Schlagwort-Archive: Kunst

German Übereifer

Schuld_bei_anderen_suchen

In der Disko der Jungle World wurde kürzlich über die deutsche Erinnerungspolitik debattiert. Diese Diskussion erfasste zwar durchaus einige ihrer aktuellen Momente, jedoch fehlten andere Teile dieses Gegenstands, die hiermit ergänzt werden sollen. Der Beitrag German Gedenken(1) von der Antideutschen Aktion Berlin (ADAB) reicherte zunächst zentrale Thesen Eike Geisels mit aktuellen Bezügen an. Geisel zufolge wird eine »neue Lust am historischen Schuldbekenntnis der Deutschen« dadurch geweckt, dass sich das »Shoahbusiness« inzwischen besser denn je vermarkten lässt. Die ADAB zeigt, wie der dahinterstehende Eifer, mit Sigmar Gabriels (SPD) Stolz auf das internationale Renommee des ›Erinnerungsweltmeisters‹ schwanger geht. Der Auschwitzüberlebende Georg Brady bezeichnete dies im Tagesspiegel vor wenigen Jahren treffend mit den Worten: »Es ist verrückt, wie sich die Dinge umkehren. Vor 70 Jahren wollten sie mich umbringen, jetzt ehren sie mich.«(2) Wohl spätestens seit Schröders Staatsantifaschismus, den Geisel selbst nicht mehr erlebte, ist nun, wie Katrin Antweiler in ihrer Replik(3) auf die ADAB schreibt, der Patient im internationalen Erinnerungsdiskurs »geheilt«. Zwar wollen die Deutschen sich ihr Auschwitz noch immer nicht wegnehmen lassen und es habe, wie Geisel schrieb, gefälligst deutsch zu bleiben. Aber die Vorzüglichkeit des Wesens deutscher Erinnerungskultur darf sich international gern generalisieren, so dass alle anderen daran genesen dürfen. Jedoch was bedeutet das schon, ein »geheilter Patient«? Dass von diesen nun vermeintlich ›zukunftsorientierten‹, ›versöhnlichen‹ und ›universalistischen‹ Deutschen, die »Hand in Hand mit dem restlichen Europa und allen anderen« gehen, nun keine Gefahr mehr zu erwarten sei, nur weil sie sich politisch zivilisiert und ökonomisch konsolidiert haben? Das stimmt mit Blick auf Deutschlands gegenwärtige Hegemoniebestrebungen wohl weniger denn je seit der Niederschlagung des Nationalsozialismus. Erste Anzeichen, was diese Hegemonie auch erinnerungskulturell noch stärker als erinnerungspolitisch bedeuten mag, lassen sich unlängst am German Übereifer ablesen, der zusehends über die rein ökonomische Kalkulation in Richtung des Irrationalen hinaustreibt. Dies liegt wohl daran, dass sich Kunst wie Kultur zumindest nicht zwangsläufig den ökonomischen Zwängen anzubiedern haben, wenn Deutschland stark genug ist.

