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Gegen die Verwirrungen des Infoblatts – Eine Replik auf die Wirren des alten ‚Genossen‘

Stadtreinigung_Mannheim

Stadtreinigung Mannheim

Von Achard Rieus

Zum Hintergrund: Die Redaktion der Kommunal-Info Mannhein publizierte im Februar einen Bericht (Reinhard Gebhardt – Persönliche Nachbetrachtung zum Kongress gegen den neuen Rechtsruck). Auf diesen schrieb ich einen Kommentar unter dem Titel „Gegen die Verwirrungen des Infoblatts – Eine Replik auf die Wirren des alten ‚Genossen‘“, da ich der Meinung war (und bin), dass die ‚Redaktion‘ aus mehreren Gründen nicht hätte publizieren dürfen. Die ‚Redaktion‘  verweigerte meine Replik unter dem Vorwand, dass „das Kommunal-Info nicht zur Verfügung steht […] [für] Meinungen, die sehr stark oder gar überwiegend auf die Person von Diskutanten eingehen. Aus solchen Meinungsbeiträgen entwickelt sich nach aller Erfahrung kein sachlicher Diskurs, sondern es kommt zu zunehmend ins Persönliche gehenden Chats. Dafür ist fb das geeignete Medium, wenn man denn schon diese Form der Auseinandersetzung pflegen möchte“, so der ‚Redakteur‘. Ich schilderte ihm daraufhin, dass es in der Replik nicht um eine Diffamierung oder Diskreditierung von Herrn G.gehe, sondern vielmehr um die Form, wie hier unter verdecktem Vorwand politische Propaganda betrieben wird, indem die Positionen von Herrn G. widerspruchslos stehen bleiben und ihnen innerhalb des Mediums „Kommunal-Info Mannheim“ ein Bild objektiver Wahrheit verliehen wird. Diese „Wahrheit“ hat jedoch, das wird in der Replik deutlich, mit einer emazipatorischen und die Geschichte nicht verklärenden Linken leider recht wenig zu tun. Der ‚Redakteur‘ schrieb des Weiteren: „Zunächst einmal wollen wir feststellen, dass wir uns des grenzwertigen Inhalts von Reinhard Gebhards [Klarname] Kommentar bewusst waren und sind. Wir haben ihn trotzdem als Meinung veröffentlicht. Der Name ‚Kommunal-Info Mannheim‘ soll nicht darauf hindeuten, dass hier nur Informationen mitgeteilt werden; oft sind es auch Meinungen, am besten dann, wenn es um diskursiv abzuhandelnde Themen geht.“ Die“[p]ersönliche Nachbetrachtung zum Kongress gegen den neuen Rechtsruck“ von Herrn G. hat jedoch in keiner Silbe etwas mit dem Kongress selbst zu tun, so dass das „diskursiv abzuhandelnde Thema“ durch seinen Beitrag vom Kongress entkoppelt wurde und sich auf seine neu gesetzten Themen verschob. Mir wurde seitens der ‚Redaktion‘ die Möglichkeit eröffnet, etwas zu „Meinungen, Interpretationsversuchen, Strategievorschlägen zum AfD-Syndrom“ zu schreiben. Wäre dies ihr Anliegen gewesen, dann hätte sie allerdings den Beitrag von Herrn G. nicht veröffentlichen dürfen. Dazu schreibt er nämlich rein gar nichts. Mir dann dieses Thema vorzugeben, nicht aber zur regressiven Kapitalismuskritik von Herrn G. Stellung beziehen zu dürfen, gleicht einem Maulkorb. Wenn sich die „Redaktion“ also dazu „entscheidet“, den „grenzwertigen Inhalt“ von Herrn G. zu publizieren, ist ihr von vornherein bewusst, dass ein solcher Beitrag Gegenreaktionen hervorrufen kann. Diese dann zu verweigern bedeutet, dass sie mit den orthodoxen, leninistischen Positionen d’accord geht, während ihr unliebsame Positionen, die eben keine Sowjetnostalgie und einen platten Antiamerikanismus lobpreisen, nicht in den Kram und in ihr Verständis einer linken Bewegung passen. So viel zu Streitkultur, Kritik und dialektischem Denken.

Hier nun meine besagte Replik auf Reinhard Gebhards Kommentar:

 

In seiner „persönlichen Nachbetrachtung zum Kongress gegen den neuen Rechtsruck“ macht sich Reinhard G. leider nicht einmal die Mühe, auch nur ansatzweise auf jenen Gegenstand einzugehen, den er zu betrachten vorgibt, nämlich die Inhalte des besagten Kongresses. Ein solches Vorgehen scheint bei ihm Programm zu sein, denn ebenso wenig machte er sich während des Kongresses selbst die Mühe, sachlich die angesprochenen Themen zu diskutieren. Stets nutzte er seine Wortmeldungen, um Ko-Referate zu halten und sich ungefragt Raum für seine propagandistischen Phrasen zu nehmen.

Im klinischen Kontext sind Therapeut_innen aufgrund ihres respektablen Berufsethos häufig versucht, selbst bei Psychotiker_innen einen rationalen Kern in der Sinngebung zu unterstellen und diesen ernsthaft zu entschlüsseln. Freud begab sich bspw. auf jenes Glatteis, als er die Kindheitsphantasien seiner Patient_innen allzu ernst nahm und auf deren phantasmagorischen Entstellungen ausrutschte. Dies führte bei ihm zu einem kategorischen Wandel in seinem Denken. Mit den Wirren des alten G. verhält es sich ein wenig ähnlich wie bei den oben genannten Patient_innen. Hier soll daher gar nicht erst versucht werden, das dahinterliegende ‚System‘ zu entschlüsseln – es liefe letztlich auf einen simplen und widerspruchslosen Manichäismus hinaus, bei dem immer schon klar ist, wer die Guten sind. Es sollen daher vielmehr nur jene wohl offensichtlichsten Momente der Derealisation des ‚Genossen‘ kurz dargelegt werden:

G. bezeichnet in seinem Kommentar die AfD unterschiedslos als „völkisch“, was für einen Teil der Partei (den „Höcke-Flügel“) gewiss zutrifft, aber terminologisch den Kern der Partei deutlich verfehlt: Die jüngste (wiederholte) Auseinandersetzung um den Parteiausschluss von Höcke muss man schon aktiv missachten, wenn man solch pauschalisierende Aussagen trifft. Letztlich gibt es für G. nur Faschismus und das sozialistische Heilsversprechen. Ein Teil seiner Eingangsfragen, bei denen G. ebenfalls völlig ausufernd und unterschiedslos alles Mögliche in einen Topf wirft, möchte wissen, inwiefern „AfD und Co schon im Staatsapparat, Justiz“ etc. integriert seien. Mit „Co“ sind wohl andere „völkische“ Strömungen gemeint, worunter gewiss auch die NPD zu fassen ist. Auch hier scheint er, der Derealisation jüngster Ereignisse erneut anheimfallend, die Debatte um das Verbotsverfahren (hier verstanden als Signal der Justiz gegen die Rhetorik und den gesellschaftliche Relevanzzuwachs der AfD) wohl ebenso wenig verfolgt zu haben, wie das sozialdemokratische Distinktionsgeschwätz zur Dresdner Höcke-Rede und ihren ‚Erinnerungsstolz‘ (welchen übrigens auch der Mannheimer OB Peter Kurz zur Gedenkfeierlichkeit am 27. Januar zum Besten gab). Völlig unreflektiert ist G. noch immer im 68-er-Sprech vom „Trikont“ und dem Rollback zum autoritären „Polizeistaat“ verhaftet, ganz so, als habe er niemals auch nur Joachim Hirschs Ausführungen zum „Sicherheitsstaat“ zur Kenntnis genommen (geschweige denn verstanden): An G. geht gänzlich die sicherheitspolitische Aufrüstung restriktiver Sozialpolitik als zentraler Steuerungsmodus in Deutschland vorbei; hinter jeder Ecke lauern, leider ganz ähnlich Paranoiker_innen, Polizist_innen und Soldat_innen zur handfesten Unterdrückung der Proleten. Gewiss ist auch die Aufrüstung der Polizei (Teaser, GPS-Überwachung und Schnellfeuerwaffen in jedem Polizeiauto, so die Pläne de Maizieres) derzeit politisch nicht zu vernachlässigen, aber zwischen Loic Wacquants Analyse der amerikanischen Verhältnisse in „Bestrafen der Armen“ und der viel subtileren sozialstaatlichen Punitivität Deutschlands liegen dennoch deutliche analytische Unterschiede. Und selbst G. sollte sich die Frage stellen können, warum eben nicht um jede Ecke eine schwerbewaffnete Polizeistreife benötigt, damit die revolutionären Proleten in Zaum gehalten werden können, und der Kapitalismus dennoch weitestgehend reibungslos funktioniert. Warum es also für Sublimierung und Entsagung eben nicht die Waffe an der Stirn des Proleten und die Fußfesseln fürs Marx‘sche Lumpenproletariat braucht.

Am offensichtlichsten wird allerdings sein völlig verkürzter M-L-Manichäismus, wenn er den deutschen „Ausbau der Unterstützung völkischer, diktatorischer […] und faschistoider […] Regime“ anklagt und hierbei die Türkei und Ungarn unterschiedslos in einer Reihe mit der Ukraine nennt, was auf allen Ebenen eine Fehleinschätzung und ein falsches Verständnis bürgerlich-demokratischer Errungenschaften ist (Presse- und Meinungsfreiheit, Minderheitenrechte, Rechtsstaatlichkeit etc.), die in den besagten Ländern deutliche qualitative Unetrschiede aufweisen. Die ‚Sahnehaube‘ setzt G. auf, wenn er hier zudem zwar das durch und durch diktatorische Regime in Saudi-Arabien erwähnt, aber kein Wort über den Iran verliert. Deutsche Regierung und Wirtschaft buhlen geradezu um die Gunst dieser Klerikalfaschisten, deren Hegemonieanspruch nicht nur auf die Region des Mittleren Osten beschränkt bleibt. Ein ganz tagesaktuelles Beispiel war die Münchener Sicherheitskonferenz, an deren Rande bspw. der „Verein der Bayerischen Wirtschaft“ sofort ein Treffen mit dem Iranischen Außenminister Zarif und dem Botschafter Majedi vereinbarte. Der derzeitige deutsche Außenminister und damalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) konnte überdies vor gut einem Jahr kaum eine Woche verstreichen lassen, um nach Abschluss des Nuklearabkommens mit dem Iran, das löcheriger ist als jeder Schweizer Käse und daher weiterhin nur einen Zeitaufschub der Iranischen Vernichtungsdrohung gegen den jüdischen Staat darstellt, mit einer ganzen Wirtschaftsdelegation ins Land zu fliegen und zahlreiche neue Verträge in Sack und Tüten zu bringen, aus deren Geldern der Iran sein Kriegstreiben besser denn je fortsetzen kann. Während bei TTIP und CETA in jedem deutschen Kuhkaff lautstark protestiert wird, ist hierzu nirgends ein Murren zu vernehmen. Der Iran geht innenpolitisch mit voller Härte gegen jede Opposition vor – die Todesstrafen haben sich unter dem als „gemäßigt“ geltenden Präsidenten Rohani vervielfacht, Folter steht auf der Tagesordnung, Frauen, die ihre Kopftücher aus Protest enthüllen, werden verfolgt und misshandelt, Homosexuelle ermordet. Zudem rüstet der Iran die gesamte Region von den Hizbollah-Milizen im Libanon bis hin zu den Houthi-Rebellen im Jemen auf und ist mit seinen Revolutionsgarden, die längst die führende Rolle im Syrienkrieg übernommen haben (von Giftgaseinsagt bis Flächenbombardements und gezielte Angriffe auf zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser und Versorgungstrupps), selbst im Geschehen unmittelbar beteiligt. Leider passt dies alles jedoch nicht in das festgefahrene und verworrene Weltbild des alten G., der sich wohl noch immer eine starke Sowjetunion zurückersehnt und dabei beflissentlich auch die russische Oligarchie unter Putins Federführung, ohne deren militärische Interventionen Assad selbst wohl kaum noch an der Macht wäre, idealisiert. Zumindest ist vom Iran und von Russland bei G. keine Rede, wenn er von diktatorischen und faschistoiden Regimes schwadroniert. Überhaupt scheint es bei ihm, wie oben angedeutet, nur Faschismus, der immer schon verkürzten Dimitroff’schen Formel folgend, wonach dieser die „offen terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ sei, und das Heilsversprechen des Sozialismus zu geben. Eine terminologische Differenzierung zwischen Faschismus und Nationalsozialismus (samt seines zentralen ideologischen Elements des eliminatorischen Antisemitismus) lässt G. ebenso unberücksichtigt, wie die gesamte Diskussion der sog. „Neuen Marx-Lektüre“, für die „Wert“ nicht gleichgesetzt ist mit „Tauschwert“ und „Kapital“ nicht mit „Finanzkapital“ (o.a. „Zirkulationssphäre“) – erst recht nicht mit „Kapitalist“.

Wenn den Wirren des alten G. über eine halbe Seite dafür einräumt wird, dass er Phrasen dreschen kann, die schon vor mehr als 40 Jahren falsch waren, weil sie lediglich Plattitüden des realexistierenden Marxismus reproduzieren, aber kein Wort von der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie selbst verstehen, ist es um die Aufklärung offensichtlich recht schlecht bestellt. Hier hat „Info“ weitaus mehr mit Propaganda, die bekanntlich selbst stets fratzenhaft ist, zu tun als mit „Meinung“, welche zumindest noch im Rahmen postmoderner Beliebigkeit auch andere zuzulassen bereit ist. An G.‘s Diskussionsverhalten wird deutlich, dass bei ihm selbst die Meinungsfreiheit kein allzu hohes Gut zu sein scheint. Mit „Nachricht“, wofür „Information“ im journalistischen Sinne stehen sollte, haben diese Art von Beiträgen jedoch rein gar nichts mehr zu tun: Die Abkürzung „Info“ wird so zum gleichermaßen verkürzten Instrument der Gegenaufklärung.

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Die ekelhafte Borniertheit Thüringens – Das Völkische und die Provinz

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A worth Alternative to Germany

 

Seit geraumer Zeit existiert nun auch in der BRD eine Partei, die sich rechts von den Konservativen etabliert hat, ohne dabei in der öffentlichen Wahrnehmung der deutschen Bevölkerung als ‚neonazistisch‘ oder ‚rechtsradikal‘ stigmatisiert zu werden. Verschiedene Meinungsforschungsinstitute attestieren ihr Rekordgewinne, was sie als mindestens potentielle Koalitionspartnerin für CDU/CSU und FDP gewiss nicht minder attraktiv werden lässt. Dies alles geschieht trotz der Tatsache, dass die AfD in den vergangenen Monaten eine rasante Radikalisierung nach Rechtsaußen vollzogen hat. Formell bürgerlich auftretend vereint sie dabei Neonazis wie ganz normale Deutsche hinter ihren Bannern auf Großdemonstrationen. Zur ‚Herbstoffensive‘ Ende letzten Jahres, wie sie ihre mehrwöchige Kampagne nannte, brachte sie in der Thüringer Landeshauptstadt kontinuierlich mehrere tausend ‚besorgte Bürger_innen‘ auf die Straße. Auch letzte Woche versammelten sich dort erneut, bei einem Gegenprotest von ca. 500 Menschen, zwischen 2.400 (Polizeiangabe) und bis zu 3.000 Wutbürger_innen verschiedener Couleur auf dem Domplatz. Morgen versucht sie in Jena, das durch seinen studentischen Charakter innerhalb Thüringens eher als ‚links‘ und ‚alternativ‘ gilt, an den Erfolgen in der Landeshauptstadt anzuknüpfen.

An der Spitze der Europäischen Union residiert Deutschland zwar als angeschlagener, aber dennoch unangefochtener Hegemon. Während sich die Kapitalakkumulation im Weltmaßstab in der Krise befindet, verzeichnet die BRD aufgrund ihrer Austeritätspolitik nach innen wie außen stets noch Gewinne. Und dennoch gewinnt auch hier die AfD massiv an Zuspruch und avanciert zu einer der Avantgarden nationaler Borniertheit innerhalb Europas. Auch inhaltlich mausert sie sich damit zu einer der Speerspitzen europäischer Parteien, die die Forderungen nach Renationalisierung, Separatismus und Protektionismus mit zunehmend völkischer Färbung innerhalb der EU vorantreiben. Der polnischen Partei PiS, Orbáns Fidesz in Ungarn oder dem FN in Frankreich steht sie dabei in Nichts nach. Während das expansive ‚globalisierte‘ Kapital nach supranationalen Gebilden und grenzüberschreitenden Verträgen trachtet, klebt dabei in vielen Ländern zusehends das gesellschaftliche und politische Bewusstsein an der Nation. Dennoch offenbart sich der Nationalismus der AfD und seiner Gefolgschaft in seiner irrationalsten Form. Denn während die Rückbesinnung auf das vermeintlich ‚Natürliche‘ und ‚Nächste‘ in den anderen Ländern Europas zumindest als eine Reaktion auf reale soziale und wirtschaftliche Verschlechterung gewertet werden kann, ist die Geisterstunde der AfD kaum mit der Relation zur ökonomischen Entwicklung Deutschlands zu erklären, das sich am Weltmarkt in vorderster Reihe befindet. Aus Perspektive des deutschen Kapitals kann der Zustrom an neuen Arbeitskräften gegenwärtig eigentlich gar nicht groß genug sein und die ‚Integration‘ von Geflüchteten, natürlich nach utilitaristischem Nützlichkeitsprinzip, gar nicht schnell genug vonstattengehen. Am wohl nachdrücklichsten wird dies durch die Forderung des ‚Bundesverbandes der Arbeitgeberverbände‘ (BDA) vertreten, die in ihnen „einen Segen“ und die „dringend benötigten Arbeitskräfte“ entdecken, wie ihr Präsident Kramer im Handelsblatt kommentierte und dabei ein Bleiberecht insbesondere für junge Geflüchtete und Sprachkurse vom ersten Tag an verlangt. Ganz entgegen dieser kalkulativ-instrumentellen Vernunft im Sinne eines rein ökonomischen Interesses erstarkt der Irrationalismus in Form völkischen Denkens und wird gerade im Osten der BRD zur Massenbewegung.

Auch in einer sozialstrukturellen Betrachtungsweise zeigt sich dieser Irrationalismus. Die Klassenfraktionen, aus denen sich die Anhänger_innenschaft der AfD rekrutiert, sind kaum die sozial Abgehängten und Ausgeschlossenen. Ihre Wut bringen durch das Banner der AfD vielmehr jene auf die Straße, die in Lohn und Brot stehen und von diesem nichts abgeben wollen. „Nach Peter Matuschek, Forsa-Bereichsleiter für Politik- und Sozialforschung, sei der ‚typische AfD-Wähler ‚selbstständig, männlich, mit eher überdurchschnittlichem sozialen Status und Einkommen ausgestattet, ein ‚Vertreter der gehobenen Mittelschicht‘, der sich zwischen unten und oben zerrieben fühlt‘. Eine andere Einschätzung nimmt Richard Hilmer vor, Geschäftsführer von Infratest dimap, dem zufolge die AfD-Wähler ‚aus allen Richtungen‘ kämen; die stärkste Zustimmung erhalte die ‚Professorenpartei‘ tatsächlich unter Arbeiterinnen und Arbeitern“ , was nicht gleichbedeutend mit dem Prekariat ist. Bemerkt Marx schon in der „Deutschen Ideologie“ im Jahr 1846, dass „[w]enn die nationale Borniertheit überall widerlich ist, so ist sie namentlich in Deutschland ekelhaft, weil sie hier mit der Illusion, über die Nationalität und über alle wirklichen Interessen erhaben zu sein, denjenigen Nationalitäten entgegengehalten wird, die ihre nationale Borniertheit und ihr Beruhen auf wirklichen Interessen offen eingestehen“, so erhält sich hier eine historische Kontinuität.

Dabei ist es in Thüringen keine Neuheit, dass sich sogar innerhalb jener Nation, die für zwei Weltkriege, die Vernichtung des europäischen Judentums und vieler weiterer Massaker verantwortlich ist, diese ekelhafteste Form der Borniertheit in kristalliner Form bahnbricht. Schon den Nationalsozialisten galt Thüringen als Experimentierfeld: Hier bildete sich in den 1920er-Jahren eine der frühen Hochburgen der Partei, hier fand 1926 der erste Reichsparteitag nach dem Hitler-Putsch statt, auf dem die Hitler-Jugend gegründet wurde. Es bestand zudem die Überlegung, Weimar zur neuen Hauptstadt der nationalsozialistischen Bewegung zu machen, nachdem für sie in München für kurze Zeit die Luft zu dick wurde. Dies war eine realistische Einschätzung, denn in Thüringen gelangten bereits 1930 erstmals Nationalsozialisten auf Ministersessel, nachdem sie bereits 1924 als einflussreiche Fraktion in den Landtag einrückten und die Entlassung des jüdischen Direktors der Jenaer Universität durchzusetzen vermochten. Hier erfolgte 1932 die sog. ‚vorgezogene Machtergreifung‘ mit der Regierung Sauckel. Die NSDAP Thüringens ging auch nach 1933 „bei der politischen und rassistischen Gewaltherrschaft wiederholt voran, bündelte erfolgreich regionale Machtkompetenzen, setzte in der Wirtschaftspolitik Akzente und nutzte die Ausstrahlung des Kulturlandes um Hitlers ‚Lieblingsstadt‘ Weimar, die zu einer ‚Muster-Gauhauptstadt‘ ausgebaut wurde. In der Schlussphase des Krieges sollte Thüringen mit unterirdischen Rüstungsprojekten, geheimnisumwitterten Auslagerungen und einem mutmaßlichen Führerhauptquartier im Jonastal zur letzten ‚Festung‘ des Dritten Reiches werden, wobei Tausende Häftlinge und Zwangsarbeiter ums Leben kamen. Sogar die Technik für den Massenmord in den Konzentrationslagern stammte aus Thüringen.“ Björn Höcke, der Vorsitzende der Thüringer AfD, der immer wieder in rühmlicher Weise auf die „tausendjährige deutsche Geschichte“ eingeht und dabei den „deutschen Geist“ beschwört, kann beurlaubter Oberstudienrat für Sport und Geschichte im nordhessischen Bad Sooden-Allendorf nicht behaupten, von dieser Epoche keine Kenntnis zu haben – insbesondere in einem Bundesland, für das er sich so passioniert einsetzt.

Die Politik von Höcke und seiner Thüringer Kammerad_innent ist der vorläufige Höhepunkt einer innerparteilichen wie gesamtgesellschaftlichen Radikalisierungstendenz. Nachdem nun auch die Merkel‘sche „Wir schaffen das“-Rhetorik, jenes zentrale Bindeglied zum Koalitionspartner der SPD auf Bundesebene, zusehends zerfällt, wird sich in Deutschland auf allen Ebenen den Sorgen der gemeinen besorgten Bürger_innen auf der Straße hingegeben. Damit nähert man sich zusehends jenem Populismus an, der noch bis vor einem halben Jahr der AfD zu Eigen war, während diese bis zum heutigen Zeitpunkt eine fortschreitende Radikalisierung vollzieht. Petry als Parteivorsitzende, die als nationalkonservative Rechtspopulistin inzwischen zum gemäßigten Flügel gegenüber dem radikalisierten, offen rassistisch-völkischen Flügel um Höcke und seinen Parteifreunden der sog. „Erfurter Resolution“ zählt, nachdem sich die Partei mit der Spaltung der Wirtschaftsliberalen um Lucke entledigt hat, vertritt hierbei nicht minder protektionistische Positionen. Bei ihr sind sie jedoch wesentlich bürgerlicher verpackt. Laut Petry sei es dabei u.a. vom Bundesvorstand gedeckt, die deutschen Grenzen bewaffnet gegen Asylsuchende zu verteidigen.

Solche Positionen reichen allerdings der Höcke-Fraktion innerhalb der AfD längst nicht mehr aus. Der offene Rassismus und Antisemitismus Höckes, welcher kürzlich ganz im klassisch völkischen Jargon von einem afrikanischen und einen europäischen „Ausbreitungstyp“ schwadronierte und zwischen dem ihm so wichtigem Christentum und dem Judentum einen grundsätzlichen Antagonismus ausmachte – theoretische Voraussetzung für ihre Verfolgung und Vernichtung – scheint weite Teile der Thüringer_innen nicht zu stören, wie die Resonanz der AfD letzte Woche auf dem Erfurter Domplatz erneut zeigte. Ebenso wenig Aufsehen erregen Höckes persönliche Freundschaften zu Chefideologen der „Neuen Rechten“, wie dem Organisator des Instituts für Staatspolitik (IfS), bei dem Höcke offen seinen völkischen Rassismus und Antisemitismus offenlegte. Kubitschek ist zugleich Redakteur der von diesem neurechten Institut herausgegeben Zeitschrift ‚Sezession‘, für die er ebenso schreibt, wie unter dem Pseudonym Landolf Ladig für das Naziblatt ‚Volk in Bewegung‘. Auch zu Thüringer Neonazi-Größen wie Thorsten Heise, der die NPD im thüringischen Eichsfeld führt und früher in militanten Kameradschaften und der verbotenen Neonazi-Partei FAP aktiv war, besteht eine enge Beziehung.

All das ist bekannt, ohne dass es die Zustimmung unter den Thüringer_innen schmälert, was deutlich die Grenze der Aufklärung im braunen Herz Deutschlands aufzeigt. Lieber jubeln sie frenetisch und empfangen Höcke zu Tausenden in messianischer Weise mit Sprechchören, wenn er die Bühne der Kundgebung in Erfurt betritt. Dies geschieht zumeist noch bevor er die erogenen Zonen des Volkskörpers berührt, indem er an Deutsche, Thüringer und Erfurter appellierend den Kampf „für unsere Kinder“ des deutschen Volkes einläutet. Völlig von selbst beginnt die Masse damit „Wir sind das Volk!“ zu schreien und mit dem Ausruf „Volksverräter“ einzusteigen, sobald Höcke in seiner Rede auf Merkel zusprechen kommt. So wie das Völkische stets auf Unmittelbarkeit und Gefolgschaft drängt und dabei zur Triebentladung eines Objektes bedarf, auf das es pathisch projizieren kann und sich in diesem Zuge der angestauten Aggressionen als Folge ihrer Selbstvergessenheit entledigt, werden Migration und Staatsidentität zur Wasserscheide ihres Kielwassers. Die Verwobenheit von Protektionismus und pathischer Projektion zeigt sich demnach am deutlichsten in der Haltung der AfD zur sogenannten „Flüchtlingskrise“, die in Wahrheit eine Krise des Humanismus ist. Höcke und seine AfD schwadronieren von Ängsten naturgemäß blonder deutscher Frauen, die zum Lustobjekt und Vergewaltigungsopfer der Geflüchteten werden; oder von Schwarzen, die in enthemmter Weise sofort zum Messer greifen, sobald ihnen etwas missfällt. Dass Triebentladung und Enthemmung vor allem von Deutschen ausgehen, die allein in diesem Jahr weit über tausend Flüchtlingsunterkünfte angriffen, wovon ein beträchtlicher Anteil auf Thüringen entfällt, und die am Rande von AfD-Veranstaltungen regelmäßig politische Gegner attackieren, wie auch letzte Woche mit mehreren Verletzten in Erfurt, verweist nur auf die Verbindung von Projektion und Paranoia. Dem Chefideologen der AfD, dem Philosoph Jongen zufolge, leide die Bundesrepublik an einer „thymotischen Unterversorgung“, also an einer Armut an Zorn und es ermangele ihr an Wehrhaftigkeit, während andere Kulturen und Ideologien eine „hochgepushte thymotische Bewegung“ seien. Die AfD lege laut Jongen als einzige Partei „Wert darauf, die Thymos-Spannung in unserer Gesellschaft wieder zu heben“, was sie durch „Erziehung zur Männlichkeit“, die Rückerlangung klarer Geschlechterrollen und eine „neodarwinistische Kulturtheorie“ zu bewerkstelligen versucht. Akzeptanz und Zustimmung seitens der Bevölkerung dazu wie zur offenen Artikulation von Zorn, Wut und Empörung scheint ihr sicher. Sie vollziehen sich ganz analog der Radikalisierung innerhalb der AfD; eine Radikalität, mit der der Aggression gegenüber vermeintlich Fremdem Raum gegeben wird.

Nah am „Volk“ zu sein und die „Bewegung“ auf der Straße zu involvieren, gelingt gerade der Thüringer AfD besonders gut. Sie ist damit im klassisch parlamentarischen Sinne nicht nur eine Partei, also eine Institution zu politischen Interessenvertretung, sondern nach Höcke eine „Widerstandsbewegung gegen die weitere Aushöhlung der Souveränität und der Identität Deutschlands“. Höcke selbst tritt dabei in zugleich apokalyptischer wie messianischer Manier Überbringer von Heilsbotschaften auf, indem er in der AfD die „letzte evolutionäre Chance für dieses Volk“ diagnostiziert und wie in Erfurt letzte Woche verkündet: „2016 wird unser Jahr, wir werden ein Erdbeben von historischem Ausmaß erleben.“ Die AfD fungiert dabei als parlamentarischer Arm für wutbürgerliche Straßenproteste. Die Sorge sämtlicher Politikwissenschaftler_innen, die seit langem die Politikverdrossenheit unter den Bürger_innen beklagen, scheint sie hierbei einzufangen. Sie bewerkstelligt eine Re-Politisierung der Gesellschaft – mit einem Zusatz: der Volksgemeinschaft. Laut der letzten Sonntagsumfrage der Thüringischen Landeszeitung liegt die AfD bei 12% und wäre damit als viertstärkste Kraft im Landtag vertreten; mit doppelt so vielen Stimmen wie die Grünen und nur 3% weniger als die SPD. Nur in Sachsen und Sachsen-Anhalt wird dieser Wert noch um etwas mehr als 1% übertroffen. Dass die Ergebnisse der AfD in der Zone nicht noch höher liegen, hat sie nur dem Stimmanteil der NPD zu verdanken, der in diesen Bundesländern im Gegensatz zu den anderen laut aktuellen Umfragen mit zwischen 4 und 6% überproportional hoch liegt.

Wäre die deutsche Gesellschaft im Allgemeinen und die Thüringer_innen im Besonderen aufgeklärt und unanfällig für solch völkische Ideologie, sie könnte über die das Fratzenhafte Höckes und die vermeintliche Fundamentalopposition von rechts der AfD nur schmunzeln. Die reale Bewegung zeigt jedoch, wie fest völkische Elemente im Alltagsbewusstsein hiesiger Populationen verankert sind, was das Lachen aus emanzipatorischer Perspektive eher versteinern lässt.

 


Karl Marx, der erste Antideutsche

"...steht das Kapital"

„…steht das Kapital“

 

Karl Marx (MEW 3: 177) beschreibt die Entwicklung Deutschlands im 18. und 19. Jahrhundert als „Ohnmacht, Gedrücktheit und Misère der deutschen Bürger, deren kleinliche Interessen nie fähig waren, sich zu gemeinschaftlichen, nationalen Interessen einer Klasse zu entwickeln, und die deshalb fortwährend von den Bourgeois aller andern Nationen exploitiert wurden. Diesen kleinlichen Lokalinteressen entsprach einerseits die wirkliche lokale und provinzielle Borniertheit, andrerseits die kosmopolitische Aufgeblähtheit der deutschen Bürger.“ Politisch untermauert Marx diese Aussage u.a. mit der deutschen Kleinstaatlichkeit, in der sich nach den Bauernkriegen „reichsunmittelbare Duodezfürsten […] allmählich eine ziemliche Unabhängigkeit verschafften und die absolute Monarchie im kleinsten und kleinstädtischsten Maßstabe nachahmten.“ Ökonomisch verweist Marx auf den ebenfalls derart zersplitterten Ackerbau. „Der Zersplitterung der Interessen entsprach die Zersplitterung der politischen Organisation, die kleinen Fürstentümer und die freien Reichsstädte. Wo sollte die politische Konzentration in einem Land herkommen, dem alle ökonomischen Bedingungen derselben fehlten? Die Ohnmacht jeder einzelnen Lebenssphäre (man kann weder von Ständen noch von Klassen sprechen, sondern höchstens von gewesenen Ständen und ungebornen Klassen) erlaubte keiner einzigen, die ausschließliche Herrschaft zu erobern. Die notwendige Folge davon war, daß während der Epoche der absoluten Monarchie, die hier in ihrer allerverkrüppeltsten, halb patriarchalischen Form vorkam, die besondre Sphäre, welcher durch die Teilung der Arbeit die Verwaltung der öffentlichen Interessen zufiel, eine abnorme Unabhängigkeit erhielt, die in der modernen Bürokratie noch weiter getrieben wurde. Der Staat konstituierte sich so zu einer scheinbar selbständigen Macht und hat diese in andern Ländern nur vorübergehende Stellung – Übergangsstufe – in Deutschland bis heute behalten. Aus dieser Stellung erklärt sich sowohl das anderwärts nie vorkommende redliche Beamtenbewußtsein wie die sämtlichen in Deutschland kursierenden Illusionen über den Staat“ (MEW 3: 178).


Material zur Kritik des Himmels (von Simon Rubaschow)

Vertreibe Gott aus der Wolke

Vertreibe Gott aus der Wolke

(http://lirabelle.blogsport.eu/2015/03/17/material-zur-kritik-des-himmels/)

„Notwendig falsches Bewusstsein ist also über Ideologie formiert und gedeutet, Ideologien können wiederum das Material für die Form gesellschaftlichen Wahns bieten. Ideologie schlägt in Wahn um, wenn sie sich zu ihrem Bezug zur Wirklichkeit abschottet. Ein – in diesem Sinne: nur – ideologischer Nationalismus ließe sich aufklären, etwa durch die Einsicht, dass auch Deutsche miteinander konkurrieren, die Arbeitslosenquote der Deutschen nicht der Quote erwerbstätiger Ausländer_innen entspricht und durch eine Kapitalismuskritik, die den Konkurrenzzwang als inneres Funktionsprinzips eines Kapitalismus aufklärt, der blind gegenüber der Nationalität seiner Arbeitskräfte ist. Der wahnhafte Nationalismus findet – im Regelfall in der jüdischen Weltverschwörung oder einem Chiffre für sie irgendwo zwischen Bilderbergern und Finanzkapital – eine Begründung, diese Realitäten als gesteuerte abzuwehren und sich das Bild aufrechtzuerhalten, dass ein etwa deutscher Kapitalismus, der frei vom Einfluss der jüdischen Weltverschwörung, der Bilderberger oder des Finanzkapitals wäre, auch konkurrenzfrei wäre. Ideologie ist also – auch wenn es ein mühsamer Kampf gegen die Windmühlen der alltäglichen Praxis ist – aufklärbar. Wahn dagegen ist nicht mehr durch Kritik erschütterbar,5 weil Kritik innere Widersprüche der Ideologie und die Prüfung an der Realität zur Wirkung benötigt; den Wahn aber seine Widersprüchlichkeit wie seine Irrealität nicht berühren.

Eine Religionskritik, die zu leisten wäre, muss also als Ideologiekritik die konkrete Religion, etwa den Islam (und damit auch, aber nicht nur den Koran) daraufhin prüfen, welche Bedürfnisse sie anspricht und selbst mitformiert, welche Formen sie für falsches und notwendig falsches Bewusstsein bereitstellt und wie breit die Grundlagen sind, die diese für gesellschaftlichen Wahn im obigen Sinne bietet. Sie muss weiter das praktische Umschlagen von Ideologie und Wahn und die Reaktion der – in diesem Sinne: nur – ideologischen Anhänger_innen der Religion auf dieses Umschlagen in den Blick nehmen und kritisieren und sich selbst die Aufgabe stellen, präventiv auf dieses Umschlagen verhindernd einwirken zu können. Gleichzeitig muss diese Kritik das Glücksversprechen der Religion bergen und über die in ihm enthaltende Hoffnung aufklären, also auch den Charakter einer rettenden Kritik annehmen. Schließlich muss sie in Wahn umgeschlagene Ideologie als solche benennen und sich Grenzen der Kritik und damit den Beginn notwendiger Repression eingestehen.“


Bürgerwut auf den Rathausplatz!?

Mahnwache_Anti-USA

Warum auch sollte der völkisch-revanchistische Krug diesmal an einem der Mülleimer der Geschichte, jenem Provinznest Nordhausen, vorbeiwandern? Die „friedlichen Montagsmahnwachen“, die in anderen Städten bereits nicht unerhebliche Gegenwehr erfahren und von denen sich sogar weite Teile der sogenannten „Linken“ distanziert haben, bis auf einige Hardline-Stalinisten selbstverständlich, wie zum Beispiel die „Antiimperialistische Plattform“ (AiP) in Berlin, die sich neben der russischen Okkupationspolitik auch mit Assad und dem nordkoreanischen Regime solidarisiert, da die „westlichen Medien“ mit ihrer „einseitigen Berichterstattung“ die Wahrheit verbergen, beginnen nun auch in Nordhausen. In das gleiche Horn blasen nun, zumindest die „Medienkritik“ und den pathischen Antiamerikanismus und Antizionismus betreffend, auch einige zivilengagierte Nordhäuser_innen, die ihrer Bürgerwut auf dem Rathausplatz Luft machen wollen, indem sie „gegen Verdrehung der Tatsachen und gegen die Dummhaltung unserer Gesellschaft demonstrieren“ (Moritz Frisben).

Nachdem es nun der Verschwörungstheoretiker Jürgen Elsässer, einstiger „Linker“ und mit seinem Online-Forum „Mut zur Wahrheit“ zugleich Ideengeber des AfD-Mottos, auch in die Landeshauptstadt nach Erfurt geschafft hat, ist gerade noch unklar, ob einige verirrte junge Nordhauser_innen um Moritz Frisben (Facebook-Name) auch derartige Mahnwachen in der Stadt holzköpfener Rolands etablieren können. Dass Elsässer inzwischen eindeutig dem rechten Spektrum zuzuordnen ist, dürfte für politisch Interessierte seit geraumer Zeit keinen Neuheitswert besitzen. Wohl aber für die jüngst hier in Nordhausen in Erscheinung tretenden, „freipolitisch“ orientierten Querfrontler der sog. Montagsdemos, die gerade ihre ersten politischen Erfahrungen machen. Dass die Kundgebungen und Mobilisierungen für „den Frieden“ bisher ausblieben, liegt wohl eher daran, dass ihre Zielgruppe, ihr soziales Milieu und ihre Altersgenossen derzeit lieber noch die auf dem Jahrmarkt stattfindende Bespaßung dem Politischem vorziehen. Der Jahrmarkt ist, auch wenn durch Schießbuden, Autoscooter und Breakdance-Karussel quasi „spielerisch“ und hübsch im Kitsch verpackt die Vorausetzungen für den Volkssturm angelegt sind, im Vergleich zur Bürgerwutmobilisierung eher noch das kleinere Übel. Und das, obwohl diese stark reduktionistischen Erklärungsmuster für den Frieden wohl auch auf dem Jahrmarkt auf Resonanz stoßen würden. Im orthodox-marxistischem Sinne kann man von einer „Nochtrennung“ von Überbau (Ideologie) am Rathausplatz und Basis, den bespaßten Volksmassen am August-Bebel-Platz, sprechen. Aus einer ideologiekritischen Perspektive sollte wohl eher von einer glücklicherweise fehlenden Vermittlungsinstanz ausgegangen werden, die den Leidensdruck der sich auf auf dem August-Bebel-Platz tümmelnden Ausgeschlossenen nicht zu kanalisieren vermag. Was Volker Weiss in seiner Kolumne über das Milieu der „Neuen Rechten“ schreibt, trifft wohl auch hier zu: „Da die derzeitigen Heroen dieses Denkens („das der ‚intellektuellen Rechten in Deutschland‘; Anm. P3) eben keine Absolventen ihrer Kaderschmieden sind, sondern Verfallsprodukte der bürgerlichen Mitte, ist sein  (Richhardt Gebhardts; Anm. P3) Befund eindeutig: ‚Die Rechte ist gegenwärtig nicht die Avantgarde, sondern die Nachhut.‘) Es trifft insofern den Punkt, als dass die aus der bürgerlichen Mitte stammenden protestierenden pseudointellektuellen „Aufklärer“ das zu leisten vermögen, wofür „den Neonazis“  die Basis fehlt: die Akzeptanz in der Manövriermasse des Volkes.

Moritz Frisben, vermeinlicher Initiator der Nordhäuser Mahnwache, versucht zunächst alles basisdemokratisch rückzukoppeln, indem er in der von ihm erstellten Facebook-Gruppe für alle seine letzten Handlungen Facebook-Umfragen erstellt. So beispielsweise, ob er er nun eine Demo anmelden soll oder ob sich jemand zu seinem Flashmob gesellt. Es scheint, als würde er sich in seine Verschwörungs-Internet-Lektüre verrennen, ohne dabei für seine neuen Wahrheiten auf größere Resonanz außerhalb seines Freundeskreises zu stoßen. Umso unerbitterlicher versucht er durch die Verwendung von möglichst vielen Ausrufezeichen seinen Aussagen Nachdruck zu verleihen. Im einzigen, von ihm selbst verfassten kurzen inhaltlichen Aufruf auf dieser Seite, der neben effektvoll platzierten Bildern mit slogenhaften Phrasen und einigen Videoclips, u.a. vom Antisemiten Ken Jebsen und Andreas Popp, zeigen sich bereits alle ideologischen Substrate, deren Fragmente seine Verschwörungtheorie verwebt. Es ist Lokalpatriotismus und Heimatliebe zum „süßen kleinen Nordhausen“ gepaart mit Allmachtsphantasien, die die Initialzündung für die Handlungserfordernis hervorbrachten, gegen die Verdrehungen und Dummhaltung zu rebellieren und „somit auch für den allgemeinen Frieden in Deutschland, Europa und der Welt !!!!“ Was ausgerechnet Nordhausen und Deutschland dafür prädestiniert, eine Vormachtstellung im Friedensgeschäft einzunehmen, bleibt im Verborgenen. Vielleicht ist es die nicht allzu lang zurückliegenden Friedens-Neonazi-Demo unter dem Motto „Keine Panzer für Nahost! Keine Waffen für fremde Interessen“, die von antizionistischen und antiamerikanischen Schlachtrufen begleitet war und deren Initiatoren von der Aktionsgruppe Nordhausen auf dem nationalen Antikriegstag 2011 in Dortmund bereits unter dem Banner „USRAEL stoppen, Imperialismus bekämpfen“ marschierend durch die Stadt zogen. Die inhaltlichen Überschneidungen fallen Moritz Frisben und seinen Gefährten naturgemäß nicht auf, was das deutlichste Indiz für Verfangenheit in ein Wahnsystem ist. „das mit überhaupt irgendwelchen verschwörungstheorien zu verseuchen und nur sich die rechten idioten rauszusuchen […] hetzen auf friedlich leute„. Sein „Wir dürfen nicht vergessen welcher STAAT immer für KRIEG gut ist!!!!„, suggeriert par excellence, was die Neonazis auszusprechen wagen und was diese wiederum zu besseren Märtyrern macht. Alles verweist auf eine Geschichtsvergessenheit, die den Neupolitisierten – oder besser postpolitischen Querfrontlern – zu Eigen ist, deren historische Entwicklung und Kontinuität im Themenschwerpunkt der aktuellen Jungle World (z.B. hier, hier, hier und hier) abgehandelt wird. Aber auch das ist ja ein westliches, von der amerikanischen Ostküste instrumentalisiertes Medienformat zur Geißelung der Deutschen. Die getätigten Aussagen sollen jedoch keine konkrete politische Ausrichtung haben, wobei Frisbens „freipolitisch“ ledigilich auf die Verweigerung parteipolitischer Programme zielt und eben jenen Querfrontgedanken hoch hält, dem sich die deutschen Proletarier bereits spätestens Anfang der 1930er angeschlossen hatten, was auch sie im Übrigen bereits 1945 plötzlich schnell wieder vergessen hatten. Die Ineinssetzung von “ jegliche[r] Formen von Gewalt, Rassismus und Extremismus“, von denen er sich mittels eines Lippenbekenntnisses abzugrenzen versucht, zeigen seine soziale Sozialisation in „der Mitte der Gesellschaft“ in gleicher Weise an, wie seine Unerfahrenheit in politischer Intervention. Dass er bewusst oder unbewusst kein Bekenntnis gegen Antisemitismus aufzählt, lässt nur vermuten, ob er sich nicht gegen diesen noch nicht einmal in Form eines Lippenbekenntnisses zu positionieren traut, um seine potentiellen neuen AnhängerInnen – die Neu-Rechten und RechtspopulisInnen – nicht zu verprellen, oder ob er, im traurigerweise fast schon besseren Fall, keinen qualitativen Unterschied von Rassismus und Antisemitismus zu sehen vermag.

Frisben macht es seinem Idol Elsässer gleich. „Elsässer redet in Erfurt, wo das rechte fb-Anonymous-Kollektiv soeben unter Gewaltdrohungen bisherige Orgaleute rausgeworfen hat, die als irgendwie links galten. Am 26.5. ist die erste unmissverständlich rechte Wahnmache in Erfurt – und dort redet Elsässer. Tatsache. — Die Distanzierungen sind als taktische zu verstehen.“ (Jutta Ditfurth) Die Distanzierungen von rassistischem, antisemitischem, faschistischem und nationalistischem Gedankengut“, wie auch am Beispiel von Berlinkoordinator Lars Mährholz deutlich, rollen den Friedenspropheten ebenso schnell über die Lippen wie einem Tourette-Syndrom-Neurotiker seine Beleidigungen. Im Wahn der Masse endlich das offenbaren zu dürfen, was von Pollock, Adorno et al. im „Gruppenexperiment“ unter der sogenannten „nicht-öffentlichen Meinung“ verstanden wurde, zeigt in kristalliner Reinform an, wohin die Triebsublimierung moderner, spätkapitalistischer Subjekte zu tendieren vermag: in gegenaufklärerische Triebentladung am imaginierten Feind. Der so „leere Signifikat“ ist nicht derart leer, wie es in postmodernen Theorien so häufig behauptet wird, da der Antisemitismus nun mal weder als vorübergehende Erscheinung anzusehen ist, was neben den antizionistischen Hetze auf den Friedensdemos auch jüngst an den Ermordungen im Brüsseler Jüdischen Museum erkennbar wurde, noch sich in irgendeiner Weise am Verhalten „der Juden“ ausrichtet, er damit reine Projektion und zugleich, am innersubjektiven Zustand gemessen, reine Psychose ist. Die Gegenargumente nicht zu kennen, kann Moritz Frisben nicht vorgeworfen werden. Auf der Facebook-Seite verlinkte er einen Spiegel-Beitrag, der zwar sehr polemisch, jedoch inhaltlich unerwartet vernünftig ist, deren Argumente er allerdings nicht in sein Wahnsystem zu intergrieren vermag.

Am Grad des Antisemitismus ist zugleich der Verwirklichungsgrad einer emanzipativen, sozialen Revolution, die das Individuum vom Kollektivzwang befreit, ablesbar. Damit verweisen die gegenwärtigen Mahnwachen erneut darauf, dass das Fenster zur Revolution – zum Kommunismus als „wirkliche Bewegung“ -, außer es soll eine „deutschnationale“ sein, hermetisch verriegelt ist. Gefährlich wird dieser Umstand dadurch, dass gegenwärtig politisierte Menschen, wie am Beispiel von Moritz Frisben erkennbar wird, für derartige manichäische Offenbarungen besonders empfänglich sind. Der Verlust von Selbstwirksamkeitserfahrungen sowie die Erfahrung von Blassiertheit und Indifferenz dürfte jedem modernen Subjekt bekannt sein. Der Griff zur naheliegendsten Keule als Frustabbau statt zur Notbremse im bereits einmal abgestürzten Zug der Geschichte gewinnt für politisch Verirrte zunehmende Relevanz. Um erneut mit Idealtypen zu arbeiten, so ist Moritz Frisben der postmoderne Roland-Rebell, Seite an Seite auf dem Rathausplatz mit seinem holzköpfigen älteren Bruder.

Doch noch einmal zurück: Was gerade Nordhausen dafür prädestiniert, auf die Friedenswelle aufzuspringen, deren Verständnis von Pazifismus ich an anderer Stelle am Beispiel der Affinität zum Antisemitismus bereits beleuchtet hatte, ist vielleicht auch einfach ein posttraumatischer Reflex. An den Mahnwachen wird der Versuch ersichtlich, endlich von der Vergangenheit loszukommen, wenn Ken Jebsen und Konsorten immer wieder betonen, dass „Auschwitz“ mit der derzeitigen Generation nichts mehr zu tun hat, da die letzten Zeitzeugen, allesamt Opfer ihrer damaligen Verhältnisse, zum größten Teil verstorben sind. Überhaupt sei nach Jebsen der Holocaust nur eine von Juden selbst initiierte PR-Kampagne. Die Mahnung Adornos, um hier seine Reformulierung seines kategorischen Imperativs zu bemühen, nach dem „alles Denken und Handeln so einzurichten [sei], daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“, wird bestenfalls zum Anlass genommen, um die damalige deutsche, antisemitische Ideologie von „Zinsknechtschaft“ und Personifizierungen von Schuldigen, die „hinter den Verhältnissen“ stehen, von wo aus sie durch „die“ Medien die Volksmassen steuern, gedanken- wie kritiklos und „wütend“ fortführen zu können. Die Undurchsichtigkeit der kapitalistischen Verhältnisse, in denen das Geld zur Ware gehört wie der Zins zur industriellen Produktion, führt zu den selben Kurzschlüssen, die die Krisenzeiten in den 1920er und ’30er jahren begleiteten, als „die Juden“ durch die Nachrichtenkonzerne die Welt am Gängelband hielt. „Unsere Medien zeigen oft nicht was wirklich passiert! Sie zeigen nur das was unsere Regierungen bzw. Machthaber ihnen sagen. Warscheinlich werden dafür die Medienkonzerne entsprechend entlohnt! Fakt ist das der Frieden sogar jetzt auch in Europa in Gefahr ist, was an der falschen Berichterstattung der westlichen Medien liegt! Es wird eine ungeheuerliche Hetze gegen Russland betrieben!“ (Moritz Frisben)

Doch gerade jetzt ist es vielleicht nicht trotz, sondern wegen „Dora“ hier in Nordhausen an der Zeit, den Schlussstrich mit der Vergangenheit zu ziehen, auf den die Lokalpolitiker_innen mit ihren Bombardierungsgedenken seit eh und je abzielen. Es ist die Verantwortung der einstmaligen Hochburg des Totalen Krieges und der Rüstungsbastion in Nordhausen nun endlich den Frieden in die Welt zu tragen! Entlang dieser Argumentation wird die pseudo-rebellische Aktion der Friedensaktivisten nur allzu deutlich: Sie rebellieren nicht, sondern schmiegen sich opportun-konformistisch an den typisch deutschen Kurs an. Sie schreien heraus, was die offizielle Politik im Symbolischen vollzieht: Sie sind die Vorhut der Einheit aus Volksmob und Verwaltung. Der NPD-Aufforderung aus dem kommunalen Wahlkampf, die „Bürgerwut in den Kreistag“ zu wählen, geht selbige auf dem Rathausplatz voraus. Erneut halte ich es an dieser Stelle mit Wolfgang Pohrt: „Früher haben die Deutschen der Welt den Krieg erklärt, heute erklären sie ihr den Frieden.“ Wenn Deutsche „erklären“, bedeutet es nichts Gutes…

PS: Es wurde in den Zitaten mit Bedacht auf die wissenschaftlich übliche Korrektur der grammatikalischen wie orthografischen Fehler verzichtet. Zum einen, da sonst wegen der vielen (sic!)-Einschübe das Lesen und Erfassen des Inhalts deutlich erschwert worden wäre. Zum anderen, da sie der sprachliche Ausdruck jener scheinbaren Dringlich- und Unmittelbarkeit, endlich losschlagen zu dürfen, sind, die der Wut zu eigen und dem Denken fremd sind.


Die Unmittelbarkeit der Arbeit als Ursache einer entstellten Ordnung

Abgelaufene Zeit_Blog

Der Fetischcharakter der Ware und seine historisch-politischen Folgen für den Arbeitsbegriff

In der vorliegenden Abhandlung soll dem Begriff der Arbeit (und dafür zentral, dem der Produktion) nachgegangen werden. Die begleitende Frage ist dabei, wieso u.a für Postone, einem zentralen Theoretiker der „Neuen Marx-Lektüre“, die Kritik am Kapitalismus eine „Kritik der Arbeit“ sein muss und keine „Kritik vom Standpunkt der Arbeit“ sein kann. In Anlehnung an seine Marx-Interpretation wird der von Marx analysierte „Fetischcharakter der Ware“ dargestellt und dessen Bedeutung für die sog. „Bewusstseinsproduktion“ behandelt, was den Fokus der vorliegenden Hausarbeit ausmachen wird. Die sich daraus ergebenden faktisch-historischen Folgen, die aus einer positiven Bezugnahme auf Arbeit resultieren und bei denen abstrakte Herrschaft in konkrete „Verdrängung“ bis hin zu „Vernichtung“ umschlägt, werden abschließend kurz mit der Darlegung des nationalsozialistischen Arbeitsbegriffs aufgegriffen.

PDF: Zur Unmittelbarkeit der Arbeit

 


Wenn Sprachlosigkeit gefährlich wird

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Zu: http://nacktegewalt.blogsport.de/ueber/

„Die Gegenwart ist in Nachfolge des „Zeitalters der Extreme“ (Eric Hobsbawm) nicht weniger extrem geworden.“ Dass ‚the long 20th century‘, wie das darauf folgende und gegenwärtige Zeitalter bei Hobsbawm heißt, keine lange Erfolgsgeschichte darstellt, wie es gerade deutsche Neoliberale trotz der Krise bis heute behaupten, sollte offensichtlich sein. Dass die unvernünftige Rationalität, die immer wieder ihre konkreten Kehrseiten (wie Ruanda 1994 oder Nordkorea nowadays) geschichtlich produziert, mit der bis ins Unvorstellbare vorgeherrschten Rationalisierung des Wahns, der auf die konkrete, technisch und bürokratisch perfektionierte, Vernichtung des abstrakten Wertes zielenden nationalsozialistischen Ideologie zurückgeht, gleichzusetzen sei und sie als potentiell „extremer“ darzustellen, ist selbst jene im Text angesprochene „trivialisierende Rationalität“. Nur mittels dieser kann das Adorno-Zitat „Millionen Juden sind ermordet worden, und das soll ein Zwischenspiel sein und nicht die Katastrophe selbst. Worauf wartet diese Kultur eigentlich noch?“ seine enthistorisierende Wirkung entfalten und zwischen Potenz und Realität die Augen verschließen. Die bürgerliche Gesellschaft stellt wahrlich eben diesen Nährboden als Potenz für die Katastrophe dar, die zur Zeit des Ausspruchs Adornos (1944) mit ihrer Realisierung zusammenfiel. Diese konkret beschriebene Katastrophe nun allerdings als „Katastrophe in Permanenz“ zu beschreiben und dies mit apokalyptischen Overkill-Szenarien (nachdem mit dem Wegfall der Blockkonfrontation und dem Atomwaffensperrvertrag deutliche Entspannungen eintraten) gleichzusetzen, übersieht die zentralen Dimensionen der Shoah, auch wenn mit der Iranischen Atombombe sich Potenz und Realität wieder gefährlich einander nähern. Ja, „dass das Grauen nicht verging“, liegt nicht wie suggeriert an der Nicht-Veränderung der katastrophalen Gesellschaft, denn zum Glück gab es eine zu späte militärische Intervention und, wenn auch zu milde, alliierte Besatzung, sondern am allzu schnellen Vergessen; dem zu raschen Vergehen des Grauens im Bewusstsein anstelle seiner Vergegenwärtigung. Die erwähnte „absolute Ersetzbarkeit“ zeigt sich damit nicht nur, wie im Text erwähnt, innerhalb kapitalistischer Verwertungslogik am „Menschen“ selbst, zugleich eben auch in der „Sprachlosigkeit ihrer Kritik“, die dennoch Texte produziert.


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