Archiv der Kategorie: Uncategorized

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„Sich endlich mal gehenzulassen, einen draufzumachen und so richtig die Sau rauszulassen sind Verfallsprodukte des ehrwürdigen Bedürfnisses nach Zerstreuung. Als die großstädtischen Verkehrsformen, das Bewußtsein für Distanzen und für die befreiende Kraft urbanerAnonymität, noch lebendiger Bestandteil individueller Erfahrung waren, zielte jenes Bedürfnis, gerade in seinen naiven Formen, immer auch auf die unteilbare Freiheit und das ganze Glück: sich ohne die Bürde kulturellen Ernstes vergnügen, ohne Angst und Scham in den Tag und die Nacht hinein leben zu dürfen. Seit aber Kulturindustrie nicht mehr glücklichen Unsinn, sondern dreisten Schwachsinn produziert und die von den Zwängen des Erwerbslebens übriggelassene Freizeit durch sportliche, sexuelle und intellektuelle Selbstknechtungen ausgefüllt wird, welche jene der Erwerbssphäre an Stumpfheit und Idiotie überbieten, findet solch selige Sehnsucht keine Nische mehr. Seither gelten nicht Fest und Ekstase, sondern Karaoke und Filmriß als zeitgemäße Formen der Anästhesie. Deshalb wird, was früher verdächtig genug ‚der letzte Schrei‘ hieß, heute ‚heiße Scheiße‘ genannt: Keine Lust scheint mehr denkbar zu sein, in der nicht die halb masochistisch, halb sadistisch genossenen Spuren der Erniedrigung erkennbar wären, die jeder Einzelne sich antun muß, um überhaupt zu irgendetwas im Leben Ja sagen zu können.“

(Klaue, M. (2015): Der peinlichste Berliner. Rolf Eden und die Dialektik des Großmutes. In: ders. (Hrsg.): Verschenkte Gelegenheiten. Polemiken Glossen Essays. Freiburg/Breisgau: Ca Ira. S. 96f.)

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Über Celan

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„das äußerste Entsetzen durch Verschweigen sagen“

(Adorno, T. W. (2003): Ästhetische Theorie. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 477.)


Offener Brief an die ATF Jena

„Hinter den Stand der rechtsstaatlich garantierten Freiheiten als Möglichkeitsbedingungen dieses Versprechens zurückzufallen, ist zu verhindern, bei ihm stehenzubleiben, hieße jedoch, das Versprechen als Ganzes zu verraten.“

CC

Liebe Genoss_innen von der ATF,

in Eurer Kommentierung der Umbenennung der ehemaligen autonomen antifa [f] in kritik&praxis – radikale Linke [f]rankfurt bestimmt Ihr antifaschistische Kritik in Theorie und Praxis: Antifaschismus muss sich „mit Kapitalismus und dessen Kritik beschäftig[en]“ und eine „radikale Kritik“ leisten. Er unterscheidet bürgerliche Vergesellschaftung von vorbürgerlichen Herrschaftsbeziehungen anhand des fortgeschritteneren „Grad[es] der gesellschaftlichen Freiheit“ und muss dementsprechend gegen jede regressive Abschaffung des Kapitalismus antreten. Soweit, so richtig. Der Schluss, den ihr daraus zieht, ist es nun, dass die „einzige ‚Praxis‘“, die ihr für antifaschistisch haltet, die Verteidigung dieser erreichten Freiheit „gegen ihre Gegner“ ist, um den „drohenden Rückfall hinter die Errungenschaften der Moderne zu verhindern“.

Damit konstituiert Ihr einen Gegensatz von ‚erreichtem Freiheitsgrad‘ und seinen Gegner_innen, die ihn – wie der von euch genannte Islamismus – rückgängig machen wollen. Was dabei in die Gefahr gerät, aus der Analyse zu verschwinden, ist die innere Widersprüchlichkeit der ‚Errungenschaften der…

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Die Arme(n) der Hamas…

SUEDDEUTSCHE

…und die Handreichung der Süddeutschen

Einmal mehr zeigt die Süddeutsche Zeitung bereits auf ihrer Titelseite, dass man sich den Kauf dieses Blattes schenken sollte. Sowohl Titel („Israel tötet Hamas-Kommandeure“) als, und insbesondere, auch der Untertitel („Die Luftangriffe sollen den Kampfeswillen der Islamisten brechen. Bei den Bombardements sterben auch Zivilisten“) lassen den Kurs sowie die Publikumsgerichtetheit deutlich plakativ erkennen. Während zwar zunächst das Wort „Luftangriffe“ noch die neutralste Form darstellt, werden im Nachschuss gleich noch die „Bombardements“, bei denen auch „Zivilisten“ starben, hinterhergeschoben. Deutsche Wiedererkennungssymbolik soweit das Auge reicht. Dass die möglichst gezielten Angriffe der Israelischen Luftwaffe nichts mit den durch deutsche Erinnerungsdynamiken in Erscheinung tretenden Flächenbombardements zu tun haben, sie diese jedoch affektiv auszulösen drohen, scheint die Redaktion, die letztlich für die Titelgebung verantwortlich ist, wenig zu stören.

Mit der richtigen Aussage und, für die israelische Gesellschaft wie die menschliche Zivilisation insgesamt, wichtigen Tatsache beginnend, dass die „israelische Armee (…) bei einem Luftangriff im Gazastreifen drei hohe Kommandeure des militärischen Arms der radikalislamischen Hamas getötet“ habe, wird bereits eine idiosynkratische Trennung aufgemacht, die beachtlich ist. Nicht die Hamas als gesamte Organisation, die auf allen politischen Ebenen als Organisation von eliminatorischem Antisemitismus, Homophobie, tiefstsitzendem Sexismus und antimodernistischer Intoleranz insgesamt durchsetzt ist, also ihr insgesamter „Radikalislamismus“, sondern nur der „militärische Arm“ wird zum Komplott. Als sei dieser Arm etwas, das vom „eigentlichen“ Organisationsprinzip abtrennbar wäre und als ob die Hamas ohne diesen rechten operativen Arm noch ihren ehernen politischen und zivilgesellschaftlichen Zielen mit dem linken administrativen Arm nachkommen könnte. Wenn sie ihren militärischen Arm verliert, dann hat sie keine mehr. Die fast ausschließliche Ausgabe ihrer finanziellen Mittel für Kriegsgeräte, insbesondere seit dem ihnen die Unterstützerländer zum Großteil wegbrachen, zeigt das nur allzu deutlich.

Im nächsten Schritt verzerrt Paul-Anton Krüger, der Autor des Artikels, die Realität mittels seiner sprachlichen Darstellung, indem er vorgibt, dass erst jetzt („zielt nun“) der „Versuch, die militärischen Fähigkeiten der Organisation zu schwächen und ihren Kampfeswillen zu brechen“, auf die richtige Art seitens Israels unternommen wird. Als sei es nicht völlig klar, dass zuerst die unmittelbare Gefahr durch die aktiven, Raketen von Wohnhausdächern abfeuernden Quassam-Brigadisten an der Basis, die täglich eine mindestens zweistellige Anzahl an Raketen auf Zivilisten in Israel landen sehen wollen, oder durch die Waffenlieferungen über das Tunnelnetz auszuschalten ist. Dass die offensichtlich erkennbaren, weil Raketen abschießenden und sich daher schlechter verstecken könnenden Schergen das erste und die sich im Hintergrund haltenden Administratoren „erst nun“ zum Hauptobjekt werden, scheint für Krüger zutiefst unverständlich.

Die „neue“ Herangehensweise suggeriert, dass es Israel erst jetzt darum geht, die wirklichen Aggressoren ausfindig zu machen und alles bisherige, die Bodenoffensive zur Zerstörung der Waffenzulieferungstunnel und militärische Schwächung der Hamas durch die Zerstörung von Waffenarsenalen und Dschihadisten nur ein Politikum waren – ein Vorwand, um „die Palastinänser“ zu schädigen. Es wird der Verdacht geschürt, es ginge Israel gar nicht um die Hamas, sondern rein um Macht und Vorherrschaft. Außerdem, so die implizite Annahme, würden die vorhandenen Waffen nicht benutzt, wenn nur die derzeitig (militärische) Führungsebene der Terrororganisation von Anfang an ausgeschaltet worden wär. Die neusten Umfragen zur Anhängerschaft oder Sympathie für die Hamas in Gaza lassen eher darauf schließen, dass hinter den 20 führenden Köpfen bereits 2000 neue warten, die im Falle eines Ausfalls ihr Amt besetzen würden.

Aber erst mit der gezielten militärischen Operation, die die drei Kommandeure treffsicher ohne weitere Opfer ausschaltete, eskalierte der Konflikt „erneut“. Die positive Aussage, dass keine Unschuldigen dabei ums Leben kamen, wird von Krüger in ihr Gegenteil verkehrt, indem einmal mehr die Unverhältnismäßigkeit Israels in den Vordergrund geschoben wird: „Bereits am Tag zuvor hatte die Armee versucht, den Militärchef der Hamas, Mohammed Deif, zu töten. Allerdings zeigten die Luftangriffe einmal mehr, dass Bombardements im dicht besiedelten Gazastreifen fast immer auch unschuldige Zivilisten getötet werden.“ Müsste die geglückte Aktion gegen die drei Kommandeure als Beweis gesehen werden, dass gezielte Luftangriffe höchst funktional sind (ohne eigene Verluste leitende Terroristen ausschalten), solange nicht seitens der Hamas massiv gegen Kriegs- und Völkerrecht verstoßen wird, sich nämlich in zivilen Teilen der Stadt zu verschanzen, wird sie „zur sehr umstrittene(n) Politik der gezielten Tötung“ verklärt. Niemand, der bei Verstand ist, würde auf die Idee gekommen, die gezielte Tötung von Diktatoren und Massenmördern zu kritisieren. Für Israel als „Jude unter den Staaten“ scheint diese Norm nicht zu gelten.

Dass sich Mohammed Deif hinter palästinänsischen „Zivilisten“ versteckt, gilt also nicht als bedenkenswert. (Mit dem Begriff „Zivilisten“ muss in Gaza ohnehin mehr vorsichtig umgehen, da m.E. weder zivil gekleidete Hamas-Kämpfer noch Menschen, die dem märtyrerhaften Aufruf folgen, selbst als menschliche Schutzschilde herzuhalten und sich auf die Dächer von als Luftangriffsobjekt bekannte Häuser zu begeben, anstatt schnellstmöglich das Weite zu suchen, als Zivilisten bezeichnet werden können.) Wohl aber, dass Israel sich gegen die u.a. von ihm ausgehende Bedrohung wehrt.

Es geht Krüger jedoch gar nicht um die Bedrohung Israels. Das wird offensichtlich, wenn man den evidenten Anachronismus von realer historischer Abfolge und im Artikel erzählter Priorisierung der Ereignisse in den Blick nimmt: Sein durch die palästinensische Brille betrachtetes Narrativ beginnt mit den „Bombardements“ und endet mit dem bagatellisierenden und lapidaren Satz: „In Israel gingen erneut Raketen und Mörsergranaten nieder; ein Mensch wurde von Granatensplittern schwer verletzt.“ Diesem Satz folgten die martialisch anmutenden „mehr als 150 Angriffe[n] der israelischen Armee auf den Gazastreifen […] seit dem Bruch der Waffenruhe“, der „bis Donnerstagabend 54 Menschen getötet“ habe, so dass die Opferzahl auf 2075 stieg. Kein Wort davon, welche Seite die Waffenruhe brach. Verwirrend platziert zwischen dem aggressiven Aktionen Israels und kurz nach der Ankündigung, dass Israel „10 000 Reservisten wieder einzuziehen“ vorhat, kann diese Beschreibung nicht mal mit bestem Willen noch als Fauxpas gesehen werden. Es ist Antizionismus par excellence. Dass Krüger seinen Antizionismus für seine Verhältnisse bestmöglich zu verschleiern trachtet, da er zu plakativ – natürlich zu Unrecht – den Antisemitismusvorwurf provoziert, versucht er wichtige Informationen in unbeachtsamer Weise unterzuschieben. Eskalierte der Konflikt nach ihm mit den Angriffen Israels auf die Hamas-Führer, so muss man schon sehr genau lesen und rekonstruieren, dass die auf Israel abgeschossenen „mindestens 55 Raketen“ den Luftangriffen vorausgingen. Dieser kurze unbedeutende Satz, der irgendwo zwischendurch fällt, sitzt fest umschlossen vom Angriff der israelischen Armee auf 41 Ziele im Gazastreifen, dem vorausgehenden Satz, und dem Satz danach: „Nach palästinensischen Angaben hatte der Angriff die Menschen im Schlaf überrascht.“ Also haben, so Krüger, die 55 auf Israel von „militanten Palästinensern“ abgeschossenen Raketen etwa die Palästinenser sogar selbst überrascht? Zwar wäre eine solch kritische Haltung der Bevölkerung gegenüber der Hamas-Regierung wünschenswert, aber selbst wenn es so wäre, istr dies nicht die von Krüger intendierte Aussage.

Krüger scheint wirr im Kopf, aber so genau liest man in einem Land, wo ohnehin jede_r weiß, wer Aggressor und wer Schuldiger ist, ohnehin niemand. Erst recht nicht die Redaktion der Süddeutschen, die dafür sogar noch einen Platz auf der Titelseite reserviert. Bestätigt werden müssen nur die Vorannahmen. Der Artikel in der heutigen Süddeutschen zeigt einmal mehr, dass „objektive Berichterstattung'“ in Deutschland weniger der rationalen Erfassung des Gegenstandes als vielmehr der Balsamierung der deutschen Seele dient.


Fünf Irrtümer über den Israel-Hamas-Konflikt

„Israel könnte es sich leicht machen, sich sagen, dass zuletzt 75 Prozent der Gazaner Hamas gewählt haben und nach dem alten Motto „Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen“ jetzt eben dafür zahlen müssen. Tut es aber nicht. Und zwar nicht nur, weil die Welt dann wieder im Dreieck springen würde.“

Spirit of Entebbe

Eine Woche mit 1100 Hamas-Raketenangriffen auf israelische Zivilisten und 1500 israelischen Luftangrifffen auf Hamas-Ziele hat erwartungsgemäß wieder zahllose Idioten auf den Plan gerufen, die bestenfalls Terror einerseits und den Kampf gegen den Terror andererseits gleich schlimm finden, wenn sie nicht gar tolldreist die Terroristen noch als die eigentlichen Opfer bezeichnen. Leider spielt auch der Großteil der Medien wieder einmal eine unrühmliche Rolle, indem er die kruden Ansichten der „Israelkritiker“ nach Kräften befeuert. Zeit, den fünf gängigsten Behauptungen zum Gaza-Konflikt entgegenzutreten.

„Die Hamas ist doch geradezu gezwungen, zu kämpfen, so lange Gaza abgeriegelt ist“

Die Teilblockade Gazas wird von Ägypten und von Israel aufrecht erhalten. Von Israel, weil Gaza eine feindliche Entität darstellt, die den jüdischen Staat seit etlichen Jahren mit mehr als 12.000 Raketen beschossen hat. Dennoch wird der Küstenstreifen von Israel aus versorgt: mit wöchentlich Hunderten von Trucks voller Lebensmittel, Medikamente, Treibstoff. Der Gazastreifen hängt auch nach wie vor…

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Der 8. Mai und das merkwürdige Bedürfnis feiern zu wollen

Eine weitere, sich zum Konzept der Trauerarbeit des Club Communism, das sich auf den ersten Mai bezog, gesellende Einschätzung zum 8. Mai. Man tanzt auf den Gräbern der Vernichteten – den Blick in einen Spiegel gerichtet, der die Fratze der Identifikation mit dem Falschen offenbart…

Schwerer Sand

Eine Überarbeitung eines älteren Textes anläßlich eines wiederkehrenden Problems:

Wie jedes Jahr wird der 8. Mai auch zunehmend in Deutschland feierlich begangen. Sicher einige Nazis und ein paar Deutschnationale fühlen sich immer noch provoziert, wenn man sie an die Niederlage im Jahr 1945 erinnert. Aber so wie die Nazis weitgehend alleine dastehen, wenn sie ihre Aufmärsche veranstalten und die Linke sich in die Volksfront des offiziellen bundesrepublikanischen Antifaschismus einreit, so ist der 8. Mai mittlerweile kein Datum der schändlichen Niederlage, sondern ebenso in die Mehrheitsgesellschaft als positiver Bezugspunkt deutscher Identität eingemeindet worden, wie der einst von Schröder propagierte Aufstand der Anständigen. An die tatsächlichen Verlierer von 12 Jahre Nationalsozialismus denkt man dabei lieber nicht.

Am 8. und 9. Mai 1945 kapitulierten die deutschen Truppen. Der deutsche Vernichtungskrieg war damit beendet. Die letzten Konzentrationslager konnten befreit werden, sofern sie nicht schon vorher von den in Richtung Deutschland marschierenden Truppen der Alliierten…

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Gewalt

„Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz.“

(Karl Marx: Karl Marx – Friedrich Engels – Werke, Band 23, „Das Kapital“, Bd. I, Siebenter Abschnitt, S. 779.
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1968)


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