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Material zur Kritik des Himmels (von Simon Rubaschow)

Vertreibe Gott aus der Wolke

Vertreibe Gott aus der Wolke

(http://lirabelle.blogsport.eu/2015/03/17/material-zur-kritik-des-himmels/)

„Notwendig falsches Bewusstsein ist also über Ideologie formiert und gedeutet, Ideologien können wiederum das Material für die Form gesellschaftlichen Wahns bieten. Ideologie schlägt in Wahn um, wenn sie sich zu ihrem Bezug zur Wirklichkeit abschottet. Ein – in diesem Sinne: nur – ideologischer Nationalismus ließe sich aufklären, etwa durch die Einsicht, dass auch Deutsche miteinander konkurrieren, die Arbeitslosenquote der Deutschen nicht der Quote erwerbstätiger Ausländer_innen entspricht und durch eine Kapitalismuskritik, die den Konkurrenzzwang als inneres Funktionsprinzips eines Kapitalismus aufklärt, der blind gegenüber der Nationalität seiner Arbeitskräfte ist. Der wahnhafte Nationalismus findet – im Regelfall in der jüdischen Weltverschwörung oder einem Chiffre für sie irgendwo zwischen Bilderbergern und Finanzkapital – eine Begründung, diese Realitäten als gesteuerte abzuwehren und sich das Bild aufrechtzuerhalten, dass ein etwa deutscher Kapitalismus, der frei vom Einfluss der jüdischen Weltverschwörung, der Bilderberger oder des Finanzkapitals wäre, auch konkurrenzfrei wäre. Ideologie ist also – auch wenn es ein mühsamer Kampf gegen die Windmühlen der alltäglichen Praxis ist – aufklärbar. Wahn dagegen ist nicht mehr durch Kritik erschütterbar,5 weil Kritik innere Widersprüche der Ideologie und die Prüfung an der Realität zur Wirkung benötigt; den Wahn aber seine Widersprüchlichkeit wie seine Irrealität nicht berühren.

Eine Religionskritik, die zu leisten wäre, muss also als Ideologiekritik die konkrete Religion, etwa den Islam (und damit auch, aber nicht nur den Koran) daraufhin prüfen, welche Bedürfnisse sie anspricht und selbst mitformiert, welche Formen sie für falsches und notwendig falsches Bewusstsein bereitstellt und wie breit die Grundlagen sind, die diese für gesellschaftlichen Wahn im obigen Sinne bietet. Sie muss weiter das praktische Umschlagen von Ideologie und Wahn und die Reaktion der – in diesem Sinne: nur – ideologischen Anhänger_innen der Religion auf dieses Umschlagen in den Blick nehmen und kritisieren und sich selbst die Aufgabe stellen, präventiv auf dieses Umschlagen verhindernd einwirken zu können. Gleichzeitig muss diese Kritik das Glücksversprechen der Religion bergen und über die in ihm enthaltende Hoffnung aufklären, also auch den Charakter einer rettenden Kritik annehmen. Schließlich muss sie in Wahn umgeschlagene Ideologie als solche benennen und sich Grenzen der Kritik und damit den Beginn notwendiger Repression eingestehen.“

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Ein Kommentar zu Kommentatoren

Wie immer verrät die Kommentarspalte weitaus mehr über deutsche Bewusstseinszustände, um die es ganz offensichtlich nicht gut bestellt ist und die vor pathischer Projektion nur allzu sehr triefen, als der eigentliche Artikel der Thüringer Allgemeine es schafft, die öffentliche Meinung einzufangen.

An den Ergebnissen aus den 50er Jahren des Frankfurter Instituts für Sozialforschung hat sich offensichtlich nichts geändert, außer in der Aufhebung der Hemmschwelle des Hervortretens der dort diagnostizierten Phänomene. Damals noch musste die „nicht-öffentliche Meinung“ durch einen gruppendynamischen Anregungsimpuls ausgelöst werden, da die durch die Besatzung im frühen Postnazismus auferlegte „öffentliche Meinung“ und der mit ihr verbundene (und offensichtlich geschieterte) Demokratisierungsversuch des deutschen Volkskörpers seinem „Geist“ Hemmnisse auferlegte. Heute aber, wo alle Grenzen gebrochen sind, gelangt der faschistische Geist ganz offensichtlich zu sich selbst, wie den Kommentarspalten des Artikels zu entnehmen ist.