Der Leitartikel Deutscher Übereifer in der diesjährigen Februarausgabe der KUNSTZEITUNG könnte sich schon bald als idealtypisch-zeitgenössisches Dokument dieses sich hinter vermeintlicher ökonomischer Kalkulation versteckten Revisionismus erweisen, der die »nachkriegsdeutsche Kosten-Nutzenanalyse« zur neuen »Beseitigungswut gegenüber der Erinnerung« (Geisel) werden lässt.(4) Verleger Karlheinz Schmid beklagt im Leitartikel jenen »deutschen Übereifer, der sich zunächst in einer inflationär wirkenden Zunahme einer Erinnerungskultur äußert, die teils groteske Züge annimmt«. Sie erwecke – fast schon eine rhetorische Hommage an Geisels »nationale Wiedergutwerdung der Deutschen« – den Anschein, »dass diese Nation mittlerweile nichts mehr unversucht lässt, […] in jedem Kleingartenverein zu ermitteln, wo es noch eine Opfergruppe geben könnte, derer zu gedenken wäre« (Schmid). Scheinbar lebt in dieser »deutsche[n] Kritische[n] Theorie« (Geisel) der außenpolitische Traum nach mehr »Lebensraum im Osten« samt seiner libidinösen Energie in sublimierter Form im Inneren, genauer in der Stadtpolitik des Herzens der deutschen Republik fort: Insbesondere unter Bezugnahme auf das Holocaust-Denkmal in Berlin schreibt Schmid: »Da werden Wettbewerbe ausgeschrieben, Millionen Euro verbaut, um Jahre später, ganz ängstlich, erkennen zu müssen, dass man den Stadtraum völlig dicht gemacht hat. Teils mit Schrottkunst, aus heutiger Sicht.« So müllen wir Deutschen also nur wegen unseres Vergangenheitskomplexes gegenüber den Jüdinnen und Juden unsere Städte zu. Die rund 1,3 Millionen Baudenkmäler jeder Art »sind Ausdruck eines deutschen Traumas, sich für Unrecht vorausgegangener Generationen entschuldigen zu müssen, die dunkle deutsche Vergangenheit politisch korrekt aufpolieren zu wollen« und vom »Krampf im Denken und Handeln« (Schmid). Während Geisel in Bezug auf die Pläne zum Mahnmal, dessen Eröffnung er selbst nicht mehr erlebte, noch den deutschen Arbeitseifer polemisch mit der »Fähigkeit zu Mauern« auf den Punkt brachte und es zur »nationale[n] Kuschelecke« stilisierte, beklagt Schmid lieber die Instandhaltungskosten, so dass selbst die symbolischen Akte, welche neben der Rehabilitation der Deutschen zugleich die weitestgehend ausgebliebenen materiellen zu überdecken hatten (siehe den Artikel der ADAB), zusammen mit den Betonklötzen Berlins brüchig werden. Plötzlich wird aus der liberalen Vorstellung des Äquivalententausches, nach welcher auch das politische ›Image‹ Deutschlands im internationalen Konkurrenzkampf um die höchste Absatzrate noch vor dem Tauschakt bestmöglich zu promoten sei, wieder ein manifester Kulturkampf. Nur wegen des Vergangenheitskomplexes der Deutschen werde der Rückbau der Denkmäler »unmöglich, weil niemand den Bilderstürmer geben kann. Das wäre politischer Suizid.« (Schmid) Im selben Jargon entdeckt Schmid in der Diskussion um das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin, welches »vom Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages, der längst Kulturpolitik macht«, »aus Kostengründen abgesagt« wurde, ein »entlarvendes Beispiel« für die Fehlkalkulation der nachkriegsdeutschen Kosten-Nutzen-Analyse. Zwar kritisiert Schmid auch das »sudetendeutsche Aufbegehren« für »ein konzeptionell längst überholtes Dokumentationszentrum in Sachen Flucht, Vertreibung und Versöhnung«, weil insgesamt die »nicht enden wollende Erinnerungskultur […] den scharfen Blick nach vorn« vernebele, was zunächst die These zur »zukunftsgerichteten Politik« (Antweiler) bestätigen würde. Allerdings verfestigt dieser Versuch der vermeintlichen Überwindung der deutschen Geschichte immer wieder die Idiosynkrasie. So setzt Schmid sämtliche historischen Ereignisse in relativierender Weise unterschiedslos gleich, wie er gleichermaßen die Differenz von Erinnerung und Aufklärung nicht zu ziehen vermag: Den marginalen Betrag von »fünf Millionen aus dem 1,6-Milliarden-Zuwendungsbeutel der Staatsministerien für das Bundesarchiv, um die NS-Vergangenheit deutscher Ministerien und Behörden aufzuarbeiten«, kritisiert er in einem Atemzug mit den 50 Millionen für die sudetendeutschen Revisionistinnen und Revisionisten. »Der deutsche Denkmal-Wahnsinn in Sachen Freiheit und Einheit […] verpulver[t] […] unser Steuergeld.« Aufgrund solcher Relationen kann man selbst beim besten Willen, Schmids Kritik noch eine rein ökonomische Rationalität zu unterstellen, nur noch dem brüllenden Irrationalismus in den Rachen schauen. Sein Schrottrecycling argumentiert innenpolitisch auf angeblicher Basis von Kostenkalkulationen, er streift dabei sogleich die bisherige Notwendigkeit ab, das NS-Aufarbeitungs-Image aufzupolieren und es weiterhin als zentralen Faktor einzubeziehen.

