Lernen aus der Geschichte… der (Heim)Erziehung – Oder: Revanchismus im pädagogischen Gewand

Sogar bei der Lektüre von erziehungswissenschaftlichen Texten kommt man um das deutsche Vergangenheitsrecycling nicht herum. Im Buch „Einführung in Theorie und Praxis der Heimerziehung“ von H. Kupffer und K.-R. Martin (2000) findet sich ein erleuchtender Text zum „Ende der ‚pädagogischen‘ Gesellschaft“ (Ebd.: 27f.). Kupffer entwickelt in diesem Abschnitt eine aufschlussreiche Sichtweise darauf, warum aus den Erfahrungen des NS und denen der gespaltenen deutschen Gesellschaft (von West und Ost) nun vorbehaltslos herausgetreten werden soll. Nun braucht man sich als Deutsche_r nicht mehr, so mutet es an, genieren, endlich wieder selbstbestimmt und hegemonial aufzutreten. Er will schlicht, was alle „heute erwarte[n], daß die Deutschen erwachsen werden“ (Ebd.: 27), um „[a]uf der politischen Bühne“ wieder „als gleichberechtigte Partner […] mitzuwirken. Das fällt ihnen schwer, denn sie befinden sich nach ihrem Bewußtsein noch immer im Status der Abhängigkeit und Unselbständigkeit; also im Grunde in einem ‚pädagogischen‘ Status, der es ihnen zu gebieten scheint, daß man bei jeder Gelegenheit fragt, was man ‚darf‘, und der eigenen Entscheidungsmöglichkeit zutiefst mißtraut.“ Nun aber „ist es an der Zeit“, diesen autoritären Charakter, seinen Opportunitätsgeist und „den pädagogisch motivierten gesellschaftlichen Status im ganzen zu überwinden“, eben so, wie man eben auch eine Jacke ablegt. In diesem Zusammenhang betrifft seine Aussage nicht nur die Besatzung der Alliierten, also das aufgezwungene Korsett, sondern jegliche historische Altlast kann und sollte von nun an im Mülleimer der Geschichte verschwinden, um „sich in der geöffneten Welt zurecht[zu]finden.“ (Ebd.) Zwar erschallt überall „der Ruf nach Rekonstruktion von Identität und Zugehörigkeit, nach Schaffung eines erneuerten moralischen Grundkonsens‘, der sich auch in einer gesellschaftlichen Integration ausdrücken soll“ (Ebd.: 23) und in Deutschland spiegele der wieder neu aufflammende öffentliche „Ruf, man brauche wieder Werte und Ziele, die Sehnsucht nach der verlorenen Gesamtordnung“ (Ebd.: 27), jedoch sei dies nur Ausdruck vom „Gefühl der Hilflosigkeit“, die durch „[d]ie Vielfalt der pluralistischen Welt […] zur Verunsicherung und Orientierungslosigkeit geführt hat“ und  (Ebd.: 23) sich „durch die praktischen alltäglichen Erfahrungen mit der immer unverhüllter geäußerten Gewaltbereitschaft“ noch verstärkt. Sie droht die „Gesellschaft im ganzen zu erfassen“ (Ebd.).

Der Wunsch nach diesen Gesamtordnungen, die er zumindest in ihren bisherigen historischen Formationen zurückweist, verweist nach Kupffer auf den pädagogischen Zustand. Es scheint ihn zu wundern, dass dieser Ruf so lautstark vorgetragen wird und kaum Distanzierung erfährt, „obwohl doch das System der DDR […] gerade erst eliminiert worden ist.“ (Ebd.: 27) Noch mehr scheint ihr dies jedoch für Westdeutschland zu faszinieren: „für die Westdeutschen läßt sich dieser Wandel schwerer erfassen, denn da sie ja schon immer in einer offenen Gesellschaft lebten, wird das allenthalben noch wirksame Denken in den Kategorien des geschlossenen Systems vielfach nicht mehr oder noch nicht wahrgenommen.“ (Ebd.: 28; Hervorh. P3) Dass die Deutschen prinzipiell schon immer in einer offenen Gesellschaft lebten, macht die Amnesie nur allzu deutlich. Das Fortbestehen autoritärer und geschlossener Kategorien in den Köpfen der Deutschen, die ja eigentlich schon immer open minded waren, zeigt den idealistischen Wahn der Kulturnation auf, die sich von den barbarischen Nazis ihr Sytsem haben aufoktroyieren lassen.

Kupffer merkt zwar an, dass diese deutsche Sehnsucht wohl noch immer die „durchschnittliche Volksmeinung“ (Ebd.: 28) sei, die „sicherlich nach Reglementierung und zentraler Zielsetzung“ ruft. Ganz entgegen der sozialpädagogischen Grundmaxime, das Klientel nicht zu bevormunden, sieht der ehemalige Professor für Sozialpädagogik jedoch mal beflissentlich über über diese Grundeinstellungen der Deutschen hinweg, wenn er trotzdessen blindlings seine Forderung voranstellt. Auch in der Pädagogik, so könnte man schlussfolgern, wird versucht, sich von der Vergangenheit zu lösen, die das Bewusstsein stets von neuem verprellt und daran erinnert, dass es den Störfaktor „Auschwitz“ gab. Auschwitz kam jedoch nicht zustande, führt man die Gedanken Kupffers fort, weil die Deutschen Größenwahn, Allmachtsfantasien und grenzenlose Hegemonebestrebungen an den Tag legten, sondern weil sie sich gegen die ihnen auferlegte Herrschaft durch „die Nazis“ nicht zur Wehr setzten, was nicht erneut geschehen darf. So haben wir auch hier den Fall, dass nicht trotz, sondern wegen den Erfahrungen von Auschwitz die Deutschen nun wieder selbstbewusster auftreten sollten. Eine Antwort auf die Frage, warum die Pädagogik, also die Erziehung und Bildung, in diesem Punkt „[d]as Ende der ‚pädagogischen‘ Gesellschaft“ fordert, obwohl sie doch erkennt, dass die Bedingungen, die nach Auschwitz führten, weiter fortwesen, bleibt uns der Autor schuldig. Es liegt die Vermutung nahe, dass die Pädagogik sich hier als zwar zur irgendwie abstrakt imaginierten Gesellschaft bzw. zum Sozialen zugehörig versteht, nicht aber im funktionalen, polit-ökonomischen Sinne. Ihr blinder Humanismus, der den Menschen soweit abstrahiert, bis nix mehr von seiner realen Gestalt übrig bleibt, transferiert diese Perspektive auch auf das positiv konnotierte Soziale schlechthin. Im Verborgenen erinnert die Deutschen dabei das unsägliche Gefühl, vom Führer und seiner „Gesamtordnung“ betrogen worden zu sein, stets wie ein Stachel im Fleich an ihre eigene Unmündigkeit. Die sozialpädagogische Forderung nach dem „Ende der ‚pädagogischen‘ Gesellschaft“ verweist auf einen blinden Idealismus, gekoppelt mit einem neurotischen Handlungszwang: Es scheint fast so, als wollte Kupffer einem höchst aggressiven Kind, das in einem Heim steckt, damt helfen, ihn wie einen Erwachsenen zu begegnen und einfach vor die Tür in die „offene Welt“ zu setzen. Diesen „Freilauf“ hätte Kupffer zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung bereits im Pogrom von Rostock-Lichtenhagen beobachten können. Dass sich hier ein Wiederholungszwang bahn bricht, sehen wir heute in Heidenau.

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