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Lernen aus der Geschichte… der (Heim)Erziehung – Oder: Revanchismus im pädagogischen Gewand

Sogar bei der Lektüre von erziehungswissenschaftlichen Texten kommt man um das deutsche Vergangenheitsrecycling nicht herum. Im Buch „Einführung in Theorie und Praxis der Heimerziehung“ von H. Kupffer und K.-R. Martin (2000) findet sich ein erleuchtender Text zum „Ende der ‚pädagogischen‘ Gesellschaft“ (Ebd.: 27f.). Kupffer entwickelt in diesem Abschnitt eine aufschlussreiche Sichtweise darauf, warum aus den Erfahrungen des NS und denen der gespaltenen deutschen Gesellschaft (von West und Ost) nun vorbehaltslos herausgetreten werden soll. Nun braucht man sich als Deutsche_r nicht mehr, so mutet es an, genieren, endlich wieder selbstbestimmt und hegemonial aufzutreten. Er will schlicht, was alle „heute erwarte[n], daß die Deutschen erwachsen werden“ (Ebd.: 27), um „[a]uf der politischen Bühne“ wieder „als gleichberechtigte Partner […] mitzuwirken. Das fällt ihnen schwer, denn sie befinden sich nach ihrem Bewußtsein noch immer im Status der Abhängigkeit und Unselbständigkeit; also im Grunde in einem ‚pädagogischen‘ Status, der es ihnen zu gebieten scheint, daß man bei jeder Gelegenheit fragt, was man ‚darf‘, und der eigenen Entscheidungsmöglichkeit zutiefst mißtraut.“ Nun aber „ist es an der Zeit“, diesen autoritären Charakter, seinen Opportunitätsgeist und „den pädagogisch motivierten gesellschaftlichen Status im ganzen zu überwinden“, eben so, wie man eben auch eine Jacke ablegt. In diesem Zusammenhang betrifft seine Aussage nicht nur die Besatzung der Alliierten, also das aufgezwungene Korsett, sondern jegliche historische Altlast kann und sollte von nun an im Mülleimer der Geschichte verschwinden, um „sich in der geöffneten Welt zurecht[zu]finden.“ (Ebd.) Zwar erschallt überall „der Ruf nach Rekonstruktion von Identität und Zugehörigkeit, nach Schaffung eines erneuerten moralischen Grundkonsens‘, der sich auch in einer gesellschaftlichen Integration ausdrücken soll“ (Ebd.: 23) und in Deutschland spiegele der wieder neu aufflammende öffentliche „Ruf, man brauche wieder Werte und Ziele, die Sehnsucht nach der verlorenen Gesamtordnung“ (Ebd.: 27), jedoch sei dies nur Ausdruck vom „Gefühl der Hilflosigkeit“, die durch „[d]ie Vielfalt der pluralistischen Welt […] zur Verunsicherung und Orientierungslosigkeit geführt hat“ und  (Ebd.: 23) sich „durch die praktischen alltäglichen Erfahrungen mit der immer unverhüllter geäußerten Gewaltbereitschaft“ noch verstärkt. Sie droht die „Gesellschaft im ganzen zu erfassen“ (Ebd.).

Der Wunsch nach diesen Gesamtordnungen, die er zumindest in ihren bisherigen historischen Formationen zurückweist, verweist nach Kupffer auf den pädagogischen Zustand. Es scheint ihn zu wundern, dass dieser Ruf so lautstark vorgetragen wird und kaum Distanzierung erfährt, „obwohl doch das System der DDR […] gerade erst eliminiert worden ist.“ (Ebd.: 27) Noch mehr scheint ihr dies jedoch für Westdeutschland zu faszinieren: „für die Westdeutschen läßt sich dieser Wandel schwerer erfassen, denn da sie ja schon immer in einer offenen Gesellschaft lebten, wird das allenthalben noch wirksame Denken in den Kategorien des geschlossenen Systems vielfach nicht mehr oder noch nicht wahrgenommen.“ (Ebd.: 28; Hervorh. P3) Dass die Deutschen prinzipiell schon immer in einer offenen Gesellschaft lebten, macht die Amnesie nur allzu deutlich. Das Fortbestehen autoritärer und geschlossener Kategorien in den Köpfen der Deutschen, die ja eigentlich schon immer open minded waren, zeigt den idealistischen Wahn der Kulturnation auf, die sich von den barbarischen Nazis ihr Sytsem haben aufoktroyieren lassen.

