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Schlaflos unglücklich

Vertrieben

„Die Lichter indessen sind zu ihrem eigenen Gefallen versammelt, statt den Menschen zu scheinen. Ihre Glühzeichen möchten die Nacht erhellen und vertreiben sie nur.“

(Siegfried Kracauer (2014): Das Ornament der Masse. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 16.)

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Über die Sehnsucht postindustrieller Anschmiegung freizeitlicher Lebensgestaltung an den Produktionsprozess

Dresscode

„Der wirkliche Mensch, der nicht zur Figur des mechanisierten Betriebes abgedankt hat, widerstrebt der Auflösung in Raum und Zeit.“ [1]

 
Hat einst die Elektrisierung und Technisierung der Musik auch in linken und mit einiger Verzögerung ebenfalls in linksintellektuellen Zirkeln dazu geführt, dass die vom Arbeitsfetisch affizierten, also die zutiefst orthodox-marxistischen Auffassungen gefolgte Heroisierung und Vergötterung handwerklicher Tätigkeiten – man denke nur an den DIY-Hype der 90er Jahre und seine innerlinke Punk-, Hardcore- oder Straight-Edge-Subkultur-Apologeten – entweder ganz ihr Ende fanden oder zumindest eine enorme Abmilderung erfuhren, so schlägt die Geschichte seit geraumer Zeit vollends in ihr Gegenteil um. Die Selbstoptimierung durch rigorose Drogenabstinenz in der Straight-Edge-Szene ist heute dem Bio- oder besser Neuro-Enhancement durch verschiedenste chemische Substanzen gewichen, während nur noch die „anständigen und die hässlichen Popdeutschen“ [2] hierin einen Angriff gegen das Arbeitskollektiv erkennen. Gleiches gilt für die musikalischen Vorlieben ihrer Konsument_innen, die sich – wie jüngst im Leipziger IFZ prototypisch deutlich wird – in die imitierten Fassaden von Industrieanlagen zwängen, um dort den scheinbar aus Versatzstücken des maschinellen Produktionsprozesses zusammengesetzten Geräuschen und Tönen ekstatisch dem höchsten Tempo der Musik unter wiederum düsterstem Ambiente zu folgen. Der dazu nahezu neuroleptische Tanz, welcher den Übergang von der Melodie zum puren Rhythmus vollständig vollzogen hat, ist der entsprechende Ausdruck und notwendige Folge einer „Skandierung der Zeit“. [3]

 
„Der moderne Gesellschaftstanz, dem Gefüge der in den Zwischenschichten geltenden Bindungen entfremdet, neigt zur Darstellung des Rhythmus schlechthin; statt daß er bestimmte Gehalte in der Zeit zum Ausdruck brächte, ist diese selber sein eigentlicher Gehalt. War in Epochen des Beginns der Tanz eine Handlung des Kultus, so ist er heute ein Kult der Bewegung, war früher der Rhythmus eine erotisch-seelische Bekundung, so möchte heute der sich selbst genügende Rhythmus die Bedeutungen aus sich erst lassen. Tempo, das nichts will als sich allein […]. Sie drängen danach, die Melodie zum Verlöschen zu bringen und immer länger die Karenzen auszuspinnen, die den Untergang des Sinnes bezeichnen, weil in ihnen die in der Melodie bereits angelegte Mechanisierung sich enthüllt und vollendet.[…] Seine [der Rhythmus; P3] sportliche Ausübung heute zeugt davon, daß er über die disziplinierende Bewegung hinaus nichts wesentliches Sinnhaftes meint. […] Das Abenteuer der Bewegung als solcher begeistert, das Hinübergleiten aus den normalen Räumen und Zeiten in die noch nicht durchmessenen erregt die Leidenschaft, die Vagabondage durch die Dimensionen gilt als Ideal. Dieses raumzeitliche Doppelleben könnte aber kaum mit solcher Intensität begehrt werden, wenn es nicht die Verzerrung des wirklichen wäre.“ [4]