Die Vermarktung des Gedenkens, seine Verfügbarmachung im Rahmen einer ökonomischen Rationalität, wonach »moralische Attitüde und politisches Kalkül jene Verbindung ein[ging], die im neuen Bewährungshelferidiom mit der Standardformel ›Gerade wir als Deutsche‹ ihren rhetorischen Dauerausdruck« (Geisel) findet, setzte in der Vergangenheit eine historisch-spezifische Situation voraus. Zum einen verlangte sie eine ausreichende ökonomische Konsolidierung Deutschlands, wie sie zunächst u.a. das sog. Wirtschaftswunder nach dem unmittelbaren Post-NS-Taumel mit sich brachte, um so den revisionistischen Kräften etwas entgegenhalten zu können. Zum anderen durfte noch keine europäische wie internationale Vormachtstellung in Aussicht stehen oder gar gegeben sein, wie es bis zur Wiedervereinigung der Fall war. Geisel zeigt in seinem Zitat mit Blick auf die Opfer, dass dieses sog. »Bewährungshelferidiom« eine gedoppelte Bestrafung der überlebten Jüdinnen und Juden war, die nach ihrer Erfahrung der Shoah nun noch ein zweites Mal herangezogen werden, um der »Heilung des Patienten« und »nicht dem Gedenken an die Opfer« zu dienen. Nun ist diese Form der »Ritualisierung des Gedenkens an die Shoah« nicht als einmal erreichte, ahistorische Konstante, die zwar irgendwie unangenehm, aber doch erträglich für die Opfer ist, zu verstehen, sondern kann sich, sobald sich ein günstiger Moment zur pathischen Projektion bietet, gegen diese Opfer stets wieder wenden. »Denn in Wahrheit hat die Massenvernichtung bewiesen, […] daß ein derartiges Verbrechen langfristig gut ausgeht und sich nicht nur in Exportquoten, sondern auch […] in Kultur auszahlt.« (Geisel) Zum ehrwürdigen Gedenken waren den Deutschen die Jüdinnen und Juden schon immer ein Splitter im Auge, der ihnen als Vergrößerungsglas dienend ihr eigenes Leiden und ihren Schmerz erst richtig offenbart. »Je heftiger sie sich mit toten Juden beschäftigten, desto lebendiger wurden sie selbst. […] ›Die Juden sind unser Glück.‹ Denn was wäre ohne sie aus der Endlösung der deutschen Frage geworden?«, diagnostizierte Geisel noch Anfang der 1990er Jahre. Der Faktor ›Jude‹ war in der Kalkulation dieses ›Glücksmoments‹ nur so lange entscheidender Teil der Bilanz, wie die deutsche Frage noch nicht geklärt war. Ihr lag das »übermächtige kollektive Verlangen, den Prozeß der nationalen Rehabilitierung der Deutschen als Deutsche endlich zum Abschluss zu bringen« (Geisel), zugrunde, was letztlich in der Deutschen Revolution von 1989 kulminierte. Noch ein Jahr vor diesem Ereignis, zur zentralen Gedenkveranstaltung anlässlich des 50. Jahrestages der Reichspogromnacht am 9. Nov. 1988 in der Frankfurter Synagoge hatte zwar eine »neue deutsch-jüdische Symbiose« stattgefunden, diese Zeremonie krankte allerdings noch daran, dass hier noch Juden und Jüdinnen im Spiel waren. Schon ein Jahr später war das Problem soweit behoben – »nun fielen sich nur rein Deutsche in die Arme.« (Geisel) Dass noch einige Jahre nach der sogenannten »Wende« vorwiegend das ökonomische Kalkül die Erinnerungspolitik beherrschte, ist wohl dem Umstand geschuldet, dass die Deutschen zwar mit erhobenem politischen Haupt, jedoch mit deutlichen Einbußen im Geldbeutel aus diesem Wende-Taumel hervortraten.

