Schlagwort-Archive: Foucault

Staatliche Selbstreferentialität

„Lass dich abschlachten, und wir versprechen dir ein langes, angenehmes Leben. Die Lebensversicherung ist an ein Todeskommando gekoppelt.“

(Foucault, M. (2010): Kritik des Regierens. Schriften zur Politik. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 48.)

 

„Da der Staat sein eigener Zweck ist, und da die Regierungen es sich zu ihrem ausschließlichen Ziel setzen müssen, die Stärke des Staates nicht nur zu bewahren, sondern beständig zu erhöhen, liegt es auf der Hand, dass die Regierungen sich nicht um Individuen zu kümmern haben – oder allenfalls in dem Maße, wie dies zur Stärkung des Staaes beiträgt: was sie tun, ihr Leben, ihren Tod, ihre Tätigkeit, ihr individuelles Verhalten, ihre Arbeit und so weiter. Doch in diesem Kalkül gibt es eine Art politischer Grenznutzentheorie, denn worum es hier geht, ist einzig der politische Nutzen. In der Sicht des Staates ist der Einzelne nur insofern von Belang, als das, was er tut, eine noch so geringe Veränderung in der Stärke des Staates herbeizuführen vermag, entweder positiv oder negativ. Nur so weit das Individuum in der Lage ist, eine derartige Veränderung zu bewirken, hat der Staat mit ihm zu tun – manchmal muss der Einzelne für den Staat leben, arbeiten, produzieren, konsumieren, und manchmal muss er für ihn sterben.“

(Ebd. S. 52f.)

Advertisements

Zeichen der Abgetrenntheit

Wie bereits in einem vorausgegangenen Artikel zur Homosexualität bei Foucault angemerkt, ist sie bei ihm nicht als transhistorisch normatives Modell zu verstehen – also kein auf ewig zu etablierendes Konzept -, sondern als eine historisch spezifische Möglichkeit der Irritation. Sie bricht mit ihrer in der Mehrheitsgesellschaft verstörenden Kraft die scheinbare Natürlichkeit menschlicher Existenz und ihrer einhergehenden lebenspraktischen Ordnungsmuster. Im Gegensatz zur Freundschaft, die weitaus transhistorischer gedacht ist, da sie die menschliche Produktion (was die produktive Artikulation, den Austausch und die Aneignung der Bedürfnis- und Gefühlswelt zugleich impliziert) in einem intersubjektiven Verhältnis versteht, ist Homosexualität ein zeitdiagnostisches Phänomen, um auf romantisch-expressivistische Lebenspraktiken in der „Postmoderne“ zu verweisen. Diese „romantische Liebe“, die „nach einer persönlichen Liebeserfahrung“[1] sucht, welche durch ein Begierdeobjekt die im eigenen Kern angelegten Bedürfnisse und Fähigkeiten aktiviert und bei dem das Scheitern der Liebesbeziehung mit einem tiefen existenziellen Rückschlag einhergeht, da man „als Mensch gescheitert“ ist, dient mir als Zeichen der Abgetrenntheit. Dies ist den Ausführungen Foucaults ähnlich, der die Homosexualität als überwiegend körperliche und fast noch animalische Begierde beschreibt, die dadurch gesellschaftlich akzeptiert ist, dass sie somit als Anderes und damit als Anormales gelten kann (Vgl. „Homosexualität als Lebensform“). Auffallend ist nun der subsummierende Charakter der Homosexualität unter die gegebenen Verhältnisse, der damit zugleich das Bild der Körperzentrierung noch untermauert. Der Besuch in einer ohnehin sehr tickethaften und auf äußerliche Ordnung bedachten Stadt, die gemeinhin das Prädikat „schick“ trägt, bestätigte diese Annahme dadurch, dass sich hier auf einer „Schwulen-Party“ Phänomene zeigten, die mir ansonsten nur aus phallozentrischen Szenen der Metal- und seit einiger Zeit der Hardcore-Subkultur bekannt waren, wie bspw. die Entblößung des durchtrainierten Oberkörpers zur Selbstinszenierung, die dortige etiketthafte Musterung oder die bis zur Übertriebenheit gesteigerte Artikulation der sexuellen Begierde. Die Hoffnung Foucaults erscheint hier als gescheitert, da sich die Motivlage der Akteure affirmiert. Entgegen Erich Fromms Vorstellungen zur reifen Form der Liebe als „eine Vereinigung, bei der die eigene Integrität und Individualität bewahrt bleibt“ und die „eine aktive Kraft im Menschen“ ist, „welche die Wände niederreißt, die den Menschen von seinem Mitmenschen“[2] trennt, steigert sich hier nur jener Selbstbezug, der bis zum Narzissmus prolongiert. Die reife erotische Liebe wird „mit dem explosiven Erlebnis, >sich zu verlieben< verwechselt, mit dem plötzlichen Fallen der Schranken, die bis zu diesem Augenblick zwischen zwei Fremden bestanden.“[3] Die Liebe wird zum Objekt und verkennt ihren prozesshaften Tätigkeitscharakter der permanenten Aneignung – der im unabgeschlossenen Begriff der Vertrautheit oder Ähnlichkeit angelegt ist. Dabei wird das Bild der Homosexuellen, welches ihnen nach Foucaults Diagnose von der Mehrheitsgesellschaft zugeschrieben wird und als einziges toleriertes gilt, von eben jenen Homosexuellen selbst adaptiert, was zugleich die Abgetrenntheit von den Liebespartner_innen als auch von „der“ Welt im Allgemeinen offenbart: „für die meisten ist die eigene Person genau wie die des anderen schnell ergründet und ausgeschöpft. Sie erreichen Intimität vor allem durch sexuelle Vereinigung. Da sie das Getrenntsein von anderen in erster Linie als körperliches Getrenntsein erfahren, bedeutet die körperliche Vereinigung für sie die Überwindung des Getrenntseins.“[4] Die auffallend starke Fokussierung und (Über-)Betonung auf den körperlichen Akt im öffentlichen Raum verweist zwar auf jenen Missstand der Ausgrenzung gleichgeschlechtlicher Liebesbeziehungen, zugleich jedoch ebenfalls auf den affirmierten individualisierten Charakter dieser Beziehungen. Die einstige Irritation tendiert zur einseitigen Aufhebung im Sinne des „negare“ – die Einschreibung wird hegemonial überschrieben und verweist damit nur auf die isolierte und sich immunisierende gesellschaftliche Totalität.