Die berechtigte Kritik an der Sparpolitik der vormaligen Landrätin Nordhausens und jetzigen Thüringer Infrastrukturministerin, Birgit Keller, die, immanent erfolgend, ein Leichtes ist zu vollziehen, führt schon im Artikel selbst zu seltsamen (Kurz-)Schlüssen, die potenziert in der Kommentarspalte erst noch zur enthemmten Entfaltung gelangen – dank der Steilvorlage im Artikel. Gemessen an den einleitenden Worten sieht man hier, wie leicht der Impuls inzwischen nur zu sein hat, der den deutschen Stein wieder ins Rollen bringt. Es wäre ziemlich leicht, das an der Kapitalakkumulation befangene und verkürzte Verständnis eben dieser bei Keller nachzuweisen. Offenbar findet hier eine produktivistische Kritik Kellers statt, die die Investitionen an ihrem unmittelbaren und kalkulierbaren Profit bemisst, wenn sie diese einzig in konstantem Kapital (Marx) zu finden scheint. Die sog. „nicht-investiven Maßnahmen“ erbringen keine unmittelbar messbaren Erfolge – kein Profit im Kreislauf der Kapitalakkumulation -, da sie lediglich das Leid lindern, das in vernachlässigten und strukturschwachen Regionen letztlich nur noch mit ordnungspolitischen Maßnahmen (z.B. zur Kriminalitätsbekämpfung) oder mit ehrenamtlich-zivilgesellschaftlichem Engagement (z.B. Die Tafel oder in Begegnungszentren) – sprich: unbezahlter Arbeit – kompensiert werden kann. Dass diese Maßnahmen „nicht förderfähig“ sind, verweist lediglich auf den Mangel an antizipiertem Ertrag. Statt jedoch zunächst genauer hinzusehen, wofür stattdessen die vorhanden Geldmittel vorgesehen sind und eingesetzt werden, werden vom deutschen Mob mit schnellen Fingern sogleich die Kommentarspalten mit rassistischen Prophezeiungen und „Halbwissen“ überflutet. Nähme man einige Analysen zur Hand, die den Neoliberalismus unter seinen konkreten sozialen Ausformungen untersuchen (Castell, Lessenich, Wacquant etc.), würde man feststellen, dass insbesondere eine Umverteilung der Mittel zugunsten ordnungspolitischer Maßnahmen stattfindet, was eine materialitische Staatskritik unter veränderten Bedingungen zur Folge haben müsste. So könnte man „den Marxismus“ gegen seine realpolitischen Apologeten verteidigen, für die Birgit Keller an dieser Stelle nur als Charaktermaske steht. Der Artikel selbst liefert die Steilvorlage, um unter dem „Wortbruch“ pauschal linke Politik zu deligitimieren. Dass linke Politik kein Allheilmittel ist, erst recht nicht ihre staatstragenden Ausformungen, ist ein alter Hut, wenn man den zutiefst nationalistisch-propagandistischen Staatskapitalismus des „Realsozialismus“ der DDR betrachtet, der jedoch affektiv ein in sein Gegenteil umschlagenden Abwehrreflex beheimatet.

In dem Artikel dient das Beispiel „Keller“ jedoch nur als Chiffre, um nationalistische und lokalpatriotische Aussagen überhaupt salonfähig zu machen, indem nämlich die bereits geleisteten sozialen Errungenschaften dieser Regierung nicht in Betracht genommen werden – so zum Beispiel der Winterabschiebestopp. Da es hier allerdings nicht um „deutsches Leid“, sondern um „die Anderen“ geht, fallen sie erst gar nicht in die Kategorie „sozialer Leistungen“. Sie bedienen eben nicht die Bedürfnislage des deutschen Volkskörpers, sondern einen transnationalen Begriff von sozialer Gerichtigkeit und Solidarität, der in Deutschland verpönt und zum Scheitern verurteilt ist, wenn man die Kommentarspalten betrachtet.

Dass der Bund einen beträchtlichen Anteil zusätzlicher Gelder für die Unterbringung von Flüchtlingen bereitstellt, dass auch Flüchtlingsunterkünfte „nicht-investive Maßnahmen“ sind, da sie keine auf Dauer angelegten Einrichtungen sind (außer Erstaufnahmestellen, die wiederum in zumeist ohnehin den Ländern gehörenden, leerstehenden Gebäudekomplexen eingerichtet werden und damit durch die dort herrschenden Lebensbedingungen ebenfalls keine große Investition darstellen; durch den Anspruch der Dezentralisierung von Flüchtlingsunterkünften wird sich zudem im Bedarfsfall in ungenutzten sozialen oder am Wohnungsmarkt erwerblichen Wohnraum eingemietet, was ebenfalls „nicht-investitativ“ ist) und erst recht keinen Profit abwerfen, interessiert den schreibwütigen deutschen Mob recht wenig. Das glänzende Halbwissen legt Menschen, die wie jeder normale Mensch nach dem besseren Leben streben, eine Schlinge um den Hals. Nach ihnen leben sie in Schmaus und Braus und „verbraten das Geld“ der „Einheimischen“. Perspektivübernahme und Empathiefähigkeit, die in Deutschland ohnehin eine Mangelware ist und, wenn einmal vorhanden, an der Augenfarbe halt macht, bedarf zunächst offener Augen und Ohren und ein Mindestmaß an Interesse. Scheinbar reicht den Kommentatoren bereits die manifeste Vorstellung des imaginierten Feindes hinter ihren verschlossenen Augen, um losschlagen zu können.

Deutschland halt’s Maul!


Die Hölle des Gedenkens

(http://jungle-world.com/artikel/2015/17/51830.html)

Im thüringischen Nordhausen hat die Öffentlichkeit der Bombardierung der Stadt vor 70 Jahren gedacht. Das Gedenken daran und an die Befreiung des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora, das am Stadtrand liegt, hat eine ganz eigene Note.

Schweigeminuten, Gedenkreden, Zeitzeugenberichte, Schülerrundgänge, die Erschaffung eines »gemeinsamen Kunstwerkes«, die Eröffnung einer Sonderausstellung zur »Zerstörung der Stadt Nordhausen«, vom »ehrenhaften Gedenken« ungefähr 40 militant auftretender Neonazis ganz zu schweigen – zum 70. Jahrestag der Bombardierung der thüringischen Stadt Anfang April kulminierten die spektakulären und volksfestlichen Züge der örtlichen Gedenkkultur. Deren innere Widersprüche traten dabei deutlich zutage.

Zur Eröffnung der Sonderausstellung im stadthistorischen Museum »Flohburg« erläuterte die Museumsmitarbeiterin Cornelia Wulf: »Nicht Fakten, sondern Erinnerungen stehen im Mittelpunkt unserer Ausstellung.« Solche Aussagen kommen dem Bedürfnis der Nordhäuser Bürger sehr entgegen, sich selbst und den eigenen Wohnort nachträglich zum Opfer zu erklären – obwohl die historische Faktenlage das eigentlich nicht zulässt. Am Stadtrand von Nordhausen liegt das ehemalige Konzentrationslager Mittelbau-Dora, das am 11. April, also kurz nach der Bombardierung, befreit wurde. Die Zivilbevölkerung der Stadt war auf vielfältige Weise am Geschehen in dem Lagerkomplex beteiligt und unterstützte die Todesmärsche teilweise mit gezieltem Einsatz. Die historische Bedeutung der Region, die spätestens mit der Errichtung des Lagerkomplexes zum Ballungszentrum der Rüstungsindustrie in der geographischen Mitte Deutschlands ausgebaut wurde, wird im Gedenkzirkus gänzlich außer Acht gelassen. Verschwiegen wird auch, dass die Stadt Nordhausen sich im Zuge des wahnhaften »totalen Krieges« und der einhergehenden Aufrüstung der Heimatfront zur »Festung« ausrief und der »Volkssturm« noch Anfang April zur Verteidigung gegen die herannahenden Truppen der US-Armee an verschiedenen Stellen in der Stadt Gräben aushob.

Das zwanghafte Verdrängen der KZ-Geschichte geht mit der Dekontextualisierung und Dramatisierung des Bombardements einher. Die Stadtoberen erwähnen die im Konzentrationslager Ermordeten meist nur, wenn es um die Luftangriffe geht. Die versehentliche Bombardierung der »Boelcke-Kaserne«, jenes in der Endphase des Krieges als Sterbelager eingerichteten Außenlagers des KZ Mittelbau, wird weiterhin in revanchistischer und relativierender Manier den Alliierten als Kriegsschuld angelastet. Der Historiker Jens-Christian Wagner bezeichnet die »Boelcke-Kaserne« als »Mikrokosmos des nationalsozialistischen Lagersystems«. Sie wurde von deutscher Seite nicht mit einem roten Kreuz markiert, wie der Historiker Martin Clemens Winter herausgearbeitet hat, und konnte so erst zum Angriffsziel der Royal Air Force werden. Doch die Forschung von Historikern findet in Nordhausen ohnehin wenig Beachtung. »Noch mehr Bomben fielen am 4. April 1945 von 9.08 bis 9.24 Uhr auf die Stadt und die Boelcke-Kaserne«, schreibt das Online-Portal »Mein Anzeiger«, die »Bürger-Community für Nordhausen«. »Neben den mehr als 3 800 Sprengbomben wurden Brand- und Phosphorbomben sowie Phosphorbehälter abgeworfen.« Der Einsatz von Phosphorbomben in großer Zahl bei Angriffen auf deutsche Städte wurde von Historikern längst widerlegt. Dennoch wird in Nordhausen beharrlich an der Dramatisierung festgehalten, Phosphor klingt eben schön schrecklich.

Der von ehemaligen Häftlingen geprägte Begriff der »Hölle von Dora«, der die mörderischen Bedingungen des Lagerlebens, des Stollenvortriebs und des Produktionsstättenausbaus versinnbildlicht, hat offenbar die Redaktion der Thüringer Allgemeinen inspiriert. In ihrem Artikel »Die Hölle von Nordhausen« wird die Bombardierung akribisch nachgezeichnet. Selbstverständlich beginnt die »Hölle von Nordhausen« erst mit dem Flugstart der britischen Bomber am 3. April 1945 um 13 Uhr. In ähnlicher Weise ging die Stadtverwaltung vor. Anlässlich des Gedenkens an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen hatte die Gedenkstätte Mittelbau-Dora in einer Nordhäuser Kirche eine Aufführung des »Requiems für einen polnischen Jungen« geplant, ein Werk des Heidelberger Komponisten Dietrich Lohff, das auf acht Gedichten von Opfern des Nationalsozialismus basiert. Die Stadtverwaltung fügte in einer Ankündigung der Angabe »anlässlich der Befreiung des KZ Mittelbau-Dora« die Ergänzung »und des 70. Jahrestags der Zerstörung Nordhausens« hinzu.

Ähnliches Fingerspitzengefühl zeigt auch Oberbürgermeister Klaus Zeh (CDU), wenn es um die Opfer des Nationalsozialismus und ihre Nachkommen geht. Bereits während des Gedenkens zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht verwendete er unbedacht in Anwesenheit des damaligen Rabbiners der Jüdischen Landesgemeinde, Konstatin Pal, den euphemistischen Begriff »Reichskristallnacht«. Er wird zudem in Ansprachen zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus nicht müde, auch das Leid der Nordhäuser Stadtbevölkerung während der Bombardierung zu erwähnen. Kürzlich nutzte Zeh sogar in Anwesenheit ehemaliger Häftlinge des Konzentrationslagers gleich zwei Mal die Gelegenheit, die Bombardierung als »ebenfalls erlebten Schrecken« der Nordhäuser zu bezeichnen – am vorvergangenen Wochenende während einer sogenannten Bürgerbegegnung im Ratssaal der Stadt und zum gemeinsamen Abendessen am selben Tag in der Gedenkstätte.

Noah Klieger, in Strasbourg geborener und in Israel lebender ehemaliger Häftling des Vernichtungslagers Auschwitz, der während der Räumungstransporte in das KZ Mittelbau verschleppt wurde, erinnerte während der Bürgerbegegnung jedoch anders als Zeh und die Nordhäuser Bevölkerung an die Bombardierung: »Wir kamen aus dem Stollen: eines der schönsten Schauspiele, die wir je gesehen hatten. Nordhausen stand in Flammen! Wir haben alle gejubelt.«

Gebetsmühlenartig wiederholt hingegen Zeh in nahezu jeder Ansprache die Phrase, wonach »der Krieg, der von Deutschland in Gang gesetzt wurde, nach Deutschland zurückkehrte«. Das ist freilich die Erzählung der Täter. Der Krieg begann für diejenigen, die von den Nazis zu Feinden erklärt wurden, nicht erst mit dem Überfall auf Polen, sondern bereits mit dem »Vorkrieg« (Christa Wolf). Stigmatisierung, Arisierung, Verfolgung und Vernichtung lassen sich nicht auf das Kriegsgeschehen reduzieren, auch wenn dieses im deutschen Bombardierungsgedenken im Mittelpunkt steht. Die Fokussierung auf die vielbeschworenen Kriegsschrecken erfüllt durchaus eine Funktion: Nur in diesem Rahmen lässt sich überhaupt »deutsches Leid« ins Feld führen – in Konkurrenz zum Leid der verfolgten und vernichteten Juden.


Gebetsmühlenartige Wiederholungen – Zum Verhältnis von Erinnerungskultur und Kommunalpolitik am Beispiel der Stadt Nordhausen

(Quelle: http://nordhausen.thueringer-allgemeine.de/web/nordhausen/startseite/detail/-/specific/Leserpost-Zum-Verhaeltnis-von-Erinnerungskultur-und-Kommunalpolitik-568324994)

Wer seit Jahren die Geschehnisse, die man gemeinhin als Erinnerungs- oder Gedenkkultur der Stadt Nordhausen zum Nationalsozialismus bezeichnet, verfolgt, der oder dem könnte die Spaltung der historischen Erfahrung ins Auge springen, welche das kulturindustrielle Prinzip der „Immergleichheit“ (Theodor W. Adorno & Max Horkheimer) bedient. Insbesondere das Geschehen rund um das Gedenken an die Reichspogromnacht im Jahr 1938, die Bombardierung der Stadt am 3. und 4. April 1945 und die nur eine Woche darauf erfolgte Befreiung des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora sollen hier in Augenschein genommen werden, um an ihrem Beispiel jene aktuellen Verflechtungen aufzuzeigen, die lokal kaum Beachtung finden und die meines Erachtens nach eine realpolitische Wirkmacht entfalten. Problematisiert werden vor allem einige der Ausführungen von Oberbürgermeister Zeh, die sich teils in ritueller Weise wiederholen, die eine gedankliche Statik aufzeigen und sich damit umso mehr im Gedächtnis festsetzen. Qua seiner staatstragenden Funktion als Oberbürgermeister der Stadt Nordhausen nimmt er damit Einfluss auf die Erinnerung bezüglich des Stadtgeschehens, die so überhaupt erst von einer individuellen zur kollektiven werden kann.

 

Verbale Ausfälle der Vergangenheit

Zehs zahlreiche Fauxpas haben eine lange Tradition. Bereits im letzten Jahr wurde dem Kreisverband der NPD ein Gesprächsangebot im Rahmen einer Diskussionsrunde zur Erinnerungskultur der Stadt Nordhausen unterbreitet, was Zeh und seine Verwaltungsangestellten durch die Aufnahme der NPD in einen entsprechenden Mailverteiler erst ermöglichten. Allein durch die massive Kritik vom örtlichen „Bündnis gegen Rechts“ (BgR), von Prof. Dr. Knigge und Dr. Wagner der „Stiftung der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora“ und diversen Einzelpersonen könnte ein „Umdenken“ Zehs erwirkt werden, nachdem auch er erkennen musste, dass sich aktive und militante Neonazis, die anstelle des Stadtrats zur Diskussionsrunde erschienen, auf ihrer Website damit brüsteten, „dass sie es geschafft haben, als politische Gesprächspartner in Nordhausen ernst genommen zu werden.“ Zeh nahm sich bei dieser Diskussionsrunde ausgerechnet die Stadt Dresden und die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung zu Hilfe, um sich „Anregungen für die Gedenkveranstaltung“ einzuholen, und das, obwohl ausgerechnet diese Stadt zur größten Revanchist_innenhochburg, wie sich über Jahre anlässlich des Bombardierungsgedenkens zeigt, und zum größten Aktivierungsbecken des deutschnationalen PEGIDA-Mobs avancieren konnte. Durch diese Verbindungen mit Sachsen manifestierte sich auch personell, was Zeh ideologisch herumtreibt und was er stets, zuletzt bei der bürgerlichen Gegenkundgebung zum „ehrenhaften Gedenken“ der Neonazis am 4. April anlässlich der Bombardierung der Stadt, zum Besten gibt: die verkürzte totalitarismustheoretische Phrase, jedem Extremismus entschieden entgegentreten zu wollen. Wie sich diese Entschiedenheit äußert, wird auch am Beispiel seines damaligen Kollegen, dem Bürgermeister Jendricke, aus dem Jahr 2012 deutlich, der sich nun zum Landrat aufstellen lässt. Ihm reichte damals das Lippenbekenntnis eines organisierten Neonazis aus, der nach Bekanntwerden seiner politischen Aktivität trotzdem in der Stadtverwaltung seine Ausbildung fortsetzen durfte. Akzeptierende Sozialarbeit, deren Folgen spätestens seit dem „Auffliegen“ des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) und seinen Entstehungsbedingungen bekannt sein dürften, hat noch immer Konjunktur in Nordhausen. Unter diesem Vorzeichen ist es kaum verwunderlich, dass Jendricke trotz des teils rasanten Anstiegs rechtsextremer Gewalttaten in seiner Legislaturperiode immer wieder die Scheuklappenaussage tätigen konnte, wonach Nordhausen kein Naziproblem habe, bis er schließlich unter tragisch-komischen Umständen selbst zum Opfer ebendieser Gewalt wurde. Dass diese Entschiedenheit stets ein reines Lippenbekenntnis bleibt, erwies sich erneut vom 17. bis 19. April, als sich im Ferienhotel Hufhaus-Harzhöhe zum wiederholten Mal zu Meinolf Schönborns „Recht und Wahrheit-Lesertreffen“ Reichsbürger_innen, Holocaustleugner_innen, Antisemit_innen und andere Völkisch-Nationale im Kreis Nordhausen versammelten, um sich das „schlafende deutsche Volk“ selbst wachküssen zu lassen. Eine öffentliche Aufmerksamkeit suchte man vergebens. Auch in Jendrickes Rede vom 27.01.2012, dem Gedenktag an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz und dem daraus hervorgegangenen „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ schaffte er es im gleichen Atemzug, auch der deutschen Wehrmachtssoldaten zu gedenken, was an Geschmacks- und Sensibilitätslosigkeit kaum zu übertreffen ist.

 

Geteiltes Leid ist halbes Leid

Ähnlich wenig Feingefühl, als bei der Akzeptanz organisierter Neonazis und der Bezugnahme auf deutsches Leid im Nationalsozialismus, zeigt Zeh, entgegen seinem eigenen Selbstverständnis, wenn es um die Opfer des Nationalsozialismus und ihren Nachkommen geht. Bereits während des Gedenkens zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht übernahm er recht unbedacht, in Anwesenheit des damaligen Rabbiners der Jüdischen Landesgemeinde, Hr. Konstatin Pal, den euphemistischen Begriff „Reichskristallnacht“. Er wird bei Ansprachen zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zudem nicht müde, im gleichen Atemzug das geteilte Leid der Nordhäuser Stadtbevölkerung während der Bombardierung und das der ehemaligen Häftlinge und Zwangsarbeiter_innen zu erwähnen: Zuletzt während der sonst durchaus gelungenen Bürgerversammlung mit den ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora im Ratssaal der Kulturbibliothek am letzten Wochenende, was an Pietätlosigkeit kaum zu übertreffen ist, wenn man die unterschiedlichen Perspektiven der betroffenen Gruppen reflektiert. Noah Klieger, in Straßburg geborener und jetzt in Israel lebender ehemaliger Häftling des Vernichtungslagers Auschwitz, der im Rahmen seiner Räumungstransporte auch das KZ Mittelbau durchquerte, erinnert sich etwas anders an die Bombardierung der Stadt Nordhausen, als es gemeinhin dort geschieht: „Wir kamen aus dem Stollen: eines der schönsten Schauspiele, die wir je gesehen hatten. Nordhausen stand in Flammen! Wir haben alle gejubelt.“
Eigentlich kann man jedoch im dreifachen Sinne nicht wirklich von einer Befreiung sprechen, die sich in der ersten Aprilhälfte des Jahres 1945 in Nordhausen ereignete: Erstens weil von den wenigsten Deutschen die Beendigung des Krieges nicht unmittelbar als Befreiung, sondern viel eher als Besatzung erlebt wurde, was dem übersteigerten Nationalgefühl eine narzisstische Kränkung verpasste. Erst spät setzte ein Bewusstsein dafür ein, dass es im Rahmen der Geschichts- und Erinnerungspolitik gut „für Deutschland“ sei, dem Revisionismus und Revanchismus Einhalt zu gebieten, wenn man wieder mehr Anerkennung und Verantwortung in Europa und der Welt tragen wolle, wie man es bis heute überall verlauten lässt. Am prägendsten kam dies wohl auf der Sicherheitskonferenz in München im letzten Jahr zum Ausdruck: „Alle drei sind entschlossen, Deutschland eine aktivere Rolle in der Weltpolitik zuzuweisen – in der Diplomatie, bei der Entwicklungshilfe, bei der Überwindung von Finanzkrisen, letztlich aber auch bei Militäreinsätzen. Sie haben keine Furcht mehr, wenn von Deutschland Führung verlangt wird. […] ‚Gleichgültigkeit ist keine Option für Deutschland‘, sagt Ursula von der Leyen. Und Frank-Walter Steinmeier wiederholt in seinem Beitrag wörtlich einen Hauptsatz aus der Münchner Rede von Joachim Gauck: ‚Deutschland muss bereit sein, sich außen- und sicherheitspolitisch früher, entschiedener und substanzieller einzubringen.‘“ (Jochen Bittner und Matthias Nass, in: Die Zeit) Das im gleichen Artikel erwähnte Ende der Gleichgültigkeit (Ursula von der Leyen) kristallisiert sich wohl am offensichtlichsten am sog. „fact sheet“, dem in der vorletzten Woche beschlossenen Rahmenabkommen zur Beilegung des Atomkonflikts mit der Islamischen Republik Iran, das erneut keinerlei Verpflichtungen für die atomare Rückrüstung dieses Landes bedeutet, obwohl es für alle anderen Länder in der Region eine enorme Bedrohung bedeutet. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) in Erfurt wittert dabei bereits ihre „Chancen im Iran“, den sie prompt wieder als „Handelspartner“ bezeichnet. Nach ihrem Hauptgeschäftsführer Gerald Grusser wird die „Lockerung des Handelsembargos“ dazu führen, dass „die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Thüringen und der islamischen Republik in der zweiten Jahreshälfte 2015 deutlichen Schwung aufnehmen“. Dies bedeutet allein für Israel, dem Land der Shoah-Überlebenden, eine unmittelbare Existenzbedrohung, was vor dem Hintergrund des Standortfaktors Thüringen schnell „vergessen“ ist. Der zweite Grund, warum die Situation im April 1945 nicht unbedingt als Befreiung bezeichnet werden kann, ist, weil für die meisten der ehemaligen Häftlinge am 11. April 1945 durch die sog. Todesmärsche das Grauen noch längst kein Ende fand und auch danach noch viele an den physischen Folgen ihrer Haft starben. Schließlich auch, weil für die Häftlinge die psychische Belastung, ihre Traumatisierungen, die ihnen durch die Erlebnisse in den deutschen Vernichtungs- und Konzentrationslagern zugefügt wurden und die es ihnen häufig erst sehr spät ermöglichten, überhaupt noch über ihre damaligen Erfahrungen zu sprechen, keine Befreiung im Sinne einer Erlösung von der Qual bedeuteten. David Salz, ehemaliger jüdischer Häftling, der nun in Israel lebt, sprach in der besagten Bürgerbegegnung absichtlich nicht von Befreiung, sondern von Rettung, „den[n] befreit bin ich bis zum heutigen Tag nicht. Es wurzelt in mir und ich kann nicht vergessen. Und man darf nicht vergessen. Vergessen ist frevelhaft“. Vergessen ist in Nordhausen nicht nur wegen der erwähnten Handelsbeziehungen zum Iran ein großes Thema. Zeh begrüßte zwar in der Eröffnungsansprache en Detail alle Lokalpotitiker_innen, er wollte jedoch zunächst nicht die dreizehn anwesenden Überlebenden namentlich nennen, da dies „zu viel“ gewesen sei. Erst auf Anraten einer Kollegin aus der Stadtverwaltung schob er deren Namen am Ende seiner Ansprache noch hinterher. Ehre wem Ehre gebührt.

 

Die Zeh’sche Wiederholung

Die rituelle und gebetsmühlenartige Wiederholung der Phrase in nahezu jeder Ansprache des Oberbürgermeisters, wonach „der Krieg, der von Deutschland in Gang getreten wurde, nach Deutschland zurückkehrte“, ist nur noch die Spitze eines „zehen“ Eisbergs. Mit dieser Phrase kommt recht deutlich eine Erzählweise aus der Täter_innenperspektive zum Tragen, da „der Krieg“ für die Opfer nicht erst mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann, sondern bereits mit dem „Vorkrieg“ (Christa Wolf). Stigmatisierung, Arisierung, Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung sind nichts, was sich auf „das“ Kriegsgeschehen reduzieren lässt, auch wenn es für „die Deutschen“ das prägendste Narrativ darstellt, weil nur in diesem Rahmen überhaupt die Relativierung von Nationalsozialismus und Holocaust erst möglich wird. Unbewusst wird damit jene Trennung geschichtspolitisch fortgesetzt, die die Ausgrenzung jener „Nicht-Deutschen“ ermöglichte.

Warum das Gedenken an die Opfer der Bombardierung, wenn überhaupt, nur im privaten Raum erfolgen dürfte, wurde von verschiedenen Seiten schon dargelegt und auch in einem anderen Artikel bereits ausgeführt. Die realpolitischen Auswirkungen der „Zeh-Metaphern“ können nahezu täglich erlebt werden, wenn Neonazis nach ihrer Trauerkundgebung in paramilitärischer Selbstsicherheit die Gegenkundgebung durchlaufen und dabei noch in Anwesenheit der Polizei linken Aktivist_innen Verfolgungs- und Gewaltandrohungen aussprechen können. Als der Verein „Jugend für Dora“ das Projekt „Fahnen der Erinnerung“, das sich mit der Sichtbarmachung der ehemaligen Außenlagerstandorte des Lagerkomplexes des KZ Mittelbau-Dora anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung befasste, konnte bei vielen Projekt-Bekanntmachungen eine reflexhafte Abwehr wahrgenommen werden. Stets wurde dem Projekt Einseitigkeit vorgeworfen, da es die Bombardierungsopfer nicht berücksichtige. Die historische Spezifik der Region, die spätestens mit der Errichtung des Lagerkomplexes Mittelbau-Dora zum Ballungszentrum der Rüstungsindustrie ausgebaut wurde, wird dabei gänzlich außer Acht gelassen: „Im Rahmen ihres ‚Programms zur Brechung des Luftterrors‘ ordneten sie [Albert Speer und Hans Kammler] Ende Januar 1945 an, unter der Bezeichnung ‚Entwicklungsgemeinschaft Mittelbau‘ die gesamte deutsche Raketenentwicklung im Raum Nordhausen zu konzentrieren.“ Vergessen wird dabei ebenfalls, dass die Stadt Nordhausen nicht, wie einige wenige andere Städte, vorzeitig kapitulierte, sondern sich im Rahmen des wahnhaften „Totalen Krieges“ und der einhergehenden Aufrüstung der Heimatfront zur „Festung“ ausrief. Der Verlust der historischen Erfahrung wirft damit die Verantwortungslosigkeit im Umgang mit der Geschichte auf’s Tableau, die neben dem zwanghaften Vergessen zugleich immer wieder die innere Widersprüchlichkeit durch Sublimierung und Aggressionsentladung hervortreten lässt.


Die Freiheit der Massen besitzt einen Namen, die wahre ist namenlos

„Wenn die Massen der Rede von der Freiheit nur ungern mehr lauschen, so ist das nicht bloß ihre Schuld oder die des Mißbrauchs, der mit dem Namen betrieben wird. Sie ahnen, daß die Welt des Zwanges gerade immer die von Freiheit, Verfügung, Setzung war und der Freie der, welcher sich etwas herausnehmen darf. Was anders wäre, ist namenlos und was etwa heute dafür einsteht, Solidarität, Zartheit, Rücksicht, Bedacht, hat mit der Freiheit der gegenwärtig Freien nur geringe Ähnlichkeit.“

(Adorno, T. W. (1997): Reflexionen zur Klassentheorie. In: Tiedemann, R. (Hrsg.): Theodor W. Adorno ‚Ob nach Auschwitz noch sich leben lasse‘. Ein philosophisches Lesebuch. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 147.)


Über Celan

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„das äußerste Entsetzen durch Verschweigen sagen“

(Adorno, T. W. (2003): Ästhetische Theorie. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 477.)


Besinnliche Vorweihnachtszeit

Innenhof Yad Vashem

Innenhof Yad Vashem

„Die Entfremdung erweist sich an den Menschen gerade daran, daß die Distanzen fortfallen. Denn nur solange sie sich nicht mit Geben und Nehmen, Diskussion und Vollzug, Verfügung und Funktion immerzu auf den Leib rücken, bleibt Raum genug zwischen ihnen für das feine Gefädel, das sie miteinander verbindet und in dessen Auswendigkeit das Inwendige erst sich kristallisiert.“

(Aphorismus „Struwwelpeter“: Adorno, T. W. (2003): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 45.)


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