Die deutsche Ideologie ist seit jeher dadurch gekennzeichnet, eben über die rein ökonomische Rationalität hinaus in einen tendenziell destruktiven Irrationalismus zu treiben, sobald die historische Situation es politökonomisch zulässt und die Mittel dafür zur Hand sind. Deutschland als Krisengewinner und neuer europäischer Hegemon stellt eine Gefahr dar, die sich auch – oder gerade – im Kulturbetrieb der Kulturnation niederschlägt: Wenn Björn Höcke (AfD) also in seiner Dresdener Rede vom 17. Januar dieses Jahres das Holocaust-Mahnmal als »Denkmal der Schande« bezeichnete, was nun AfD-intern zur Einleitung eines Ausschlussverfahrens führte und wohl als ihr letzter Versuch gewertet werden kann, den bürgerlichen Schein doch noch irgendwie zu wahren, wird dies in der Politik wie in den Medien zu einem Eklat ersten Ranges aufgebauscht. Was Höcke sagte – und das kratzt am Stolz der Deutschen – stellt jedoch in Bezug auf den historischen Gegenstand des eliminatorischen Antisemitismus eine Wahrheit dar, wie auch Walser 1998 mit seiner »Dauerpräsentation der Schande« ex negativo den Kern der Sache traf. Der immanente Widerspruch, dass Auschwitz sich eben nicht so ohne weiteres rationalisieren und kommodifizieren lässt, provoziert das deutsche Gemüt von links bis rechts. Diese Idiosynkrasie erst lässt die heftigen Aggressionen bis hin zu »Morddrohungen wegen Trivialitäten«(5) (Bergmann) folgen. Dass der »Heilungsprozess abgeschlossen« (Antweiler) sei und das »ritualisierte Gedenken« lediglich »einer regelmäßigen Vergewisserung« dessen diene, verkennt einerseits, dass eine wirkliche Heilung innerhalb des falschen Ganzen nicht abgeschlossen werden kann. Andererseits können sich sogar Psychotiker und Psychotikerinnen eine ganze Weile unbemerkt innerhalb dieses Falschen bewegen. Demnach ist Geisel zumindest dahingehend zu widersprechen, dass in Deutschland die höchste Form des Vergessens das inflationäre Erinnern sei: Es gibt auch noch die Abrissbirne, die der deutschen Wertarbeit ohnehin noch näher steht als das Mauern. Der (noch) subtile Revisionismus der »Kulturnation Deutschland« und der gleichsam rauere Wind ihrer Erinnerungspolitik sind dabei eingebettet in den international beobachtbaren Rekurs auf nationalkapitalistische Abschottungspolitik. Die einstigen Imagekampagnen scheinen vorüber zu sein. Der politisch wie ökonomisch starke Hegemon bedarf der ökonomischen Rationalität nur noch insofern, als dass sie den Schein des offensichtlichsten Irrationalismus zu verdecken vermag. Plötzlich sind wir zwar »Erinnerungsweltmeister« (Geisel), aber zugleich auch wieder handfeste »Weltmeister im Basteln an der eigenen (Schuld-)Vergangenheit« (Schmid).

Achard Rieus

Zuerst erschienen in: CEE IEH #240 (https://www.conne-island.de/nf/240/3.html)

 

Anmerkungen

(1) http://jungle-world.com/artikel/2017/05/55672.html
(2) http://www.tagesspiegel.de/kultur/holocaust-ein-bruder-erinnert-an-seine-ermordete-schwester/8016236-all.html
(3) http://jungle-world.com/artikel/2017/07/55752.html
(4) Die KUNSTZEITUNG, seit 1996 immerhin mit einer Auflage von 200.000 Exemplaren (und damit in etwa fünffacher Menge zu den Verkaufszahlen der KONKRET und zehnfacher zu den wöchentlichen der Jungle World) monatlich in Karlsruhe vom Verlag Lindinger + Schmid produziert, betreibt laut ihrem Selbstverständnis »kritischen und unabhängigen Journalismus«. Ihrer Homepage ist zu entnehmen, dass »rund 1800 Museen, Kunsthallen, Kunstvereine, Galerien, Hochschulen, Hotels, Buchhandlungen, Bibliotheken, Unternehmen und Institutionen vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz helfen, die Kunstzeitung zu verbreiten.« Ihre Verleger Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid wurden im Jahr 2006 mit dem Award Kunstmediator, einer Auszeichnung der österreichischen IG Galerien (Interessengemeinschaft Galerien für zeitgenössische Kunst) honoriert.
(5) http://jungle-world.com/artikel/2017/06/55700.html

 

Advertisements

Anglizismen verriegeln Deutschen das Maul

„Anglizismen waren die vielleicht größte kulturelle Errungenschaft des Nachkriegs, auch weil sie dem Denken neue Möglichkeiten eröffneten. Dass Sinn zum Beispiel gemacht und nicht bloß gehabt werden konnte, bereicherte die deutsche Sprache um einen Sinn, der nicht – wie der alte deutsche – vom Urgrund der Dinge heraufgebaggert werden musste, sondern prozesshaft war, demokratisch, materialistisch und nicht-essentialistisch. Dass sie die in der Sprache kondensierte deutsche Ideologie auflöst, führt noch immer zu breit aufgestellten Querfrontbildungen gegen die sprachliche Überfremdung. Die sprachpolitische Volkshygiene wird dem Angmizismus wohl nie verzeihen, dass er der deutschen Sprache das Deutsche ausgetrieben hat und mit ihr den ‚deutschen Horror, der am Grund ihres Wesens abgespeichert lag'“.

(Frank Apunkt Schneider: „Deutschpop, halt’s Maul“)


Der innere Widerspruch von Volk und Individualität

Gefrorener Lichtblick

„Und wie ist es mit dem Volk und seiner Autorität? […] Seine Autorität ist etwas Blindes, Taubes, Gräßliches, Groteskes, Tragisches, Amüsantes und Obszönes. Es ist dem Künstler unmöglich, beim Volk zu leben.“

(Wilde, Oscar (1895): Die Seele des Menschen im Sozialismus. In: Heist, O. (Hrsg.): Sämtliche Werke. Briefe und Essays. Bd. 6. Augsburg: Weltbild Verlag. S. 164.)


Oscar Wilde, der Spätromantiker

Wilde Brecht

Wilde Brecht

Der kürzliche Hype um Oscar Wilde ist mir unverständlich. Er schreibt aufgebläht wie ein später Shakespere und verwendet Naturmetaphern, wie es sonst nur Rousseau zu Werke bringt. „Die Seele des Menschen im Sozialismus“ scheint sich mehr um das eigene Ich zu drehen, ohne dessen Provenienz auch nur ansatzweise analysieren zu wollen. Er verpasst „dem Menschen“ seine Existenz qua seines Seins, anstatt ihn retrospektiv an seinen eigenen Taten und Handlungen anderen gegenüber zu messen. „Was Jesus wirklich sagt, ist, daß der Mensch seine Perfektion nicht durch das, was er hat, noch etwa durch das, was er tut erlangt, sondern einzig und allein durch das, was er ist.“ Zwar hebt er immer wieder die scheinbare Abneigung gegenüber „weltlichen“ bezügen auf und stellt sie in ihren gesellschaftlichen Kontext, wo sie auch hingehören, indem er beispielsweise die Geldfixierung des Prekariats dadurch rechtfertigt, dass dieses sich eben gerade in existenzieller Not befndet und als Schicht am meisten darauf angewiesen sei. Hier blinzelt immer wieder durch, dass die schwärmenden „freiwilligen Zusammenschlüsse„, bei denen „der Mensch seine Größe“ zeigt, nur ohne das allgemeine Äquivalent denkbar sind. Aber zugleich findet sich in der Seele seines reinen Menschen reichlich Weltabwendung und Spiritualität, die u.a. auch in der Glorifizierung Jesus Christus und der möglichen, wenn auch nicht notwenidgen Vereinbarkeit von Christentum und Sozialismus münde. Deutlich progressiv ist seine Quintessenz, die entgegen der sozialistischen Vorstellungen seiner Zeit nicht am Kollektivismus beharrlich festhalten, sondern den Individualismus fast bis ins Kategorische fortzusetzen trachtet. Nur ist bei ihm der Individualismus in „dem“ Menschen bereits verankert, er unterliegt weder Willensakten und Entscheidungen noch Rechtfertigungen, er ist natürlich. Dennoch gelangt er, diese essentialistischen Gedanken etwas vernachlässigt, zu sehr vernünftigen Positionen, die sich beispielsweise gegen Autoritätshörigkeit, Patriotismus und die Strafverfolgung seiner Zeit wenden: „Je weniger Strafen, desto weniger Kriminalität. Wenn es überhaupt keine Strafen gibt, wird das Verbrechen entweder aufhören, zu existieren, oder es wird, wenn es denn geschieht, von Ärzten als sehr beruhigende Form der Demenz behandelt werden und mit Fürsorge und Freundlichkeit geheilt werde. […] Der Hunger und nicht die Sünde ist der Erzeuger des modernen Verbrechens.“ Und trotzdem, die Psychologisierung, an der sich die Urväter der Soziologie zur Etablierung der eigenen Wissenschaft die Zähne ausbeißen mussten, findet bei Wilde eine Art Reinform. Da nehme ich mir doch lieber wieder Brecht zur Hand, der, in etwa eine Generation später, aus dieser Auseinandersetzung die richtigen Schlüsse zog: die psychischen als die gesellschaftlichen Strukturen zu begreifen und sie in literarischer Form darzustellen. „Es ist etwas Eigentümliches um das Bettelgeschäft. Gerade für mich war es im Anfang schwer, an dieses Geschäft zu glauben. Ich merkte aber dann, daß die Leute aus der gleichen Angst, aus der sie nehmen, auch zu geben bereit sind. Es fehlt ja auch nicht an Mitleid, nur kann man mit Mitleid nicht ebensogut eine warme Mahlzeit verdienen, wie ohne Mitleid. Es ist mir auch klar, warum die Leute die Gebrechen der Bettler nicht schärfer nachprüfen, bevor sie geben. Sie sind ja überzeugt, daß da Wunden sind, wo sie hingeschlagen haben! Sollen keine Ruinierten weggehen, wo sie Geschäfte gemacht haben?“ (Herr Peachum in Brechts Dreigroschenroman)


Deutsches Exil

tumblr_l3morbQfXS1qzp6ii

„Was liegt an aller unserer Kunst der Kunstwerke, wenn jene höhere Kunst, die Kunst der Feste, uns abhanden kommt! Ehemals waren alle Kunstwerke an der großen Feststraße der Menschheit aufgestellt, als Erinnerungszeichen und Denkmäler hoher und seliger Momente. Jetzt will man mit den Kunstwerken die armen Erschöpften und Kranken von der großen Leidensstraße der Menschheit beiseite locken, für ein lüsternes Augenblickchen; man bietet ihnen einen Rausch und Wahnsinn.“ (Nietzsche, F. (1972): Die fröhliche Wissenschaft. In: Karl Schlechta (Hrsg.): Friedrich Nietzsche Werke. Bd. 2. Frankfurt/Main-Berlin-Wien . S. 372.) Heute verlagert sich mit den Individualmedien – Radio, TV und Internet – der Rausch zunehmend ins Private; nur dessen verstümmelten Triebregungen, die nicht weniger gesellschaftlich überformt das unmittelbarste und affektiv nächste suchen, erblicken die Öffentlichkeit. Es kommt zum Tragen, wenn sich die Horden im freien zusammenrotten und ihr „Besonderes“ in kollektiver Uniformität zum Glanze bringen. Die Unvermitteltheit des Rausches findet sich in den Wendezeitdemonstrationen unter dem Motto wir sind ein Volk, dessen Volksbegriff sich kurz drauf in Rostock-Lichtenhagen auspellte, ebenso wie im Nordhäuser Fußballstadion, und auf seinen Volksfesten und Rummelplätzen sowie den der braunen Brut freigegebenen Straßen. Nietzsche ahnte noch nicht, was aus dieser von ihm beschriebenen, geballten und kanalisierten Frustration entstehen kann, und forderte gutgläubig die sofortige Auflösung des abgesonderten Kunstbereichs, den Adorno als erzwungenes Exil der Mimesis beschreibt, bewusst dessen, dass pathische Projektionen und nicht mimetische Erfahrungen die Alltagspraxis durchwalten. Für Deutsche gilt nun ein inneres Exil, welches sie gelegentlich zu sehr einengt. Würden sich beispielsweise vice verse in Nordhausen die Pforten derer öffnen, die Dank der Nachwehen der Bombardierung 1945 zum Maulkorb und Hausarrest gezwungen wurden, so würde so manches altes und neues Fähnchen, wobei letztere lediglich Kopien von ersteren wären, aus den Häusern hängen und andere „Kunstobjekte“, die in den Museen glücklicherweise unter Verschluss liegen oder mit erklärenden wie pädagogisch instruktiven Plaketten in möglichst vielen Sprachen verziert sind, so dass man das historische Dokument kaum noch sehen kann und jede_r bemerkt, dass die Deutschen offensichtlich aus ihrer Vergangenheit gelernt haben, wären schnell aus dem deutschen Exil befreit…


Mode als Aktualitätsparadigma und Ende des Fortschritts

„Kerstin Stakemeier: (…) Die bürgerliche Annahme eines Fortschritts in der Hochkultur, die der Gesellschaft als ganzer überlegen sei, nivellierte sich mit der objektiv konservativen gesellschaftlichen Stellung der Moderne nach 1945, und in deren zweifelhafter Überwindung in der Gegenwartskunst als reeller Subsumption des Produktionssegments wurde die bloße Aktualität selbst – im Guten wie im Schlechten – zum vorrangigen Qualitätsmerkmal.

Roger Behrens: Hier scheint sich abermals für die Gegenwartskunst spezifisch zu wiederholen, was auch in der allgemeinen Kultur seinen Ausdruck findet: Geschichte – und mit ihr die Ideologie des Fortschritts – wird in Mode aufgehoben. Indes wird Mode auch zum Prinzip der Gegenwartskunst: Ihre Ästhetik ist eben keine des Fortschritts mehr, sondern eine des bloßen Up-to-date-Seins. Die Geschichte als Mode ist gewissermaßen die internationale Version des Gegenwartsbewusstseins, auch in der Kunst. Die nationale hingegen, insbesondere die deutsche, ist Gegenwart als Mythologie.“

(Stakemeier, K. & Behrens, R. (2012): Zur Gegenwartskunst als Industrie. In: Phase2. Zeitschrift gegen die Realität. #43. S. 60.)


​Keine Revolte trotz segregierender Repression – Oder: Die Kuschelecke innerhalb der Kommerzialisierung

Dass die Eule der Minerva erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug beginnt, ist bekannt. Nicht aber, und damit ist Hegels Positivismus zu widersprechen, dass die Idee notwendig die Realität ereilen wird. Die Jenaer Realität scheint ihrem Stadthelden selbst 181 Jahre nach seinem Tod noch Paroli bieten zu wollen, indem diese der Unfreiheit noch zujubelt und den Zeitpunkt der Dämmerung bis zur tiefsten Nacht verpasst, anstatt loszufliegen.

In dem Vortrag „Street Art zwischen Revolte, Repression und Kommerz“ von Klaus-Peter Flügel wurde deutlich, wie sich Teile der lokalen „Streetart-Community“ der Stadt Jena in ihrer Bürgerlichkeit eingerichtet haben. Die „Wall of Fame“, wie städtisch freigegebene Wände im Gaffiti-Sprech gewöhnlich heißen, an der Leutra wird nicht etwa als symbolischer Stütz- oder Ausgangspunkt für weitere künstlerische Emanzipation ausgehend von bereits erkämpften Räumen angesehen, woran weiterhin anzuknüpfen nötig sei. Sie wird Teil der Vergangenheitsvergessenheit, stellt die gegenwärtige Realität als einzig mögliche dar und wird zum wohligen Inbegriff des Paktierens mit der „herrschenden Ideologie“. Kaum anders sind die Aussagen der „Künstler_innen“ in den Diskussionen zu beurteilen, die sich scheinbar unkritisch gegenüber der gesellschaftlichen Objektivität freuten, dank dieser Wand nicht mehr nachts losziehen und sich nicht mehr auf den Pfaden der Illegalität bewegen zu müssen. Dass Kunst im Kapitalismus entweder affirmiert wird, was sich bspw. an Auftragsmalereien von Stromhäuschen und an verschiedenen gesprühten Werbeflächen zeigt, oder dass sie nur als Kunst bestehen kann, da sie gesellschaftliches – und das heißt warenförmiges – Außen (nämlich Extravaganz, Ironie oder einfach „Kunst“) bleibt, verweist auf die vorherrschende Totalität. Statt auf die Aneignung des sozialen Raumes zu verweisen, die mit polizeilicher Repression, Gebäudereinigungen und der Verweisung auf Gebiete, in denen Kunst nicht stört bzw. die Verwertung von Häusern als Kapital (bspw. am Immobilienmarkt) nicht verhindert, einhergeht, wird nun mit der ermöglichten Spezialisierung und impliziten Selbstinszenierung argumentiert. Was kürzlich Roger Behrens in seinem Artikel „Kunst, Kritik, Gesellschaft“ zum Realismus schrieb, spiegelt sich sogleich in der hiesigen Szene wieder (jedoch nicht ausschließlich in Jena, worauf der etablierte Begriff „Wall of Fame“ hinweist), wenn einzelne Protagonisten auf diese Vorteile verweisen, die durchweg bürgerlich sind: Die Perfektionierung der eigenen „Skills“, damit das Bild (im Wettbewerb um die Wand) länger hängen bleibt und um vielleich irgendwann damit Geld in einem Bereich machen zu können, der die jämmerlichen Bedingungen verbessert – durch Kommerzialisierung natürlich (eigene Bilder verkaufen, Auftragsmalen etc.). Die Kritik zielt nicht auf die Veränderung der gesellschaftlichen Totalität, sondern auf eine romantisch-expressivistische Entwicklung in der Privatheit oder in autoritativ dafür vorgesehenen Räumen. Der „proklamierte Realismus“, so Behrens, „bleibt in der Kunst, auch wenn sein Thema die gesellschaftliche Realität ist. Das Programm des Realismus zielt zuvorderst auf eine Verteidigung der Freiheit der Kunst“ (Behrens, Transmitter #0612: Seite 10. http://www.fsk-hh.org/files/tm0612.pdf). Gleiches indiziert auch Gilles Deleuze, wenn er die Etablierung der Aufspaltung zweier (vermeintlich) irreduzibler Gebiete der Ästhetik kritisiert: Die Theorie des Sinnlichen und des Schönen. Während erstere die reine Perzeptivität darstellt, bei der die Realität als solche nur fortbesteht, insofern sie mit der (subjektiven) Erfahrung übereinstimmt, die damit als affektive bzw. aus der organischen Substanz hervorgehend sich idealisiert. Gleichsam der romantisch-expressivistischen Einstellung der Jenaer Streetartists. Die Theorie des Schönen hingegen hypostasiert die Objektivität der Realität und gesteht ihr eine anderweitige Eigenlogik zu (Vgl. Deleuze, G. (2007): Differenz und Wiederholung. München: Fink. S. 97.) Sinnbildlich hierfür die hingenommene Verlagerung der Kunst auf vorbestimmte Orte. Beide Theoriezugänge der Ästhetik deuten in ihrer Gegensätzlichkeit eine Subjekt-Objekt-Dichotomie an, die der Kritischen Theorie seit Anbeginn widerstrebt.

Die Verweisung der Kunst auf diese freigegebene Wand ist segregierende Repression, beeinflusst und institutionalisiert durch ordnungspolitische und stadtplanerische Aktivitäten im Rahmen einer umfassenden Gentrifizierung. Die gezeigte „Kunst“ der Künstler_innen hingegen ist der eigenverantwortwortlich verpasste Flugbeginn der Eule der Minerva. Sie verlängern die Hand, die ihnen einst aus Furcht gereicht wurde und verbleiben im Zustand formeller Versöhnung – „bornierte Partikularität“. Die Bilder sind zumeinst selbstredend: Das fein inszenierte Bild Goethes an der Leutra-Wand spricht für diese formelle und einseitige Versöhnung subversiver Kunst mit der deutschen Hochkultur, die der Stadt Jena ohnehin als Aushängeschild dient. Ein unkommentierter Aufschrei im black´n´grey als Zeichen der Empörung, der durch seine Dekontextualisierung bestenfalls noch ins Leere läuft (ehe er womöglich schlechtestenfalls einen Volksaufstand herbeiruft). Ein Bild, welches zum Okkupieren einer Wand aufruft, die der Eigengruppe (der Graffiti-Szene) bereits „gehört“, was darauf hinweisen könnte, sie sei von Fremden gefährdet, die die hordenhaften Cliquenansprüche auf die eigene Wand „unterwandern“ wollen (dafür spräche zumindest, dass die Graffities einer Erfurter Crew im Vergleich zu manch anderen recht schnell übermalt waren). Diese Vermutung wird gestützt von einer Aussage in der Diskussion, in der positiv auf die Herkunft aus der „eigenen Straße“ Bezug genommen wurde und dabei gefordert wurde, sich doch für Leute zu freuen, die es aufgrund „ihrer Skills“ den sozialen Aufstieg schafften. Hier verschmelzen konservative Kritik und bürgerlich-liberalistische Ideologie. Die bereits erwähnte Tendenz, sich in individualistischen Perfektions- und Leistungszwangs einzupassen und den Sinn der Bilder einzig im Bild selbst als Audruck eigener Produktivität zu sehen. Die Unterscheidung ist zumeist in formeller Hinsicht möglich: das zyklische Einpassen in gerade angesagte Genres, wie kitchiger Nickelodeon-Comic-Style, Banlieue-Bombing-Adaptionen oder der seit Jahren avancierte, zusammengezogen-verschnörkelte und nach außen kantige Mainstream-Stil; jedoch definitiv kein „Anti-Style“, welcher mit den althergebrachten oder den in Mode geratenen Formen bricht. Insbesondere die ständige Reproduktion bzw. Wiederholung des „Künstler- bzw. Crewnamens“ sollte Fragezeichen aufwerfen, insbesondere an legalisierten Wänden, an denen dieses nicht mal mehr als individuelle Auflehnung gegen eine gleichschaltende Normalität interpretiert werden kann, sondern einzig ein Reputationsstreben anzeigt.

Gerade an dem Punkt, wo Streetart (noch) zum gesellschaftlichen Außen verbannt und dort als solches toleriert ist, ermöglicht sie es jedoch vielleicht, als Potenz, als Öffnung und damit als immanente Kritik  verstanden zu werden. In diesen Fällen ist sie häufig auch Chaos (zur Ordnung), Irritation (zur Ratio), bewusste Ent-Wertung (zur Verwertung) und Unklarheit (zur Aufklärung). Mit dem Übergang zur legalisierten Wand scheint dieser Punkt überschritten, da sie dort nur noch „schön“ ist und die Spannung, in der sich Bürgerliche wiederfinden, wenn sie plötzlich etwas „Ästhetisches“ oder „Irritierendes“ in der Illegalität von Stickern, Stencils oder Graffities entdecken, ist hier zugunsten der gesellschaftlichen Realität harmonisch aufgelöst. Es ist die Versöhnung mit der Eingrenzung – reine Selbstregulierung. Das Sprühen auch fernab legalisierter Orte, die Kreativität einiger (!) Stencils im Stadtgebiet und politische statt „neutralisierender“ Aussagen sind zumindest tendenzielle Gegenentwürfe zum Jenaer Normalzustand pseudolinker Artikulationen und ihrer Verlängerung des bürgerlichen Kunstverständnisses.


%d Bloggern gefällt das: