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Die ekelhafte Borniertheit Thüringens – Das Völkische und die Provinz

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A worth Alternative to Germany

 

Seit geraumer Zeit existiert nun auch in der BRD eine Partei, die sich rechts von den Konservativen etabliert hat, ohne dabei in der öffentlichen Wahrnehmung der deutschen Bevölkerung als ‚neonazistisch‘ oder ‚rechtsradikal‘ stigmatisiert zu werden. Verschiedene Meinungsforschungsinstitute attestieren ihr Rekordgewinne, was sie als mindestens potentielle Koalitionspartnerin für CDU/CSU und FDP gewiss nicht minder attraktiv werden lässt. Dies alles geschieht trotz der Tatsache, dass die AfD in den vergangenen Monaten eine rasante Radikalisierung nach Rechtsaußen vollzogen hat. Formell bürgerlich auftretend vereint sie dabei Neonazis wie ganz normale Deutsche hinter ihren Bannern auf Großdemonstrationen. Zur ‚Herbstoffensive‘ Ende letzten Jahres, wie sie ihre mehrwöchige Kampagne nannte, brachte sie in der Thüringer Landeshauptstadt kontinuierlich mehrere tausend ‚besorgte Bürger_innen‘ auf die Straße. Auch letzte Woche versammelten sich dort erneut, bei einem Gegenprotest von ca. 500 Menschen, zwischen 2.400 (Polizeiangabe) und bis zu 3.000 Wutbürger_innen verschiedener Couleur auf dem Domplatz. Morgen versucht sie in Jena, das durch seinen studentischen Charakter innerhalb Thüringens eher als ‚links‘ und ‚alternativ‘ gilt, an den Erfolgen in der Landeshauptstadt anzuknüpfen.

An der Spitze der Europäischen Union residiert Deutschland zwar als angeschlagener, aber dennoch unangefochtener Hegemon. Während sich die Kapitalakkumulation im Weltmaßstab in der Krise befindet, verzeichnet die BRD aufgrund ihrer Austeritätspolitik nach innen wie außen stets noch Gewinne. Und dennoch gewinnt auch hier die AfD massiv an Zuspruch und avanciert zu einer der Avantgarden nationaler Borniertheit innerhalb Europas. Auch inhaltlich mausert sie sich damit zu einer der Speerspitzen europäischer Parteien, die die Forderungen nach Renationalisierung, Separatismus und Protektionismus mit zunehmend völkischer Färbung innerhalb der EU vorantreiben. Der polnischen Partei PiS, Orbáns Fidesz in Ungarn oder dem FN in Frankreich steht sie dabei in Nichts nach. Während das expansive ‚globalisierte‘ Kapital nach supranationalen Gebilden und grenzüberschreitenden Verträgen trachtet, klebt dabei in vielen Ländern zusehends das gesellschaftliche und politische Bewusstsein an der Nation. Dennoch offenbart sich der Nationalismus der AfD und seiner Gefolgschaft in seiner irrationalsten Form. Denn während die Rückbesinnung auf das vermeintlich ‚Natürliche‘ und ‚Nächste‘ in den anderen Ländern Europas zumindest als eine Reaktion auf reale soziale und wirtschaftliche Verschlechterung gewertet werden kann, ist die Geisterstunde der AfD kaum mit der Relation zur ökonomischen Entwicklung Deutschlands zu erklären, das sich am Weltmarkt in vorderster Reihe befindet. Aus Perspektive des deutschen Kapitals kann der Zustrom an neuen Arbeitskräften gegenwärtig eigentlich gar nicht groß genug sein und die ‚Integration‘ von Geflüchteten, natürlich nach utilitaristischem Nützlichkeitsprinzip, gar nicht schnell genug vonstattengehen. Am wohl nachdrücklichsten wird dies durch die Forderung des ‚Bundesverbandes der Arbeitgeberverbände‘ (BDA) vertreten, die in ihnen „einen Segen“ und die „dringend benötigten Arbeitskräfte“ entdecken, wie ihr Präsident Kramer im Handelsblatt kommentierte und dabei ein Bleiberecht insbesondere für junge Geflüchtete und Sprachkurse vom ersten Tag an verlangt. Ganz entgegen dieser kalkulativ-instrumentellen Vernunft im Sinne eines rein ökonomischen Interesses erstarkt der Irrationalismus in Form völkischen Denkens und wird gerade im Osten der BRD zur Massenbewegung.

Auch in einer sozialstrukturellen Betrachtungsweise zeigt sich dieser Irrationalismus. Die Klassenfraktionen, aus denen sich die Anhänger_innenschaft der AfD rekrutiert, sind kaum die sozial Abgehängten und Ausgeschlossenen. Ihre Wut bringen durch das Banner der AfD vielmehr jene auf die Straße, die in Lohn und Brot stehen und von diesem nichts abgeben wollen. „Nach Peter Matuschek, Forsa-Bereichsleiter für Politik- und Sozialforschung, sei der ‚typische AfD-Wähler ‚selbstständig, männlich, mit eher überdurchschnittlichem sozialen Status und Einkommen ausgestattet, ein ‚Vertreter der gehobenen Mittelschicht‘, der sich zwischen unten und oben zerrieben fühlt‘. Eine andere Einschätzung nimmt Richard Hilmer vor, Geschäftsführer von Infratest dimap, dem zufolge die AfD-Wähler ‚aus allen Richtungen‘ kämen; die stärkste Zustimmung erhalte die ‚Professorenpartei‘ tatsächlich unter Arbeiterinnen und Arbeitern“ , was nicht gleichbedeutend mit dem Prekariat ist. Bemerkt Marx schon in der „Deutschen Ideologie“ im Jahr 1846, dass „[w]enn die nationale Borniertheit überall widerlich ist, so ist sie namentlich in Deutschland ekelhaft, weil sie hier mit der Illusion, über die Nationalität und über alle wirklichen Interessen erhaben zu sein, denjenigen Nationalitäten entgegengehalten wird, die ihre nationale Borniertheit und ihr Beruhen auf wirklichen Interessen offen eingestehen“, so erhält sich hier eine historische Kontinuität.

Dabei ist es in Thüringen keine Neuheit, dass sich sogar innerhalb jener Nation, die für zwei Weltkriege, die Vernichtung des europäischen Judentums und vieler weiterer Massaker verantwortlich ist, diese ekelhafteste Form der Borniertheit in kristalliner Form bahnbricht. Schon den Nationalsozialisten galt Thüringen als Experimentierfeld: Hier bildete sich in den 1920er-Jahren eine der frühen Hochburgen der Partei, hier fand 1926 der erste Reichsparteitag nach dem Hitler-Putsch statt, auf dem die Hitler-Jugend gegründet wurde. Es bestand zudem die Überlegung, Weimar zur neuen Hauptstadt der nationalsozialistischen Bewegung zu machen, nachdem für sie in München für kurze Zeit die Luft zu dick wurde. Dies war eine realistische Einschätzung, denn in Thüringen gelangten bereits 1930 erstmals Nationalsozialisten auf Ministersessel, nachdem sie bereits 1924 als einflussreiche Fraktion in den Landtag einrückten und die Entlassung des jüdischen Direktors der Jenaer Universität durchzusetzen vermochten. Hier erfolgte 1932 die sog. ‚vorgezogene Machtergreifung‘ mit der Regierung Sauckel. Die NSDAP Thüringens ging auch nach 1933 „bei der politischen und rassistischen Gewaltherrschaft wiederholt voran, bündelte erfolgreich regionale Machtkompetenzen, setzte in der Wirtschaftspolitik Akzente und nutzte die Ausstrahlung des Kulturlandes um Hitlers ‚Lieblingsstadt‘ Weimar, die zu einer ‚Muster-Gauhauptstadt‘ ausgebaut wurde. In der Schlussphase des Krieges sollte Thüringen mit unterirdischen Rüstungsprojekten, geheimnisumwitterten Auslagerungen und einem mutmaßlichen Führerhauptquartier im Jonastal zur letzten ‚Festung‘ des Dritten Reiches werden, wobei Tausende Häftlinge und Zwangsarbeiter ums Leben kamen. Sogar die Technik für den Massenmord in den Konzentrationslagern stammte aus Thüringen.“ Björn Höcke, der Vorsitzende der Thüringer AfD, der immer wieder in rühmlicher Weise auf die „tausendjährige deutsche Geschichte“ eingeht und dabei den „deutschen Geist“ beschwört, kann beurlaubter Oberstudienrat für Sport und Geschichte im nordhessischen Bad Sooden-Allendorf nicht behaupten, von dieser Epoche keine Kenntnis zu haben – insbesondere in einem Bundesland, für das er sich so passioniert einsetzt.

Die Politik von Höcke und seiner Thüringer Kammerad_innent ist der vorläufige Höhepunkt einer innerparteilichen wie gesamtgesellschaftlichen Radikalisierungstendenz. Nachdem nun auch die Merkel‘sche „Wir schaffen das“-Rhetorik, jenes zentrale Bindeglied zum Koalitionspartner der SPD auf Bundesebene, zusehends zerfällt, wird sich in Deutschland auf allen Ebenen den Sorgen der gemeinen besorgten Bürger_innen auf der Straße hingegeben. Damit nähert man sich zusehends jenem Populismus an, der noch bis vor einem halben Jahr der AfD zu Eigen war, während diese bis zum heutigen Zeitpunkt eine fortschreitende Radikalisierung vollzieht. Petry als Parteivorsitzende, die als nationalkonservative Rechtspopulistin inzwischen zum gemäßigten Flügel gegenüber dem radikalisierten, offen rassistisch-völkischen Flügel um Höcke und seinen Parteifreunden der sog. „Erfurter Resolution“ zählt, nachdem sich die Partei mit der Spaltung der Wirtschaftsliberalen um Lucke entledigt hat, vertritt hierbei nicht minder protektionistische Positionen. Bei ihr sind sie jedoch wesentlich bürgerlicher verpackt. Laut Petry sei es dabei u.a. vom Bundesvorstand gedeckt, die deutschen Grenzen bewaffnet gegen Asylsuchende zu verteidigen.

Solche Positionen reichen allerdings der Höcke-Fraktion innerhalb der AfD längst nicht mehr aus. Der offene Rassismus und Antisemitismus Höckes, welcher kürzlich ganz im klassisch völkischen Jargon von einem afrikanischen und einen europäischen „Ausbreitungstyp“ schwadronierte und zwischen dem ihm so wichtigem Christentum und dem Judentum einen grundsätzlichen Antagonismus ausmachte – theoretische Voraussetzung für ihre Verfolgung und Vernichtung – scheint weite Teile der Thüringer_innen nicht zu stören, wie die Resonanz der AfD letzte Woche auf dem Erfurter Domplatz erneut zeigte. Ebenso wenig Aufsehen erregen Höckes persönliche Freundschaften zu Chefideologen der „Neuen Rechten“, wie dem Organisator des Instituts für Staatspolitik (IfS), bei dem Höcke offen seinen völkischen Rassismus und Antisemitismus offenlegte. Kubitschek ist zugleich Redakteur der von diesem neurechten Institut herausgegeben Zeitschrift ‚Sezession‘, für die er ebenso schreibt, wie unter dem Pseudonym Landolf Ladig für das Naziblatt ‚Volk in Bewegung‘. Auch zu Thüringer Neonazi-Größen wie Thorsten Heise, der die NPD im thüringischen Eichsfeld führt und früher in militanten Kameradschaften und der verbotenen Neonazi-Partei FAP aktiv war, besteht eine enge Beziehung.

All das ist bekannt, ohne dass es die Zustimmung unter den Thüringer_innen schmälert, was deutlich die Grenze der Aufklärung im braunen Herz Deutschlands aufzeigt. Lieber jubeln sie frenetisch und empfangen Höcke zu Tausenden in messianischer Weise mit Sprechchören, wenn er die Bühne der Kundgebung in Erfurt betritt. Dies geschieht zumeist noch bevor er die erogenen Zonen des Volkskörpers berührt, indem er an Deutsche, Thüringer und Erfurter appellierend den Kampf „für unsere Kinder“ des deutschen Volkes einläutet. Völlig von selbst beginnt die Masse damit „Wir sind das Volk!“ zu schreien und mit dem Ausruf „Volksverräter“ einzusteigen, sobald Höcke in seiner Rede auf Merkel zusprechen kommt. So wie das Völkische stets auf Unmittelbarkeit und Gefolgschaft drängt und dabei zur Triebentladung eines Objektes bedarf, auf das es pathisch projizieren kann und sich in diesem Zuge der angestauten Aggressionen als Folge ihrer Selbstvergessenheit entledigt, werden Migration und Staatsidentität zur Wasserscheide ihres Kielwassers. Die Verwobenheit von Protektionismus und pathischer Projektion zeigt sich demnach am deutlichsten in der Haltung der AfD zur sogenannten „Flüchtlingskrise“, die in Wahrheit eine Krise des Humanismus ist. Höcke und seine AfD schwadronieren von Ängsten naturgemäß blonder deutscher Frauen, die zum Lustobjekt und Vergewaltigungsopfer der Geflüchteten werden; oder von Schwarzen, die in enthemmter Weise sofort zum Messer greifen, sobald ihnen etwas missfällt. Dass Triebentladung und Enthemmung vor allem von Deutschen ausgehen, die allein in diesem Jahr weit über tausend Flüchtlingsunterkünfte angriffen, wovon ein beträchtlicher Anteil auf Thüringen entfällt, und die am Rande von AfD-Veranstaltungen regelmäßig politische Gegner attackieren, wie auch letzte Woche mit mehreren Verletzten in Erfurt, verweist nur auf die Verbindung von Projektion und Paranoia. Dem Chefideologen der AfD, dem Philosoph Jongen zufolge, leide die Bundesrepublik an einer „thymotischen Unterversorgung“, also an einer Armut an Zorn und es ermangele ihr an Wehrhaftigkeit, während andere Kulturen und Ideologien eine „hochgepushte thymotische Bewegung“ seien. Die AfD lege laut Jongen als einzige Partei „Wert darauf, die Thymos-Spannung in unserer Gesellschaft wieder zu heben“, was sie durch „Erziehung zur Männlichkeit“, die Rückerlangung klarer Geschlechterrollen und eine „neodarwinistische Kulturtheorie“ zu bewerkstelligen versucht. Akzeptanz und Zustimmung seitens der Bevölkerung dazu wie zur offenen Artikulation von Zorn, Wut und Empörung scheint ihr sicher. Sie vollziehen sich ganz analog der Radikalisierung innerhalb der AfD; eine Radikalität, mit der der Aggression gegenüber vermeintlich Fremdem Raum gegeben wird.

Nah am „Volk“ zu sein und die „Bewegung“ auf der Straße zu involvieren, gelingt gerade der Thüringer AfD besonders gut. Sie ist damit im klassisch parlamentarischen Sinne nicht nur eine Partei, also eine Institution zu politischen Interessenvertretung, sondern nach Höcke eine „Widerstandsbewegung gegen die weitere Aushöhlung der Souveränität und der Identität Deutschlands“. Höcke selbst tritt dabei in zugleich apokalyptischer wie messianischer Manier Überbringer von Heilsbotschaften auf, indem er in der AfD die „letzte evolutionäre Chance für dieses Volk“ diagnostiziert und wie in Erfurt letzte Woche verkündet: „2016 wird unser Jahr, wir werden ein Erdbeben von historischem Ausmaß erleben.“ Die AfD fungiert dabei als parlamentarischer Arm für wutbürgerliche Straßenproteste. Die Sorge sämtlicher Politikwissenschaftler_innen, die seit langem die Politikverdrossenheit unter den Bürger_innen beklagen, scheint sie hierbei einzufangen. Sie bewerkstelligt eine Re-Politisierung der Gesellschaft – mit einem Zusatz: der Volksgemeinschaft. Laut der letzten Sonntagsumfrage der Thüringischen Landeszeitung liegt die AfD bei 12% und wäre damit als viertstärkste Kraft im Landtag vertreten; mit doppelt so vielen Stimmen wie die Grünen und nur 3% weniger als die SPD. Nur in Sachsen und Sachsen-Anhalt wird dieser Wert noch um etwas mehr als 1% übertroffen. Dass die Ergebnisse der AfD in der Zone nicht noch höher liegen, hat sie nur dem Stimmanteil der NPD zu verdanken, der in diesen Bundesländern im Gegensatz zu den anderen laut aktuellen Umfragen mit zwischen 4 und 6% überproportional hoch liegt.

Wäre die deutsche Gesellschaft im Allgemeinen und die Thüringer_innen im Besonderen aufgeklärt und unanfällig für solch völkische Ideologie, sie könnte über die das Fratzenhafte Höckes und die vermeintliche Fundamentalopposition von rechts der AfD nur schmunzeln. Die reale Bewegung zeigt jedoch, wie fest völkische Elemente im Alltagsbewusstsein hiesiger Populationen verankert sind, was das Lachen aus emanzipatorischer Perspektive eher versteinern lässt.

 

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Weitere Niederlagen am ersten Mai

1. Mai 2015 Saalfeld

Wie der Club Communism (CC) vor nunmehr zwei Jahren anmerkte, ist es verfehlt, den 1. Mai als „Feier“-Tag oder „Kampf“-Tag zu bezeichnen. Ersteres verkennt, dass es weder innerhalb der Arbeiter_innenbewegung historisch kaum etwas zu feiern gibt, wie sie an verschiedenen Ereignissen pointiert illustrieren, und dass die Etablierung als Feiertag überhaupt erst auf die Nationalsozialist_innen zurückgeht. Wie Michael Wildt im Bulletin des Fritz-Bauer-Instituts (siehe Einsicht #12, S. 16f.) bemerkt, sollte neben der Etablierung des 1. Mai zum staatlichen Feiertag vor allem die ideologische Bedeutung der Deutschen Arbeitsfront und die Zerschlagung der Gewerkschaften, ihrer Tarifautonomie und den damit entstandenen Korporatismus hervorgehoben werden. Ein Korporatismus, der heutzutage, spätestens seit dem GDL-Streik durch ihre Gegner_innen, wieder an Konjunktur gewinnt. Die freie Assoziation von Arbeitnehmer_nnen wird durch Zwangsinteressenvertretung, Spaltung und Schwächung der organisierten Arbeiter_innenschaft und durch die staatlich kanalisierte Delegation der sog. „Tarifeinheit“ unterbunden. Der im Unternehmen zu herrschende „Betriebsgemeinschaft“ (Wildt) wäre man damit wieder einen Schritt näher, womit eine weitere Niederlage in der Geschichte der Arbeiter_innenbewegung zu verzeichnen wäre. Zweitens sollte er auch nicht als „Kampf“-Tag bezeichnet werden, denn hierin liegt implizit eine „Kritik vom Standpunkt der Arbeit“ (Moishe Postone), statt gegen sie. „Ehret die Arbeit und achtet den Arbeiter!“ war schon am 1. Mai 1933 das offizielle Motto dieses Datums, und es flankiert noch heute bis weit in die Linke das Geschehen an diesem Tag.

Normalerweise gebührte es sich demnach, wenigstens an diesem „Feiertag“ die Füße mal still stehen zu lassen, insbesondere wenn man dessen Vorzeichen kennt. Sobald allerdings militante Neonazis, die sich die Straße zurückerobern wollen, in Thüringischen Provinzstädten – geschützt und befördert durch staatliche Exekutivorgane – diesem Ziel ein deutliches Stück näher kommen, stellt sich leider die Frage um die symbolische Deutungshoheit des „Tages der Arbeit“ nicht mehr. Leider kann sich in solchen Fällen auch nicht darauf berufen werden, dass der Demo-Tourismus lediglich Szene-Masturbation und identitäre Selbstbalsamierung ist, auch wenn von diesen genügend anzufinden war.

In Saalfeld erlebte man, wie groß die Ermessensspielräume der Polizei sind und wie einseitig diese ausgelegt werden können. Das Spektakel reichte von lose umherirrenden Neonazibanden in dreistelliger Größe, die ohne von der Polizei wahrgenommen zu werden, antifaschistische Projekte angreifen und Hetzjagden veranstalten konnten, bis hin zu aktiver Unterstützung der Staatsgewalt für ihre Umtriebe. So schaffte es die Polizei, selbst vom „Dritten Weg“ ausgedruckte Zettel, auf denen das Logo der Partei abgedruckt war, als Presseausweise durchgehen zu lassen, so dass diese unbehelligt direkt hinter der Polizeikette aus unmittelbarer Nähe Gegendemonstrant_innen abfotografieren konnten. Die sich (eigentlich rechtlich in einem solchen Fall gestützt) mit Schals unkenntlich machenden Gegendemonstrant_innen wurden vom BFE in der selben Situation aufgefordert, ihren Sichtschutz abzunehmen, wenn sie keine Festnahme oder Personalienfeststellung zu befürchten haben wollten. Neonazis wiederum, die nach gewalttätigen Übergriffen – sogar gegenüber der Polizei – festgesetzt werden konnten, hatten weder Festsetzungen zu befürchten, noch wurden ihnen Platzverweise ausgesprochen – teils fehlte sogar die Personalienaufnahme. Trotz der massiven Gewalt, die von den Neonazis ausging, gab es keine einzige Festnahme über den gesamten Tagesverlauf. Nicht ein einziges Mal wurden auch nur strafrechtlich verfolgbare nationalsozialistische Symbole oder Ausrufe geahndet. Es wäre ein leichtes gewesen, die Demonstration der Neonazis bereits am Bahnhof nach einer kurzen Kundgebung zu beenden, da die Sicherheitslage nicht gewährleistet werden kann, wenn ca. 500 Personen mehr anreisen, als es der Veranstalter anmeldet. Stattdessen wurden diese polizeilich völlig unterbesetzt, so dass sich große Neonazigruppen ständig absetzen konnten, durch die halbe Stadt eskortiert und dabei Gegendemonstrant_innen mehrfach gewaltsam durch die Polizei „entfernt“. Schließlich wurde dann die Demo der Neonazis vom Veranstalter mit dem Vermerk aufgelöst, dass Jeder jetzt machen könne, was er wolle. Unter den vorausgegangenen Geschehnissen kam dies einer Kampfansage gleich, der wohlwollend Folge geleistet wurde. Nachdem ca. 400 Neonazis versuchten, durch die Polizeiketten und an Hamburger Gittern vorbeizukommen, um die dahinter platzierten Gegendemonstrant_innen zu überfallen und einen möglichst direkten und ungehinderten Weg durch die Innenstadt zum Bahnhof zu erhalten. Dort wurde dann der Gewalt der Neonazis kleinbeigegeben, indem diesen von der Polizei mitgeteilt wurde, dass eine gemeinsame Lösung gefunden wird, wenn sie das Randalieren einstellen. Die Lösung gab es: Trotzdessen dass es keine angemeldete Demonstration seitens der Neonazis war, wurden die Gegendemonstrant_innen gewaltsam weggeräumt, um ihnen den Weg zu ebnen. Dieser direkte „Dritte Weg“ bedeutete zudem für alle bürgerlichen Gegenprotestkundgebungen, potentiellen Übergriffen ausgesetzt gewesen zu sein, was nach den Vorfällen am Morgen, bei dem 50 Neonazis in Weimar eine DGB-Veranstaltung angriffen und es zu mehreren Krankenhauseinlieferungen kam, nicht einmal für die Polizei zu legitimieren gewesen wäre. Die Frage der Verhältnismäßigkeit stellte sich mit dieser Situation nicht das letzte Mal, sogar die Abreise von ca. 300 Gegendemonstrant_innen wurde von der Polizei zusätzlich um fast zwei Stunden verzögert, weil sich noch „15 Rechte“ im Bahnhof aufhielten. Lokale Antifas, die sich Zugang zum Bahnhofsgebäude verschaffen konnten, sichteten keinen einzigen Neonazi mehr vor Ort. Doch selbst wenn es 15 Neonazis dort gegeben haben sollte, konnte kein Polizeibeamter erklären, warum sie es mit ihren rund 300 Einsatzkräften am Bahnhofsvorplatz nicht schafften, die 15 Neonazis vorübergehend zu entfernen.

Ein weiterer Grund, warum es nichts zu feiern gibt am 1. Mai.


Gebetsmühlenartige Wiederholungen – Zum Verhältnis von Erinnerungskultur und Kommunalpolitik am Beispiel der Stadt Nordhausen

(Quelle: http://nordhausen.thueringer-allgemeine.de/web/nordhausen/startseite/detail/-/specific/Leserpost-Zum-Verhaeltnis-von-Erinnerungskultur-und-Kommunalpolitik-568324994)

Wer seit Jahren die Geschehnisse, die man gemeinhin als Erinnerungs- oder Gedenkkultur der Stadt Nordhausen zum Nationalsozialismus bezeichnet, verfolgt, der oder dem könnte die Spaltung der historischen Erfahrung ins Auge springen, welche das kulturindustrielle Prinzip der „Immergleichheit“ (Theodor W. Adorno & Max Horkheimer) bedient. Insbesondere das Geschehen rund um das Gedenken an die Reichspogromnacht im Jahr 1938, die Bombardierung der Stadt am 3. und 4. April 1945 und die nur eine Woche darauf erfolgte Befreiung des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora sollen hier in Augenschein genommen werden, um an ihrem Beispiel jene aktuellen Verflechtungen aufzuzeigen, die lokal kaum Beachtung finden und die meines Erachtens nach eine realpolitische Wirkmacht entfalten. Problematisiert werden vor allem einige der Ausführungen von Oberbürgermeister Zeh, die sich teils in ritueller Weise wiederholen, die eine gedankliche Statik aufzeigen und sich damit umso mehr im Gedächtnis festsetzen. Qua seiner staatstragenden Funktion als Oberbürgermeister der Stadt Nordhausen nimmt er damit Einfluss auf die Erinnerung bezüglich des Stadtgeschehens, die so überhaupt erst von einer individuellen zur kollektiven werden kann.

 

Verbale Ausfälle der Vergangenheit

Zehs zahlreiche Fauxpas haben eine lange Tradition. Bereits im letzten Jahr wurde dem Kreisverband der NPD ein Gesprächsangebot im Rahmen einer Diskussionsrunde zur Erinnerungskultur der Stadt Nordhausen unterbreitet, was Zeh und seine Verwaltungsangestellten durch die Aufnahme der NPD in einen entsprechenden Mailverteiler erst ermöglichten. Allein durch die massive Kritik vom örtlichen „Bündnis gegen Rechts“ (BgR), von Prof. Dr. Knigge und Dr. Wagner der „Stiftung der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora“ und diversen Einzelpersonen könnte ein „Umdenken“ Zehs erwirkt werden, nachdem auch er erkennen musste, dass sich aktive und militante Neonazis, die anstelle des Stadtrats zur Diskussionsrunde erschienen, auf ihrer Website damit brüsteten, „dass sie es geschafft haben, als politische Gesprächspartner in Nordhausen ernst genommen zu werden.“ Zeh nahm sich bei dieser Diskussionsrunde ausgerechnet die Stadt Dresden und die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung zu Hilfe, um sich „Anregungen für die Gedenkveranstaltung“ einzuholen, und das, obwohl ausgerechnet diese Stadt zur größten Revanchist_innenhochburg, wie sich über Jahre anlässlich des Bombardierungsgedenkens zeigt, und zum größten Aktivierungsbecken des deutschnationalen PEGIDA-Mobs avancieren konnte. Durch diese Verbindungen mit Sachsen manifestierte sich auch personell, was Zeh ideologisch herumtreibt und was er stets, zuletzt bei der bürgerlichen Gegenkundgebung zum „ehrenhaften Gedenken“ der Neonazis am 4. April anlässlich der Bombardierung der Stadt, zum Besten gibt: die verkürzte totalitarismustheoretische Phrase, jedem Extremismus entschieden entgegentreten zu wollen. Wie sich diese Entschiedenheit äußert, wird auch am Beispiel seines damaligen Kollegen, dem Bürgermeister Jendricke, aus dem Jahr 2012 deutlich, der sich nun zum Landrat aufstellen lässt. Ihm reichte damals das Lippenbekenntnis eines organisierten Neonazis aus, der nach Bekanntwerden seiner politischen Aktivität trotzdem in der Stadtverwaltung seine Ausbildung fortsetzen durfte. Akzeptierende Sozialarbeit, deren Folgen spätestens seit dem „Auffliegen“ des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) und seinen Entstehungsbedingungen bekannt sein dürften, hat noch immer Konjunktur in Nordhausen. Unter diesem Vorzeichen ist es kaum verwunderlich, dass Jendricke trotz des teils rasanten Anstiegs rechtsextremer Gewalttaten in seiner Legislaturperiode immer wieder die Scheuklappenaussage tätigen konnte, wonach Nordhausen kein Naziproblem habe, bis er schließlich unter tragisch-komischen Umständen selbst zum Opfer ebendieser Gewalt wurde. Dass diese Entschiedenheit stets ein reines Lippenbekenntnis bleibt, erwies sich erneut vom 17. bis 19. April, als sich im Ferienhotel Hufhaus-Harzhöhe zum wiederholten Mal zu Meinolf Schönborns „Recht und Wahrheit-Lesertreffen“ Reichsbürger_innen, Holocaustleugner_innen, Antisemit_innen und andere Völkisch-Nationale im Kreis Nordhausen versammelten, um sich das „schlafende deutsche Volk“ selbst wachküssen zu lassen. Eine öffentliche Aufmerksamkeit suchte man vergebens. Auch in Jendrickes Rede vom 27.01.2012, dem Gedenktag an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz und dem daraus hervorgegangenen „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ schaffte er es im gleichen Atemzug, auch der deutschen Wehrmachtssoldaten zu gedenken, was an Geschmacks- und Sensibilitätslosigkeit kaum zu übertreffen ist.

 

Geteiltes Leid ist halbes Leid

Ähnlich wenig Feingefühl, als bei der Akzeptanz organisierter Neonazis und der Bezugnahme auf deutsches Leid im Nationalsozialismus, zeigt Zeh, entgegen seinem eigenen Selbstverständnis, wenn es um die Opfer des Nationalsozialismus und ihren Nachkommen geht. Bereits während des Gedenkens zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht übernahm er recht unbedacht, in Anwesenheit des damaligen Rabbiners der Jüdischen Landesgemeinde, Hr. Konstatin Pal, den euphemistischen Begriff „Reichskristallnacht“. Er wird bei Ansprachen zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zudem nicht müde, im gleichen Atemzug das geteilte Leid der Nordhäuser Stadtbevölkerung während der Bombardierung und das der ehemaligen Häftlinge und Zwangsarbeiter_innen zu erwähnen: Zuletzt während der sonst durchaus gelungenen Bürgerversammlung mit den ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora im Ratssaal der Kulturbibliothek am letzten Wochenende, was an Pietätlosigkeit kaum zu übertreffen ist, wenn man die unterschiedlichen Perspektiven der betroffenen Gruppen reflektiert. Noah Klieger, in Straßburg geborener und jetzt in Israel lebender ehemaliger Häftling des Vernichtungslagers Auschwitz, der im Rahmen seiner Räumungstransporte auch das KZ Mittelbau durchquerte, erinnert sich etwas anders an die Bombardierung der Stadt Nordhausen, als es gemeinhin dort geschieht: „Wir kamen aus dem Stollen: eines der schönsten Schauspiele, die wir je gesehen hatten. Nordhausen stand in Flammen! Wir haben alle gejubelt.“
Eigentlich kann man jedoch im dreifachen Sinne nicht wirklich von einer Befreiung sprechen, die sich in der ersten Aprilhälfte des Jahres 1945 in Nordhausen ereignete: Erstens weil von den wenigsten Deutschen die Beendigung des Krieges nicht unmittelbar als Befreiung, sondern viel eher als Besatzung erlebt wurde, was dem übersteigerten Nationalgefühl eine narzisstische Kränkung verpasste. Erst spät setzte ein Bewusstsein dafür ein, dass es im Rahmen der Geschichts- und Erinnerungspolitik gut „für Deutschland“ sei, dem Revisionismus und Revanchismus Einhalt zu gebieten, wenn man wieder mehr Anerkennung und Verantwortung in Europa und der Welt tragen wolle, wie man es bis heute überall verlauten lässt. Am prägendsten kam dies wohl auf der Sicherheitskonferenz in München im letzten Jahr zum Ausdruck: „Alle drei sind entschlossen, Deutschland eine aktivere Rolle in der Weltpolitik zuzuweisen – in der Diplomatie, bei der Entwicklungshilfe, bei der Überwindung von Finanzkrisen, letztlich aber auch bei Militäreinsätzen. Sie haben keine Furcht mehr, wenn von Deutschland Führung verlangt wird. […] ‚Gleichgültigkeit ist keine Option für Deutschland‘, sagt Ursula von der Leyen. Und Frank-Walter Steinmeier wiederholt in seinem Beitrag wörtlich einen Hauptsatz aus der Münchner Rede von Joachim Gauck: ‚Deutschland muss bereit sein, sich außen- und sicherheitspolitisch früher, entschiedener und substanzieller einzubringen.‘“ (Jochen Bittner und Matthias Nass, in: Die Zeit) Das im gleichen Artikel erwähnte Ende der Gleichgültigkeit (Ursula von der Leyen) kristallisiert sich wohl am offensichtlichsten am sog. „fact sheet“, dem in der vorletzten Woche beschlossenen Rahmenabkommen zur Beilegung des Atomkonflikts mit der Islamischen Republik Iran, das erneut keinerlei Verpflichtungen für die atomare Rückrüstung dieses Landes bedeutet, obwohl es für alle anderen Länder in der Region eine enorme Bedrohung bedeutet. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) in Erfurt wittert dabei bereits ihre „Chancen im Iran“, den sie prompt wieder als „Handelspartner“ bezeichnet. Nach ihrem Hauptgeschäftsführer Gerald Grusser wird die „Lockerung des Handelsembargos“ dazu führen, dass „die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Thüringen und der islamischen Republik in der zweiten Jahreshälfte 2015 deutlichen Schwung aufnehmen“. Dies bedeutet allein für Israel, dem Land der Shoah-Überlebenden, eine unmittelbare Existenzbedrohung, was vor dem Hintergrund des Standortfaktors Thüringen schnell „vergessen“ ist. Der zweite Grund, warum die Situation im April 1945 nicht unbedingt als Befreiung bezeichnet werden kann, ist, weil für die meisten der ehemaligen Häftlinge am 11. April 1945 durch die sog. Todesmärsche das Grauen noch längst kein Ende fand und auch danach noch viele an den physischen Folgen ihrer Haft starben. Schließlich auch, weil für die Häftlinge die psychische Belastung, ihre Traumatisierungen, die ihnen durch die Erlebnisse in den deutschen Vernichtungs- und Konzentrationslagern zugefügt wurden und die es ihnen häufig erst sehr spät ermöglichten, überhaupt noch über ihre damaligen Erfahrungen zu sprechen, keine Befreiung im Sinne einer Erlösung von der Qual bedeuteten. David Salz, ehemaliger jüdischer Häftling, der nun in Israel lebt, sprach in der besagten Bürgerbegegnung absichtlich nicht von Befreiung, sondern von Rettung, „den[n] befreit bin ich bis zum heutigen Tag nicht. Es wurzelt in mir und ich kann nicht vergessen. Und man darf nicht vergessen. Vergessen ist frevelhaft“. Vergessen ist in Nordhausen nicht nur wegen der erwähnten Handelsbeziehungen zum Iran ein großes Thema. Zeh begrüßte zwar in der Eröffnungsansprache en Detail alle Lokalpotitiker_innen, er wollte jedoch zunächst nicht die dreizehn anwesenden Überlebenden namentlich nennen, da dies „zu viel“ gewesen sei. Erst auf Anraten einer Kollegin aus der Stadtverwaltung schob er deren Namen am Ende seiner Ansprache noch hinterher. Ehre wem Ehre gebührt.

 

Die Zeh’sche Wiederholung

Die rituelle und gebetsmühlenartige Wiederholung der Phrase in nahezu jeder Ansprache des Oberbürgermeisters, wonach „der Krieg, der von Deutschland in Gang getreten wurde, nach Deutschland zurückkehrte“, ist nur noch die Spitze eines „zehen“ Eisbergs. Mit dieser Phrase kommt recht deutlich eine Erzählweise aus der Täter_innenperspektive zum Tragen, da „der Krieg“ für die Opfer nicht erst mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann, sondern bereits mit dem „Vorkrieg“ (Christa Wolf). Stigmatisierung, Arisierung, Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung sind nichts, was sich auf „das“ Kriegsgeschehen reduzieren lässt, auch wenn es für „die Deutschen“ das prägendste Narrativ darstellt, weil nur in diesem Rahmen überhaupt die Relativierung von Nationalsozialismus und Holocaust erst möglich wird. Unbewusst wird damit jene Trennung geschichtspolitisch fortgesetzt, die die Ausgrenzung jener „Nicht-Deutschen“ ermöglichte.

Warum das Gedenken an die Opfer der Bombardierung, wenn überhaupt, nur im privaten Raum erfolgen dürfte, wurde von verschiedenen Seiten schon dargelegt und auch in einem anderen Artikel bereits ausgeführt. Die realpolitischen Auswirkungen der „Zeh-Metaphern“ können nahezu täglich erlebt werden, wenn Neonazis nach ihrer Trauerkundgebung in paramilitärischer Selbstsicherheit die Gegenkundgebung durchlaufen und dabei noch in Anwesenheit der Polizei linken Aktivist_innen Verfolgungs- und Gewaltandrohungen aussprechen können. Als der Verein „Jugend für Dora“ das Projekt „Fahnen der Erinnerung“, das sich mit der Sichtbarmachung der ehemaligen Außenlagerstandorte des Lagerkomplexes des KZ Mittelbau-Dora anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung befasste, konnte bei vielen Projekt-Bekanntmachungen eine reflexhafte Abwehr wahrgenommen werden. Stets wurde dem Projekt Einseitigkeit vorgeworfen, da es die Bombardierungsopfer nicht berücksichtige. Die historische Spezifik der Region, die spätestens mit der Errichtung des Lagerkomplexes Mittelbau-Dora zum Ballungszentrum der Rüstungsindustrie ausgebaut wurde, wird dabei gänzlich außer Acht gelassen: „Im Rahmen ihres ‚Programms zur Brechung des Luftterrors‘ ordneten sie [Albert Speer und Hans Kammler] Ende Januar 1945 an, unter der Bezeichnung ‚Entwicklungsgemeinschaft Mittelbau‘ die gesamte deutsche Raketenentwicklung im Raum Nordhausen zu konzentrieren.“ Vergessen wird dabei ebenfalls, dass die Stadt Nordhausen nicht, wie einige wenige andere Städte, vorzeitig kapitulierte, sondern sich im Rahmen des wahnhaften „Totalen Krieges“ und der einhergehenden Aufrüstung der Heimatfront zur „Festung“ ausrief. Der Verlust der historischen Erfahrung wirft damit die Verantwortungslosigkeit im Umgang mit der Geschichte auf’s Tableau, die neben dem zwanghaften Vergessen zugleich immer wieder die innere Widersprüchlichkeit durch Sublimierung und Aggressionsentladung hervortreten lässt.


Nordhäuser Erinnerungskultur als Idealtyp deutschen Vergangenheitsrecyclings mit DDR-Hintergrund

Bombardierung NDH's unvergessen

Die Erinnerungskultur in Nordhausen besitzt idealtypische Züge postnazistischen Vergangenheitsrecyclings. War zu Beginn das offen revanchistische Verhältnis besonders präsent, das in der Parole „Wir bauen auf, vergessen aber nicht, wer Nordhausen zerstört hat“ deutlich wird, womit zunächst die Allierten insgesamt gemeint waren, was sich in der Verweigerungshaltung der Stadtbevölkerung während der ersten Gedenkveranstaltungen an die Opfer des Konzentrationslagers offenbarte. Dieser konnte nur Einhalt geboten werden, indem „die Besatzer“ die Teilnahme an den Erhalt von Lebensmittelkarten koppelten, die in der Aufbauzeit lebensnotwendig waren. Erst später, als die Identifikation mit dem Aggressor erfolgte – mit der Sowjetunion -, die nur dadurch die narzisstische Kränkung überlagern konnte, indem sie eine Sublimierung der Triebenergie auf den neuen imperialistische Gegner – die USA und ihre Gefährten – vollzog. Diese entwickelte ein umso stärkeres Aggressionspotential, denn sowohl der blindwütige Wiederaufbau der Stadt, der die deutsche Tugenden der Betriebsamkeit und physischer wie mentaler Härte zu aktivieren vermochte, als auch die zunehmende Abspaltung vom Rest des deutschen Volkskörpers jenseits der innerdeutschen Grenze, an die man mit jedem Telefonat und Brief „nach drüben“ schmerzlich erinnert wurde, brachte die Schmach der Niederlage zurück ins Gedächtnis. Schaffte die sozialistische Betriebsamkeit, die stets noch „vom Standpunkt der Arbeit“ (Moishe Postone) erfolgte, zunächst noch ein zunehmendes Identifikationsmoment mit der eigenen Nation, so entpuppte sich trotz des „großen Zusammenhalts in der DDR“ der Produktivismus als purer Selbstbetrug, und das, obwohl man stets die Pläne „übererfüllt“ hatte. Diese zweite narzisstische Kränkung des Wiederaufbaus wird am Phallus Nordhausens, dem Petersturm, versinnbildlicht. Das neue wiedererwachte Selbstbewusstsein der ganzen Stadtbevölkerung, das sich noch kurz vor der Wende im langersehnten Wiederaufbau des Turmes manifestieren durfte, war nur ein kurzes Balsam für die geschundene Nordhäuser Seele und ließ die zweite Kränkung nur noch schmerzlicher erscheinen.

Nach der Wende dann, als das gesamtdeutsche Volk und ihre Seele wieder vereint waren, waren die neuen Feinde schnell ausfindig gemacht. Die angestaute Aggression entlud sich an „Asylanten“ und ihren Heimen im ganzen Land. Zugleich konnte ohne parteilich-pseudoantifaschistische Doktrin wieder den eigenen deutschen Opfern gedacht werden. Erinnerungsberichte an die Bombardierung der Stadt erlebten ihre Konjunktur. Erst als nun die Identität insbesondere nach innen wieder hergestellt war, wurde sich auch erneut an der Außenwirkung des Standortfaktors Deutschlands gefeilt. Der sog. „Aufstand der Anständigen“ (G. Schröder) entfaltete seine Programmatik, was auch im Rahmen der Gedenkveranstaltungen anlässlich der Bombardierung Einzug hielt. Plötzlich wurde problematisch, was bis dato als selbstverständlich galt, dass nämlich Neonazis gemeinsam mit „normalen Bürger_innen“ ihrer deutschen Opfer gedachten. Die Auswirkungen dieser Verhandlungsmasse sind bekannt: Der sog. „Rinke-Hype“ und das idiosynkratische Sammelsurium anachronistischer Bezugnahmen (Bsp. „Weiße Rose“) sowie enthistorisierter, kurzgeschlossener Generalexkulpationen der deutschen Bevölkerung (à la im Krieg sind „alle Opfer“ und ihrer Konsequenzen in Form generalisierender Anti-Kriegsmetaphern). Seit nunmehr zwei Jahren ist dieser inhaltliche Widerspruch nun wenigstens formal an ein Ende gelangt, indem „die Nazis“ ihr eigenes Gedenken zelebrieren, so dass es kaum noch jemanden stört, wenn „ehrenhaft“ in beiden Formationen komischerweise eine zentrale Rolle spielt.


Bürgerwut auf den Rathausplatz!?

Mahnwache_Anti-USA

Warum auch sollte der völkisch-revanchistische Krug diesmal an einem der Mülleimer der Geschichte, jenem Provinznest Nordhausen, vorbeiwandern? Die „friedlichen Montagsmahnwachen“, die in anderen Städten bereits nicht unerhebliche Gegenwehr erfahren und von denen sich sogar weite Teile der sogenannten „Linken“ distanziert haben, bis auf einige Hardline-Stalinisten selbstverständlich, wie zum Beispiel die „Antiimperialistische Plattform“ (AiP) in Berlin, die sich neben der russischen Okkupationspolitik auch mit Assad und dem nordkoreanischen Regime solidarisiert, da die „westlichen Medien“ mit ihrer „einseitigen Berichterstattung“ die Wahrheit verbergen, beginnen nun auch in Nordhausen. In das gleiche Horn blasen nun, zumindest die „Medienkritik“ und den pathischen Antiamerikanismus und Antizionismus betreffend, auch einige zivilengagierte Nordhäuser_innen, die ihrer Bürgerwut auf dem Rathausplatz Luft machen wollen, indem sie „gegen Verdrehung der Tatsachen und gegen die Dummhaltung unserer Gesellschaft demonstrieren“ (Moritz Frisben).

Nachdem es nun der Verschwörungstheoretiker Jürgen Elsässer, einstiger „Linker“ und mit seinem Online-Forum „Mut zur Wahrheit“ zugleich Ideengeber des AfD-Mottos, auch in die Landeshauptstadt nach Erfurt geschafft hat, ist gerade noch unklar, ob einige verirrte junge Nordhauser_innen um Moritz Frisben (Facebook-Name) auch derartige Mahnwachen in der Stadt holzköpfener Rolands etablieren können. Dass Elsässer inzwischen eindeutig dem rechten Spektrum zuzuordnen ist, dürfte für politisch Interessierte seit geraumer Zeit keinen Neuheitswert besitzen. Wohl aber für die jüngst hier in Nordhausen in Erscheinung tretenden, „freipolitisch“ orientierten Querfrontler der sog. Montagsdemos, die gerade ihre ersten politischen Erfahrungen machen. Dass die Kundgebungen und Mobilisierungen für „den Frieden“ bisher ausblieben, liegt wohl eher daran, dass ihre Zielgruppe, ihr soziales Milieu und ihre Altersgenossen derzeit lieber noch die auf dem Jahrmarkt stattfindende Bespaßung dem Politischem vorziehen. Der Jahrmarkt ist, auch wenn durch Schießbuden, Autoscooter und Breakdance-Karussel quasi „spielerisch“ und hübsch im Kitsch verpackt die Vorausetzungen für den Volkssturm angelegt sind, im Vergleich zur Bürgerwutmobilisierung eher noch das kleinere Übel. Und das, obwohl diese stark reduktionistischen Erklärungsmuster für den Frieden wohl auch auf dem Jahrmarkt auf Resonanz stoßen würden. Im orthodox-marxistischem Sinne kann man von einer „Nochtrennung“ von Überbau (Ideologie) am Rathausplatz und Basis, den bespaßten Volksmassen am August-Bebel-Platz, sprechen. Aus einer ideologiekritischen Perspektive sollte wohl eher von einer glücklicherweise fehlenden Vermittlungsinstanz ausgegangen werden, die den Leidensdruck der sich auf auf dem August-Bebel-Platz tümmelnden Ausgeschlossenen nicht zu kanalisieren vermag. Was Volker Weiss in seiner Kolumne über das Milieu der „Neuen Rechten“ schreibt, trifft wohl auch hier zu: „Da die derzeitigen Heroen dieses Denkens („das der ‚intellektuellen Rechten in Deutschland‘; Anm. P3) eben keine Absolventen ihrer Kaderschmieden sind, sondern Verfallsprodukte der bürgerlichen Mitte, ist sein  (Richhardt Gebhardts; Anm. P3) Befund eindeutig: ‚Die Rechte ist gegenwärtig nicht die Avantgarde, sondern die Nachhut.‘) Es trifft insofern den Punkt, als dass die aus der bürgerlichen Mitte stammenden protestierenden pseudointellektuellen „Aufklärer“ das zu leisten vermögen, wofür „den Neonazis“  die Basis fehlt: die Akzeptanz in der Manövriermasse des Volkes.

Moritz Frisben, vermeinlicher Initiator der Nordhäuser Mahnwache, versucht zunächst alles basisdemokratisch rückzukoppeln, indem er in der von ihm erstellten Facebook-Gruppe für alle seine letzten Handlungen Facebook-Umfragen erstellt. So beispielsweise, ob er er nun eine Demo anmelden soll oder ob sich jemand zu seinem Flashmob gesellt. Es scheint, als würde er sich in seine Verschwörungs-Internet-Lektüre verrennen, ohne dabei für seine neuen Wahrheiten auf größere Resonanz außerhalb seines Freundeskreises zu stoßen. Umso unerbitterlicher versucht er durch die Verwendung von möglichst vielen Ausrufezeichen seinen Aussagen Nachdruck zu verleihen. Im einzigen, von ihm selbst verfassten kurzen inhaltlichen Aufruf auf dieser Seite, der neben effektvoll platzierten Bildern mit slogenhaften Phrasen und einigen Videoclips, u.a. vom Antisemiten Ken Jebsen und Andreas Popp, zeigen sich bereits alle ideologischen Substrate, deren Fragmente seine Verschwörungtheorie verwebt. Es ist Lokalpatriotismus und Heimatliebe zum „süßen kleinen Nordhausen“ gepaart mit Allmachtsphantasien, die die Initialzündung für die Handlungserfordernis hervorbrachten, gegen die Verdrehungen und Dummhaltung zu rebellieren und „somit auch für den allgemeinen Frieden in Deutschland, Europa und der Welt !!!!“ Was ausgerechnet Nordhausen und Deutschland dafür prädestiniert, eine Vormachtstellung im Friedensgeschäft einzunehmen, bleibt im Verborgenen. Vielleicht ist es die nicht allzu lang zurückliegenden Friedens-Neonazi-Demo unter dem Motto „Keine Panzer für Nahost! Keine Waffen für fremde Interessen“, die von antizionistischen und antiamerikanischen Schlachtrufen begleitet war und deren Initiatoren von der Aktionsgruppe Nordhausen auf dem nationalen Antikriegstag 2011 in Dortmund bereits unter dem Banner „USRAEL stoppen, Imperialismus bekämpfen“ marschierend durch die Stadt zogen. Die inhaltlichen Überschneidungen fallen Moritz Frisben und seinen Gefährten naturgemäß nicht auf, was das deutlichste Indiz für Verfangenheit in ein Wahnsystem ist. „das mit überhaupt irgendwelchen verschwörungstheorien zu verseuchen und nur sich die rechten idioten rauszusuchen […] hetzen auf friedlich leute„. Sein „Wir dürfen nicht vergessen welcher STAAT immer für KRIEG gut ist!!!!„, suggeriert par excellence, was die Neonazis auszusprechen wagen und was diese wiederum zu besseren Märtyrern macht. Alles verweist auf eine Geschichtsvergessenheit, die den Neupolitisierten – oder besser postpolitischen Querfrontlern – zu Eigen ist, deren historische Entwicklung und Kontinuität im Themenschwerpunkt der aktuellen Jungle World (z.B. hier, hier, hier und hier) abgehandelt wird. Aber auch das ist ja ein westliches, von der amerikanischen Ostküste instrumentalisiertes Medienformat zur Geißelung der Deutschen. Die getätigten Aussagen sollen jedoch keine konkrete politische Ausrichtung haben, wobei Frisbens „freipolitisch“ ledigilich auf die Verweigerung parteipolitischer Programme zielt und eben jenen Querfrontgedanken hoch hält, dem sich die deutschen Proletarier bereits spätestens Anfang der 1930er angeschlossen hatten, was auch sie im Übrigen bereits 1945 plötzlich schnell wieder vergessen hatten. Die Ineinssetzung von “ jegliche[r] Formen von Gewalt, Rassismus und Extremismus“, von denen er sich mittels eines Lippenbekenntnisses abzugrenzen versucht, zeigen seine soziale Sozialisation in „der Mitte der Gesellschaft“ in gleicher Weise an, wie seine Unerfahrenheit in politischer Intervention. Dass er bewusst oder unbewusst kein Bekenntnis gegen Antisemitismus aufzählt, lässt nur vermuten, ob er sich nicht gegen diesen noch nicht einmal in Form eines Lippenbekenntnisses zu positionieren traut, um seine potentiellen neuen AnhängerInnen – die Neu-Rechten und RechtspopulisInnen – nicht zu verprellen, oder ob er, im traurigerweise fast schon besseren Fall, keinen qualitativen Unterschied von Rassismus und Antisemitismus zu sehen vermag.

Frisben macht es seinem Idol Elsässer gleich. „Elsässer redet in Erfurt, wo das rechte fb-Anonymous-Kollektiv soeben unter Gewaltdrohungen bisherige Orgaleute rausgeworfen hat, die als irgendwie links galten. Am 26.5. ist die erste unmissverständlich rechte Wahnmache in Erfurt – und dort redet Elsässer. Tatsache. — Die Distanzierungen sind als taktische zu verstehen.“ (Jutta Ditfurth) Die Distanzierungen von rassistischem, antisemitischem, faschistischem und nationalistischem Gedankengut“, wie auch am Beispiel von Berlinkoordinator Lars Mährholz deutlich, rollen den Friedenspropheten ebenso schnell über die Lippen wie einem Tourette-Syndrom-Neurotiker seine Beleidigungen. Im Wahn der Masse endlich das offenbaren zu dürfen, was von Pollock, Adorno et al. im „Gruppenexperiment“ unter der sogenannten „nicht-öffentlichen Meinung“ verstanden wurde, zeigt in kristalliner Reinform an, wohin die Triebsublimierung moderner, spätkapitalistischer Subjekte zu tendieren vermag: in gegenaufklärerische Triebentladung am imaginierten Feind. Der so „leere Signifikat“ ist nicht derart leer, wie es in postmodernen Theorien so häufig behauptet wird, da der Antisemitismus nun mal weder als vorübergehende Erscheinung anzusehen ist, was neben den antizionistischen Hetze auf den Friedensdemos auch jüngst an den Ermordungen im Brüsseler Jüdischen Museum erkennbar wurde, noch sich in irgendeiner Weise am Verhalten „der Juden“ ausrichtet, er damit reine Projektion und zugleich, am innersubjektiven Zustand gemessen, reine Psychose ist. Die Gegenargumente nicht zu kennen, kann Moritz Frisben nicht vorgeworfen werden. Auf der Facebook-Seite verlinkte er einen Spiegel-Beitrag, der zwar sehr polemisch, jedoch inhaltlich unerwartet vernünftig ist, deren Argumente er allerdings nicht in sein Wahnsystem zu intergrieren vermag.

Am Grad des Antisemitismus ist zugleich der Verwirklichungsgrad einer emanzipativen, sozialen Revolution, die das Individuum vom Kollektivzwang befreit, ablesbar. Damit verweisen die gegenwärtigen Mahnwachen erneut darauf, dass das Fenster zur Revolution – zum Kommunismus als „wirkliche Bewegung“ -, außer es soll eine „deutschnationale“ sein, hermetisch verriegelt ist. Gefährlich wird dieser Umstand dadurch, dass gegenwärtig politisierte Menschen, wie am Beispiel von Moritz Frisben erkennbar wird, für derartige manichäische Offenbarungen besonders empfänglich sind. Der Verlust von Selbstwirksamkeitserfahrungen sowie die Erfahrung von Blassiertheit und Indifferenz dürfte jedem modernen Subjekt bekannt sein. Der Griff zur naheliegendsten Keule als Frustabbau statt zur Notbremse im bereits einmal abgestürzten Zug der Geschichte gewinnt für politisch Verirrte zunehmende Relevanz. Um erneut mit Idealtypen zu arbeiten, so ist Moritz Frisben der postmoderne Roland-Rebell, Seite an Seite auf dem Rathausplatz mit seinem holzköpfigen älteren Bruder.

Doch noch einmal zurück: Was gerade Nordhausen dafür prädestiniert, auf die Friedenswelle aufzuspringen, deren Verständnis von Pazifismus ich an anderer Stelle am Beispiel der Affinität zum Antisemitismus bereits beleuchtet hatte, ist vielleicht auch einfach ein posttraumatischer Reflex. An den Mahnwachen wird der Versuch ersichtlich, endlich von der Vergangenheit loszukommen, wenn Ken Jebsen und Konsorten immer wieder betonen, dass „Auschwitz“ mit der derzeitigen Generation nichts mehr zu tun hat, da die letzten Zeitzeugen, allesamt Opfer ihrer damaligen Verhältnisse, zum größten Teil verstorben sind. Überhaupt sei nach Jebsen der Holocaust nur eine von Juden selbst initiierte PR-Kampagne. Die Mahnung Adornos, um hier seine Reformulierung seines kategorischen Imperativs zu bemühen, nach dem „alles Denken und Handeln so einzurichten [sei], daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“, wird bestenfalls zum Anlass genommen, um die damalige deutsche, antisemitische Ideologie von „Zinsknechtschaft“ und Personifizierungen von Schuldigen, die „hinter den Verhältnissen“ stehen, von wo aus sie durch „die“ Medien die Volksmassen steuern, gedanken- wie kritiklos und „wütend“ fortführen zu können. Die Undurchsichtigkeit der kapitalistischen Verhältnisse, in denen das Geld zur Ware gehört wie der Zins zur industriellen Produktion, führt zu den selben Kurzschlüssen, die die Krisenzeiten in den 1920er und ’30er jahren begleiteten, als „die Juden“ durch die Nachrichtenkonzerne die Welt am Gängelband hielt. „Unsere Medien zeigen oft nicht was wirklich passiert! Sie zeigen nur das was unsere Regierungen bzw. Machthaber ihnen sagen. Warscheinlich werden dafür die Medienkonzerne entsprechend entlohnt! Fakt ist das der Frieden sogar jetzt auch in Europa in Gefahr ist, was an der falschen Berichterstattung der westlichen Medien liegt! Es wird eine ungeheuerliche Hetze gegen Russland betrieben!“ (Moritz Frisben)

Doch gerade jetzt ist es vielleicht nicht trotz, sondern wegen „Dora“ hier in Nordhausen an der Zeit, den Schlussstrich mit der Vergangenheit zu ziehen, auf den die Lokalpolitiker_innen mit ihren Bombardierungsgedenken seit eh und je abzielen. Es ist die Verantwortung der einstmaligen Hochburg des Totalen Krieges und der Rüstungsbastion in Nordhausen nun endlich den Frieden in die Welt zu tragen! Entlang dieser Argumentation wird die pseudo-rebellische Aktion der Friedensaktivisten nur allzu deutlich: Sie rebellieren nicht, sondern schmiegen sich opportun-konformistisch an den typisch deutschen Kurs an. Sie schreien heraus, was die offizielle Politik im Symbolischen vollzieht: Sie sind die Vorhut der Einheit aus Volksmob und Verwaltung. Der NPD-Aufforderung aus dem kommunalen Wahlkampf, die „Bürgerwut in den Kreistag“ zu wählen, geht selbige auf dem Rathausplatz voraus. Erneut halte ich es an dieser Stelle mit Wolfgang Pohrt: „Früher haben die Deutschen der Welt den Krieg erklärt, heute erklären sie ihr den Frieden.“ Wenn Deutsche „erklären“, bedeutet es nichts Gutes…

PS: Es wurde in den Zitaten mit Bedacht auf die wissenschaftlich übliche Korrektur der grammatikalischen wie orthografischen Fehler verzichtet. Zum einen, da sonst wegen der vielen (sic!)-Einschübe das Lesen und Erfassen des Inhalts deutlich erschwert worden wäre. Zum anderen, da sie der sprachliche Ausdruck jener scheinbaren Dringlich- und Unmittelbarkeit, endlich losschlagen zu dürfen, sind, die der Wut zu eigen und dem Denken fremd sind.


N – Eine Stadt sucht ihre Mörder

 

Wahn

Oder: Wie das antiquierte Bewusstsein des „Rolands“ am Denken über Auschwitz scheitert

Da sich bald zum zweiten Mal jährt, was Nordhausens Bürger_innen als stadtpolitischen Erfolg verzeichneten, bei dem die Neonazis um die NPD und die „Freien Kräfte“ abgespalten vom würdigen, „ehrlichen“ Gedenken verantwortungsbewusster und verfassungstreuer Bürger_innen und Politiker_innen ihre Zeremonie auf einen Nebenschauplatz zu verlagern haben, bedarf es einer historischen Analyse und Kontemplation dessen, was diese neue Errungenschaft für das Nordhäuser Bewusstsein als ein spezifisch Deutsches bedeutet, welches sich am Beispiel dieser Stadt in ihrer Reinform darbietet. Die Frage, wie „normal“ Nordhausen sei, wird damit finalerweise zum Damoklesschwert eines Nationalgefühls, das durch den „Bruch mit der Vergangenheit“ eben jene unterbewusst umso stärker wachhält.

Es ist wieder so weit, der 69. Jahrestag der alliierten Bombardierungen lässt uns wieder einmal an die deutsche Geschichte erinnern. Aber nicht nur der Stichtag, sondern auch der zurückliegende Umgang mit diesem Ereignis gibt uns Aufschluss über dessen Bearbeitung bis in die Gegenwart. Auch in Nordhausen ist die sogenannte „umarmende Erzählung“, der Versuch aus der eigenen nationalsozialistischen Geschichte eine „erwachsene“ Stadt und einen verantwortungsvollen Umgang mit ihrer Historie zu extrahieren, en vogue. Doch wie erwachsen ist die Stadt eigentlich? Oder besser, wie ist dieses Narrativ erwachsen? Kurzum, wie „normal“ ist Nordhausen? Diesem beängstigenden Streben nach Normalität und ihrer gegenwärtigen Auswüchse soll im Folgenden nachgegangen werden, indem, eingebettet in eine historische Auseinandersetzung, zunächst mittels der Sichtbarmachung der erinnerungskulturellen Tendenzen die Grundlage für ein progressives Verständnis zeitgenössischen politischen Bewusstseins (und seiner unbewussten Strukturen) geschaffen werden soll (1). Anschließend wird diese gegenwärtige Tendenz einem Urteil unterzogen und resümierend kritisch dargelegt (2).

 

(1)       Analyse

            „Das Volk ist Opium des Volkes.“ (Theodor W. Adorno)

Der Kampf um das Gedenken befindet sich stets in einem politischen Machtspiel. Wer die Deutungshoheit besitzt, wer damit den Nerv der Zeit am treffendsten berührt, erfahren wir erst durch eine Analyse ihrer Geschichte, so dass die Geschehnisse einen geschichts- und damit realpolitischen Charakter erhalten, welcher Auskunft über gegenwärtige Formen seiner Sozialstruktur bietet. Das analysieren dieser Gedenkkultur ist damit kein sich im Kreis drehender Selbstzweck, der aus dem Spaß am Schreiben oder gar aus einer Schreibwütigkeit resultiert, sondern Teil einer notwendigen Intervention in den bestehenden latent völkischen Tenor bestehender Verhältnisse darstellt. In Nordhausen ist, ähnlich zu den Ausführungen über Dresden von Henning Fischer[1], ein aus drei Faktoren bestehender Grundtenor gegenwärtiger Politisierung des Gedenkens erkennbar: Erstens ein klassischer Opferdiskurs. Zweitens die formale Kontextualisierung Nordhausens als gewöhnlicher Teil des Nationalsozialismus, der sich in diesen enthistorisiert als „normale“ Stadt, die „sinnloserweise“ übertrieben hart durch die Bombardierungen gemaßregelt wurde, als der „Zweite Weltkrieg, […] mit den Bombardierungen deutscher Städte nach Deutschland und am 3. und 4. April auch nach Nordhausen“ (Rinke) zurückkehrte, einfügt. Diese Enthistorisierung gipfelt drittens im gescheiterten Verständnis von Auschwitz und damit im Kriegs- und Schreckenpanorama des kurzen zwanzigsten Jahrhunderts, da es sich hier nicht nur um „Krieg“, sondern um eliminatorischen Antisemitismus mitsamt projektivem Wahn, der zu Terror und Vernichtung als Staatsdoktrin führte. Diese drei Faktoren dienen den neonazistischen Gruppen als politisches Schlachtfeld um die Deutungshoheit über das Ereignis, während die bürgerlichen Gruppen dasselbe Fundament bedienen, um es möglichst stark zu entpolitisieren. Auf diese Entpolitisierung der Erinnerung wird weiter unten eingegangen, wenn sie als Vorgang der Gegenwartspolitik in Erscheinung tritt und sich die konservierte Form des antiquierten, sich selbst überholenden Bewusstseins offenbart. Mit dem vermehrten Auftreten der Neonazis auf den Gedenkveranstaltungen stieg zunehmend der öffentliche Druck, Klarheit in die seit Jahren bestehenden chaotischen Verhältnisse der Gedenkzeremonie zu bringen. Erst jetzt zeigt sich auch im provinziellen Nordhausen, dass der Bruch mit der Geschichte nun auch offensichtlich symbolisch durch die formale Trennung von richtigem und falschem Gedenken vollzogen wurde, als das Band zu den Neonazis an jenem Tage wie ein störender Blinddarm abgeschnitten wurde und sie nun ihre eigene Veranstaltung, missachtet von der Nordhäuser Zivilbevölkerung, ansetzen und durchführen. Welche Widersprüchlichkeit damit einhergeht, offenbart sich mit den jüngsten Ereignissen um eine vom amtierenden Oberbürgermeister initiierte Diskussionsveranstaltung zur Gedenkkultur am Mittwoch den 22.01.2014 im Nordhäuser Rathaus, bei der in Manier aktivierender Sozialarbeit, die schon an anderer Stelle unter dem Titel „Volksmob und Verwaltung“ etwas polemisch eine Kritik erfuhr, auch stadtbekannten Neonazis ein Forum geboten wurde.

Erinnerungspolitischer Idiotismus

Sehr deutlich tritt dieses chaotisch obskure Verhältnis zur Vergangenheit allein schon zu Tage, wenn die bürgerlichen Reden zu den zwei letzten Gedenkveranstaltungen zur Bombardierung betrachtet werden. So war bereits in der Vorankündigung des vorletzten Gedenktages, welche sich wiederkehrend wortgleich bis ins Jahr 2005 zurückverfolgen lässt, verlautet worden: „Im Mittelpunkt beider Tage soll und muss die Erinnerung an die vielen Opfer stehen – an die Opfer einer Bombardierung, deren Sinnlosigkeit immer deutlicher zu Tage tritt, weil sie keinerlei Nutzen hatte und nur unermessliches Leid unter der Zivilbevölkerung anrichtete. Es war einfach nicht angemessen, noch wenige Tage vor dem absehbaren Kriegsende Kirchen, Wohnhäuser und ganze Städte in Schutt und Asche zu legen“, so Frau Rinke damals.

So nichts aussagend der erste Teil des Zitats auch ist, wenn unter Absehung jedweder Differenz allen Opfergruppen gleichermaßen gedacht werden soll, zeigt sich doch im Nachgang die eigentliche Absicht seines Inhalts: Sowohl die Einnahme der Täter_innenperspektive der Deutschen, für die jene Bombardierung „keinerlei Nutzen“ hatte und die auch fast 70 Jahre nach Beendigung des Nationalsozialismus scheinbar ernsthaft als „Zivilbevölkerung“ anstatt der wissenschaftlich fundierten Bezeichnung der „Volksgemeinschaft“ ist auffallend, obwohl, wie eine Ausstellung des Jugendvereins der Gedenkstätte Mittelbau-Dora letztes Jahr auch dem_r letzten Nordhäuser_in begreifbar machte, dass jede_r Dritte der Bevölkerung des Landkreises Nordhausens Anfang 1945 ein_e Zwangsarbeiter_in war. Es ist schier unmöglich unter solchen Bedingungen überhaupt noch an eine „Zivilgesellschaft“ zu denken. Bei der Ausstellungseröffnung war im Übrigen keine_r der verantwortungsbewussten Lokalpolitiker_innen anwesend. Als auch die Missachtung jeder Opferperspektive, der mit dem Begriff der „Sinnlosigkeit“ der militärischen Intervention Vorschub geleistet wird, obwohl es auch nach dem Bombardement nicht die „Zivilbevölkerung“ mit ihrem couragierten Handeln war, die das Konzentrationslager Mittelbau befreite, macht deutlich, in welche Traditionslinie sich hier gestellt wird. Die Einschätzung verharrt in der Verhaftung am deutschen Narrativ. Der Opfermythos wird bedient, indem auf das „unermessliche Leid“ dieser „Zivilbevölkerung“ verwiesen wird; die gleiche „Zivilbevölkerung“, die die schrittweise Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung der Nordhäuser Jüd_innen bereits 4 Jahre vor der Wahl Adolf Hitlers zum Reichkanzler genauso unterstützte, billigend hinnahm und von dieser zu großen Teilen zudem profitierte, wie sie es mit der oftmals tödlichen Zwangsarbeit für den Endsieg im Konzentrationslager Mittelbau-Dora ab dem Jahr 1943 tat. Desweiteren werden historische Besonderheiten in eine generalisierte und formalisierte Kontextualisierung des Nationalsozialismus gestellt. Die am frühesten begonnene und am spätesten beendete Vernichtungspolitik der Kreisstadt innerhalb des „Experimentierfeldes“ Thüringen für den Nationalsozialismus, die Rüstungsindustrie und die Involviertheit der Volksgemeinschaft in die Tagtäglichkeit von Zwangsarbeit und Mord, die für die Vernichtung notwendige Infrastruktur u.v.m. werden genauso zur Normalität erklärt, wie die Zerstörung der Stadt aus der Luft als „Rückkehr“ eines Krieges beschrieben wird, der für die Opfer zu einem viel früheren Zeitpunkt ohne nennenswerte gesellschaftliche Gegenwehr begann. Dass für viele, aus deren Sicht man zu erzählen hätte, dieser Krieg eben viel früher als für die deutsche „Zivilbevölkerung“ angefangen hatte (Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung) und nie einfach „weg“ war, von wo aus er hätte zurückkehren können, sondern durchgängiger Bestandteil ihrer Lebensbiografie aus dieser Epoche blieb, wird verschwiegen, wenn man solche Bilder bedient.

Dass die Deutschen diese Form des Krieges, die flächenmäßigen Bombardierungen und die blinden Beschüsse mit den sog. „V1- und V2-Raketen“ gegenüber der Zivilbevölkerung anderer Nationen gewählt haben, wird nur am Rand erwähnt, wenn Frau Rinke davon spricht, dass sie „auch Reaktion“ gewesen seien. Die implizite Aussage ist, dass sie, wenn die Zeit des Nationalsozialismus schon nicht komplett ausgespart werden kann, zumindest unverhältnismäßig und rachsüchtig waren. Der schuldabwehrende Charakter durch die Verschiebung auf die befreienden Alliierten wird nur allzu deutlich. Es sind daher noch immer infantile Projektionen eines gekränkten Nationalbewusstseins am Werk, das anderen zuschiebt, was es selbst zu verantworten hat; ähnlich eines Kindes, welches das Spiel verlor und anschließend über das Regelwerk zu streiten beginnt. Der Selbstschutz, der damit seitens der Alliierten einherging, dass nämlich der „totale Krieg“ der Deutschen bedeutete, entweder als Volk zu siegen oder gemeinsam als solches unterzugehen, und dass daher für die Alliierten keine Kapitulation trotz offensichtlichem militärischen Ende der Nazis zu erwarten war und man durch die Erfahrungen seit Kriegsbeginn schlussfolgern musste, keinerlei Unterstützung von den deutschen „Zivilist_innen“ erwarten zu können, bedeutete aus alliierter Sicht, den eigenen Frontsoldaten nicht die gleiche Irrationalität widerfahren zu lassen, die die Deutschen noch in den letzten Kriegstagen mit Verbissenheit vollzogen haben. Zudem war es notwendig, weiter fortzuschreiten, da man längst von der Massenvernichtung und von den Todesmärschen wusste, deren letzte Überlebende es zu befreien galt. Aus dieser explizit antideutschen Sicht war es daher weder sinn- noch nutzlos derart zu verfahren. Und würde man sich in Nordhausen ein wenig mehr auf die Erlebnisberichte der KZ-Häftlinge berufen, wenn es um deren Blick auf die Luftangriffe geht, so würde man ebenfalls recht schnell zu anderen Schlussfolgerungen gelangen. Solchen nämlich, die sie als ersten lichten Hoffnungsschimmer in einer von jahrelangem Tod und Elend geprägten, rabenschwarzen Nacht ansehen konnten. Da diese Perspektive überhaupt keinen Einzug ins rolandsche Narrativ findet, unterstellt man den befreienden alliierten Kräften übertriebene Härte, mangelnde Humanität gegenüber den eigentlichen Peiniger_innen und Rachegelüste.

Dies unterstreicht nur allzu stark, wie unreflektiert sich noch heutzutage der Narrative bedient wird, die gleich nach dem Krieg die gewöhnlichen Deutschen von jeglicher Mittäterschaft exkulpierten. Die antiimperialistische Propaganda, die auf den Arbeitswillen und jenes technische Denken der Nordhäuser_innen bauen konnte, mit denen diese akribisch genau und gewissenhaft zuvor dem Volksstaat treue Dienste bei seinem Eroberungs- und Vernichtungsfeldzügen leisteten, stilisierte fernab jeder militärhistorischen Erkenntnis und ohne auch nur Bemühungen zu unternehmen, die Beweggründe und Sichtweisen der Westalliierten zu verstehen, diese zum Sündenbock und stellte damit weiten Teilen der ansässigen Bevölkerung eine nahezu weiße Weste, einen Freifahrtsschein in Richtung Aufbau und Zukunft der eigenen sozialistischen Stadt aus. Ein propagandistisches Fundament, von dem die Erzählungen noch heute zehren. Das Erwachen oder eher unliebsame Erwecken nach dem Rausch des Nationalsozialismus änderte zunächst lediglich den Überbau – die offizielle Ideologie -, nicht aber die Struktur des deutschen Arbeitskollektivs. Mit demselben Eifer, mit welchem zuvor die Zerstörung und Vernichtung vollzogen wurde, wurde nun mit Übererfüllung der Zwei- und Fünfjahrespläne der Stadtaufbau vorangetrieben. Die Nullpunkt-Metaphern und sog. völlig unschuldigen „Trümmerfrauen“, die nun allein ohne Hab und Gut sowie Männern dastanden erzählen Bände, nur leider keine über die „Heimatfront“, die ohne sie und die Zwangsarbeiter_innen nie hätte aufrechterhalten werden können. So wie alles verschüttet war, schien ebenfalls auch das eigene Gedächtnis nicht mehr auffindbar gewesen zu sein. Anstelle der Frage, wie es zum Vernichtungsfeldzug kam und dem Entsetzen, was im Osten wirklich geschah, war man bereits im zweiten Jahr nach der Bombardierung froh, sich selbst auch als Opfer stilisieren zu können, nachdem in der unmittelbar nach Kriegsende am stattfindenden Andacht zum Gedenken an die in der Bölcke-Kaserne ums Leben gekommenen KZ-Häftlinge die Nordhäuser_innen nur unter Zwang durch die Austeilung ihrer Pässe, an die die Vergabe der nach dem Krieg so notwendigen Lebensmittelkarten geknüpft waren, eine hohe Teilnahme erreicht wurde.

Mit der beginnenden Blockkonfrontation verschärften sich ebendiese politisch wirkmächtigen Deutungsmuster von Rache und Sinnlosigkeit und schrieben sich scheinbar so tief in das Unterbewusstsein jener noch heute aktiven DDR-sozialisierten Politiker_innen und Bürger_innen der Rolandstadt ein, dass diese unbelehrbar zu bleiben scheinen, was die Grenzen der Aufklärung umso evidenter werden lässt. Die gegenwärtige erinnerungspolitische Idiotie umfasst die doppelte Opferrolle der Deutschen, die nach dem Leiden am inneren Feind, den Nationalsozialisten, dann auch gleich dem äußeren Feind anheimgefallen sind. Fand in der DDR dieser äußere Feind noch unter dem Label des westlichen Imperialismus Einzug ins kollektive Gedächtnis, dessen Vormachtstreben wie man durch die Bombardierungen wusste, auch an der „Zivilbevölkerung“ Deutschlands nicht Halt machte, so wird heutzutage das Leiden unter dem Stalinismus als Relativierungsmetapher und Schuldabgeltung herangezogen, um die verlängerte Unfreiheit gegenüber dem neuen großen Bruder in der nun freien Bundesrepublik zu legitimieren. Entscheidend ist, dass das alles in eine einzige Gemengelage bestehend aus Leid und Verzweiflung gebracht wird, Ziel, Zweck und historische Spezifik bleiben dabei ungeachtet. Die Besonderheit der nationalsozialistischen Vernichtungsideologie, ihr eliminatorischer Erlösungsantisemitismus, und die Notwendigkeit ihrer externen Zerschlagung bleiben demnach außen vor. Dieses ist umso bezeichnender, wenn man derzeitige Versuche der scheinbaren Entpolitisierung der Erinnerungskultur betrachtet, wie im zweiten zu lesen sein wird. Das gegenwartspolitische Interesse ist die Lobpreisung der Güte des derzeitigen Bewusstseins die eigene deutsche Geschichte betreffend, also endlich etwas aus ihr gelernt zu haben. Nur leider melden sich nun die Störenfriede von Rechtsaußen und wackeln gewaltig am langersehnten Status quo der endlich „normalen“ deutschen Nation und ihrer toleranten Stadt der Vielfalt Nordhausen.

Erinnerungspolitische Anachronismen und Idiosynkrasien

Dass solch ein vorscheinlich entpolitisiertes Erinnern nicht aufgeht, wird allerdings seit einigen Jahren am offenen Auftreten der Neonazis auf solchen Gedenkveranstaltungen ersichtlich. Dabei „instrumentalisieren“ sie diese nicht, sondern befördern lediglich ihre innere Widersprüchlichkeit zu Tage. Die Neonazis sind dabei nichts weiter als Brandbeschleuniger. Am offensichtlichsten wird die innerideologische Diskrepanz allein dadurch, dass auf Biegen und Brechen zusammengebracht werden soll, was historisch schlicht inkonsistent ist. So fand in Nordhausen über lange Zeit keine Erwähnung des Widerstandes im Nationalsozialismus an den Gedenktagen zur Bombardierung statt. Mit der zunehmenden Präsenz neonazistischer Gruppen und derer „Vereinnahmung“ und „Instrumentalisierung“ des Opfergedenkens änderte sich dieses in den letzten Jahren und am prägnantesten am vorletzten Gedenktag. Im letzten Amtsjahr der damaligen Oberbürgermeisterin Barbara Rinke fokussierte sich diese daher sehr deutlich auf den Widerstand von Nordhäuser_innen im Nationalsozialismus. In historisch inkongruenten Zusammenführungen verband sie die Toten der Bombardierungen mit dem Widerstand während des Nationalsozialismus, welcher sich auch in Nordhausen als nachweisliche Ausnahme zeigte. Der mehrschichtige Anachronismus, die Opfer der Nazis mit den Toten der Bombardierungen in einem Atemzug zu nennen, zeigt sich allein dadurch, dass keiner dieser subversiven Menschen durch die Befreiung der wirklichen Opfer aus der Luft gestorben ist. Sie selbst erwähnte Louis Schierholz, dessen Tod aufgrund mehrjähriger Lagerhaft in Nordhausen lange vor den Bombardierungen stattfand. Auch der vorgebrachte Sozialdemokrat Emil Reichard verstarb 1942 im KZ Buchenwald. Die anderen von Frau Rinke angeführten Widerständigen, der Psychiater Dr. Kurt Isemann, Curt Joedicke und die für Jüdinnen Unterschlupf gewährenden Nordhäuserinnen Ida Kelle und Berta Gerlach überlebten die Bombardierungen unversehrt. Anstatt ihnen an deren Todes- oder Befreiungsdaten zu gedenken, werden sie in die Reihe der Bombenopfer eingegliedert. Die Verschiebung der Gedenkkultur auf den Nordhäuser Widerstand und dessen Vereinnahmung in ein gemeinsames Narrativ – zwischen dem Datum der Bombardierung und den verschiedenen Daten, an denen Widerstand tatsächlich stattfand, besteht kein logischer oder historischer Zusammenhang – begann mit dem offensichtlichen Auftreten der Neonazis, was wiederum für die bürgerlichen Fraktionen eine Handlungszwang hervorrief, um sich selbst des „Aus-der-Geschichte-gelernt-Habens“ zu versichern. Seitdem finden reaktive Deutungsmuster zur Bombardierung („Zugleich darf man allerdings nicht vergessen, dass die Bombardierungen auch Reaktion waren auf die Aggression Hitler-Deutschlands, die Europa überzogen haben“) genauso Einzug in die Veranstaltung wie der Verweis auf den Widerstand.

So ist der Verweis auf die Widerstandsorganisation „Weiße Rose“, die Frau Rinke in ihrer damaligen Rede völlig unproblematisch „als wahre deutsche Patrioten und als Humanisten“ beschrieben hat, ebenfalls überflüssig. Hätte sie sich nicht nur das erste der fünf Flugblätter, welches lediglich eine Aneinanderreihung von Goethe und Schiller Zitaten ist, zu Gemüte geführt, sondern auch einen Blick in die restlichen, wirklich aus der Feder der Widerstandsorganisation stammenden Zeilen geworfen, so wäre ihr aufgefallen (oder durch die eigene Verblendung auch nicht), dass die Gruppe  durchweg aus einer Position zum Wohl des eigenen Volkes, nicht aber aus dem Blick der frühesten Opfer, den Jüdinnen und Juden, argumentierte. Sie wollten explizit „keine Verteidigungsrede“ zur Judenfrage schreiben und verweisen in grenzziehender Weise darauf, dass „Auch die Juden […] doch Menschen“ (zweites Flugblatt) sind. Der Impetus für ihre Moralschriften ist klar: erst sind die Juden dran und dann wird ein neuer Sündenbock gesucht, was wir selbst sein könnten.Überhaupt wird an ihrer gesamten Argumentation deutlich, dass sie stärker am Ansehen und der zerfallenen Würde ihrer deutschen Nation leiden, als am Verlust der von ihnen wenig beachteten jüdischen Mitbürger_innen.

Einzig das damals bereits vorhandene Wissen um den Massenmord kann man aus den Flugblättern der weißen Rose extrahieren; dass man nämlich bereits 1942 in Deutschland wusste, „dass seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialischste Art ermordet worden sind.“ Sie selbst gingen davon aus, dass die deutsche Bevölkerung „es schon selber wissen“ musste. Bereits in diesem zweiten Flugblatt wird deutlich, dass auch für die „Weiße Rose“ nicht der eliminatorische Antisemitismus und sein gesellschaftsfähiger Konsens, der zur Zeit jener Veröffentlichungen bereits ein fast vollständig „judenreines“ Deutsches Reich bedeutete, Dreh- und Angelpunkt der nationalsozialistischen Ideologie und seiner politischen Staatsform war, sondern die gesellschaftliche Machtlosigkeit der deutschen Massen gegenüber dem wie vom Himmel gefallenen Unrechtsstaat. Daher konnte die „Weiße Rose“ nicht ohne Grund nach der externen Beendigung durch die alliierten Kräfte zum letzten Halt und ersten greifbarem Strohhalm des „postnazistischen“ Nationalbewusstseins, zum Identifikationssymbol sans phrase hochstilisiert werden. Es bot sich förmlich an, eine überwiegende „Unschuld des deutschen Volkes“ mittels einer Verblendung durch „die Nationalsozialisten“ aufzubauen, immerhin waren der Führer tot und seine Gefolgschaft wie vom Erdboden verschwunden.

Der Rekurs auf den Widerstand von Rinke dient mehr dem schlechten Gewissen, das seinen Platz nirgends findet und daher wahllos und beliebig auf Knopfdruck an jedem Ort und zu jeder Zeit aktiviert werden kann, wie sich am Beispiel der Nordhäuser Erinnerungskultur offenbart, als der ernsthaften Auseinandersetzung aus der Opferperspektive. In der letztjährigen Rede des Oberbürgermeisters Zeh fand nach mehrjähriger Pause die Erwähnung der Bombardierung der Boelcke-Kaserne in diesem Zusammenhang erstmals wieder statt: „In einer halben Stunde hatten hunderte von englischen Bombern unter Sirenengeheul den Tod in die Stadt getragen. […] Sie treffen die Häftlinge des KZs Mittelbau-Dora, die von der SS in der Boelke-Kaserne [sic!] am Rande der Stadt eingepfercht wurden.“ Dass durch die fehlende Kennzeichnung der Gebäude mit einem roten Kreuz die Opfer der Boelcke-Kaserne nicht auf die Kosten der Alliierten gehen, sollten sie nicht ohnehin bereits zu großen Teilen tot gewesen sein, was die bekannten Bedingungen im Sterbelager vermuten lassen, bleibt von ihm unerwähnt.

Die Geschichte wird, repräsentativ für deutsche Verhältnisse, wie sich auch an der im letzten Jahr ausgestrahlten identitätsstiftenden Filmreihe „Unsere Mütter unsere Väter“ zeigt, in Nordhausen nicht aus Sicht der Jüd_innen oder KZ-Häftlinge reproduziert, sondern nun auch, nach dem Erinnerungsboom seit Anfang der 90er, mit ihren überwiegend deutschen Zeitzeugenberichten aus der Perspektive minimaler Teile der deutschen Mehrheitsgesellschaft, den Widerständigen, die zum Einen alles andere als repräsentativ für die Sache sind und zum Anderen mit dem Moment der Bombardierung nichts gemein haben. Die anachronistische Überbetonung der Ausnahme ist der offensichtlichste Verweis auf den deutschen Abwehrreflex. Daran ändert auch nichts, dass Zeh in seiner letztjährigen Rede bemerkt:

„Diese Fragen nach dem ‚Warum’ und der Verhältnismäßigkeit sind aus meiner Sicht nur von den Alliierten Mächten zu stellen. Für Deutschland und die Deutschen verbietet sich diese Frage. Denn: Wir Deutsche haben einen bisher noch nie da gewesenen Vernichtungskrieg begonnen, auch gegen die Zivilbevölkerung der eroberten Gebiete. Wir haben millionenfachen Tod in andere Länder gebracht. Wir Deutsche haben ein fabrikmäßiges Töten gegen Juden, andere Bevölkerungsgruppen und Menschen mit so genanntem minderwertigen Leben in Konzentrationslagern in Gang gesetzt, das alles bisher Vorstellbare an Grausamkeit, Widerwärtigkeit und Bosheit in den Schatten stellt! Deshalb haben wir kein Recht auf diese Fragen nach der Sinnhaftigkeit und der Verhältnismäßigkeit der Mittel der Gegenwehr der Verteidiger gegen Nazi-Deutschland.“ Und er tut es doch und schafft es dabei, diesen Wirrwarr noch zu perfektionieren.

Je stärker er auf die Zerstörung, die durch die Deutschen ihren Ausgang nahm, einging, desto obskurer die sind jene Narrative, die er zur Legitimität der Nordhäuser „Zivilbevölkerung“ aus alten, archiviert geglaubten Beständen heranzieht; Beschreibungen, die sich mit denen der Neonazis kreuzen. Als hätte keinerlei wissenschaftliche Forschung zum Luftkrieg über Nordhausen stattgefunden, bedient er die alten Rache-Mythen und vermengt, entgegen jeglicher militärhistorischer Nachweise, die objektiven Tatsachen mit dem Abwehrverhalten der Nordhäuser_innen und ihrer Selbstbemitleidigungen, die die Bombardierungen aus erster Hand miterlebten. Diese wussten natürlich sehr wohl über ihr schreckliches Erlebnis zur Bombardierung zu berichten, detailliert und redselig wie nie zuvor – gerade in der Nachwendeperiode der freien Erinnerung, in der diese endlich sagen konnten, was durch das Diktat der Funktionsapparate der DDR zu Teilen stillgestellt war. Was aber insbesondere davor geschah, was ihre Funktion in der Rüstungsindustrie war, wie ihre Einstellungen zu den Zwangsarbeiter_innen oder zu den zu dieser Zeit bereits in Vernichtungslagern ermordeten einstigen jüdischen „Mitbürger_innen“ der Stadt aussahen, blieb im Stummen verborgen. Dort wo es hervorkam, waren sie „Kriminelle“ und „Plünderer“, gerade nach der Bombardierung und Befreiung. Was in dieser chaotischen Situation in der Stadt unter Deutschen keinerlei Anstoß erregte, wenn diese sich gegenseitig bestahlen, wurde gemäß dem Prinzip der pathischen Projektion umso stärker auf das Fehlverhalten mit erneutem Entledigungswahn auf alle „Ausländer“ übertragen. Zudem bedient er Erzählungen von abgeworfenen Brandbomben und Phosphorbehältern, die in Nordhausen nie zum Einsatz kamen, an denen man aber merkt, wie groß das Zusammengehörigkeitsgefühl zu jenen Volksgenossen in anderen Städten ist, in denen diese wirklich eingesetzt wurden (Hamburg und Dresden). Dabei ist es allerdings völlig egal, was in Nordhausen genau geschah, einzig die gemeinsame deutsche Leiderfahrung zählt. Die der anderen Gruppen können, solange dies nicht explizit aufgezwungen wird, in Vergessenheit geraten. Erwähnung findet dabei in diesem Zusammenhang auch nur der Vergleich zu von Deutschen bombardierten Städten. Dass sich die Spezifizität des Nationalsozialismus jedoch längst nicht in der Zerrüttung und Unterjochung anderer Nationen sowie der Einverleibung ihrer Gebiete erschöpft, um das Ziel des „Lebensraumes im Osten“ gegenüber jenen „Untermenschen“ zu verwirklichen, sondern diese im restlosen Vernichtungswahn der Deutschen gegenüber dem „Weltjudentum“ liegt, der kategorischen „Gegenrasse“, mit derer puren Existenz dieses Ziel nicht realisierbar schien, ist auch Zeh nicht bewusst.

Völlig enthistorisiert und dekontextualisiert kommt hier also der unterschiedliche Zweck zum Vorschein. Wollten die Deutschen eine rassische Neuordnung Europas, bei der die einst versuchte wissenschaftliche Herangehensweise zur Kategorie „Rasse“ negativ verwendet wird, um ihre Degeneration abzuwenden und um die Endlösung der Judenfrage endgültig zu vollziehen. Dabei war den Nationalsozialisten jedes Mittel recht (so auch die Einführung von Flächenbombardements; auch die Perfektionierung der Vernichtungsmaschinerie u.a. durch Erfurter Krematorien und Be-/Entlüftungssysteme für die Gaskammern, entgegen jeder ökonomischen Notwendigkeit etc., da dieser Produktionszweig gerade mal rund 5% des unternehmerischen Profits der Firma in ihrer konjunkturellen Hochphase ausmachte, zählt hier mit hinein). Doch in Deutschland sieht man zum Bombardierungsgedenken immer wieder nur Schutt und Asche, Wiedererkennungssymbole soweit das Auge reicht.

Die Erklärung, es wäre eine solche soziale Apathie der „Zivilbevölkerung“ im Gang gewesen, ist für das Deutsche Reich im Allgemeinen und das thüringische Nordhausen im Besonderen hinfällig, wie u.a. Volkhard Knigge für ganz Thüringen unterstreicht, dass Hitler kein Naturereignis gewesen sei.[2]Dennoch wird an den symbolischen Aktionen der toleranzbewussten Bürger_innen deutlich, dass sie den Nationalsozialismus als eben solches behandeln: So wurde vor zwei Jahren ein Zeichen gegen die Neonazis auf der Gedenkveranstaltung dadurch gesetzt, dass braunen Feinden bunte Regenschirme entgegengestreckt wurden, um diese dadurch abzuschirmen, gerade so, als seien sie vom Himmel gefallen und zufällig eben dort gelandet.[3] In eine historische Betrachtung eingebettet würde man erkennen, dass bereits 1924 in Thüringen völkische Antisemiten erstmals in den Landtag gewählt worden waren und dass zur nächsten Landtagswahl schließlich 1930 der NSDAP-Funktionär und spätere Reichinnenminister Wilhelm Frick auf demokratischem zum Innen- und Volksbildungsminister Thüringens ernannt wurde. „Das völkische Milieu verhalf der NSDAP  nach der Aufhebung des Parteiverbots zu einer eigenständigen Entwicklung. […] [Sie] hatte sich organisatorisch bis in das kleinste Dorf weiter ausgebreitet“.[4] Dass damit bereits lange vor der Machtzuweisung Hitlers durch das gesamte deutsche Volk gerade auch im thüringischen Nordhausen der Nationalsozialismus seine Wurzeln zog, wird hierzulande schnell vergessen und zeugt zugleich vom antiquierten Bewusstsein seiner jetzigen Bevölkerung.

Geht zwar Zeh entscheidend über Rinke hinaus, indem er die Bombardierungen nicht wie sie „auch [als] Reaktion“, sondern als manifesten Bestandteil der Beendigung der Barbarei versteht, die „ein fabrikmäßiges Töten gegen Juden, andere Bevölkerungsgruppen und Menschen mit so genanntem minderwertigen Leben […] in Gang gesetzt“, „einen bisher noch nie da gewesenen Vernichtungskrieg begonnen“ hat, ausgehend von seinen Verursachern: den Deutschen. Deren Pflicht sei es, „die Fragen nach den Ursachen der Zerstörung unserer Stadt zu beantworten. Wir müssen für Klarheit sorgen von Ursache und Wirkung, von Angriff und Verteidigung im Zweiten Weltkrieg.“ Aber genau an dieser Stelle scheitert sein Vorhaben, keine Rede von den Elementen und Ursprüngen, ihrem regionalen historischen Verlauf, ihrer frühzeitigen Genese und späteren Omnipräsenz, die eine öffentliche Kollektivtrauer würden hinfällig werden lassen, letztlich jegliche Formen der Trauer, die über das Private hinausgehen.

Massenpsychologie und Roland-Analyse

Die libidinöse Besetzung der Person Adolf Hitler stellte im Nationalsozialismus nichts weiter als die Externalisierung jener Ich-Schwäche dar, die die Diskrepanz von Ich und Wir in der Einheit des Kollektiv-Ichs auflöste. Da dieses Kollektiv jedoch eine Identifikations- oder Vaterfigur benötigte, um Stärke demonstrieren und in ihrem Schatten dem Wahn freien Lauf lassen zu können, ohne sich der Eigenverantwortung, der menschliches Handeln per definitionem unterliegt, Gedanken machen zu müssen, erfüllte „der Führer“ eben jenes Bedürfnis der Versöhnung der eigentlich innerpsychischen Instanzen. Eine Geschichtsträchtigkeit der Deutschen liegt darin, obrigkeitshörig zu sein und einem blinden aber konsequenten Aktionismus zu verfallen, für den im Nachhinein jedwede Verantwortung verweigert wird, obwohl das Blut noch an ihren Händen klebt. Als sodann der Vatermord nicht etwa durch eines der blutsverwandten Geschwister, deren Besetzung jener Führerposition noch um einiges erleichtert und die Neuordnung Europas nicht prinzipiell verändert hätte, da die Familienbande ohnehin an Homogenität unübertrefflich schien, sondern die realhistorische Situation dem Potenzwahn ein Ende durch fremde Mächte setzte, war die Kastration perfekt. Der Phallus der Volksgemeinschaft, der im in Nordhausen so lange umtrauerten Petersturm auf dem zentralen Stadthügel symbolisch seinen Ausdruck findet, wurde während der Bombardierung enthauptet und fast komplett zerstört. Dem Penisneid, dass der große Bruder der UdSSR ein Vorrecht in der Souveränität und Selbstbehauptung zukam, welche den DDR-Bürgern verwehrt blieben, wurde Abhilfe verschafft, indem der Petersturm im Wiederaufbauwahn der gekränkten Nordhäuser_innen zum Erinnerungs- und Identitätssymbol avancierte. Gleiches gilt für die Frauenkirche in Dresden, außer dass hier eine andere zeitliche Logik ihren Ausdruck findet. Während die Frauenkirche ein gesamtdeutsches Arbeitsprodukt als Symbol der Wiedervereinigung und des versöhnten Deutschlands unter dem nun existenten Paradies von Einigkeit und exportschlagender Brüderlichkeit wurde (nach dem Sündenfall „Nationalsozialismus“ und der Sühne von Bombardierung und Wiederaufbau von zwangsgetrenntlebenden Volksdeutschen unter westalliiertem und sowjetischem Diktat), kam es in Nordhausen zu einer weiteren, der „zweiten Kastration“. Als der Nordhäuser Phallus, der Petersturm, nun endlich wieder komplett in seiner vollen Pracht samt Kuppe, dem neuen Dach, im Jahr 1987 erstrahlen durfte, wurde dem Nordhäuser Roland sein Ruhm und seine Siegprämie vom Lauf der Geschichte erneut vergönnt. Und es war erneut „der Westen“, was wiederum das ambivalente Verhältnis zu erklären vermag. Nachdem zum 40. Jahrestag der Bombardierung 1985 der Bürgermeister seine getreuen Schäfchen noch lobte, „dass die vergangenen vierzig Jahre die erfolgreichsten in der über tausendjährigen Stadtgeschichte gewesen seien“[5], kam bereits zwei Jahre nachdem dem Nordhäuser Roland so sehr durch Papas Lob die Brust anschwoll dieser erneute Schlag ins Gesicht. Der über mehr als 40 Jahre gedauerte Fleiß, Staat und Stadt mit eigener Hand, mit eigen Schweiß und Blut wieder aufgebaut zu haben, war plötzlich nichts mehr wert und die DDR-Sozialisierten wurden noch immer nicht in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen und wie kleine Brüder und Schwestern behandelt, die erst noch lernen müssen, mit der Freiheit umzugehen. Trost war lediglich, dass der solange abgeschnittene Teil des Volkskörpers, die Familienbande, wieder vereint war und die Bevormundung nun von jener Sippschaft kam, die den Vater 45 Jahre zuvor ebenfalls verlor: Eine Schicksalsgemeinschaft.

Die Wende, als recht plötzlicher Wurf ins kalte Wasser für das Bewusstsein der meisten Betroffenen, offenbarte dabei jedoch jene Triebstruktur der „Wir-sind-ein-Volk“-Metaphorik. Und was sie bedeutete, zeigte sich kurz darauf in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen: Dass der Streit um Zusammenschluss und (Wieder-)Eingliederung de facto Einschluss bedeutete, der zugleich einen Ausschluss impliziert, wurde erneut umso „deutschlicher“: die sublimierte Kastrationsangst und daraus resultierte Triebentladung der alten Volksdeutschen in den neuen Bundesländern entlud sich naturwüchsiger weise weniger am wiedergefundenen blutsverwandten großen Bruder, sondern viel mehr am „Ausländer“, der die Einheitsharmonie mit seiner puren Existenz störte und madig zu machen schien, indem er rein phänotypisch nicht ins Bild passte.

Nachdem diesem Drang zur Unmittelbarkeit viel zu spät mit staatlichen Mitteln Einhalt geboten wurde, und dann auch nur durch den sog. Asylkompromiss, der das Grundrecht auf Asyl faktisch abzuschaffen vermochte und einen bis heute bestehenden Rechtsruck darstellte, schlug sich jene Unmittelbarkeit kurz darauf nicht mehr mit der Faust bahn, dafür jedoch umso nachdrücklicher verbal. Was in der Geschichtswissenschaft als Dekade der Zeitzeugen (Norbert Frei) bezeichnet wird, markiert nur allzu prägnant, welche Gedanken deutschen Hirnen entspringen, wenn ihnen durch die freie Presse weder politische Zensur noch Maulkorb angelegt sind. So ist es kein Zufall, dass sich insbesondere ab 1995 das Spektrum der Erinnerungsakteure in der Öffentlichkeit enorm erweitert. Neben dem mit der Luftkriegserinnerung einhergehenden großzügigen Versöhnungsangebot an die einstiegen Aggressoren, die das Unheil über die doch sonst so normale Stadt erbrachten, indem alle einem gemeinsamen Opferkollektiv zugeordnet wurden, brachte diese Universalisierung der doch allen Beteiligten gleichermaßen widerfahrenen Kriegstraumata auch die Nordhäuser Zeitzeugen ins Geschäft: Gesprächsrunden, Augenzeugenberichte, Buchveröffentlichungen, Ausstellungseröffnungen und die Lokalpresse, die zu dieser Zeit verlautbaren ließ: „Eine der wichtigsten Informationsquellen sind fraglos die Zeitzeugen. […] Einen Bruchteil möchte auch die TA zur Aufarbeitung beitragen. So werden wir in den nächsten Tagen auch in unserer Zeitung mehre Zeitzeugen zu Wort kommen lassen.“[6] So fraglos hier die Zeitzeugen herangekarrt werden, so fraglos finden sich darunter keine ehemaligen Zwangsarbeiter_innen und ihr Erfahrungshorizont zu dieser Thematik. Die Deutlichkeit der Verweise auf die Gefühle und Ängste der Mitglieder der deutschen Schicksalsgemeinschaft sowie die Egalität gegenüber jenen, die nicht zu dieser Volksgemeinschaft gezählt wurden, lässt keinen Zweifel übrig, dass das vielbeschworene Band dieser Verwandtschaft längst noch nicht gerissen gewesen ist, auf welches umso deutlicher gepocht wird, wenn auf den sogenannten „Zivilisationsbruch“ verwiesen und die nun erwachsene Bevölkerung gepriesen wird. Nordhausen scheitert am Denken über Auschwitz.

 

(2)       Kritik

„Es ist verrückt, wie sich die Dinge umkehren. Vor 70 Jahren wollten sie mich umbringen, jetzt ehren sie mich.“ (George Brady[7])

Die große Errungenschaft für Nordhausens Image lag zweifelsfrei darin, offiziell zur letzten Gedenkveranstaltung nichts mehr mit „den Nazis“ zu tun zu haben. Es wurde lange Zeit nach Möglichkeiten und Wegen gesucht, diesen Geschichtsrevisionist_innen keine Plattform auf der für Nordhausen notwendigen Selbstbemitleidungsfeier des Bombardierungsgedenkens bieten zu müssen. Es war 2011, als der Kranzniederlegung der Neonazis mit bunten Regenschirmen begegnet wurde, so als seien sie ein Regenschauer, der über die friedliche Veranstaltung fegt. Im Jahr 2012 entschloss man sich, keine Kränze zu dulden, da deren Spruchbänder für falsche Inhalte hätten „instrumentalisiert“ werden können. Stattdessen entschied man sich für die Niederlegung von weißen Rosen, die den Schulterschluss zur gleichnamigen Widerstandsorganisation ziehen sollte. Weder ein historischer noch ein gegenwartspolitischer Bezug, der diese Symbolik trifft, geht daraus hervor, wie ausgerechnet Elbert treffend in seiner letzten Ansprache bemerkte („den Geschwistern Hans und Sophie Scholl, die sich meines Wissens nie in Nordhausen aufgehalten haben“) Oder wollte man zu verstehen geben, dass man sich heute dem „braunen Ungeist“ widersetzt, der erneut sein Unwesen treibt? Die weiße Rose, bei aller inhaltlichen Kritik, operierte im Untergrund, da sie um ihr Schicksal wussten, sollte ihr Vorhaben auffliegen. Die gegenwärtige politische Situation ist eine völlig andere. Sogar hier im Osten sind rechtsradikale Bewegungen weder in Regierungsverantwortung, noch besitzen sie ausreichend andere institutionelle Ressourcen, die ihnen zentrale Machtpositionen ermöglichen. Gerade vor diesem Hintergrund ist das Spektakel zu verstehen, welches sich nach dem tätigen Angriff des NPD-Kreisvorsitzenden Roy Elbert auf Frau Rinke entfachte. Davon ausgegangen, dass sie einer Aufgabe nachging, die ihrer Funktion als damals amtierende Oberbürgermeisterin zukam, nämlich die zuvor festgelegte Regelung, keine Kranzniederlegung zu dulden, durchzusetzen, kann der wochenlange „Rinke-Hype“ nur als Triebentladung angesehen werden. Die jahrelange Suche nach identitätsstiftenden Strohhalmen, nach denen man zu greifen versuchte, kam an ihr vorläufiges Ende: nun hatte man eine sich antifaschistisch gerierende und agierende Oberbürgermeisterin, der es zugleich gelang, aus der Nordhäuser Volksgemeinschaft im NS-Deutschland eine Widerstandsbastion werden zu lassen, an derer Tradition sie postwendend verbal wie aktiv anknüpfte. In Nordhausen war man damit politisch wieder wer, insbesondere nach den ewig nicht abreißenden Meldungen über rechtsradikale Aktivitäten in der Stadt wurde endlich ein Zeichen gesetzt. Stolz war das Stichwort jener Tage. Trotz einer rein formellen Auseinandersetzung, nicht aber eines inhaltlichen Diskurses, schien man nach jahrelangem Gerangel um würdiges und ehrliches Gedenken 2013 endlich soweit am Ziel angelangt: man hatte die Neonazis rausgeekelt aus dem reinen Stübchen, waren sie doch ohnehin nur dessen Nestbeschmutzer gewesen. Dass sie jedoch stets an Ort und Stelle sind, ist logische Konsequenz öffentlichen Gedenkens an deutsche Opfer; eine Konsequenz, die sich inhaltlicher Art nur in graduellen Schattierungen und formeller Art in Ausdruck, Tonfall und im Auftreten der politischen Akteure bahnbricht. Während die Unschuld und das „deutsche Leiden“ bei den Neonazis den „Volkskörper“ betreffen, sind es bei dem Rest der Stadt eben die „unschuldigen Zivilisten“, die im „Bombenhagel“ ihr Leben ließen. Es ist eine Widersprüchlichkeit, die sich im letzten Jahr im inhaltlich weitgehend kongruenten, allerdings formal getrennten Gedenken aufzulösen versuchte. Von einer Aufhebung im dialektischen Sinne, die negiert, konserviert und sich damit über ihren Gegenstand erhebt, kann hier jedoch keine Rede sein, da die Vorbedingung von These und Antithese gar nicht gegeben ist. Es sind zwei Seiten derselben Medaille. Die sich lediglich zu unterschiedlicher Zeit auf dem Rathausplatz postierenden Positionen sind sich schlicht zu ähnlich, um eine solche Aufhebung zu erwirken. Dass wir es hier nicht mit einem prinzipiellen Widerspruch zu tun haben, zeigt sich am jüngsten Skandal, bei dem der amtierende Oberbürgermeister Zeh den Neonazis ein Diskursangebot machte und ihnen damit eine Plattform bot, sie zurück ins Geschäft der regionalen Gedenkkultur zu holen. Er besiegelte damit symbolisch jenen Handshake, der im letzten Jahr von Roy Elbert in seiner Rede bereits unterbreitet wurde: „Ich möchte mich allerdings im Interesse der Bombenopfer dafür aussprechen – abseits jeglicher politischer Differenzen – GEMEINSAM der Nordhäuser Toten zu gedenken!“ Der „Bruch mit der Vergangenheit“ hielt nicht lange an.

Was dies für das diesjährige Gedenken bedeutet, lässt sich nur erahnen. Deutlich wird jedoch, dass mit der Haltung, „man könne doch über die politischen Differenzen reden“, für eine radikale, wahlweise antideutsche oder antinationale, Linke jegliche Formen der Ideologiekritik an ihre Grenzen kommen. Das Fahrwasser ist so wechselhaft, dass die Widersprüche und Anachronismen in ihren politischen Ausdrucksformen problemlos und unwidersprochen nebeneinander bestehen können, ohne eine ernsthafte Kritik in Gang zu setzen. Das Einzige, was in dieser Stadt zu erwarten ist, ist Sprach- und Ahnungslosigkeit. Diese zeigt sich am idiosynkratisch-unvermittelten Gerede der Lokalpolitiker_innen im gleichen Maße wie am Jargon ihrer rechtsradikalen „Antipoden“. Augenscheinlichster Ausdruck dieser Sprachlosigkeit gepaart mit affektiver Emotionalität war zum Gedenken an die Novemberpogrome die Ansprache des Oberbürgermeisters, der, nachdem er völlig unproblematisch von der „Reichskristallnacht“ sprach, in weinendem Entsetzen die Nachricht übermittelte, dass am Vorabend Hakenkreuze an die Gedenkstätte Mittelbau-Dora geschmiert wurden.

Es ist ein Zerfallsprozess, der schon längst in Nordhausen auch die radikale Linke befallen hat. Er kommt schon darin zum Tragen, dass der Vorwurf des Geschichtsrevisionismus jener antifaschistischen Autonomen, die sich demonstrativ mit einem Banner im letzen Jahr in die Bäume hängten, um die Veranstaltung der Neonazis zu stören, nur an diese, nicht aber ans bürgerliche Gedenken gerichtet wurde. Eine radikale, nicht-identitäre Linke sucht man in Nordhausen vergeblich. Wie an anderer Stelle ausgeführt, wird den betrauerten Menschen mit einer öffentlichen Gedenkveranstaltung in ihrer „zivilgesellschaftlichen Funktion“ gedacht, in der sie kläglich versagten, was wiederum ein solches Gedenken vollends delegitimiert. Alle Versuche einer Erinnerung, die über das private Gedenken hinausgehen, schüren Opfermythos, Enthistorisierung und damit ihren verlängerten Arm des Revisionismus.

Die zu Beginn gestellte Frage, wie „normal“ das hiesige Stadtgeschehen sei, beantwortet sich dahingehend, dass der Wahn in seiner Potenz um sich greift, wie er in ganz Deutschland gerade mit den „Nein zum Heim“-Protesten gegen Flüchtlingsunterkünfte stattfand. Während mancherorts Nazis mit „normalen Bürger_innen“ unbedenklich gemeinsame Sache machen (Schneeberg), wo sich andernorts pikiert formeller Abstand einstellte, als publik wurde, wie eng die inhaltlichen Verflechtungen mit der NPD und den Freien Kameradschaften sind, oder wieder woanders gar keine Nazis im Spiel sind und dennoch die gleichen Argumente fallen, entäußert sich hier das gleiche Spiel auf einem anderen Terrain. Die radikale Linke verkennt ihre historische Rolle, indem sie diesmal im expliziten Staatsauftrag handelt, zivilgesellschaftliches Engagement zu zeigen, wohingegen Anfang der Neunziger ein impliziter Staatsauftrag bestand, die Frage der Asylsuchenden schnellstmöglich zu erledigen, was zum sog. Asykompromiss, einer anderen Form der Verschmelzung von Volksmob und Verwaltung führte. War diese Linke damals notwendiges Korrektiv, um noch schlimmeres unmittelbar abzuwenden, ist sie heute billige Arbeitskraft im Staatsauftrag. Dort wie hier ist es heutzutage nicht ihre Aufgabe, sollte sie ihren emanzipativen Anspruch gerecht werden wollen, bürgerliche Positionen von ihren neonazistischen Fratzen zu reinigen, sondern als Brandbeschleuniger zu fungieren, der ihre inneren Verflechtungen aufzeigt: Sei’s dort, indem die europäische Migrationspolitik als verlängerte deutsche samt ihrer Folgen vor Ort aufgedeckt wird; sei’s hier, indem die inhaltliche Kongruenz von kollektiven Gedenkveranstaltungen zu den alliierten Bombardierungen 1945 sichtbar gemacht wird. Die Frage nach Normalität ist dennoch falsch gestellt. Die Sehnsucht nach Normalität ist bereits Anzeichen des Falschen in der bestehenden Totalität. Sie zeugt vom antiquierten Bewusstsein des idealtypischen Rolands, der nicht ausschließlich „ewiggestrig“, sondern mit auf „normale Verhältnisse“ zielendem Gegenwartsbezug, welcher eher der unterbewussten Konservierung gleichkommt, nicht mehr aus der Reihe tanzen will und dabei stets aufs Neue ins Fettnäpfchen der Geschichte tappt. Was bleibt, ist die Hoffnung nach der Versöhnung des Nicht-Identischen, in der die Normgebung aufgehoben ist, aber in Anbetracht der Lage ist dies bereits zu idealistisch…


[1] Fischer, H. (2011): ,Erinnerung‘ an und für Deutschland. Dresden und der 13. Februar 1945 im Gedächtnis der Berliner Republik. Münster: Westfälisches Dampfboot.

[3] „Wir schirmen die Nazis ab“, erklärt Annika (22), die nicht zulassen will, „dass das Gedenken an die Bombardierung so ausgelegt wird, dass es in die braune Geschichtsschreibung passt“. (http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/politik/detail/-/specific/Nordhausen-beweist-Zivilcourage-gegen-Demokratie-Feinde-526176269)

[4] Ocken, N.: Hitlers „Braune Hochburg“: Der Aufstieg der NSDAP im Land Thüringen (1920-1933). S.28.

[5] Winter, C. (2010): Öffentliche Erinnerungen an den Luftkrieg in Nordhausen 1945-2005. Marburg: Tectum Verlag. S. 81.

[6] „Zeitzeugen“, Thüringer Allgemeine 29.03.1995

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Der ausführende Arm der Mehrheitsgesellschaft

„Kern aller »Überfremdungs«-Debatten ist der Kampf um eine deutsche Leitkultur und völkische Reinheit, also Rassismus. Gensing schreibt: »Deutscher wird man demnach nicht, Deutscher ist man. Alle Versuche, das deutsche Blutsrecht endlich und endgültig in der Rumpelkammer der Geschichte zu verstecken, schlugen bislang fehl.«

Insofern empfand sich der Rostocker Mob 1992 und empfinden sich auch die heutigen Aufrührer in Wolgast, Waßmannsdorf oder Gröbnitz völlig zu Recht als ausführender Arm der Mehrheitsgesellschaft. Auch die Bilder gleichen sich, wenn mal wieder scheinbar »ungefestigte Jugendliche« unter dem Signet »Nationaler Widerstand« das vollstrecken, was allabendlich von den Provinzstammtischen tönt: »Es war nicht alles schlecht.« An Rostock.“

(http://jungle-world.com/artikel/2012/42/46408.html)


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