 
„Die Mächte, die zur Mechanisierung führen, deuten über Raum und Zeit nicht hinaus. Insofern er meint, die Welt sei auf Grund mechanistischer Voraussetzungen zu erfassen, befreit er sich aus den Beziehungen zu dem Jenseitigen und bringt die Wirklichkeit zum Verblassen, die der über das Raumzeitliche hingespannte Mensch erfüllt. Dieser abgelöste Intellekt zeugt die Technik und erstrebt eine Rationalisierung des Lebens, die es der Technik zugeordnet sein läßt. Da er aber eine solche radikale Einebnung des Lebendigen nur unter Preisgabe der geistigen Bestimmung des Menschen erreichen kann, da er die seelischen Zwischenschichten verdrängen muß, um den Menschen so glatt wie ein Auto zu machen, ist mit dem von ihm geprägten maschinell-figürlichen Getriebe ein wirklicher Sinn ohne weiteres nicht zu verbinden. Das Technische wird sich darum Selbstzweck, und eine Welt entsteht, die, vulgär gesprochen, nichts anderes begehrt als die größtmögliche Technisierung alles Geschehens. Warum? Sie weiß es nicht. Sie weiß allein, daß kraft des Intellekts Raum und Zeit zu besiege seien, und gefällt sich in ihrer mechanischen Beherrschung […]. Sein Dasein (des Menschen; Anm. P3) zerfällt in eine Reihe organisatorisch geforderter Tätigkeiten, und nichts entspräche mehr der Mechanisierung, als daß er gleichsam zum Punkt sich zusammenzöge, zum nutzbaren Glied der intellektuellen Apparatur. Der Zwang, sich in dieser Richtung zu entarten, lastet auf den Menschen schlimm genug. Sie finden sich in einen Alltag hineingepreßt, der sie zu Handlangern der technischen Exzesse macht, und trotz oder vielleicht wegen der humanen Begründung des Taylorismus werden sie nicht zu Herren der Maschine, sondern maschinenhaft.“ [5]

 
Nun muss natürlich konstatiert werden, dass der Taylorismus, dem die Phänomene zu Kracauers Zeit ebenso entspringen, wie sie sich ihm wiederum im interdependenten Verhältnis anschmiegen, inzwischen aus der Zeit gefallen sind. Selbst im gegenwärtigen spätindustriellen Produktionsprozess ist ein „ganzheitlicher“, von pseudo-individuellen Tätigkeiten und Teamwork geprägter Ablauf dem punktgenauen Handgriff am Fließband gewichen, da diese Tätigkeiten vom Optimierungszwang im Rahmen des technischen Fortschritts verschlungen wurden – selbstverständlich ohne dass es dem Großteil der Menschen zu Gute gekommen wäre. Zu fragen wäre jedoch, woher das Bedürfnis rührt, das das Wiederaufleben durch die Anschmiegung an einen eigentlich überwunden geglaubten Produktionsprozess vorantreibt. In Zeiten einer „Individualisierung, wenn man so will, aber eine[r] solche[n], die auf das Individuelle gar nicht zielt“ [6], scheint ein Wunsch zu erwachen, der der falschen Individualisierung mit nostalgischer Kollektivierung antwortet, ohne dabei den durchaus bedenklichen Hang zur formellen Situativität, dem „ Abenteuer der Bewegung als solcher“, widerstehen zu können. Es scheint, als seien die „normalen Räume[n]“ vollends „durchmessen“, so dass „die Vagabondage durch die Dimensionen […] als Ideal“ weder in der räumlichen noch in der zeitlichen Achse zu überwinden sei. Die Systemimmanenz vermeintlich emanzipativer Räume verweist auch hier auf die schier endgültige Wiederkehr des Immergleichen – die Sehnsucht nach Homogenität und Authentizität. Die Eintrittskarte an der Kasse gleicht der Stechuhr, die den subjektiven Gehalt des Individuums in der Kollektivtrance versinken lässt. Es ist spätkapitalistische Ticketmentalität, keine postindustrielle diversity.

 

[1] Siegfried Kracauer (2014): Das Ornament der Masse. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 43.
[2] Frank Apunkt Schneider (2014): Ärger im Identitätsparadies. Die anständigen und die hässlichen Popdeutschen. Phase2. Ausg. Frühjahr 2014 #48. S. 57ff.
[3] Siegfried Kracauer, a.a.O. S. 41ff..
[4] Ebd.
[5] Ebd.: 45
[6] Ebd.: 42


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