr blieb, daß der Jude ein Mensch sei.”[3] Silvester deutet Gegenteiliges dieser zu verwirklichenden Idee an und vielleicht sollte man sich im Moment damit zufrieden geben, dass das einstige Glücksversprechen längst von der Hoffnung auf den Status Quo abgelöst wurde, der Hoffnung dass im neuen Jahr nichts sich zum Schlechteren wendet.


[2] Von Braun, Christina & Ziege, Eva-Maria (Hrsg.): Das ‚bewegliche‘ Vorurteil: Aspekte des internationalen Antisemitismus. Königshausen & Neumann.

[3]  Horkheimer, M. & Adorno, Theodor W. (1969): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt/Main. S. 179.


Reversion von Ideologiekritik – Zur Machtlosigkeit der Psychoanalytiker_innen

Marx konnte „noch nicht ahnen, wie die Ideologie zum allgemeinen Wahn fortschreiten würde, sobald das gesellschaftliche Verhältnis nicht mehr nur als unmittelbare Naturerscheinung wahrgenommen wurde, sondern als Weltverschwörung, der der Einzelne hilflos gegenüber steht. Je mehr das Individuum seiner ökonomischen Potenz entkleidet wird, je mehr es zum bloßen Befehlsempfänger einer Clique wird, der es sich aus der Not angeschlossen haben mag, desto weniger begreift es sich als Urheber der sozialen Welt. Der Einzelne sieht sich als rächendes Opfer, das sich der Bande anschließt, um der abstrakten Macht, die aus bekannten Gründen als „Jude“ fetischisiert wird, den Krieg erklären zu können. Solcher „verfolgenden Unschuld“ (Karl Kraus) ist nicht mit aufklärender Kritik beizukommen, wie sie das Kapital bereitstellt, sondern nur noch mit Gewalt. Wo kaum noch ein Ich im starken Sinne einer Vermittlungsinstanz zwischen Es und Über-Ich vorhanden ist, weil Wahn und Trieb unmittelbar zusammenfallen, da ist sogar ein Psychoanalytiker machtlos. Der Souverän kann, wenn er es denn will, weil er sich noch einen Rest ökonomischer und damit, als Nebenprodukt, auch humaner Rationalität bewahrt hat, die marodierenden Überflüssigen im Zaum halten; aber er wird sie nicht los. Der Übergang von der ideologischen zur wahnsinnigen Gesellschaft, oder, anders ausgedrückt, von der bürgerlichen zur nachbürgerlichen Gesellschaft, konfrontiert den Kritiker mit einer Aufgabe, die er selbst gar nicht bewältigen kann. Er muss annehmen, dass die kollektive Psychose, die in der Unfähigkeit zur Erfahrung wurzelt, nicht so stark ist, wie sie sich für ihn doch immer darstellt. Einen Psychotiker kann man nicht kritisieren. Die Ideologiekritik ist damit ein Relikt der Vergangenheit, aber eines, das doch die einzige Möglichkeit darstellt, die verbliebene gesellschaftliche Restvernunft, die sich in verkehrter Form noch in der bürgerlichen Ideologie ausdrückt, zum Bewusstsein des falschen Ganzen zu bringen. Ideologiekritik versucht also, entgegen den eigenen Erfahrungen – und darin liegt auch das Problem –, eine Situation herzustellen, in der wieder sinnvoll über die Revolution nachgedacht werden kann.“

(Lenhard, P. (2012): Die Kontraktion des Kapitals. Überlegungen zum Charakter der Totalität im Spätkapitalismus. In: Prodomo Ausgabe #16 vom 07.03.2012.  http://www.prodomo-online.org/ausgabe-16/archiv/artikel/n/die-kontraktion-des-kapitals.html)


Mode als Aktualitätsparadigma und Ende des Fortschritts

„Kerstin Stakemeier: (…) Die bürgerliche Annahme eines Fortschritts in der Hochkultur, die der Gesellschaft als ganzer überlegen sei, nivellierte sich mit der objektiv konservativen gesellschaftlichen Stellung der Moderne nach 1945, und in deren zweifelhafter Überwindung in der Gegenwartskunst als reeller Subsumption des Produktionssegments wurde die bloße Aktualität selbst – im Guten wie im Schlechten – zum vorrangigen Qualitätsmerkmal.

Roger Behrens: Hier scheint sich abermals für die Gegenwartskunst spezifisch zu wiederholen, was auch in der allgemeinen Kultur seinen Ausdruck findet: Geschichte – und mit ihr die Ideologie des Fortschritts – wird in Mode aufgehoben. Indes wird Mode auch zum Prinzip der Gegenwartskunst: Ihre Ästhetik ist eben keine des Fortschritts mehr, sondern eine des bloßen Up-to-date-Seins. Die Geschichte als Mode ist gewissermaßen die internationale Version des Gegenwartsbewusstseins, auch in der Kunst. Die nationale hingegen, insbesondere die deutsche, ist Gegenwart als Mythologie.“

(Stakemeier, K. & Behrens, R. (2012): Zur Gegenwartskunst als Industrie. In: Phase2. Zeitschrift gegen die Realität. #43. S. 60.)


Fäulnis

„Was wir lediglich klar und deutlich sagen wollen, ist: Für uns sind sowohl auf der kulturellen wie auf der im engen Sinne politischen Ebene die Vorbedingungen der Revolution nicht nur reif, sie haben begonnen zu verfaulen / verwesen. Nicht allein die Rückkehr nach hinten sondern auch schon die Verfolgung der »aktuellen« kulturellen Ziele — weil diese in der Realität von ideologischen Formationen einer vergangenen Gesellschaft abhängen, die ihre Agonie bis auf den heutigen Tag ausgedehnt hat, — kann nurmehr reaktionäre Auswirkung haben.“

(Louis Aragon und André Breton: Gebrauchsanweisung des Détournements: http://spektakel.blogsport.de/images/detournement.pdf. S. 3f.)


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