[1] Fromm, E. (1980): Die Kunst des Liebens. Frankfurt/Main, Berlin, Wien: Ullstein Verlag. S. 12.

[2] Ebd. 31

[3] Ebd. 64

[4] Ebd. 65


„Homosexualität“ als Lebensform

Zum im letzten Beitrag angesprochenen foucaultschen Verständnis von Homosexualität: Ein wesentlicher Aspekt Foucaults liegt in den Ausführungen, die er aus seiner Beschäftigung mit den Problematisierungen sexueller Beziehungen resümiert. Anknüpfend an das Problem der Eingeschlechtlichkeit, sich als „identitätsloses Subjekt“ (was er am Beispiel einer_s Hermaphroditen im 19. Jahrhunderts aufzeigt) in einer heteronormativ kategorisierten und verbalisierten Welt zu befinden, ergibt sich die Schwierigkeit, die eigenen diffizilen Leidenschaften und un- oder zwischengeschlechtlichen Begehrungen semantisch erfassen zu können. Welche Formen der Beziehung werden also unter der bipolar differenzierten Sexualität begrenzt und sanktioniert? Er besetzt den Begriff der Homosexualität nicht mit der Beschäftigung der Fragen: „Wer bin ich? Und worin liegt das Geheimnis meines Begehrens?“, sondern „Welche Beziehungen lassen sich über die Homosexualität herstellen, erfinden, vermehren, gestalten?“[1] Damit kritisiert er nicht nur, dass die Heteronormativität dem Begriff gegenwärtig immanent ist, er sagt zugleich etwas über den Status der Sexualität als Ganzes aus.[2] Dass die Art der Sexualität noch immer als Indikator für die Beschränkung der sozialen Beziehungen dient, visualisiert er daran, dass zeitdiagnostisch das „saubere Bild der Homosexualität“ dadurch geprägt ist, nur als unmittelbare Lust aufzutreten, bei der es einzig um den Geschlechtsakt zu gehen scheint: „(Z)wei Jungen, die einander auf der Straße begegnen, sich gegenseitig mit Blicken verführen, einander die Hand auf den Hintern legen und eine Viertelstunde später zur Sache kommen“, ist das beruhigende Bild der Homosexualität, die den „Irrtum“, es könnte sich um authentische, zärtliche und freundschaftliche Beziehungen handeln, noch manifestieren. Insofern sie sich als derartige Form etabliert, ist an ihr in der modernen, liberalen Gesellschaft nichts Beunruhigendes, da sie sich weiterhin als irrtümlich erweist. Bedrohlich wird sie erst, wenn sich als Lebensform eine Regelhaftigkeit durchsetzt, welche die Gewissheit über das „wahre Geschlecht“ erschüttert. Wie am Beispiel der Eheschließung ersichtlich, wird die Entstehung jener Beziehungen befürchtet, die die Ordnung der konventionellen Lebensform negieren, was den verdeckten Biologismus dieses modern-liberalen, „romantisch-expressiven Selbst“ erst offenbart.