Kupffer merkt zwar an, dass diese deutsche Sehnsucht wohl noch immer die „durchschnittliche Volksmeinung“ (Ebd.: 28) sei, die „sicherlich nach Reglementierung und zentraler Zielsetzung“ ruft. Ganz entgegen der sozialpädagogischen Grundmaxime, das Klientel nicht zu bevormunden, sieht der ehemalige Professor für Sozialpädagogik jedoch mal beflissentlich über über diese Grundeinstellungen der Deutschen hinweg, wenn er trotzdessen blindlings seine Forderung voranstellt. Auch in der Pädagogik, so könnte man schlussfolgern, wird versucht, sich von der Vergangenheit zu lösen, die das Bewusstsein stets von neuem verprellt und daran erinnert, dass es den Störfaktor „Auschwitz“ gab. Auschwitz kam jedoch nicht zustande, führt man die Gedanken Kupffers fort, weil die Deutschen Größenwahn, Allmachtsfantasien und grenzenlose Hegemonebestrebungen an den Tag legten, sondern weil sie sich gegen die ihnen auferlegte Herrschaft durch „die Nazis“ nicht zur Wehr setzten, was nicht erneut geschehen darf. So haben wir auch hier den Fall, dass nicht trotz, sondern wegen den Erfahrungen von Auschwitz die Deutschen nun wieder selbstbewusster auftreten sollten. Eine Antwort auf die Frage, warum die Pädagogik, also die Erziehung und Bildung, in diesem Punkt „[d]as Ende der ‚pädagogischen‘ Gesellschaft“ fordert, obwohl sie doch erkennt, dass die Bedingungen, die nach Auschwitz führten, weiter fortwesen, bleibt uns der Autor schuldig. Es liegt die Vermutung nahe, dass die Pädagogik sich hier als zwar zur irgendwie abstrakt imaginierten Gesellschaft bzw. zum Sozialen zugehörig versteht, nicht aber im funktionalen, polit-ökonomischen Sinne. Ihr blinder Humanismus, der den Menschen soweit abstrahiert, bis nix mehr von seiner realen Gestalt übrig bleibt, transferiert diese Perspektive auch auf das positiv konnotierte Soziale schlechthin. Im Verborgenen erinnert die Deutschen dabei das unsägliche Gefühl, vom Führer und seiner „Gesamtordnung“ betrogen worden zu sein, stets wie ein Stachel im Fleich an ihre eigene Unmündigkeit. Die sozialpädagogische Forderung nach dem „Ende der ‚pädagogischen‘ Gesellschaft“ verweist auf einen blinden Idealismus, gekoppelt mit einem neurotischen Handlungszwang: Es scheint fast so, als wollte Kupffer einem höchst aggressiven Kind, das in einem Heim steckt, damt helfen, ihn wie einen Erwachsenen zu begegnen und einfach vor die Tür in die „offene Welt“ zu setzen. Diesen „Freilauf“ hätte Kupffer zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung bereits im Pogrom von Rostock-Lichtenhagen beobachten können. Dass sich hier ein Wiederholungszwang bahn bricht, sehen wir heute in Heidenau.

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Zum Zusammenhang von Autoritarismus, Staatskapitalismus und Corporate Identity

„Die Arbeit als Beruf: als Plackerei, wie die Vergangenheit sie einzig kennt, wurde kaum mehr in Frage gestell. Sie wurde aus des bürgers  Zierde zur Sehnsucht der Erwerbslosen.Die großen Organisationen förderten eine Idee der Vergesellschaftung, die von der Verstaatlichung, Nationalisierung, Sozialisierung im Staatskapitalismus kaum verschieden war. Das revolutionäre Bild der Entfesselung lebte nur noch in den Verleumdungen der Konterrevolutionäre fort. Wenn überhaupt die Phantasie sich vom Boen der Tatsachen entfernte, setzte sie an die Stelle der vorhandenen staatlichen Apparatur die Bürokratien von Partei und Gewerkschaft, an Stelle des Profitprinzips die Jahrespläne der Funktionäre. Noch die Utopie war von Maßregeln ausgefüllt. Die Menschen wurden als Objekte vorgestellt, gegebenfalls als ihre eigenen.“

(Horkheimer, M. (1942): Autoritärer Staat. In: Schmid Noerr, G. (Hg.): Gesammelte Schriften. Bd. 5. Frankfurt/Main: Fischer. S. 295.)


Ein Kommentar zu Kommentatoren

Wie immer verrät die Kommentarspalte weitaus mehr über deutsche Bewusstseinszustände, um die es ganz offensichtlich nicht gut bestellt ist und die vor pathischer Projektion nur allzu sehr triefen, als der eigentliche Artikel der Thüringer Allgemeine es schafft, die öffentliche Meinung einzufangen.

An den Ergebnissen aus den 50er Jahren des Frankfurter Instituts für Sozialforschung hat sich offensichtlich nichts geändert, außer in der Aufhebung der Hemmschwelle des Hervortretens der dort diagnostizierten Phänomene. Damals noch musste die „nicht-öffentliche Meinung“ durch einen gruppendynamischen Anregungsimpuls ausgelöst werden, da die durch die Besatzung im frühen Postnazismus auferlegte „öffentliche Meinung“ und der mit ihr verbundene (und offensichtlich geschieterte) Demokratisierungsversuch des deutschen Volkskörpers seinem „Geist“ Hemmnisse auferlegte. Heute aber, wo alle Grenzen gebrochen sind, gelangt der faschistische Geist ganz offensichtlich zu sich selbst, wie den Kommentarspalten des Artikels zu entnehmen ist.

Die berechtigte Kritik an der Sparpolitik der vormaligen Landrätin Nordhausens und jetzigen Thüringer Infrastrukturministerin, Birgit Keller, die, immanent erfolgend, ein Leichtes ist zu vollziehen, führt schon im Artikel selbst zu seltsamen (Kurz-)Schlüssen, die potenziert in der Kommentarspalte erst noch zur enthemmten Entfaltung gelangen – dank der Steilvorlage im Artikel. Gemessen an den einleitenden Worten sieht man hier, wie leicht der Impuls inzwischen nur zu sein hat, der den deutschen Stein wieder ins Rollen bringt. Es wäre ziemlich leicht, das an der Kapitalakkumulation befangene und verkürzte Verständnis eben dieser bei Keller nachzuweisen. Offenbar findet hier eine produktivistische Kritik Kellers statt, die die Investitionen an ihrem unmittelbaren und kalkulierbaren Profit bemisst, wenn sie diese einzig in konstantem Kapital (Marx) zu finden scheint. Die sog. „nicht-investiven Maßnahmen“ erbringen keine unmittelbar messbaren Erfolge – kein Profit im Kreislauf der Kapitalakkumulation -, da sie lediglich das Leid lindern, das in vernachlässigten und strukturschwachen Regionen letztlich nur noch mit ordnungspolitischen Maßnahmen (z.B. zur Kriminalitätsbekämpfung) oder mit ehrenamtlich-zivilgesellschaftlichem Engagement (z.B. Die Tafel oder in Begegnungszentren) – sprich: unbezahlter Arbeit – kompensiert werden kann. Dass diese Maßnahmen „nicht förderfähig“ sind, verweist lediglich auf den Mangel an antizipiertem Ertrag. Statt jedoch zunächst genauer hinzusehen, wofür stattdessen die vorhanden Geldmittel vorgesehen sind und eingesetzt werden, werden vom deutschen Mob mit schnellen Fingern sogleich die Kommentarspalten mit rassistischen Prophezeiungen und „Halbwissen“ überflutet. Nähme man einige Analysen zur Hand, die den Neoliberalismus unter seinen konkreten sozialen Ausformungen untersuchen (Castell, Lessenich, Wacquant etc.), würde man feststellen, dass insbesondere eine Umverteilung der Mittel zugunsten ordnungspolitischer Maßnahmen stattfindet, was eine materialitische Staatskritik unter veränderten Bedingungen zur Folge haben müsste. So könnte man „den Marxismus“ gegen seine realpolitischen Apologeten verteidigen, für die Birgit Keller an dieser Stelle nur als Charaktermaske steht. Der Artikel selbst liefert die Steilvorlage, um unter dem „Wortbruch“ pauschal linke Politik zu deligitimieren. Dass linke Politik kein Allheilmittel ist, erst recht nicht ihre staatstragenden Ausformungen, ist ein alter Hut, wenn man den zutiefst nationalistisch-propagandistischen Staatskapitalismus des „Realsozialismus“ der DDR betrachtet, der jedoch affektiv ein in sein Gegenteil umschlagenden Abwehrreflex beheimatet.

In dem Artikel dient das Beispiel „Keller“ jedoch nur als Chiffre, um nationalistische und lokalpatriotische Aussagen überhaupt salonfähig zu machen, indem nämlich die bereits geleisteten sozialen Errungenschaften dieser Regierung nicht in Betracht genommen werden – so zum Beispiel der Winterabschiebestopp. Da es hier allerdings nicht um „deutsches Leid“, sondern um „die Anderen“ geht, fallen sie erst gar nicht in die Kategorie „sozialer Leistungen“. Sie bedienen eben nicht die Bedürfnislage des deutschen Volkskörpers, sondern einen transnationalen Begriff von sozialer Gerichtigkeit und Solidarität, der in Deutschland verpönt und zum Scheitern verurteilt ist, wenn man die Kommentarspalten betrachtet.

Dass der Bund einen beträchtlichen Anteil zusätzlicher Gelder für die Unterbringung von Flüchtlingen bereitstellt, dass auch Flüchtlingsunterkünfte „nicht-investive Maßnahmen“ sind, da sie keine auf Dauer angelegten Einrichtungen sind (außer Erstaufnahmestellen, die wiederum in zumeist ohnehin den Ländern gehörenden, leerstehenden Gebäudekomplexen eingerichtet werden und damit durch die dort herrschenden Lebensbedingungen ebenfalls keine große Investition darstellen; durch den Anspruch der Dezentralisierung von Flüchtlingsunterkünften wird sich zudem im Bedarfsfall in ungenutzten sozialen oder am Wohnungsmarkt erwerblichen Wohnraum eingemietet, was ebenfalls „nicht-investitativ“ ist) und erst recht keinen Profit abwerfen, interessiert den schreibwütigen deutschen Mob recht wenig. Das glänzende Halbwissen legt Menschen, die wie jeder normale Mensch nach dem besseren Leben streben, eine Schlinge um den Hals. Nach ihnen leben sie in Schmaus und Braus und „verbraten das Geld“ der „Einheimischen“. Perspektivübernahme und Empathiefähigkeit, die in Deutschland ohnehin eine Mangelware ist und, wenn einmal vorhanden, an der Augenfarbe halt macht, bedarf zunächst offener Augen und Ohren und ein Mindestmaß an Interesse. Scheinbar reicht den Kommentatoren bereits die manifeste Vorstellung des imaginierten Feindes hinter ihren verschlossenen Augen, um losschlagen zu können.

Deutschland halt’s Maul!


Staatliche Selbstreferentialität

„Lass dich abschlachten, und wir versprechen dir ein langes, angenehmes Leben. Die Lebensversicherung ist an ein Todeskommando gekoppelt.“

(Foucault, M. (2010): Kritik des Regierens. Schriften zur Politik. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 48.)

 

„Da der Staat sein eigener Zweck ist, und da die Regierungen es sich zu ihrem ausschließlichen Ziel setzen müssen, die Stärke des Staates nicht nur zu bewahren, sondern beständig zu erhöhen, liegt es auf der Hand, dass die Regierungen sich nicht um Individuen zu kümmern haben – oder allenfalls in dem Maße, wie dies zur Stärkung des Staaes beiträgt: was sie tun, ihr Leben, ihren Tod, ihre Tätigkeit, ihr individuelles Verhalten, ihre Arbeit und so weiter. Doch in diesem Kalkül gibt es eine Art politischer Grenznutzentheorie, denn worum es hier geht, ist einzig der politische Nutzen. In der Sicht des Staates ist der Einzelne nur insofern von Belang, als das, was er tut, eine noch so geringe Veränderung in der Stärke des Staates herbeizuführen vermag, entweder positiv oder negativ. Nur so weit das Individuum in der Lage ist, eine derartige Veränderung zu bewirken, hat der Staat mit ihm zu tun – manchmal muss der Einzelne für den Staat leben, arbeiten, produzieren, konsumieren, und manchmal muss er für ihn sterben.“

(Ebd. S. 52f.)


Die Arme(n) der Hamas…

SUEDDEUTSCHE

…und die Handreichung der Süddeutschen

Einmal mehr zeigt die Süddeutsche Zeitung bereits auf ihrer Titelseite, dass man sich den Kauf dieses Blattes schenken sollte. Sowohl Titel („Israel tötet Hamas-Kommandeure“) als, und insbesondere, auch der Untertitel („Die Luftangriffe sollen den Kampfeswillen der Islamisten brechen. Bei den Bombardements sterben auch Zivilisten“) lassen den Kurs sowie die Publikumsgerichtetheit deutlich plakativ erkennen. Während zwar zunächst das Wort „Luftangriffe“ noch die neutralste Form darstellt, werden im Nachschuss gleich noch die „Bombardements“, bei denen auch „Zivilisten“ starben, hinterhergeschoben. Deutsche Wiedererkennungssymbolik soweit das Auge reicht. Dass die möglichst gezielten Angriffe der Israelischen Luftwaffe nichts mit den durch deutsche Erinnerungsdynamiken in Erscheinung tretenden Flächenbombardements zu tun haben, sie diese jedoch affektiv auszulösen drohen, scheint die Redaktion, die letztlich für die Titelgebung verantwortlich ist, wenig zu stören.

Mit der richtigen Aussage und, für die israelische Gesellschaft wie die menschliche Zivilisation insgesamt, wichtigen Tatsache beginnend, dass die „israelische Armee (…) bei einem Luftangriff im Gazastreifen drei hohe Kommandeure des militärischen Arms der radikalislamischen Hamas getötet“ habe, wird bereits eine idiosynkratische Trennung aufgemacht, die beachtlich ist. Nicht die Hamas als gesamte Organisation, die auf allen politischen Ebenen als Organisation von eliminatorischem Antisemitismus, Homophobie, tiefstsitzendem Sexismus und antimodernistischer Intoleranz insgesamt durchsetzt ist, also ihr insgesamter „Radikalislamismus“, sondern nur der „militärische Arm“ wird zum Komplott. Als sei dieser Arm etwas, das vom „eigentlichen“ Organisationsprinzip abtrennbar wäre und als ob die Hamas ohne diesen rechten operativen Arm noch ihren ehernen politischen und zivilgesellschaftlichen Zielen mit dem linken administrativen Arm nachkommen könnte. Wenn sie ihren militärischen Arm verliert, dann hat sie keine mehr. Die fast ausschließliche Ausgabe ihrer finanziellen Mittel für Kriegsgeräte, insbesondere seit dem ihnen die Unterstützerländer zum Großteil wegbrachen, zeigt das nur allzu deutlich.

Im nächsten Schritt verzerrt Paul-Anton Krüger, der Autor des Artikels, die Realität mittels seiner sprachlichen Darstellung, indem er vorgibt, dass erst jetzt („zielt nun“) der „Versuch, die militärischen Fähigkeiten der Organisation zu schwächen und ihren Kampfeswillen zu brechen“, auf die richtige Art seitens Israels unternommen wird. Als sei es nicht völlig klar, dass zuerst die unmittelbare Gefahr durch die aktiven, Raketen von Wohnhausdächern abfeuernden Quassam-Brigadisten an der Basis, die täglich eine mindestens zweistellige Anzahl an Raketen auf Zivilisten in Israel landen sehen wollen, oder durch die Waffenlieferungen über das Tunnelnetz auszuschalten ist. Dass die offensichtlich erkennbaren, weil Raketen abschießenden und sich daher schlechter verstecken könnenden Schergen das erste und die sich im Hintergrund haltenden Administratoren „erst nun“ zum Hauptobjekt werden, scheint für Krüger zutiefst unverständlich.

Die „neue“ Herangehensweise suggeriert, dass es Israel erst jetzt darum geht, die wirklichen Aggressoren ausfindig zu machen und alles bisherige, die Bodenoffensive zur Zerstörung der Waffenzulieferungstunnel und militärische Schwächung der Hamas durch die Zerstörung von Waffenarsenalen und Dschihadisten nur ein Politikum waren – ein Vorwand, um „die Palastinänser“ zu schädigen. Es wird der Verdacht geschürt, es ginge Israel gar nicht um die Hamas, sondern rein um Macht und Vorherrschaft. Außerdem, so die implizite Annahme, würden die vorhandenen Waffen nicht benutzt, wenn nur die derzeitig (militärische) Führungsebene der Terrororganisation von Anfang an ausgeschaltet worden wär. Die neusten Umfragen zur Anhängerschaft oder Sympathie für die Hamas in Gaza lassen eher darauf schließen, dass hinter den 20 führenden Köpfen bereits 2000 neue warten, die im Falle eines Ausfalls ihr Amt besetzen würden.

Aber erst mit der gezielten militärischen Operation, die die drei Kommandeure treffsicher ohne weitere Opfer ausschaltete, eskalierte der Konflikt „erneut“. Die positive Aussage, dass keine Unschuldigen dabei ums Leben kamen, wird von Krüger in ihr Gegenteil verkehrt, indem einmal mehr die Unverhältnismäßigkeit Israels in den Vordergrund geschoben wird: „Bereits am Tag zuvor hatte die Armee versucht, den Militärchef der Hamas, Mohammed Deif, zu töten. Allerdings zeigten die Luftangriffe einmal mehr, dass Bombardements im dicht besiedelten Gazastreifen fast immer auch unschuldige Zivilisten getötet werden.“ Müsste die geglückte Aktion gegen die drei Kommandeure als Beweis gesehen werden, dass gezielte Luftangriffe höchst funktional sind (ohne eigene Verluste leitende Terroristen ausschalten), solange nicht seitens der Hamas massiv gegen Kriegs- und Völkerrecht verstoßen wird, sich nämlich in zivilen Teilen der Stadt zu verschanzen, wird sie „zur sehr umstrittene(n) Politik der gezielten Tötung“ verklärt. Niemand, der bei Verstand ist, würde auf die Idee gekommen, die gezielte Tötung von Diktatoren und Massenmördern zu kritisieren. Für Israel als „Jude unter den Staaten“ scheint diese Norm nicht zu gelten.

Dass sich Mohammed Deif hinter palästinänsischen „Zivilisten“ versteckt, gilt also nicht als bedenkenswert. (Mit dem Begriff „Zivilisten“ muss in Gaza ohnehin mehr vorsichtig umgehen, da m.E. weder zivil gekleidete Hamas-Kämpfer noch Menschen, die dem märtyrerhaften Aufruf folgen, selbst als menschliche Schutzschilde herzuhalten und sich auf die Dächer von als Luftangriffsobjekt bekannte Häuser zu begeben, anstatt schnellstmöglich das Weite zu suchen, als Zivilisten bezeichnet werden können.) Wohl aber, dass Israel sich gegen die u.a. von ihm ausgehende Bedrohung wehrt.

Es geht Krüger jedoch gar nicht um die Bedrohung Israels. Das wird offensichtlich, wenn man den evidenten Anachronismus von realer historischer Abfolge und im Artikel erzählter Priorisierung der Ereignisse in den Blick nimmt: Sein durch die palästinensische Brille betrachtetes Narrativ beginnt mit den „Bombardements“ und endet mit dem bagatellisierenden und lapidaren Satz: „In Israel gingen erneut Raketen und Mörsergranaten nieder; ein Mensch wurde von Granatensplittern schwer verletzt.“ Diesem Satz folgten die martialisch anmutenden „mehr als 150 Angriffe[n] der israelischen Armee auf den Gazastreifen […] seit dem Bruch der Waffenruhe“, der „bis Donnerstagabend 54 Menschen getötet“ habe, so dass die Opferzahl auf 2075 stieg. Kein Wort davon, welche Seite die Waffenruhe brach. Verwirrend platziert zwischen dem aggressiven Aktionen Israels und kurz nach der Ankündigung, dass Israel „10 000 Reservisten wieder einzuziehen“ vorhat, kann diese Beschreibung nicht mal mit bestem Willen noch als Fauxpas gesehen werden. Es ist Antizionismus par excellence. Dass Krüger seinen Antizionismus für seine Verhältnisse bestmöglich zu verschleiern trachtet, da er zu plakativ – natürlich zu Unrecht – den Antisemitismusvorwurf provoziert, versucht er wichtige Informationen in unbeachtsamer Weise unterzuschieben. Eskalierte der Konflikt nach ihm mit den Angriffen Israels auf die Hamas-Führer, so muss man schon sehr genau lesen und rekonstruieren, dass die auf Israel abgeschossenen „mindestens 55 Raketen“ den Luftangriffen vorausgingen. Dieser kurze unbedeutende Satz, der irgendwo zwischendurch fällt, sitzt fest umschlossen vom Angriff der israelischen Armee auf 41 Ziele im Gazastreifen, dem vorausgehenden Satz, und dem Satz danach: „Nach palästinensischen Angaben hatte der Angriff die Menschen im Schlaf überrascht.“ Also haben, so Krüger, die 55 auf Israel von „militanten Palästinensern“ abgeschossenen Raketen etwa die Palästinenser sogar selbst überrascht? Zwar wäre eine solch kritische Haltung der Bevölkerung gegenüber der Hamas-Regierung wünschenswert, aber selbst wenn es so wäre, istr dies nicht die von Krüger intendierte Aussage.

Krüger scheint wirr im Kopf, aber so genau liest man in einem Land, wo ohnehin jede_r weiß, wer Aggressor und wer Schuldiger ist, ohnehin niemand. Erst recht nicht die Redaktion der Süddeutschen, die dafür sogar noch einen Platz auf der Titelseite reserviert. Bestätigt werden müssen nur die Vorannahmen. Der Artikel in der heutigen Süddeutschen zeigt einmal mehr, dass „objektive Berichterstattung'“ in Deutschland weniger der rationalen Erfassung des Gegenstandes als vielmehr der Balsamierung der deutschen Seele dient.


Bürgerwut auf den Rathausplatz!?

Mahnwache_Anti-USA

Warum auch sollte der völkisch-revanchistische Krug diesmal an einem der Mülleimer der Geschichte, jenem Provinznest Nordhausen, vorbeiwandern? Die „friedlichen Montagsmahnwachen“, die in anderen Städten bereits nicht unerhebliche Gegenwehr erfahren und von denen sich sogar weite Teile der sogenannten „Linken“ distanziert haben, bis auf einige Hardline-Stalinisten selbstverständlich, wie zum Beispiel die „Antiimperialistische Plattform“ (AiP) in Berlin, die sich neben der russischen Okkupationspolitik auch mit Assad und dem nordkoreanischen Regime solidarisiert, da die „westlichen Medien“ mit ihrer „einseitigen Berichterstattung“ die Wahrheit verbergen, beginnen nun auch in Nordhausen. In das gleiche Horn blasen nun, zumindest die „Medienkritik“ und den pathischen Antiamerikanismus und Antizionismus betreffend, auch einige zivilengagierte Nordhäuser_innen, die ihrer Bürgerwut auf dem Rathausplatz Luft machen wollen, indem sie „gegen Verdrehung der Tatsachen und gegen die Dummhaltung unserer Gesellschaft demonstrieren“ (Moritz Frisben).

Nachdem es nun der Verschwörungstheoretiker Jürgen Elsässer, einstiger „Linker“ und mit seinem Online-Forum „Mut zur Wahrheit“ zugleich Ideengeber des AfD-Mottos, auch in die Landeshauptstadt nach Erfurt geschafft hat, ist gerade noch unklar, ob einige verirrte junge Nordhauser_innen um Moritz Frisben (Facebook-Name) auch derartige Mahnwachen in der Stadt holzköpfener Rolands etablieren können. Dass Elsässer inzwischen eindeutig dem rechten Spektrum zuzuordnen ist, dürfte für politisch Interessierte seit geraumer Zeit keinen Neuheitswert besitzen. Wohl aber für die jüngst hier in Nordhausen in Erscheinung tretenden, „freipolitisch“ orientierten Querfrontler der sog. Montagsdemos, die gerade ihre ersten politischen Erfahrungen machen. Dass die Kundgebungen und Mobilisierungen für „den Frieden“ bisher ausblieben, liegt wohl eher daran, dass ihre Zielgruppe, ihr soziales Milieu und ihre Altersgenossen derzeit lieber noch die auf dem Jahrmarkt stattfindende Bespaßung dem Politischem vorziehen. Der Jahrmarkt ist, auch wenn durch Schießbuden, Autoscooter und Breakdance-Karussel quasi „spielerisch“ und hübsch im Kitsch verpackt die Vorausetzungen für den Volkssturm angelegt sind, im Vergleich zur Bürgerwutmobilisierung eher noch das kleinere Übel. Und das, obwohl diese stark reduktionistischen Erklärungsmuster für den Frieden wohl auch auf dem Jahrmarkt auf Resonanz stoßen würden. Im orthodox-marxistischem Sinne kann man von einer „Nochtrennung“ von Überbau (Ideologie) am Rathausplatz und Basis, den bespaßten Volksmassen am August-Bebel-Platz, sprechen. Aus einer ideologiekritischen Perspektive sollte wohl eher von einer glücklicherweise fehlenden Vermittlungsinstanz ausgegangen werden, die den Leidensdruck der sich auf auf dem August-Bebel-Platz tümmelnden Ausgeschlossenen nicht zu kanalisieren vermag. Was Volker Weiss in seiner Kolumne über das Milieu der „Neuen Rechten“ schreibt, trifft wohl auch hier zu: „Da die derzeitigen Heroen dieses Denkens („das der ‚intellektuellen Rechten in Deutschland‘; Anm. P3) eben keine Absolventen ihrer Kaderschmieden sind, sondern Verfallsprodukte der bürgerlichen Mitte, ist sein  (Richhardt Gebhardts; Anm. P3) Befund eindeutig: ‚Die Rechte ist gegenwärtig nicht die Avantgarde, sondern die Nachhut.‘) Es trifft insofern den Punkt, als dass die aus der bürgerlichen Mitte stammenden protestierenden pseudointellektuellen „Aufklärer“ das zu leisten vermögen, wofür „den Neonazis“  die Basis fehlt: die Akzeptanz in der Manövriermasse des Volkes.

