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Deutsches Exil

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„Was liegt an aller unserer Kunst der Kunstwerke, wenn jene höhere Kunst, die Kunst der Feste, uns abhanden kommt! Ehemals waren alle Kunstwerke an der großen Feststraße der Menschheit aufgestellt, als Erinnerungszeichen und Denkmäler hoher und seliger Momente. Jetzt will man mit den Kunstwerken die armen Erschöpften und Kranken von der großen Leidensstraße der Menschheit beiseite locken, für ein lüsternes Augenblickchen; man bietet ihnen einen Rausch und Wahnsinn.“ (Nietzsche, F. (1972): Die fröhliche Wissenschaft. In: Karl Schlechta (Hrsg.): Friedrich Nietzsche Werke. Bd. 2. Frankfurt/Main-Berlin-Wien . S. 372.) Heute verlagert sich mit den Individualmedien – Radio, TV und Internet – der Rausch zunehmend ins Private; nur dessen verstümmelten Triebregungen, die nicht weniger gesellschaftlich überformt das unmittelbarste und affektiv nächste suchen, erblicken die Öffentlichkeit. Es kommt zum Tragen, wenn sich die Horden im freien zusammenrotten und ihr „Besonderes“ in kollektiver Uniformität zum Glanze bringen. Die Unvermitteltheit des Rausches findet sich in den Wendezeitdemonstrationen unter dem Motto wir sind ein Volk, dessen Volksbegriff sich kurz drauf in Rostock-Lichtenhagen auspellte, ebenso wie im Nordhäuser Fußballstadion, und auf seinen Volksfesten und Rummelplätzen sowie den der braunen Brut freigegebenen Straßen. Nietzsche ahnte noch nicht, was aus dieser von ihm beschriebenen, geballten und kanalisierten Frustration entstehen kann, und forderte gutgläubig die sofortige Auflösung des abgesonderten Kunstbereichs, den Adorno als erzwungenes Exil der Mimesis beschreibt, bewusst dessen, dass pathische Projektionen und nicht mimetische Erfahrungen die Alltagspraxis durchwalten. Für Deutsche gilt nun ein inneres Exil, welches sie gelegentlich zu sehr einengt. Würden sich beispielsweise vice verse in Nordhausen die Pforten derer öffnen, die Dank der Nachwehen der Bombardierung 1945 zum Maulkorb und Hausarrest gezwungen wurden, so würde so manches altes und neues Fähnchen, wobei letztere lediglich Kopien von ersteren wären, aus den Häusern hängen und andere „Kunstobjekte“, die in den Museen glücklicherweise unter Verschluss liegen oder mit erklärenden wie pädagogisch instruktiven Plaketten in möglichst vielen Sprachen verziert sind, so dass man das historische Dokument kaum noch sehen kann und jede_r bemerkt, dass die Deutschen offensichtlich aus ihrer Vergangenheit gelernt haben, wären schnell aus dem deutschen Exil befreit…

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