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Ein Kommentar zu Kommentatoren

Wie immer verrät die Kommentarspalte weitaus mehr über deutsche Bewusstseinszustände, um die es ganz offensichtlich nicht gut bestellt ist und die vor pathischer Projektion nur allzu sehr triefen, als der eigentliche Artikel der Thüringer Allgemeine es schafft, die öffentliche Meinung einzufangen.

An den Ergebnissen aus den 50er Jahren des Frankfurter Instituts für Sozialforschung hat sich offensichtlich nichts geändert, außer in der Aufhebung der Hemmschwelle des Hervortretens der dort diagnostizierten Phänomene. Damals noch musste die „nicht-öffentliche Meinung“ durch einen gruppendynamischen Anregungsimpuls ausgelöst werden, da die durch die Besatzung im frühen Postnazismus auferlegte „öffentliche Meinung“ und der mit ihr verbundene (und offensichtlich geschieterte) Demokratisierungsversuch des deutschen Volkskörpers seinem „Geist“ Hemmnisse auferlegte. Heute aber, wo alle Grenzen gebrochen sind, gelangt der faschistische Geist ganz offensichtlich zu sich selbst, wie den Kommentarspalten des Artikels zu entnehmen ist.

Die berechtigte Kritik an der Sparpolitik der vormaligen Landrätin Nordhausens und jetzigen Thüringer Infrastrukturministerin, Birgit Keller, die, immanent erfolgend, ein Leichtes ist zu vollziehen, führt schon im Artikel selbst zu seltsamen (Kurz-)Schlüssen, die potenziert in der Kommentarspalte erst noch zur enthemmten Entfaltung gelangen – dank der Steilvorlage im Artikel. Gemessen an den einleitenden Worten sieht man hier, wie leicht der Impuls inzwischen nur zu sein hat, der den deutschen Stein wieder ins Rollen bringt. Es wäre ziemlich leicht, das an der Kapitalakkumulation befangene und verkürzte Verständnis eben dieser bei Keller nachzuweisen. Offenbar findet hier eine produktivistische Kritik Kellers statt, die die Investitionen an ihrem unmittelbaren und kalkulierbaren Profit bemisst, wenn sie diese einzig in konstantem Kapital (Marx) zu finden scheint. Die sog. „nicht-investiven Maßnahmen“ erbringen keine unmittelbar messbaren Erfolge – kein Profit im Kreislauf der Kapitalakkumulation -, da sie lediglich das Leid lindern, das in vernachlässigten und strukturschwachen Regionen letztlich nur noch mit ordnungspolitischen Maßnahmen (z.B. zur Kriminalitätsbekämpfung) oder mit ehrenamtlich-zivilgesellschaftlichem Engagement (z.B. Die Tafel oder in Begegnungszentren) – sprich: unbezahlter Arbeit – kompensiert werden kann. Dass diese Maßnahmen „nicht förderfähig“ sind, verweist lediglich auf den Mangel an antizipiertem Ertrag. Statt jedoch zunächst genauer hinzusehen, wofür stattdessen die vorhanden Geldmittel vorgesehen sind und eingesetzt werden, werden vom deutschen Mob mit schnellen Fingern sogleich die Kommentarspalten mit rassistischen Prophezeiungen und „Halbwissen“ überflutet. Nähme man einige Analysen zur Hand, die den Neoliberalismus unter seinen konkreten sozialen Ausformungen untersuchen (Castell, Lessenich, Wacquant etc.), würde man feststellen, dass insbesondere eine Umverteilung der Mittel zugunsten ordnungspolitischer Maßnahmen stattfindet, was eine materialitische Staatskritik unter veränderten Bedingungen zur Folge haben müsste. So könnte man „den Marxismus“ gegen seine realpolitischen Apologeten verteidigen, für die Birgit Keller an dieser Stelle nur als Charaktermaske steht. Der Artikel selbst liefert die Steilvorlage, um unter dem „Wortbruch“ pauschal linke Politik zu deligitimieren. Dass linke Politik kein Allheilmittel ist, erst recht nicht ihre staatstragenden Ausformungen, ist ein alter Hut, wenn man den zutiefst nationalistisch-propagandistischen Staatskapitalismus des „Realsozialismus“ der DDR betrachtet, der jedoch affektiv ein in sein Gegenteil umschlagenden Abwehrreflex beheimatet.

In dem Artikel dient das Beispiel „Keller“ jedoch nur als Chiffre, um nationalistische und lokalpatriotische Aussagen überhaupt salonfähig zu machen, indem nämlich die bereits geleisteten sozialen Errungenschaften dieser Regierung nicht in Betracht genommen werden – so zum Beispiel der Winterabschiebestopp. Da es hier allerdings nicht um „deutsches Leid“, sondern um „die Anderen“ geht, fallen sie erst gar nicht in die Kategorie „sozialer Leistungen“. Sie bedienen eben nicht die Bedürfnislage des deutschen Volkskörpers, sondern einen transnationalen Begriff von sozialer Gerichtigkeit und Solidarität, der in Deutschland verpönt und zum Scheitern verurteilt ist, wenn man die Kommentarspalten betrachtet.

Dass der Bund einen beträchtlichen Anteil zusätzlicher Gelder für die Unterbringung von Flüchtlingen bereitstellt, dass auch Flüchtlingsunterkünfte „nicht-investive Maßnahmen“ sind, da sie keine auf Dauer angelegten Einrichtungen sind (außer Erstaufnahmestellen, die wiederum in zumeist ohnehin den Ländern gehörenden, leerstehenden Gebäudekomplexen eingerichtet werden und damit durch die dort herrschenden Lebensbedingungen ebenfalls keine große Investition darstellen; durch den Anspruch der Dezentralisierung von Flüchtlingsunterkünften wird sich zudem im Bedarfsfall in ungenutzten sozialen oder am Wohnungsmarkt erwerblichen Wohnraum eingemietet, was ebenfalls „nicht-investitativ“ ist) und erst recht keinen Profit abwerfen, interessiert den schreibwütigen deutschen Mob recht wenig. Das glänzende Halbwissen legt Menschen, die wie jeder normale Mensch nach dem besseren Leben streben, eine Schlinge um den Hals. Nach ihnen leben sie in Schmaus und Braus und „verbraten das Geld“ der „Einheimischen“. Perspektivübernahme und Empathiefähigkeit, die in Deutschland ohnehin eine Mangelware ist und, wenn einmal vorhanden, an der Augenfarbe halt macht, bedarf zunächst offener Augen und Ohren und ein Mindestmaß an Interesse. Scheinbar reicht den Kommentatoren bereits die manifeste Vorstellung des imaginierten Feindes hinter ihren verschlossenen Augen, um losschlagen zu können.

Deutschland halt’s Maul!

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Die Freiheit der Massen besitzt einen Namen, die wahre ist namenlos

„Wenn die Massen der Rede von der Freiheit nur ungern mehr lauschen, so ist das nicht bloß ihre Schuld oder die des Mißbrauchs, der mit dem Namen betrieben wird. Sie ahnen, daß die Welt des Zwanges gerade immer die von Freiheit, Verfügung, Setzung war und der Freie der, welcher sich etwas herausnehmen darf. Was anders wäre, ist namenlos und was etwa heute dafür einsteht, Solidarität, Zartheit, Rücksicht, Bedacht, hat mit der Freiheit der gegenwärtig Freien nur geringe Ähnlichkeit.“

(Adorno, T. W. (1997): Reflexionen zur Klassentheorie. In: Tiedemann, R. (Hrsg.): Theodor W. Adorno ‚Ob nach Auschwitz noch sich leben lasse‘. Ein philosophisches Lesebuch. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 147.)


Über Celan

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„das äußerste Entsetzen durch Verschweigen sagen“

(Adorno, T. W. (2003): Ästhetische Theorie. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 477.)


Der bestimmte Unterschied

„‚Der Rassismus beginnt erst mit der Interpretation der Unterschiede‘, sagt Memmi treffend. Für die Alltagsreligion zählt nicht, ob die rassistische Begründung aus der Biologie oder aus den Geisteswissenschaften kommt. Auf machtvolle Evidenz gegründet fragt die Alltagsangst vor dem Fremden nicht nach Stichhaltigkeit. Sie fragt nach der Autorität, die für den Unterschied bürgt. Die Autorität kann die Wissenschaft sein, die Politik, der Staat oder die massenmediale Öffentlichkeit. So gut wie nichts in der Welt geschieht aus Rassismus, aber vieles im gesellschaftlichen Leben läßt sich als Rassismus klassifizieren und mit Rassismus begründen, besonders wenn er zur anthropologischen Konstante gemacht wird.“

(Claussen, D. (1994): Was heißt Rassismus? Ein Essay. In ders. (Hrsg.): Was heißt Rassismus? Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. S. 20.)


epoch´s cruelty

Kinder im Streit um ein Dreirad

„The cruelty of an epoch is concentrated and reflected in the cruelties of children who mirror the villainy commited in the adult world“
(Michal Glowinski)


Zum menschlichen Unvermögen


„Es hat seinen Grund in keiner Übermacht oder Entrücktheit der Aufgabe, deren ruheschaffende Bewältigung nicht vermocht wird, sondern in ihrem Chimärischen. Sein Grund ist zuletzt, daß die Menschen bei ihrem besten Willen nicht ausdenken können, was sie sind, weil aus ihnen wird, was sie denken.“
(Ulrich Sonnemann (1969): Negative Anthropologie. Reinbek: Rowohlt. S. 324)


Resignation und Verzweiflung

Die zeitgenössische Krise des Subjekts

Die „Ironie“, die für die Postmoderne prägend ist, will zeigen, dass es keine Ordnungen und Konventionen gibt, die nicht allzu leicht als solche Konventionen zu entlarven sind. Das Problem hierbei ist die Praxis. Die unvermittelte und „unkonventionelle“ Ironie stößt sich permanent an ihr. Nur ist sie leider selbst zur Konvention geworden und dadurch die Unmittelbarkeit totaler Vermittlung. Eine Welt, die durch die stets zu steigernde Umschlagszeit des Kapitals systemisch dazu gezwungen ist, die Produktivkräfte auf dem Rücken ihrer Agenten so lange wachsen zu lassen, bis dieser irgendwann bricht, ist zugleich durch einen massiven Erfahrungsverlust gekennzeichnet, der mit dieser Beschleunigungsspirale einhergeht. Die Ironie überlagert den schmerzenden Rücken nur mit immer dickerem Fell. Dabei hilft sie, den Blick für die Bedürfnisse des_der Anderen auszusparen. Ironisch ist etwas nur, wenn der_die Andere die Pointe versteht. Bereits in der Moderne ist die Pointe obsolet, so dass es sich nicht lohnt, über eine Postmoderne nachzudenken – geschweige denn deren Aktualität unlängst zu prophezeien -, die den eigenen Kategorien mit den eigenen „witzigen“ Mitteln begegnet. Ihre Kennzeichnung war die real nicht vorhandene Konvention, ihre Negation ist die reale Verletzlichkeit – die Existenz von Bedeutung für das Individuum. Das „Auf-die-Schippe-Nehmen“ findet seine Grenze genau dort. Das Individuum stumpft in jenem zunehmenden Maße ab, wie sich der Schmerz und damit dessen Frustrationstoleranz erhöht. Es ist wie beim Tätowieren: der Schmerz eines einmaligen Nadelstichs zieht sich häufig bis ins Mark, die millionenfach einprasselnden, parallel einstechenden und sich dadurch großflächiger verteilelenden Tätowiernadeln verlieren recht schnell ihren ersten Schmerzimpuls und dadurch auch langfristig ihr Grauen. Nicht ohne Grund besteht beim Tätowieren ein enormes Suchtpotential, was nicht der injizierten Substanz und auch nicht einzig dem bunten Ergebnis geschuldet ist, sondern dem Akt selbst. Erst nach mehrstündiger Behandlung wird das kulminierende Leiden unter den vielfachen Stichen unerträglich. Hier findet sich das erschöpfte und geplagte Selbst. Das Positive an der „Postmoderne“ war dennoch das Signal, einen Bruch mit der Tradition zu vollziehen, indem diese ihre Ernsthaftigkeit und ihren Wahrheitsgehalt verlor. Das Negative ist, dass die multiplen Brüche den Bedeutungs- und Erfahrungsverlust befördern und damit die Gefahr erhöhen, das Alte (und damit alte Bedeutungshorizonte) erneut heraufzubeschwören.


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