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Die Hölle des Gedenkens

(http://jungle-world.com/artikel/2015/17/51830.html)

Im thüringischen Nordhausen hat die Öffentlichkeit der Bombardierung der Stadt vor 70 Jahren gedacht. Das Gedenken daran und an die Befreiung des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora, das am Stadtrand liegt, hat eine ganz eigene Note.

Schweigeminuten, Gedenkreden, Zeitzeugenberichte, Schülerrundgänge, die Erschaffung eines »gemeinsamen Kunstwerkes«, die Eröffnung einer Sonderausstellung zur »Zerstörung der Stadt Nordhausen«, vom »ehrenhaften Gedenken« ungefähr 40 militant auftretender Neonazis ganz zu schweigen – zum 70. Jahrestag der Bombardierung der thüringischen Stadt Anfang April kulminierten die spektakulären und volksfestlichen Züge der örtlichen Gedenkkultur. Deren innere Widersprüche traten dabei deutlich zutage.

Zur Eröffnung der Sonderausstellung im stadthistorischen Museum »Flohburg« erläuterte die Museumsmitarbeiterin Cornelia Wulf: »Nicht Fakten, sondern Erinnerungen stehen im Mittelpunkt unserer Ausstellung.« Solche Aussagen kommen dem Bedürfnis der Nordhäuser Bürger sehr entgegen, sich selbst und den eigenen Wohnort nachträglich zum Opfer zu erklären – obwohl die historische Faktenlage das eigentlich nicht zulässt. Am Stadtrand von Nordhausen liegt das ehemalige Konzentrationslager Mittelbau-Dora, das am 11. April, also kurz nach der Bombardierung, befreit wurde. Die Zivilbevölkerung der Stadt war auf vielfältige Weise am Geschehen in dem Lagerkomplex beteiligt und unterstützte die Todesmärsche teilweise mit gezieltem Einsatz. Die historische Bedeutung der Region, die spätestens mit der Errichtung des Lagerkomplexes zum Ballungszentrum der Rüstungsindustrie in der geographischen Mitte Deutschlands ausgebaut wurde, wird im Gedenkzirkus gänzlich außer Acht gelassen. Verschwiegen wird auch, dass die Stadt Nordhausen sich im Zuge des wahnhaften »totalen Krieges« und der einhergehenden Aufrüstung der Heimatfront zur »Festung« ausrief und der »Volkssturm« noch Anfang April zur Verteidigung gegen die herannahenden Truppen der US-Armee an verschiedenen Stellen in der Stadt Gräben aushob.

Das zwanghafte Verdrängen der KZ-Geschichte geht mit der Dekontextualisierung und Dramatisierung des Bombardements einher. Die Stadtoberen erwähnen die im Konzentrationslager Ermordeten meist nur, wenn es um die Luftangriffe geht. Die versehentliche Bombardierung der »Boelcke-Kaserne«, jenes in der Endphase des Krieges als Sterbelager eingerichteten Außenlagers des KZ Mittelbau, wird weiterhin in revanchistischer und relativierender Manier den Alliierten als Kriegsschuld angelastet. Der Historiker Jens-Christian Wagner bezeichnet die »Boelcke-Kaserne« als »Mikrokosmos des nationalsozialistischen Lagersystems«. Sie wurde von deutscher Seite nicht mit einem roten Kreuz markiert, wie der Historiker Martin Clemens Winter herausgearbeitet hat, und konnte so erst zum Angriffsziel der Royal Air Force werden. Doch die Forschung von Historikern findet in Nordhausen ohnehin wenig Beachtung. »Noch mehr Bomben fielen am 4. April 1945 von 9.08 bis 9.24 Uhr auf die Stadt und die Boelcke-Kaserne«, schreibt das Online-Portal »Mein Anzeiger«, die »Bürger-Community für Nordhausen«. »Neben den mehr als 3 800 Sprengbomben wurden Brand- und Phosphorbomben sowie Phosphorbehälter abgeworfen.« Der Einsatz von Phosphorbomben in großer Zahl bei Angriffen auf deutsche Städte wurde von Historikern längst widerlegt. Dennoch wird in Nordhausen beharrlich an der Dramatisierung festgehalten, Phosphor klingt eben schön schrecklich.

Der von ehemaligen Häftlingen geprägte Begriff der »Hölle von Dora«, der die mörderischen Bedingungen des Lagerlebens, des Stollenvortriebs und des Produktionsstättenausbaus versinnbildlicht, hat offenbar die Redaktion der Thüringer Allgemeinen inspiriert. In ihrem Artikel »Die Hölle von Nordhausen« wird die Bombardierung akribisch nachgezeichnet. Selbstverständlich beginnt die »Hölle von Nordhausen« erst mit dem Flugstart der britischen Bomber am 3. April 1945 um 13 Uhr. In ähnlicher Weise ging die Stadtverwaltung vor. Anlässlich des Gedenkens an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen hatte die Gedenkstätte Mittelbau-Dora in einer Nordhäuser Kirche eine Aufführung des »Requiems für einen polnischen Jungen« geplant, ein Werk des Heidelberger Komponisten Dietrich Lohff, das auf acht Gedichten von Opfern des Nationalsozialismus basiert. Die Stadtverwaltung fügte in einer Ankündigung der Angabe »anlässlich der Befreiung des KZ Mittelbau-Dora« die Ergänzung »und des 70. Jahrestags der Zerstörung Nordhausens« hinzu.

Ähnliches Fingerspitzengefühl zeigt auch Oberbürgermeister Klaus Zeh (CDU), wenn es um die Opfer des Nationalsozialismus und ihre Nachkommen geht. Bereits während des Gedenkens zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht verwendete er unbedacht in Anwesenheit des damaligen Rabbiners der Jüdischen Landesgemeinde, Konstatin Pal, den euphemistischen Begriff »Reichskristallnacht«. Er wird zudem in Ansprachen zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus nicht müde, auch das Leid der Nordhäuser Stadtbevölkerung während der Bombardierung zu erwähnen. Kürzlich nutzte Zeh sogar in Anwesenheit ehemaliger Häftlinge des Konzentrationslagers gleich zwei Mal die Gelegenheit, die Bombardierung als »ebenfalls erlebten Schrecken« der Nordhäuser zu bezeichnen – am vorvergangenen Wochenende während einer sogenannten Bürgerbegegnung im Ratssaal der Stadt und zum gemeinsamen Abendessen am selben Tag in der Gedenkstätte.

Noah Klieger, in Strasbourg geborener und in Israel lebender ehemaliger Häftling des Vernichtungslagers Auschwitz, der während der Räumungstransporte in das KZ Mittelbau verschleppt wurde, erinnerte während der Bürgerbegegnung jedoch anders als Zeh und die Nordhäuser Bevölkerung an die Bombardierung: »Wir kamen aus dem Stollen: eines der schönsten Schauspiele, die wir je gesehen hatten. Nordhausen stand in Flammen! Wir haben alle gejubelt.«

Gebetsmühlenartig wiederholt hingegen Zeh in nahezu jeder Ansprache die Phrase, wonach »der Krieg, der von Deutschland in Gang gesetzt wurde, nach Deutschland zurückkehrte«. Das ist freilich die Erzählung der Täter. Der Krieg begann für diejenigen, die von den Nazis zu Feinden erklärt wurden, nicht erst mit dem Überfall auf Polen, sondern bereits mit dem »Vorkrieg« (Christa Wolf). Stigmatisierung, Arisierung, Verfolgung und Vernichtung lassen sich nicht auf das Kriegsgeschehen reduzieren, auch wenn dieses im deutschen Bombardierungsgedenken im Mittelpunkt steht. Die Fokussierung auf die vielbeschworenen Kriegsschrecken erfüllt durchaus eine Funktion: Nur in diesem Rahmen lässt sich überhaupt »deutsches Leid« ins Feld führen – in Konkurrenz zum Leid der verfolgten und vernichteten Juden.

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Gebetsmühlenartige Wiederholungen – Zum Verhältnis von Erinnerungskultur und Kommunalpolitik am Beispiel der Stadt Nordhausen

(Quelle: http://nordhausen.thueringer-allgemeine.de/web/nordhausen/startseite/detail/-/specific/Leserpost-Zum-Verhaeltnis-von-Erinnerungskultur-und-Kommunalpolitik-568324994)

Wer seit Jahren die Geschehnisse, die man gemeinhin als Erinnerungs- oder Gedenkkultur der Stadt Nordhausen zum Nationalsozialismus bezeichnet, verfolgt, der oder dem könnte die Spaltung der historischen Erfahrung ins Auge springen, welche das kulturindustrielle Prinzip der „Immergleichheit“ (Theodor W. Adorno & Max Horkheimer) bedient. Insbesondere das Geschehen rund um das Gedenken an die Reichspogromnacht im Jahr 1938, die Bombardierung der Stadt am 3. und 4. April 1945 und die nur eine Woche darauf erfolgte Befreiung des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora sollen hier in Augenschein genommen werden, um an ihrem Beispiel jene aktuellen Verflechtungen aufzuzeigen, die lokal kaum Beachtung finden und die meines Erachtens nach eine realpolitische Wirkmacht entfalten. Problematisiert werden vor allem einige der Ausführungen von Oberbürgermeister Zeh, die sich teils in ritueller Weise wiederholen, die eine gedankliche Statik aufzeigen und sich damit umso mehr im Gedächtnis festsetzen. Qua seiner staatstragenden Funktion als Oberbürgermeister der Stadt Nordhausen nimmt er damit Einfluss auf die Erinnerung bezüglich des Stadtgeschehens, die so überhaupt erst von einer individuellen zur kollektiven werden kann.

 

Verbale Ausfälle der Vergangenheit

Zehs zahlreiche Fauxpas haben eine lange Tradition. Bereits im letzten Jahr wurde dem Kreisverband der NPD ein Gesprächsangebot im Rahmen einer Diskussionsrunde zur Erinnerungskultur der Stadt Nordhausen unterbreitet, was Zeh und seine Verwaltungsangestellten durch die Aufnahme der NPD in einen entsprechenden Mailverteiler erst ermöglichten. Allein durch die massive Kritik vom örtlichen „Bündnis gegen Rechts“ (BgR), von Prof. Dr. Knigge und Dr. Wagner der „Stiftung der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora“ und diversen Einzelpersonen könnte ein „Umdenken“ Zehs erwirkt werden, nachdem auch er erkennen musste, dass sich aktive und militante Neonazis, die anstelle des Stadtrats zur Diskussionsrunde erschienen, auf ihrer Website damit brüsteten, „dass sie es geschafft haben, als politische Gesprächspartner in Nordhausen ernst genommen zu werden.“ Zeh nahm sich bei dieser Diskussionsrunde ausgerechnet die Stadt Dresden und die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung zu Hilfe, um sich „Anregungen für die Gedenkveranstaltung“ einzuholen, und das, obwohl ausgerechnet diese Stadt zur größten Revanchist_innenhochburg, wie sich über Jahre anlässlich des Bombardierungsgedenkens zeigt, und zum größten Aktivierungsbecken des deutschnationalen PEGIDA-Mobs avancieren konnte. Durch diese Verbindungen mit Sachsen manifestierte sich auch personell, was Zeh ideologisch herumtreibt und was er stets, zuletzt bei der bürgerlichen Gegenkundgebung zum „ehrenhaften Gedenken“ der Neonazis am 4. April anlässlich der Bombardierung der Stadt, zum Besten gibt: die verkürzte totalitarismustheoretische Phrase, jedem Extremismus entschieden entgegentreten zu wollen. Wie sich diese Entschiedenheit äußert, wird auch am Beispiel seines damaligen Kollegen, dem Bürgermeister Jendricke, aus dem Jahr 2012 deutlich, der sich nun zum Landrat aufstellen lässt. Ihm reichte damals das Lippenbekenntnis eines organisierten Neonazis aus, der nach Bekanntwerden seiner politischen Aktivität trotzdem in der Stadtverwaltung seine Ausbildung fortsetzen durfte. Akzeptierende Sozialarbeit, deren Folgen spätestens seit dem „Auffliegen“ des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) und seinen Entstehungsbedingungen bekannt sein dürften, hat noch immer Konjunktur in Nordhausen. Unter diesem Vorzeichen ist es kaum verwunderlich, dass Jendricke trotz des teils rasanten Anstiegs rechtsextremer Gewalttaten in seiner Legislaturperiode immer wieder die Scheuklappenaussage tätigen konnte, wonach Nordhausen kein Naziproblem habe, bis er schließlich unter tragisch-komischen Umständen selbst zum Opfer ebendieser Gewalt wurde. Dass diese Entschiedenheit stets ein reines Lippenbekenntnis bleibt, erwies sich erneut vom 17. bis 19. April, als sich im Ferienhotel Hufhaus-Harzhöhe zum wiederholten Mal zu Meinolf Schönborns „Recht und Wahrheit-Lesertreffen“ Reichsbürger_innen, Holocaustleugner_innen, Antisemit_innen und andere Völkisch-Nationale im Kreis Nordhausen versammelten, um sich das „schlafende deutsche Volk“ selbst wachküssen zu lassen. Eine öffentliche Aufmerksamkeit suchte man vergebens. Auch in Jendrickes Rede vom 27.01.2012, dem Gedenktag an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz und dem daraus hervorgegangenen „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ schaffte er es im gleichen Atemzug, auch der deutschen Wehrmachtssoldaten zu gedenken, was an Geschmacks- und Sensibilitätslosigkeit kaum zu übertreffen ist.

 

Geteiltes Leid ist halbes Leid

Ähnlich wenig Feingefühl, als bei der Akzeptanz organisierter Neonazis und der Bezugnahme auf deutsches Leid im Nationalsozialismus, zeigt Zeh, entgegen seinem eigenen Selbstverständnis, wenn es um die Opfer des Nationalsozialismus und ihren Nachkommen geht. Bereits während des Gedenkens zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht übernahm er recht unbedacht, in Anwesenheit des damaligen Rabbiners der Jüdischen Landesgemeinde, Hr. Konstatin Pal, den euphemistischen Begriff „Reichskristallnacht“. Er wird bei Ansprachen zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zudem nicht müde, im gleichen Atemzug das geteilte Leid der Nordhäuser Stadtbevölkerung während der Bombardierung und das der ehemaligen Häftlinge und Zwangsarbeiter_innen zu erwähnen: Zuletzt während der sonst durchaus gelungenen Bürgerversammlung mit den ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora im Ratssaal der Kulturbibliothek am letzten Wochenende, was an Pietätlosigkeit kaum zu übertreffen ist, wenn man die unterschiedlichen Perspektiven der betroffenen Gruppen reflektiert. Noah Klieger, in Straßburg geborener und jetzt in Israel lebender ehemaliger Häftling des Vernichtungslagers Auschwitz, der im Rahmen seiner Räumungstransporte auch das KZ Mittelbau durchquerte, erinnert sich etwas anders an die Bombardierung der Stadt Nordhausen, als es gemeinhin dort geschieht: „Wir kamen aus dem Stollen: eines der schönsten Schauspiele, die wir je gesehen hatten. Nordhausen stand in Flammen! Wir haben alle gejubelt.“
Eigentlich kann man jedoch im dreifachen Sinne nicht wirklich von einer Befreiung sprechen, die sich in der ersten Aprilhälfte des Jahres 1945 in Nordhausen ereignete: Erstens weil von den wenigsten Deutschen die Beendigung des Krieges nicht unmittelbar als Befreiung, sondern viel eher als Besatzung erlebt wurde, was dem übersteigerten Nationalgefühl eine narzisstische Kränkung verpasste. Erst spät setzte ein Bewusstsein dafür ein, dass es im Rahmen der Geschichts- und Erinnerungspolitik gut „für Deutschland“ sei, dem Revisionismus und Revanchismus Einhalt zu gebieten, wenn man wieder mehr Anerkennung und Verantwortung in Europa und der Welt tragen wolle, wie man es bis heute überall verlauten lässt. Am prägendsten kam dies wohl auf der Sicherheitskonferenz in München im letzten Jahr zum Ausdruck: „Alle drei sind entschlossen, Deutschland eine aktivere Rolle in der Weltpolitik zuzuweisen – in der Diplomatie, bei der Entwicklungshilfe, bei der Überwindung von Finanzkrisen, letztlich aber auch bei Militäreinsätzen. Sie haben keine Furcht mehr, wenn von Deutschland Führung verlangt wird. […] ‚Gleichgültigkeit ist keine Option für Deutschland‘, sagt Ursula von der Leyen. Und Frank-Walter Steinmeier wiederholt in seinem Beitrag wörtlich einen Hauptsatz aus der Münchner Rede von Joachim Gauck: ‚Deutschland muss bereit sein, sich außen- und sicherheitspolitisch früher, entschiedener und substanzieller einzubringen.‘“ (Jochen Bittner und Matthias Nass, in: Die Zeit) Das im gleichen Artikel erwähnte Ende der Gleichgültigkeit (Ursula von der Leyen) kristallisiert sich wohl am offensichtlichsten am sog. „fact sheet“, dem in der vorletzten Woche beschlossenen Rahmenabkommen zur Beilegung des Atomkonflikts mit der Islamischen Republik Iran, das erneut keinerlei Verpflichtungen für die atomare Rückrüstung dieses Landes bedeutet, obwohl es für alle anderen Länder in der Region eine enorme Bedrohung bedeutet. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) in Erfurt wittert dabei bereits ihre „Chancen im Iran“, den sie prompt wieder als „Handelspartner“ bezeichnet. Nach ihrem Hauptgeschäftsführer Gerald Grusser wird die „Lockerung des Handelsembargos“ dazu führen, dass „die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Thüringen und der islamischen Republik in der zweiten Jahreshälfte 2015 deutlichen Schwung aufnehmen“. Dies bedeutet allein für Israel, dem Land der Shoah-Überlebenden, eine unmittelbare Existenzbedrohung, was vor dem Hintergrund des Standortfaktors Thüringen schnell „vergessen“ ist. Der zweite Grund, warum die Situation im April 1945 nicht unbedingt als Befreiung bezeichnet werden kann, ist, weil für die meisten der ehemaligen Häftlinge am 11. April 1945 durch die sog. Todesmärsche das Grauen noch längst kein Ende fand und auch danach noch viele an den physischen Folgen ihrer Haft starben. Schließlich auch, weil für die Häftlinge die psychische Belastung, ihre Traumatisierungen, die ihnen durch die Erlebnisse in den deutschen Vernichtungs- und Konzentrationslagern zugefügt wurden und die es ihnen häufig erst sehr spät ermöglichten, überhaupt noch über ihre damaligen Erfahrungen zu sprechen, keine Befreiung im Sinne einer Erlösung von der Qual bedeuteten. David Salz, ehemaliger jüdischer Häftling, der nun in Israel lebt, sprach in der besagten Bürgerbegegnung absichtlich nicht von Befreiung, sondern von Rettung, „den[n] befreit bin ich bis zum heutigen Tag nicht. Es wurzelt in mir und ich kann nicht vergessen. Und man darf nicht vergessen. Vergessen ist frevelhaft“. Vergessen ist in Nordhausen nicht nur wegen der erwähnten Handelsbeziehungen zum Iran ein großes Thema. Zeh begrüßte zwar in der Eröffnungsansprache en Detail alle Lokalpotitiker_innen, er wollte jedoch zunächst nicht die dreizehn anwesenden Überlebenden namentlich nennen, da dies „zu viel“ gewesen sei. Erst auf Anraten einer Kollegin aus der Stadtverwaltung schob er deren Namen am Ende seiner Ansprache noch hinterher. Ehre wem Ehre gebührt.

 

Die Zeh’sche Wiederholung

Die rituelle und gebetsmühlenartige Wiederholung der Phrase in nahezu jeder Ansprache des Oberbürgermeisters, wonach „der Krieg, der von Deutschland in Gang getreten wurde, nach Deutschland zurückkehrte“, ist nur noch die Spitze eines „zehen“ Eisbergs. Mit dieser Phrase kommt recht deutlich eine Erzählweise aus der Täter_innenperspektive zum Tragen, da „der Krieg“ für die Opfer nicht erst mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann, sondern bereits mit dem „Vorkrieg“ (Christa Wolf). Stigmatisierung, Arisierung, Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung sind nichts, was sich auf „das“ Kriegsgeschehen reduzieren lässt, auch wenn es für „die Deutschen“ das prägendste Narrativ darstellt, weil nur in diesem Rahmen überhaupt die Relativierung von Nationalsozialismus und Holocaust erst möglich wird. Unbewusst wird damit jene Trennung geschichtspolitisch fortgesetzt, die die Ausgrenzung jener „Nicht-Deutschen“ ermöglichte.

Warum das Gedenken an die Opfer der Bombardierung, wenn überhaupt, nur im privaten Raum erfolgen dürfte, wurde von verschiedenen Seiten schon dargelegt und auch in einem anderen Artikel bereits ausgeführt. Die realpolitischen Auswirkungen der „Zeh-Metaphern“ können nahezu täglich erlebt werden, wenn Neonazis nach ihrer Trauerkundgebung in paramilitärischer Selbstsicherheit die Gegenkundgebung durchlaufen und dabei noch in Anwesenheit der Polizei linken Aktivist_innen Verfolgungs- und Gewaltandrohungen aussprechen können. Als der Verein „Jugend für Dora“ das Projekt „Fahnen der Erinnerung“, das sich mit der Sichtbarmachung der ehemaligen Außenlagerstandorte des Lagerkomplexes des KZ Mittelbau-Dora anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung befasste, konnte bei vielen Projekt-Bekanntmachungen eine reflexhafte Abwehr wahrgenommen werden. Stets wurde dem Projekt Einseitigkeit vorgeworfen, da es die Bombardierungsopfer nicht berücksichtige. Die historische Spezifik der Region, die spätestens mit der Errichtung des Lagerkomplexes Mittelbau-Dora zum Ballungszentrum der Rüstungsindustrie ausgebaut wurde, wird dabei gänzlich außer Acht gelassen: „Im Rahmen ihres ‚Programms zur Brechung des Luftterrors‘ ordneten sie [Albert Speer und Hans Kammler] Ende Januar 1945 an, unter der Bezeichnung ‚Entwicklungsgemeinschaft Mittelbau‘ die gesamte deutsche Raketenentwicklung im Raum Nordhausen zu konzentrieren.“ Vergessen wird dabei ebenfalls, dass die Stadt Nordhausen nicht, wie einige wenige andere Städte, vorzeitig kapitulierte, sondern sich im Rahmen des wahnhaften „Totalen Krieges“ und der einhergehenden Aufrüstung der Heimatfront zur „Festung“ ausrief. Der Verlust der historischen Erfahrung wirft damit die Verantwortungslosigkeit im Umgang mit der Geschichte auf’s Tableau, die neben dem zwanghaften Vergessen zugleich immer wieder die innere Widersprüchlichkeit durch Sublimierung und Aggressionsentladung hervortreten lässt.


Nordhäuser Erinnerungskultur als Idealtyp deutschen Vergangenheitsrecyclings mit DDR-Hintergrund

Bombardierung NDH's unvergessen

Die Erinnerungskultur in Nordhausen besitzt idealtypische Züge postnazistischen Vergangenheitsrecyclings. War zu Beginn das offen revanchistische Verhältnis besonders präsent, das in der Parole „Wir bauen auf, vergessen aber nicht, wer Nordhausen zerstört hat“ deutlich wird, womit zunächst die Allierten insgesamt gemeint waren, was sich in der Verweigerungshaltung der Stadtbevölkerung während der ersten Gedenkveranstaltungen an die Opfer des Konzentrationslagers offenbarte. Dieser konnte nur Einhalt geboten werden, indem „die Besatzer“ die Teilnahme an den Erhalt von Lebensmittelkarten koppelten, die in der Aufbauzeit lebensnotwendig waren. Erst später, als die Identifikation mit dem Aggressor erfolgte – mit der Sowjetunion -, die nur dadurch die narzisstische Kränkung überlagern konnte, indem sie eine Sublimierung der Triebenergie auf den neuen imperialistische Gegner – die USA und ihre Gefährten – vollzog. Diese entwickelte ein umso stärkeres Aggressionspotential, denn sowohl der blindwütige Wiederaufbau der Stadt, der die deutsche Tugenden der Betriebsamkeit und physischer wie mentaler Härte zu aktivieren vermochte, als auch die zunehmende Abspaltung vom Rest des deutschen Volkskörpers jenseits der innerdeutschen Grenze, an die man mit jedem Telefonat und Brief „nach drüben“ schmerzlich erinnert wurde, brachte die Schmach der Niederlage zurück ins Gedächtnis. Schaffte die sozialistische Betriebsamkeit, die stets noch „vom Standpunkt der Arbeit“ (Moishe Postone) erfolgte, zunächst noch ein zunehmendes Identifikationsmoment mit der eigenen Nation, so entpuppte sich trotz des „großen Zusammenhalts in der DDR“ der Produktivismus als purer Selbstbetrug, und das, obwohl man stets die Pläne „übererfüllt“ hatte. Diese zweite narzisstische Kränkung des Wiederaufbaus wird am Phallus Nordhausens, dem Petersturm, versinnbildlicht. Das neue wiedererwachte Selbstbewusstsein der ganzen Stadtbevölkerung, das sich noch kurz vor der Wende im langersehnten Wiederaufbau des Turmes manifestieren durfte, war nur ein kurzes Balsam für die geschundene Nordhäuser Seele und ließ die zweite Kränkung nur noch schmerzlicher erscheinen.

Nach der Wende dann, als das gesamtdeutsche Volk und ihre Seele wieder vereint waren, waren die neuen Feinde schnell ausfindig gemacht. Die angestaute Aggression entlud sich an „Asylanten“ und ihren Heimen im ganzen Land. Zugleich konnte ohne parteilich-pseudoantifaschistische Doktrin wieder den eigenen deutschen Opfern gedacht werden. Erinnerungsberichte an die Bombardierung der Stadt erlebten ihre Konjunktur. Erst als nun die Identität insbesondere nach innen wieder hergestellt war, wurde sich auch erneut an der Außenwirkung des Standortfaktors Deutschlands gefeilt. Der sog. „Aufstand der Anständigen“ (G. Schröder) entfaltete seine Programmatik, was auch im Rahmen der Gedenkveranstaltungen anlässlich der Bombardierung Einzug hielt. Plötzlich wurde problematisch, was bis dato als selbstverständlich galt, dass nämlich Neonazis gemeinsam mit „normalen Bürger_innen“ ihrer deutschen Opfer gedachten. Die Auswirkungen dieser Verhandlungsmasse sind bekannt: Der sog. „Rinke-Hype“ und das idiosynkratische Sammelsurium anachronistischer Bezugnahmen (Bsp. „Weiße Rose“) sowie enthistorisierter, kurzgeschlossener Generalexkulpationen der deutschen Bevölkerung (à la im Krieg sind „alle Opfer“ und ihrer Konsequenzen in Form generalisierender Anti-Kriegsmetaphern). Seit nunmehr zwei Jahren ist dieser inhaltliche Widerspruch nun wenigstens formal an ein Ende gelangt, indem „die Nazis“ ihr eigenes Gedenken zelebrieren, so dass es kaum noch jemanden stört, wenn „ehrenhaft“ in beiden Formationen komischerweise eine zentrale Rolle spielt.


Was bleibt?

„Sonst lese ich in den Medien täglich Nachrichten zu den Bombardierungen vor 70 Jahren und ich kann es nicht mehr sehen, denn selten, nur selten wird von Befreiung gesprochen, wird davon gesprochen, dass es tatsächlich auch Menschen gab, die jeden Bomber begrüßten, da er nahende Freiheit bedeutete. Und ich spreche hier nicht ausschließlich von Häftlingen in den KZs, von den Millionen Zwangsarbeitern und allen, die irgendwie in der Diktatur versuchten zu überleben, in Verstecken, mit falschen Identitäten. Ich habe vielleicht zu viele Briefe gelesen von Menschen, die Hoffnung fanden in jedem Alliierten Angriff und ja, ich habe auch die Briefe von jenen gelesen, die um ihr Leben fürchteten. Und doch, dürfen wir vergessen, wer das alles vom Zaun brach? Dürfen wir vergessen, was im Namen des 1000jährigen Reiches zerstört und getötet wurde?

Es geht soweit, dass in der thüringischen Stadt Nordhausen, die Synonym für das KZ Mittelbau-Dora ist, dem Bombardierunggedenken mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als der Befreiung des KZs und seiner Außenlager. Es geht gar soweit, dass man jetzt dort eine Ausstellung initiiert, in der die Kuratorin sagt:

„Nicht Fakten, sondern ­Erinnerungen stehen im Mittelpunkt unserer Ausstellung.“

Man muss kein Historiker sein, um sich bei diesem Satz die Haare zu raufen. Ja, man kann die Emotionen, die Ängste der Nordhäuser Bevölkerung schildern, ABER, man muss auch die Fakten erzählen. Jeder Professor reißt seinen Studenten den Kopf ab, wenn er so arbeiten würde. Aber in Nordhausen ist wohl alles möglich.“

(Irgendwie Jüdisch; Siehe auch: Fahnen der Erinnerung)


Über Celan

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„das äußerste Entsetzen durch Verschweigen sagen“

(Adorno, T. W. (2003): Ästhetische Theorie. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 477.)


Re-Rethinking the Holocaust

Cemetery

 

„The Holocaust was unfortunately, I soon realized, the central event in modern or perhaps all Jewish history. And when I said to my friend and mentor Abba Kovner, survivor, poet, and fighter, that that realization scared me, he answered that being scared was an excellent basis for studying the Holocaust. […] And I am still scared.“ (xvi)

A book-review and essayistic analysis on Yehuda Bauers (Israelian historian) book „Rethinking the Holocaust“ (Bauer, Yehuda (2001): Rethinking the Holocaust. Connecticut: Yale University.) (The blog-text is only available in english.)

The following essay operates with the crucial factors for the observation and evaluation of the German situation and its certain perspective. It tries to express and reflect critical Yehuda Bauer’s “attempt to rethink categories and issues that arise out of the contemplation of that watershed event in human history” (ix) – the Holocaust. For his “rethinking” Bauer not just tells “another history” (Ibid.) of the Holocaust but elevates his own profession of a historian (“to research and analyze”) by a kind of rationalization to “remember that there is a story to be told, a story that relates to people’s live” (Ibid.). Already here we find his methodological closeness to Saul Friedländer’s approach of “Alltagsgeschichten” (daily stories) that he later explicitly mentions in an appreciative honorable way (cf. pp. 117f.). Overall, his book is a detailed and precise correction of other investigations, Bauer’s own and other scholars, and his attempt to enhance them by weaving it inside of an over-grasping framework. Accordingly he mainly focuses his efforts on secondary literature and “case” or “key studies”: Particularly with regard to visualize people’s stories and to reveal the own angle as a “storyteller” or a “teacher” . Grown up from the idea to recollect and actualize own previous works, which seemingly existed puzzle-like next to each other, he started “to ask the big questions” and hoped not to come up with small answers, quite the other way around to methodological approach of his friend Raul Hilberg. This big-question-approach elevates usual historian analysis insofar that not only What, When, Where and Who are focused but the question of “Why?”: Why did the Holocaust happen? Here he attests insufficient and halfhearted considerations and resulting wrong receptions in contemporary world politics as well as evident ubiquitary reflexes in almost every modern culture. Bauer reports about several inappropriate comparisons and the nearly daily publishing of any Holocaust-based culture products: “The press […] is full of debates on Holocaust-related topics. Politicians mention it constantly. The television industry presents shows, documentaries, and conversations about it again and again. Why?” (xi) This obviously still existing interest leads him to the other major question: Why has the Holocaust even nowadays a universal character? “As the awareness of the universal implications of the Holocaust spreads, the Holocaust becomes – again – two things: a specifically Jewish tragedy and therefore a universal problem of the first magnitude. Human beings who were Jews were murdered for one reason only: because they were Jews. […] The warning to humankind is written on the wall: beware and learn.” (xiii) Concerning this last point the book partially lacks. Not because of inadequate or deficient examinations but of its remaining in historian profession’s categories and a strict and pure political derivation. Therefore we need to advance his approach with a rather (critical) sociological perspective and its categories, what I will do further below. Bauer’s book provides for this attempt a perfect fundament, especially because of his critics on firstly Bauman’s et al. structural argumentations and secondly the essentialism or determinism of intentionalism in Goldhagen’s et al. approaches. Of course, one cannot clasp everything, and furthermore not from a decided historian perspective , but the big question is just halfway responded. As one alternative answer I will supply Moishe Postone’s analysis to examine why the Holocaust, in agreement with Bauer seen as “pure ideology”, happened in Germany, even though religious feelings merely subsided long ago. The connection of “the Jewish question” to Christian prejudices is only comprehensible if there’s an answer why they were needed anymore even in modern and secular societies. The condition of possibility of a pogrom doesn’t explain its realization. “A legitimate conclusion is one that not only avoids identification with known outside pressures or interferences but also reflects an attempt to understand the period under discussion from its own perspective and in its own terms.” (2) Two certain points are crucial here. Firstly, he wants to avoid extern variables (“[O]utside pressures” like a-historical constants: for instance in Bauman’s approach with Holocaust enqueued in the normal course of modernity regarded as a teleology; or in Goldhagen’s one with the Holocaust as a result of “eliminatory anti-Semitism” fixed in common Germans’ minds). Secondly, Bauer attempts to grasp history from “its own terms” which brings him to a pure political assessment: back in time (‘re-flected’) everything’s evaluated from people’s intents regardless of their decision’s objective structure. Both points are important as we well see in the PDF (link) below.

Essay – Re-rethinking the Holocaust


The Weather’s Fine. Die Geschichte des 1. Mai als Geschichte der Niederlagen

CC

Die Zweite Internationale erklärte vor 124 Jahren den 1. Mai zum Tag der Arbeiter_innenbewegung, genauer: zum „Protest- und Gedenktag“. Anders als Gewerkschaften und die linksradikale Szene heute, die meist euphorisch von einem „Feier“- bzw. „Kampftag“ sprechen und damit den eigenen Sieg unhinterfragt mitunterstellen, wussten ihre Aktivist_innen um die schmerzhaften Verluste, die mit diesem Tag verbunden waren.

1886, Chicago

Die Geschichte des 1. Mai begann 1886 mit einem US-weiten Generalstreik zur Erkämpfung des Achtstundentages, bei dem je nach Quelle 300.000 bis 500.000 Arbeiter_innen auf der Straße waren. In Chicago, einer Hochburg der Arbeiter_innenbewegung, in der der Achtstundentag schon seit über 20 Jahren Forderung war, wurde am 3. Mai (der 2. Mai war ein Sonntag) eine Streikversammlung von der Polizei angegriffen, um Streikbrecher_innen den Zugang zu einer Fabrik zu ermöglichen. Dabei tötete die Polizei sechs Arbeiter_innen. In Reaktion auf diese Gewalt kam es am Abend des 4. Mai zu einer Kundgebung auf…

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