[3] Den Begriff der Homosexualität verwendet Foucault angesichts dessen nur historisch. Er zeigt auf, dass er als Phänomen nur dort irritiert, wo Wahlverwandtschaften oder Freundschaften sich am Geschlecht ausrichten. Es ist für ihn derzeit ein möglicher Indikator, als verstörendes Element gegenüber diesem romantisch-expressiven und „die eigene Wahrheit im Geschlecht suchenden“ Selbst aufzutreten, um die als wahrhaft beglaubigten Regelmäßigkeiten in institutionalisierten Beziehungsformen zu durchbrechen. „Schwul sein heißt in meinen Augen nicht, sich mit den psychologischen Merkmalen und sichtbaren Masken des Homosexuellen zu identifizieren, sondern den Versuch zu machen, eine Lebensform zu definieren und zu entwickeln.“[4] Anhand dessen wird die oben ausgearbeitete Subjektposition in ihrem situativen Charakter deutlich. Es geht ihm weniger darum, das Subjekt auf eine identitäre Deutung zu fixieren, als vielmehr die historisch gewachsene soziokulturelle Kontingenz der scheinbar „ursprünglichen“ Existenz offenzulegen. „Homosexualität ist eine historische Gelegenheit, Beziehungs- und Gefühlsmöglichkeiten neuerlich zu eröffnen, […] weil die Diagonalen, die jemand, der »quer« zum sozialen Geflecht steht, darin ziehen kann, solche Möglichkeiten sichtbar zu machen vermögen. […] Wenn man zulasse, dass die Beziehung sich in ihren eigenen Worten und Gesten entfaltet, kämen andere, sehr wichtige Dinge zum Vorschein: dichte, wunderschöne, sonnige oder auch traurige, schwarze Liebes- und Gefühlsbeziehungen.“[5] Diese Sichtweise auf den Begriff der Homosexualität ist demnach aufs Engste mit seiner Vorstellung von Freundschaft als frei wählbare und von natürlichen Bestimmungen (des Biologismus) unabhängige Beziehung verbunden.


[1] Foucault, M. (1981a): Freundschaft als Lebensform. In: Defert, D. & Ewald, F. (Hrsg.; 2005): Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Band IV. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 200.

[2] „Es geht nicht darum, in sich selbst die Wahrheit des eigenen Geschlechts zu entdecken, sondern die eigene Sexualität zu nutzen, um vielfältige Beziehungen herzustellen. Und das ist ohne Zweifel der eigentliche Grund, weshalb die Homosexualität keine Form des Begehrens, sondern etwas Begehrenswertes ist.“ (Foucault, 1981a: 201f.)

[3] Kennzeichen des Liberalismus sei es, dass seine „Subjekte in der Neuzeit dazu tendieren, sich in ihrem Privatleben (Familie, Freundschaft etc.) nach den romantisch-expressivistischen Strukturen der moralischen Landkarte der Gegenwart zu verstehen, während die Institutionen des öffentlichen Lebens der Logik der »naturalistischen« Sprache folgen […].“ (Rosa, H. [1998]: Identität und kulturelle Praxis. Frankfurt: Campus. S. 202.). Anhand dieser Zweiteilung wird die hegemoniale Bedeutung des öffentlichen, scheinbar „stark-männlichen“ und emotionsneutralen Selbst sehr deutlich, was die als „weiblich“ sozialisierten, fürsorglichen Leistungen für die Öffentlichkeit diskreditiert und ins „Private“ verlagert und damit die „männliche“ Vormachtstellung reproduziert sowie „legitimiert“.

[4] Foucault, 1981a: 203f.

[5] Ebd.: 204f.


%d Bloggern gefällt das: