Erster Mai, arbeitsfrei!

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Ein Kommentar zum Mobi-Flyer ‚Organisieren. Streiken. Kämpfen. Kapitalismus Überwinden!‘ des Antikapitalistischen Blocks auf der DGB-Demo zum 1. Mai in Mannheim.
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Mal ganz davon abgesehen, dass der 1. Mail erst unter den Nationalsozialist*innen staatlich institutionalisiert wurde, wäre er, wie der ClubCommunism bereits vor Jahren aufzeigte, auch mit Blick auf andere historische Ereignisse weniger als ‚Kampf-‚ und ‚Feiertag‘ und viel eher im Sinne einer „Geschichte der Niederlagen“ als Gedenktag zu begreifen. Dies zöge die logische Konsequenz mit sich, dass man eben nicht ein pseudorevolutionäres und zugleich typisch deutsches Spektakel mit anschließendem Bierbesäufnis bei Bratwurstgeruch zu veranstalten hätte, sondern einen Tag, an dem man, vom alltäglichen kapitalistischen Normalvollzug vorübergehend befreit, der Aufklärung wegen diese Geschichte einmal in Ruhe aufarbeiten oder sich einfach ein Glas Wein gönnen könnte.
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Aber nicht nur aus diesem Grund stecken in der im Aufruf verbreiteten Vorstellung vom „kapitalistische[n] System“ mehrere problematische Implikationen: Allein die Rede vom „System“ ist derart verkürzt, da sie einerseits das fetischisierte Bewusstsein lediglich als indoktriniertes, also von einer herrschenden Macht dem freien Bewusstsein aufgezwungenes versteht. Schon Marx spricht daher nicht ohne Grund von „notwendig [!] falschem Bewusstsein“ und vom Fetisch – Begriffe, die eben gewissermaßen auch den Selbsterhalt und das Begehrliche am Falschen transportieren. Wert- und ideologiekritische Theoretiker sprechen daher nicht von „System“, sondern von „kapitalistischer Vergesellschaftung“. Andererseits verkennt der Systembegriff die hegemonialen Kämpfe innerhalb des kapitalistischen Staates, der eben nicht als duale Blockkonfrontation von oben/unten, Kapital/Arbeit, Kapitalist/Prolet etc. verstanden werden kann, sondern immer in der Vielfalt der bestehenden Kampffelder und Fraktionierungen zu analysieren wäre. Hierbei würden weder Rassismus, Antisemitismus oder auch Sexismus/Antifeminismus, wie im Aufruf angedeutet, lediglich als ‚Nebenwiderspruch‘ erscheinen.
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Dem Aufruf zufolge geht „[d]er Kampf der Krankenpfleger_innen […] uns alle“ nur etwas an, weil sie „gegen die Interessen privater Unternehmen und für ein menschliches Gesundheitssystem“ kämpfen. „Deshalb ist es wichtig diesen fortschrittlichen Kampf antikapitalistisch zu begleiten [!]“. Der Aufruf fällt mit solchen Formulierungen teils in den Gleichheitsfeminismus der ersten Frauenbewegung zurück, bei dem (auf der politischen Ebene) einerseits versucht wurde, als eigenständige Rechtssubjekte (Wahlrecht etc.) anerkannt zu werden, wie andererseits ein eigenes Einkommen und damit relative ökonomische Unabhängigkeit zu erkämpfen. Entscheidend, wie Adamczak anhand der Russichen Revolution aufzeigt, ist hierbei, dass die feministische Vorstellung dieses Emanzipationsmodells eine „universelle (industrielle) Maskulinisierung“ implizierte. Adamczak zeigt mit der sowjetischen Feministin Kollontai auf, dass hier die Frau ihre Gefüle zu besiegen hatte. „Die ökonomische Transformation führte dann zu einer affektiven Transformation. Trotz des hohen Arbeitsaufwands erlaube die traditionelle Hausarbeit, sie für einen emotionalen Moment aufzuschieben, dem Bedürfnis, sich auszuruhen und auszuweinen, nachzugehen […]. Genau dies lässt die dem Gesetz der Stechuhr gehorchende Lohnarbeit nicht zu. Die Arbeiterin braucht ‚innere Selbstdisziplin‘. Sie muss lernen, ‚ihr persönliches Leben wie hinter einem Riegel‘ zu verbergen (Kollontai). Die Konsequenz ist logisch: andere Arbeitsökonomie, andere Zeitökonomie, andere Affektökonomie. Eine heteronome, abstrakte, statische Arbeit führt zu einem kontrollierten, rational-verlässlichen, gefühlsbeherrschten Subjekt“. In dem Moment, wo der „Kampf der Krankenpfleger_innen“, ein noch immer deutiche Domäne weiblicher Lohnarbeit, unisono eingegliedert wird in einen allgemeinen antikapitalistischen Kampf, der ihn wiederum nur „begleitet“, wird eine Homogenisierung feministischer Kämpfe, eine Subsumption dieses vermeintlichen Neben- unter den Hauptwiderspruch von Arbeit und Kapital vollzogen und dabei die Besonderheit der ‚Care-Ökonomie‘ (zugunsten der Idealisierung industrieller Produktion) paternalistisch übergangen. Wie tief verankert die vergeschlechtlichen Rollenvorstellungen im Aufruf sind und wie antiquiert das Bewusstsein der Schreiber*innen sein muss, zeigt sich daran, wie der nachfolgende Satz gegendert ist: „Den Kapitalisten wurde deutlich gezeigt, zu welch einer Dynamik Arbeiter_innen in der Lage sind.“ Das ist im Text keine Ausnahme. So wird zwar „Krankenpfleger_innen“ gegendert, nicht aber „Rechtspopulisten“. Der einfache Manichäismus bricht sich Bahn.
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Auch der Rassimus unterliegt hier dem Haupt-Nebenwiderspruchsdenken. So ist die größte Sorge in dem entsprechenden Absatz des Aufrufs, dass die „Rechtspopulisten […] [m]it ihrer rassistischen Hetze gegen Geflüchtete […] die arbeitende Klasse [spalten].“ Super, wenn also das Proletariat vereint ist, hebt sich (neben allen anderen Diskriminierungen) auch ganz einfach der Rassismus auf, da der Keil zwischen Stammbelegschaft und (häufig migrantischen) Zeitarbeiter*innen einzig von den Kapitalist*innen ‚da oben‘ eingetrieben wird. Der/die gemeine – ideale und reine – Arbeiter*in kann also gar kein/e Rassist*in sein! Zwar bietet die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie einen Begriffsapparat, der die Abwertung ‚der Anderen‘ aus den ökonomischen Grundkategorien zu erklären vermag, wer sie allerdings ganz einfach ableiten will, begeht einen empiristischen Kurzschluss. Von Antisemitismus ist übrigens selbstverständlich erst gar keine Rede: Er wird als eine Spielart des Rassismus verkannt, genauso wie der Kampf „gegen Faschismus“ alles in einen großen Topf wirft („Nein zu Rassismus und Faschismus!“). Wie armselig dieser verkürzte Anti-Imp-Sprech ist, sollte eigentlich jeder*m ins Auge springen. Stattdessen werden allerdings auf jeder Demo hier in der Region, so auch gestern bei der Afrin-Demo in Mannhein, die alten nationalbolschiwistischen Parolen und Floskeln in den Reden bedient. Während die ganze Zeit von imperialen Mächten in Syrien geredet wurde, wurden die USA, die Türkei und Saudi Arabien in Dauerschleife angeprangert, in keiner Silbe jedoch die iranischen und russischen Militäroperationen, die Assads fortgeführte Herrschaft erst ermöglichen. Ja, Assads Giftgaseinsätze sogar vom Lauti-Wagen durch den Anmelder bagatellisiert. Die kurdische Community (so auch die DIDF-Jugend, die Mitunterstützr*in des Aufrufs zum 1. Mai ist) macht sich hier, gegebenenfalls auch aus Mangel an Alternativen seitens anderer Unterstützer*innen, zum politischen Spielball. Anders lässt sich kaum erklären, warum eine derart stumpfe Rhetorik bedient wird, die sogar kurdische Eigeninteressen unterläuft: Gerade Russland drängte vor der türkischen Invasion darauf, das Kanton komplett an Assad zurück- und die kurdische Autonomie damit aufzugeben, wozu die YPG (respektive der PYD) aus guten Gründen nicht bereit war. Die syrischen Kurd*innen wurden eben nicht nur von den USA, von denen sie im Kampf gegen den IS zumindest noch militärisch unterstützt wurden, sondern auch von Russland, das mit Assad paktiert und ihm gegenüber keine Autonomiegewährleistung für die Kurd*innen durchzusetzen bereit war, im Stich gelassen.
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Was im Aufruf (neben alldem aufgezeigten) ebenfalls drinsteckt, ist eine orthodox-marxistische „Kritik vom Standpunkt der Arbeit“ (Postone), also ihre Verwirklichung anstelle ihrer Abschaffung, wie es eine progressive kommunistische und emanzipatorische Linke zu leisten hätte. Zwar wird eine „radikale Arbeitszeitverkürzung“ gefordert, nirgends jedoch das Joch der Arbeit selbst kritisiert. Die personalisierende Zuschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse („Den Kapitalisten wurde deutlich gezeigt…“) ist bereits deutlicher Vorschein einer regressiven Kapitalismuskritik.
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Nein, nein, das ist nicht mal nur kein Kommunismus, sondern eben auch keine progressive Kapitalismuskritik!
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