Moritz Frisben, vermeinlicher Initiator der Nordhäuser Mahnwache, versucht zunächst alles basisdemokratisch rückzukoppeln, indem er in der von ihm erstellten Facebook-Gruppe für alle seine letzten Handlungen Facebook-Umfragen erstellt. So beispielsweise, ob er er nun eine Demo anmelden soll oder ob sich jemand zu seinem Flashmob gesellt. Es scheint, als würde er sich in seine Verschwörungs-Internet-Lektüre verrennen, ohne dabei für seine neuen Wahrheiten auf größere Resonanz außerhalb seines Freundeskreises zu stoßen. Umso unerbitterlicher versucht er durch die Verwendung von möglichst vielen Ausrufezeichen seinen Aussagen Nachdruck zu verleihen. Im einzigen, von ihm selbst verfassten kurzen inhaltlichen Aufruf auf dieser Seite, der neben effektvoll platzierten Bildern mit slogenhaften Phrasen und einigen Videoclips, u.a. vom Antisemiten Ken Jebsen und Andreas Popp, zeigen sich bereits alle ideologischen Substrate, deren Fragmente seine Verschwörungtheorie verwebt. Es ist Lokalpatriotismus und Heimatliebe zum „süßen kleinen Nordhausen“ gepaart mit Allmachtsphantasien, die die Initialzündung für die Handlungserfordernis hervorbrachten, gegen die Verdrehungen und Dummhaltung zu rebellieren und „somit auch für den allgemeinen Frieden in Deutschland, Europa und der Welt !!!!“ Was ausgerechnet Nordhausen und Deutschland dafür prädestiniert, eine Vormachtstellung im Friedensgeschäft einzunehmen, bleibt im Verborgenen. Vielleicht ist es die nicht allzu lang zurückliegenden Friedens-Neonazi-Demo unter dem Motto „Keine Panzer für Nahost! Keine Waffen für fremde Interessen“, die von antizionistischen und antiamerikanischen Schlachtrufen begleitet war und deren Initiatoren von der Aktionsgruppe Nordhausen auf dem nationalen Antikriegstag 2011 in Dortmund bereits unter dem Banner „USRAEL stoppen, Imperialismus bekämpfen“ marschierend durch die Stadt zogen. Die inhaltlichen Überschneidungen fallen Moritz Frisben und seinen Gefährten naturgemäß nicht auf, was das deutlichste Indiz für Verfangenheit in ein Wahnsystem ist. „das mit überhaupt irgendwelchen verschwörungstheorien zu verseuchen und nur sich die rechten idioten rauszusuchen […] hetzen auf friedlich leute„. Sein „Wir dürfen nicht vergessen welcher STAAT immer für KRIEG gut ist!!!!„, suggeriert par excellence, was die Neonazis auszusprechen wagen und was diese wiederum zu besseren Märtyrern macht. Alles verweist auf eine Geschichtsvergessenheit, die den Neupolitisierten – oder besser postpolitischen Querfrontlern – zu Eigen ist, deren historische Entwicklung und Kontinuität im Themenschwerpunkt der aktuellen Jungle World (z.B. hier, hier, hier und hier) abgehandelt wird. Aber auch das ist ja ein westliches, von der amerikanischen Ostküste instrumentalisiertes Medienformat zur Geißelung der Deutschen. Die getätigten Aussagen sollen jedoch keine konkrete politische Ausrichtung haben, wobei Frisbens „freipolitisch“ ledigilich auf die Verweigerung parteipolitischer Programme zielt und eben jenen Querfrontgedanken hoch hält, dem sich die deutschen Proletarier bereits spätestens Anfang der 1930er angeschlossen hatten, was auch sie im Übrigen bereits 1945 plötzlich schnell wieder vergessen hatten. Die Ineinssetzung von “ jegliche[r] Formen von Gewalt, Rassismus und Extremismus“, von denen er sich mittels eines Lippenbekenntnisses abzugrenzen versucht, zeigen seine soziale Sozialisation in „der Mitte der Gesellschaft“ in gleicher Weise an, wie seine Unerfahrenheit in politischer Intervention. Dass er bewusst oder unbewusst kein Bekenntnis gegen Antisemitismus aufzählt, lässt nur vermuten, ob er sich nicht gegen diesen noch nicht einmal in Form eines Lippenbekenntnisses zu positionieren traut, um seine potentiellen neuen AnhängerInnen – die Neu-Rechten und RechtspopulisInnen – nicht zu verprellen, oder ob er, im traurigerweise fast schon besseren Fall, keinen qualitativen Unterschied von Rassismus und Antisemitismus zu sehen vermag.

Frisben macht es seinem Idol Elsässer gleich. „Elsässer redet in Erfurt, wo das rechte fb-Anonymous-Kollektiv soeben unter Gewaltdrohungen bisherige Orgaleute rausgeworfen hat, die als irgendwie links galten. Am 26.5. ist die erste unmissverständlich rechte Wahnmache in Erfurt – und dort redet Elsässer. Tatsache. — Die Distanzierungen sind als taktische zu verstehen.“ (Jutta Ditfurth) Die Distanzierungen von rassistischem, antisemitischem, faschistischem und nationalistischem Gedankengut“, wie auch am Beispiel von Berlinkoordinator Lars Mährholz deutlich, rollen den Friedenspropheten ebenso schnell über die Lippen wie einem Tourette-Syndrom-Neurotiker seine Beleidigungen. Im Wahn der Masse endlich das offenbaren zu dürfen, was von Pollock, Adorno et al. im „Gruppenexperiment“ unter der sogenannten „nicht-öffentlichen Meinung“ verstanden wurde, zeigt in kristalliner Reinform an, wohin die Triebsublimierung moderner, spätkapitalistischer Subjekte zu tendieren vermag: in gegenaufklärerische Triebentladung am imaginierten Feind. Der so „leere Signifikat“ ist nicht derart leer, wie es in postmodernen Theorien so häufig behauptet wird, da der Antisemitismus nun mal weder als vorübergehende Erscheinung anzusehen ist, was neben den antizionistischen Hetze auf den Friedensdemos auch jüngst an den Ermordungen im Brüsseler Jüdischen Museum erkennbar wurde, noch sich in irgendeiner Weise am Verhalten „der Juden“ ausrichtet, er damit reine Projektion und zugleich, am innersubjektiven Zustand gemessen, reine Psychose ist. Die Gegenargumente nicht zu kennen, kann Moritz Frisben nicht vorgeworfen werden. Auf der Facebook-Seite verlinkte er einen Spiegel-Beitrag, der zwar sehr polemisch, jedoch inhaltlich unerwartet vernünftig ist, deren Argumente er allerdings nicht in sein Wahnsystem zu intergrieren vermag.

Am Grad des Antisemitismus ist zugleich der Verwirklichungsgrad einer emanzipativen, sozialen Revolution, die das Individuum vom Kollektivzwang befreit, ablesbar. Damit verweisen die gegenwärtigen Mahnwachen erneut darauf, dass das Fenster zur Revolution – zum Kommunismus als „wirkliche Bewegung“ -, außer es soll eine „deutschnationale“ sein, hermetisch verriegelt ist. Gefährlich wird dieser Umstand dadurch, dass gegenwärtig politisierte Menschen, wie am Beispiel von Moritz Frisben erkennbar wird, für derartige manichäische Offenbarungen besonders empfänglich sind. Der Verlust von Selbstwirksamkeitserfahrungen sowie die Erfahrung von Blassiertheit und Indifferenz dürfte jedem modernen Subjekt bekannt sein. Der Griff zur naheliegendsten Keule als Frustabbau statt zur Notbremse im bereits einmal abgestürzten Zug der Geschichte gewinnt für politisch Verirrte zunehmende Relevanz. Um erneut mit Idealtypen zu arbeiten, so ist Moritz Frisben der postmoderne Roland-Rebell, Seite an Seite auf dem Rathausplatz mit seinem holzköpfigen älteren Bruder.

Doch noch einmal zurück: Was gerade Nordhausen dafür prädestiniert, auf die Friedenswelle aufzuspringen, deren Verständnis von Pazifismus ich an anderer Stelle am Beispiel der Affinität zum Antisemitismus bereits beleuchtet hatte, ist vielleicht auch einfach ein posttraumatischer Reflex. An den Mahnwachen wird der Versuch ersichtlich, endlich von der Vergangenheit loszukommen, wenn Ken Jebsen und Konsorten immer wieder betonen, dass „Auschwitz“ mit der derzeitigen Generation nichts mehr zu tun hat, da die letzten Zeitzeugen, allesamt Opfer ihrer damaligen Verhältnisse, zum größten Teil verstorben sind. Überhaupt sei nach Jebsen der Holocaust nur eine von Juden selbst initiierte PR-Kampagne. Die Mahnung Adornos, um hier seine Reformulierung seines kategorischen Imperativs zu bemühen, nach dem „alles Denken und Handeln so einzurichten [sei], daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“, wird bestenfalls zum Anlass genommen, um die damalige deutsche, antisemitische Ideologie von „Zinsknechtschaft“ und Personifizierungen von Schuldigen, die „hinter den Verhältnissen“ stehen, von wo aus sie durch „die“ Medien die Volksmassen steuern, gedanken- wie kritiklos und „wütend“ fortführen zu können. Die Undurchsichtigkeit der kapitalistischen Verhältnisse, in denen das Geld zur Ware gehört wie der Zins zur industriellen Produktion, führt zu den selben Kurzschlüssen, die die Krisenzeiten in den 1920er und ’30er jahren begleiteten, als „die Juden“ durch die Nachrichtenkonzerne die Welt am Gängelband hielt. „Unsere Medien zeigen oft nicht was wirklich passiert! Sie zeigen nur das was unsere Regierungen bzw. Machthaber ihnen sagen. Warscheinlich werden dafür die Medienkonzerne entsprechend entlohnt! Fakt ist das der Frieden sogar jetzt auch in Europa in Gefahr ist, was an der falschen Berichterstattung der westlichen Medien liegt! Es wird eine ungeheuerliche Hetze gegen Russland betrieben!“ (Moritz Frisben)

Doch gerade jetzt ist es vielleicht nicht trotz, sondern wegen „Dora“ hier in Nordhausen an der Zeit, den Schlussstrich mit der Vergangenheit zu ziehen, auf den die Lokalpolitiker_innen mit ihren Bombardierungsgedenken seit eh und je abzielen. Es ist die Verantwortung der einstmaligen Hochburg des Totalen Krieges und der Rüstungsbastion in Nordhausen nun endlich den Frieden in die Welt zu tragen! Entlang dieser Argumentation wird die pseudo-rebellische Aktion der Friedensaktivisten nur allzu deutlich: Sie rebellieren nicht, sondern schmiegen sich opportun-konformistisch an den typisch deutschen Kurs an. Sie schreien heraus, was die offizielle Politik im Symbolischen vollzieht: Sie sind die Vorhut der Einheit aus Volksmob und Verwaltung. Der NPD-Aufforderung aus dem kommunalen Wahlkampf, die „Bürgerwut in den Kreistag“ zu wählen, geht selbige auf dem Rathausplatz voraus. Erneut halte ich es an dieser Stelle mit Wolfgang Pohrt: „Früher haben die Deutschen der Welt den Krieg erklärt, heute erklären sie ihr den Frieden.“ Wenn Deutsche „erklären“, bedeutet es nichts Gutes…

PS: Es wurde in den Zitaten mit Bedacht auf die wissenschaftlich übliche Korrektur der grammatikalischen wie orthografischen Fehler verzichtet. Zum einen, da sonst wegen der vielen (sic!)-Einschübe das Lesen und Erfassen des Inhalts deutlich erschwert worden wäre. Zum anderen, da sie der sprachliche Ausdruck jener scheinbaren Dringlich- und Unmittelbarkeit, endlich losschlagen zu dürfen, sind, die der Wut zu eigen und dem Denken fremd sind.


Die Unmittelbarkeit der Arbeit als Ursache einer entstellten Ordnung

Abgelaufene Zeit_Blog

Der Fetischcharakter der Ware und seine historisch-politischen Folgen für den Arbeitsbegriff

In der vorliegenden Abhandlung soll dem Begriff der Arbeit (und dafür zentral, dem der Produktion) nachgegangen werden. Die begleitende Frage ist dabei, wieso u.a für Postone, einem zentralen Theoretiker der „Neuen Marx-Lektüre“, die Kritik am Kapitalismus eine „Kritik der Arbeit“ sein muss und keine „Kritik vom Standpunkt der Arbeit“ sein kann. In Anlehnung an seine Marx-Interpretation wird der von Marx analysierte „Fetischcharakter der Ware“ dargestellt und dessen Bedeutung für die sog. „Bewusstseinsproduktion“ behandelt, was den Fokus der vorliegenden Hausarbeit ausmachen wird. Die sich daraus ergebenden faktisch-historischen Folgen, die aus einer positiven Bezugnahme auf Arbeit resultieren und bei denen abstrakte Herrschaft in konkrete „Verdrängung“ bis hin zu „Vernichtung“ umschlägt, werden abschließend kurz mit der Darlegung des nationalsozialistischen Arbeitsbegriffs aufgegriffen.

PDF: Zur Unmittelbarkeit der Arbeit

 


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